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"Ethnische Konflikte": Ist Ethnizität eine Konfliktursache?

Termpaper, 2007, 16 Pages
Author: Adeline Defer
Subject: Politics - International Politics - Topic: Peace and Conflict Studies, Security

Details

Event: Die neuen Kriege: Herausforderung für die Sicherheitspolitik des 21 Jahrhunderts
Institution/College: University of Münster (Institut für Politikwissenschaft)
Tags: Ethnische, Konflikte, Ethnizität, Konfliktursache, Kriege, Herausforderung, Sicherheitspolitik, Jahrhunderts
Category: Termpaper
Year: 2007
Pages: 16
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 17  Entries
Language: German
Archive No.: V78169
ISBN (E-book): 978-3-638-83655-5

File size: 140 KB

Abstract

In der Konfliktforschung wird seit einigen Jahren zunehmend von so genannten „neuen Konflikten“ gesprochen. Unter dieser Kategorie erwähnen einige Schlüsselvertreter dieser Gedankenströmung die „ethnischen“ Konflikte. Mary Kaldor zum Beispiel widmet einem Teil ihres Buches „Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung“ der so genannten „Politik der Identität“, die auf kulturellen, religiösen oder ethnischen Faktoren beruht. Aber auch in den Medien und im öffentlichen Diskurs haben ethnische Weltsichten Konjunktur. Analytiker bedienen sich gerne der Metapher vom „Pulverfass“, um die Konfliktträchtigkeit ethnischer Heterogenität zu veranschaulichen, und bei den Bürgerkriegen der Dritten Welt werden häufig ethnische Gegensätze zwischen befeindeten „Stämmen“ als entscheidende Konfliktursache dargestellt. Der Genozid der Hutu an den Tutsi, das Kurdenproblem, der Krieg in Tschetschenien, die ethnischen Säuberungen in Ex-Jugoslawien… Das sind einige Beispiele der letzten Jahre, die zu belegen scheinen, dass wir in einer Welt ethnischer Konflikte leben. Auch die Kriegsursachenforschung belegt, dass der (ethnische) Bürgerkrieg den zwischenstaatlichen Krieg als dominierenden Kriegstyp abgelöst hat : Das minorities at Risk-Project beispielsweise kam für den Zeitraum 1985-1995 auf 50 Konflikte mit ethnischem Charakter, was fast zwei Drittel aller gegenwärtigen gewalttätigen Konflikte ausmacht. Da es unterschiedliche Konzeptionen von Ethnizität gibt und zwischen den Vertretern der unterschiedlichen theoretischen Strömungen keinen Konsens herrscht, fällt es schwer, eine Definition des ethnischen Konfliktes zu finden. Allerdings kann man als Rahmen die Definition Siegmar Schmidts übernehmen, der ethnische Konflikte als Konflikte definiert, „in denen mindestens eine Konfliktpartei eine ethnische Gruppe ist und in denen die Unterscheidung von Freund und Feind anhand ethnischer Zugehörigkeit vorgenommen wird“. Aber während Ethnizität zunehmend in Verbindung mit Konflikt gebracht wird, kann man jedoch an der Brauchbarkeit dieses Begriffes zur Beschreibung von Konflikten zweifeln. Denn was sich hinter dem Begriff „ethnischer Konflikt“ verbirgt, ist nicht immer ganz klar. Müssen zwangsläufig aus dem Aufeinandertreffen ethnischer Gruppen Konflikte entstehen? Ist ethnische Vielfalt an sich das Problem? In welchem Zusammenhang stehen ethnische Differenz und Konflikt zueinander? In dieser Arbeit soll die These überprüft werden, dass ethnische Unterschiede allein keine gewalttätigen Konflikte produzieren. Dazu bedarf es zunächst einer Präzisierung darüber, wie ethnische Identität entsteht. Danach widme ich mich der politischen und ökonomischen Instrumentalisierung von Ethnizität. Im letzen Teil folgt eine kritische Reflexion ethnischer Denkweisen im Bereich der Konfliktforschung. Als Beispiele werden vor allem die Fälle Ruandas und der Elfenbeinküste entwickelt, da diese Konflikte oft als Prototyp des ethnischen Konflikts angeführt werden


