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Termpaper, 2005, 27 Pages
Author: Anna Lenkewitz
Subject: History - Non-German
Details
Tags: Atatürks, Nationalismuskonzept, Rolle, Vaters, Türken, Prozess, Natiogenese, Volkes
Year: 2005
Pages: 27
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 20 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-84000-2
ISBN (Book): 978-3-638-91939-5
File size: 205 KB
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Abstract
Mit dem nationalen Befreiungskampf der Türken unter Mustafa Kemal Atatürk endete die lange Phase der osmanischen Herrschaft. 1923 ließ Atatürk die erste türkische Republik ausrufen und sich selbst zum Präsidenten dieses Staates wählen. Doch im Gegensatz zu den meisten übrigen Ländern stellte die neu gegründete Türkei einen „Spätzünder“ im imperialistischen und nationsbildenden Zeitalter dar. Nach dem endgültigen Zerfall des Osmanischen Reiches war es Atatürk, der eine türkische Nation errichtete und den Menschen damit eine neue Identifikation, eine neue Identität mit ihrem Land gab.Das Osmanische Reich war zum Zeitpunkt des Beginns des Unabhängigkeitskampfes nur noch ein Spielball der europäischen Großmächte. Abd-ül Hamid II. wurde Herrscher eines zerfallenden, vor allem von England, Frankreich und Deutschland, abhängigen Staates, der im Jahr 1903, mit Baubeginn der „Bagdad-Bahn“, zwischen die Fronten der Großmächte geriet, die sich im Wettlauf um die Erdaufteilung gegenseitig zu übertrumpfen suchten. Der Sultan agierte als Marionette in seinem Staat - ganz im Interesse der Großmächte. Mit dem Aufbau der Geheimpolizei, dem Vorgehen gegen jegliche fortschrittliche Regung sowie mit panislamistischem Gedankengut und religiösem Fanatismus, die die „liberalen Ideen des Abendlandes austreiben“ sollten, baute Abd-ül Hamid II. ein „Regime der Tyrannei“ (Zulüm) auf, welches erst im Jahr 1909 durch die jungtürkische Revolution beendet werden sollte. Aus der jungtürkischen Bewegung schließlich folgte der nationale Unabhängigkeitskampf Atatürks. Nicht nur durch sein militärisches Geschick, sondern vor allem durch die Propaganda der ´nationalen Souveränität´, Freiheit und Unabhängigkeit in einem ´nationalen Rechteck´ sowie durch seine Reformen schaffte es Atatürk im Jahr 1923, eine türkische Nation zu errichten.
Excerpt (computer-generated)
Philipps – Universität Marburg, FG Osteuropäische Geschichte
HS „Männer der Moderne: Atatürk – Lenin - Mussolini“
SoSe 2005
Atatürks Nationalismuskonzept -
die Rolle des "Vaters der Türken" im Prozess der Natiogenese des türkischen Volkes
von
Anna Lenkewitz
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Theorie der Nationsbildung – die Natiogenese 4
2.1. Die Theorie der sozialen Identität 4
2.2. Die Phasen der Entwicklung zur modernen Nation 6
2.3. Die Konstruktion von Nationen 7
3. Die jungtürkische Bewegung 8
3.1. Machtübernahme 8
3.2. Die Herrschaft der Ittihadschy 10
4. Der nationale Unabhängigkeitskampf 1918-1923 13
4.1. Verlauf 13
4.2. Die „kleinasiatische Katastrophe“ 16
4.3. Atatürks Reformen 18
5. Atatürks Nationalismuskonzept – Die Rolle des „Vaters der Türken“ im Prozess der Natiogenese des türkischen Volkes 19
6. Zusammenfassung 25
7. Quellen- und Literaturverzeichnis 26
1. Einleitung
Mit dem nationalen Befreiungskampf der Türken unter Mustafa Kemal Atatürk endete die lange Phase der osmanischen Herrschaft. 