Excerpt (computer-generated)

Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Institut für Politikwissenschaft
Hauptseminar: Die Neuen Kriege : Herausforderung für die Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert
Wintersemester 2006/2007

"Ethnische Konflikte": Ist Ethnizität eine Konfliktursache?

von

Adeline Defer

 

 


Inhaltsverzeichnis

Einführung 3

I/ Die Entstehung ethnischer Identität: ein natürliches Phänomen? 4

A/ Die theoretischen Ansätze zur Entstehung ethnischer Identität 4
B/ Fallbeispiel Ruanda: Die Ethnisierung sozialer Gruppen 6

II/ Die Ethnisierung gesellschaftlicher Konflikte als Konfliktursache 8

A/ Eine politische Instrumentalisierung durch Herrschaftseliten 8
B/ Die ökonomische Instrumentalisierung: die „Gewaltmärkte“ 10

III/ Gründe und Konsequenzen der Katalogisierung eines Konflikts als „ethnisch“ 12

A/ Der Paradigmenwechsel nach dem Ost-West Konflikt 12
B/ „Ethnische Konflikte“: Ein hinreichender Erklärungsansatz?  13

Schluss 14

Quellen:  15


 

 

Einführung

In der Konfliktforschung wird seit einigen Jahren zunehmend von so genannten „neuen Konflikten“ gesprochen. Unter dieser Kategorie erwähnen einige Schlüsselvertreter dieser Gedankenströmung die „ethnischen“ Konflikte. Mary Kaldor zum Beispiel widmet einem Teil ihres Buches „Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung“ der so genannten „Politik der Identität“, die auf kulturellen, religiösen oder ethnischen Faktoren beruht.1
Aber auch in den Medien und im öffentlichen Diskurs haben ethnische Weltsichten Konjunktur. Analytiker bedienen sich gerne der Metapher vom „Pulverfass“, um die Konfliktträchtigkeit ethnischer Heterogenität zu veranschaulichen, und bei den Bürgerkriegen der Dritten Welt werden häufig ethnische Gegensätze zwischen befeindeten „Stämmen“ als entscheidende Konfliktursache dargestellt.2 Der Genozid der Hutu an den Tutsi, das Kurdenproblem, der Krieg in Tschetschenien, die ethnischen Säuberungen in Ex- Jugoslawien… Das sind einige Beispiele der letzten Jahre, die zu belegen scheinen, dass wir in einer Welt ethnischer Konflikte leben. Auch die Kriegsursachenforschung belegt, dass der (ethnische) Bürgerkrieg den zwischenstaatlichen Krieg als dominierenden Kriegstyp abgelöst hat3: Das minorities at Risk-Project beispielsweise kam für den Zeitraum 1985-1995 auf 50 Konflikte mit ethnischem Charakter, was fast zwei Drittel aller gegenwärtigen gewalttätigen Konflikte ausmacht.4
Da es unterschiedliche Konzeptionen von Ethnizität gibt und zwischen den Vertretern der unterschiedlichen theoretischen Strömungen keinen Konsens herrscht, fällt es schwer, eine Definition des ethnischen Konfliktes zu finden. Allerdings kann man als Rahmen die Definition Siegmar Schmidts übernehmen, der ethnische Konflikte als Konflikte definiert, „in denen mindestens eine Konfliktpartei eine ethnische Gruppe ist und in denen die Unterscheidung von Freund und Feind anhand ethnischer Zugehörigkeit vorgenommen wird“.5
Aber während Ethnizität zunehmend in Verbindung mit Konflikt gebracht wird, kann man jedoch an der Brauchbarkeit dieses Begriffes zur Beschreibung von Konflikten zweifeln. Denn was sich hinter dem Begriff „ethnischer Konflikt“ verbirgt, ist nicht immer ganz klar. Müssen zwangsläufig aus dem Aufeinandertreffen ethnischer Gruppen Konflikte entstehen? Ist ethnische Vielfalt an sich das Problem? In welchem Zusammenhang stehen ethnische Differenz und Konflikt zueinander?
In dieser Arbeit soll die These überprüft werden, dass ethnische Unterschiede allein keine gewalttätigen Konflikte produzieren. Dazu bedarf es zunächst einer Präzisierung darüber, wie ethnische Identität entsteht. Danach widme ich mich der politischen und ökonomischen Instrumentalisierung von Ethnizität. Im letzen Teil folgt eine kritische Reflexion ethnischer Denkweisen im Bereich der Konfliktforschung. Als Beispiele werden vor allem die Fälle Ruandas und der Elfenbeinküste entwickelt, da diese Konflikte oft als Prototyp des ethnischen Konflikts angeführt werden

I/ Die Entstehung ethnischer Identität: ein natürliches Phänomen?

A/ Die theoretischen Ansätze zur Entstehung ethnischer Identität.

Auch wenn Ethnizität zunehmend als Konfliktursache betrachtet wird, wird meistens außer Acht gelassen, wie ethnische Identitäten überhaupt entstehen. In diesem Teil soll gezeigt werden, dass sie oft aus konkreten gesellschaftlichen Bedingungen entstehen. In den Sozialwissenschaften stehen sich bezüglich der Herausbildung ethnischer Identität zwei Richtungen gegenüber. Auf der einen Seite handelt es sich um die so genannte essentialistische beziehungsweise primordialistische Position, die davon ausgeht, dass Ethnizität ein quasi natürliches Phänomen ist. Die Existenz einer ethnischen Gruppe wird an objektive Gemeinsamkeiten der Mitglieder geknüpft, wie Abstammung, Sprache, Kultur, Geschichte usw.6

[...]


1 Vgl. Kaldor, Mary (2000): Neue und Alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main , S. 110-144

2 Vgl. Kühne, Winrich (2001): Kriege und Konflikte. In: Informationen zur politischen Bildung, Heft 264, S. 15 – 20. Im Internet: http://www.bpb.de/publikationen/05218911078228261898093248719842.html. Stand: 08/01/2007. Im Folgenden zitiert als: Kühne, Kriege und Konflikte.

3 Vgl Hummel, Hartwig/ Wehrhöfer, Birgit (1996): Geopolitische Identitäten. Kritik der Ethnisierung sich regionalisierden Welt als paradigmatische Erweiterung der Friedensforschung, S.5. Im Internet: http://wwwpublic. tu-bs. de:8080/~umenzel/inhalt/ forschungs berichte/ BlaueReihe11.PDF. Stand: 08/01/2007. Im Folgenden zitiert als: Hummel/ Wehrhöfer, Geopolitische Identitäten.

4 Vgl. Scherrer, Christian P. (1997): Ethno-Nationalismus im Zeitalter der Globalisierung. Ursachen, Strukturmerkmalen und Dynamik ethnsich-nationaler Gewaltkonflikt. In: agenda Verlag, Münster, S. 102-103. Im Folgenden zitiert als: Scherrer, Ethno-Nationalismus.

5 Schmidt, Siegmar (2001): Ursachen ethnischer Konflikte in der Dritten Welt. In: Meyer, Günter/ Thimm, Andreas (Hrsg.): Ethnische Konflikte in der Dritten Welt: Ursachen und Konsequenzen, Mainz, S. 15

6 Vgl. Salzborn, Samuel (2006): Ethnizität und ethnische Identität. Ein ideologiekritischer Versuch. In: Zeitschrift für kritische Theorie 22-23/2006, S.1. Im Internet: http://www.salzborn.de/txt/zkt06.pdf. Stand: 08/01/2007


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