1923 ließ Atatürk1 die erste türkische Republik ausrufen und sich selbst zum Präsidenten dieses Staates wählen. Doch im Gegensatz zu den meisten übrigen Ländern stellte die neu gegründete Türkei einen „Spätzünder“ im imperialistischen und nationsbildenden Zeitalter dar. Nach dem endgültigen Zerfall des Osmanischen Reiches war es Atatürk, der eine türkische Nation errichtete und den Menschen damit eine neue Identifikation, eine neue Identität mit ihrem Land gab. Das Osmanische Reich war zum Zeitpunkt des Beginns des Unabhängigkeitskampfes nur noch ein Spielball der europäischen Großmächte. Abd-ül Hamid II. wurde Herrscher eines zerfallenden, vor allem von England, Frankreich und Deutschland, abhängigen Staates, der im Jahr 1903, mit Baubeginn der „Bagdad-Bahn“, zwischen die Fronten der Großmächte geriet, die sich im Wettlauf um die Erdaufteilung gegenseitig zu übertrumpfen suchten. Der Sultan agierte als Marionette in seinem Staat - ganz im Interesse der Großmächte. Mit dem Aufbau der Geheimpolizei, dem Vorgehen gegen jegliche fortschrittliche Regung sowie mit panislamistischem Gedankengut und religiösem Fanatismus, die die „liberalen Ideen des Abendlandes austreiben“ sollten, baute Abd-ül Hamid II. ein „Regime der Tyrannei“ (Zulüm) auf,2 welches erst im Jahr 1909 durch die jungtürkische Revolution beendet werden sollte. Aus der jungtürkischen Bewegung schließlich folgte der nationale Unabhängigkeitskampf Atatürks. Nicht nur durch sein militärisches Geschick, sondern vor allem durch die Propaganda der ´nationalen Souveränität´, Freiheit und Unabhängigkeit in einem ´nationalen Rechteck´ sowie durch seine Reformen schaffte es Atatürk im Jahr 1923, eine türkische Nation zu errichten. In dieser Arbeit soll zunächst in einem Exkurs die Theorie der Natiogenese dargestellt werden. Als theoretische Grundlage dient der sozialpsychologische Ansatz der sozialen Identität. Weiter sollen kurz die Phasen zur Entwicklung der modernen Nation sowie die Konstruktion von Nationen behandelt werden. Ausgangspunkt soll dabei die These der Nation als gesellschaftliches Konstrukt sein. In den weiteren Kapiteln folgt dann die Darstellung der jungtürkischen Bewegung, aus der Atatürk schließlich seinen nationalen Unabhängigkeitskampf entwickelte. Im letzten Kapitel soll schließlich auf die Rolle Atatürks in der Natiogenese der Türkei eingegangen werden. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Reformen, die der türkische Präsident ergriff, um eine nationale Identität zu schaffen.
2. Die Theorie der Nationsbildung – die Natiogenese
2.1. Die Theorie der sozialen Identität
Beschäftigt man sich mit der Natiogenese, der Theorie der Nationsbildung, stößt man zwangsläufig auf die Frage nach der Definition des Nationsbegriffes sowie auf die Frage nach Schaffung nationaler Identität. Nationen sind „imaginierte, erfundene, gedachte Größen partikularer Ein- und Ausgrenzung, [...], eine spezifische Art von Pathos, welches sich in einer durch Sprache-, Konfessions-, Sitten- oder Schicksalsgemeinschaft verbundenen Menschengruppe mit dem Gedanken ihrer eigenen, schon bestehenden oder von ihr ersehnten politischen Machtorganisation verbindet“. 3 Mit dieser Grundannahme, dass eine Nation kein „naturwüchsiges Gebilde“, sondern vielmehr das „Resultat politischer Auseinandersetzungen und kultureller Veränderungen“,4 das heißt also, ein gesellschaftliches Konstrukt ist, soll im Folgenden auf die Schaffung des kollektiven Bewusstseins, der nationalen Identität, eingegangen werden. Als theoretische Grundlage dient der sozialpsychologische Ansatz der Theorie der sozialen Identität. Individuen definieren sich über zwei Dinge, erstens über die ´personale´ oder ´Ich-Identität´ und zweitens als soziale Wesen, das heißt, über eine Gruppenzugehörigkeit und die Eigenschaften, die dieser Gruppe (ingroup) zugeordnet werden. Demnach strebt das Individuum danach, „sein Leben zu einem möglichst kongruenten und für ihn selbst, aber auch nach außen hin plausiblen Beziehungsganzen zu ordnen“.5 Gekennzeichnet ist die Gruppenzugehörigkeit in der Regel durch gemeinsame Ziele, Interessen und gleiche Eigenschaften. Gleichzeitig aber wird auch eine Herstellung der Gruppenzugehörigkeit durch Fremdgruppen (outgroups) notwendig, denn „Gruppenbildungsprozesse basieren (...) auf strikten Unterscheidungen zwischen der „Wir-Gruppe“ und den „Anderen“, bei ethnonationalen Gruppen nicht selten unter Bezugnahme auf eine Freund-Feind-Semantik, die sowohl die positive Identifikation mit der eigenen Gruppe (ingroup bias) als auch die Abgrenzung nach außen erleichtern und befördern“.6
Die Identifikation der Menschen mit ihrer Gruppe, bezeichnet als kollektive Identität, kann auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden. Man kann sich zu einer sozialen Klasse oder Schicht, zu einem Status oder einer Berufsgruppe zugehörig fühlen. Im übergeordneten Sinne kann aber auch, im Spannungsfeld von Politik und Kultur, die Nation zu einer ingroup werden. Diese Form der kollektiven Identität wird auch als nationale Identität bezeichnet. Definiert wird nationale Identität als der „Zusammenhang zwischen subjektiver Identifikation mit der Nation und der emotionalen Bewertung der Nation als Ganzes bzw. bestimmter zentraler Merkmale und Kollektivgüter von Nationen“.7
Warum aber identifizieren sich Individuen mit einer bestimmten Gruppe? Ein Erklärungsansatz findet sich in der sozialpsychologischen Theorie der sozialen Identität.8 Die Basis dieses Erklärungsansatzes ist die Grundannahme, dass jeder Mensch das Bedürfnis nach einem positiven Selbstwert besitzt. Jeder Mensch strebt folglich nach einem positiven Selbstkonzept.9 Aus diesem Bedürfnis folgt der Wunsch, Wege zu finden, die Eigengruppe in günstiger Weise von Fremdgruppen zu unterscheiden und eine „positive Distinktheit“10 herzustellen. Dabei nun ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten: einmal die Abwertung und Ausgrenzung der Fremdgruppe, wodurch ein Überlegenheitsgefühl der entsprechenden ingroup entsteht, oder die Forderung an die eigene Gruppe, sich an gemeinsamen Ideen zu orientieren und dadurch ein positives Gruppenselbstbild zu erstellen. Zusammenfassend kann folglich gesagt werden, dass eine gemeinsame nationale Identität durch die Abgrenzung von einer Fremdgruppe konstruiert wird und die Grundlage der Natiogenese eine positive Identifikation mit der eigenen Gruppe durch Gemeinsamkeiten, wie zum Beispiel einer gemeinsamen Geschichte, Sprache, Kultur, Konfession oder Tradition, ist.
2.2. Die Phasen der Entwicklung zur modernen Nation
[...]
1 Im Folgenden wird aus Gründen der Einheitlichkeit der Name Atatürk verwendet, auch, wenn die Einführung des Familiennamens in der Türkei chronologisch erst im Jahre 1934 erfolgte.
2 Werner, Ernst; Markov, Walter: Geschichte der Türken. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Berlin 1979, S. 213
3 Conermann, Stephan: Mythen, Geschichte(n), Identitäten. Der Kampf um die Vergangenheit, in: Brinkhaus, Horst; Conermann, Stephan; Haase, Klaus-Peter u. a. (Hrsg.): Asien und Afrika. Beiträge des Zentrums für Asiatische und Afrikanische Studien (ZAAS) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Band 2, Hamburg 1999, S. 13
4 Berding, Helmut (Hrsg.): Nationales Bewusstsein und kollektive Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewusstseins in der Neuzeit 2, Frankfurt a. Main 1996, S. 10
5 Conermann: Kampf um die Vergangenheit, S. 2
6 Schneckener, Ulrich: Auswege aus dem Bürgerkrieg. Modelle zur Regulierung ethno-nationaler Konflikte in Europa. Frankfurt 2002, S. 44
7 Schmidt, Peter: Nationale Identität, Nationalismus und Patriotismus in einer Panelstudie 1993, 1995 und 1996, in: Meulemann, Heiner: Werte und nationale Identität im vereinten Deutschland. Erklärungsansätze der Umfrageforschung, Opladen 1998, S. 270
8 Soziale Identität („social identity“): „Die aus der Gruppenzugehörigkeit resultierende Vorstellung einer Person darüber, wer oder was sie ist“, zit. nach: Stroebe, Wolfgang; Jonas, Klaus; Hewstone, Miles (Hrsg.): Sozialpsychologie. Eine Einführung, Berlin 2002, S. 560
9 Tajfel, Henri; Turner, John C.: The social identity theory of intergroup behaviour, in: Worchel, Stephan, u. a. (Hrsg.): Psychology of intergroup relations, Chicago 1986, S. 7-24
10 Tajfel, Henri: Differentation between social groups. Studies in the social psychology of intergroup relations, London 1978, S. 83.
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