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Die Rebellion des Gefühls - Werther als Modellfall der Empfindsamkeit

Scholary Paper (Seminar), 2005, 11 Pages
Author: Susanne Becker
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Lesewut - Goethes Romane
Institution/College: University of Erfurt
Tags: Rebellion, Gefühls, Werther, Modellfall, Empfindsamkeit, Lesewut, Goethes, Romane
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2005
Pages: 11
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 9  Entries
Language: German
Archive No.: V78506
ISBN (E-book): 978-3-638-88219-4
ISBN (Book): 978-3-638-91016-3
File size: 133 KB

Abstract

Johann Wolfgang von Goethe verfasste mit dem „Werther“1 1774 nicht nur seinen ersten Roman, der ihm zu jähem literarischen Erfolg und Ruhm verhalf, sondern den Briefroman schlechthin und damit das populärste Zeugnis der Gattung des Briefromans, darüber hinaus ein exemplarisches Beispiel der durch Empfindsamkeit gekennzeichneten literarischen Strömung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Empfindsamkeit als literarische Strömung innerhalb der Aufklärung zwischen 1730 und 1800 mittels Goethes „Werther“ zu charakterisieren und aufzuzeigen, wie Goethe exemplarisch das Zeitgefühl der Empfindsamkeit in seinem Briefroman umsetzte.


Excerpt (computer-generated)

Seminar: Literatur des 18.-19. Jhs. (L 2): „Lesewut“ – Goethes Romane
„Die Leiden des jungen Werther“ und „Die Wahlverwandtschaften“

Die Rebellion des Gefühls.
„Werther als Modellfall der Empfindsamkeit“

Seminararbeit

im Hauptfach der Germanistik im 1. Semester
an der Universität Erfurt
zur Erlangung von drei Leistungspunkten

von

Susanne Becker

Erfurt, den 24. Dezember 2005

 

 

 

Johann Wolfgang von Goethe verfasste mit dem „Werther“1 1774 nicht nur seinen ersten Roman, der ihm zu jähem literarischen Erfolg und Ruhm verhalf, sondern den Briefroman schlechthin und damit das populärste Zeugnis der Gattung des Briefromans, darüber hinaus ein exemplarisches Beispiel der durch Empfindsamkeit gekennzeichneten literarischen Strömung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Das Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Empfindsamkeit als literarische Strömung innerhalb der Aufklärung zwischen 1730 und 1800 mittels Goethes „Werther“ zu charakterisieren und aufzuzeigen, wie Goethe exemplarisch das Zeitgefühl der Empfindsamkeit in seinem Briefroman umsetzte.

Der Begriff der Empfindsamkeit besitzt eine umfangreiche Bedeutungsebene und kann sowohl literarisch als auch als ästhetisch und moralisch beschrieben und grundlegend als gefühlsbetonte Strömung innerhalb der Aufklärung bezeichnet werden, die die mitmenschlichen Gefühle und Empfindungen wie beispielsweise hinsichtlich Freundschaft, Liebe betont.

Die Wortbildung des Begriffs stammt von der nach G. E. Lessing vorgeschlagenen Übersetzung des Wortes „sentimental“ mit „empfindsam“ im Buchtitel von Laurence Sternes Schrift „A Sentimental Journey Through France and Italy“2 und bezeichnet entgegen weitläufiger Meinungen keine Gegenpositionierung zur rationalistischen Vernunft der Aufklärung, sondern „eine nach innen gewendete Aufklärung“, die versucht, „mit Hilfe der Vernunft auch die Empfindungen aufzuklären“3.

Die Empfindsamkeit kann demnach als Ergänzung der reinen Rationalität der Aufklärer mit Empfindungen begriffen werden. So liegt der Fokus, ähnlich der Konzentration der Aufklärer auf der Betonung des Verstandes, auf den Empfindungen, d. h. den „ausgeprägten Veranlagung[en] zur Sinneswahrnehmung und zur moralischen Empfindung“4. Es ist dementsprechend zu beachten, dass die Bewegung der Empfindsamkeit keinesfalls von der Strömung des Sturm und Drang zu trennen ist, ebenso wenig wie von der Aufklärung. Die Gemeinsamkeit aller drei Strömungen liegt nach Engel in dem bürgerlichen Emanzipationsbestrebungen5, d. h., um einige der Empfindsamkeit angehörige Bemühen zu nennen, im Protest gegen die Dogmatisierung rationalistischer vernunftbetonter Prinzipien und gegen die starre Ständehierarchie.6 Diese Besinnung kann durchaus als Rebellion des Gefühls bezeichnet werden, welches sich über das vernunftbetonte Denken zu erheben und stärken sucht. 

Literatur, die das Individuum in den Mittelpunkt stellt und der Innerlichkeit des Menschen, d. h. dem Seelenleben, größte Wichtigkeit beimisst und eine Neubewertung des Gefühlslebens anstrebt, kann somit als empfindsam begriffen werden. So zeichnen sich zentrale literarische Figuren durch die Fähigkeit starker bis überhöhter Gefühlsregungen aus, die es im Folgenden anhand Goethes „Werther“ zu belegen gelte. Dabei soll auf wichtige Motive der Empfindsamkeit eingegangen werden, wobei diese am „Werther“ selbst veranschaulicht werden sollen.

Wie bereits angedeutet, zeichnet sich der empfindsame Mensch durch sein Bekenntnis zur Leidenschaft und Gefühlsbetontheit aus. Dieses vollzieht Werther explizit im Brief vom 12. August mit den Worten: „»Ach ihr vernünftigen Leute!« rief ich lächelnd aus. »Leidenschaft! Trunkenheit! Wahnsinn!«“ – „Ich bin mehr als einmal trunken gewesen“, indem er sich deutlich vom „vernünftigen“ Volk zu den leidenschaftlichen Menschen hin abgrenzt.

Der Leser wird schnell durch die Form des Briefromans in die Gedanken- und Gefühlswelt Werthers ohne Einmischung des Autors eingeführt7, so dass ihm die Identifikation mit Werthers Situation durch den hohen Authentizitätsgrad ermöglicht wird. 

[....]


1 „Die Leiden des jungen Werthers“

2 Reisebericht, erschienen 1768 und übersetzt von J. J. Ch. Bode, der die Tendenzen der Strömung der Empfindsamkeit umfasst; mit Sternes Schrift nahm die Bewegung der Empfindsamkeit ihren Anfang in der englischen Literatur.

3 Günther & Irmgard Schweikle: Metzler Literatur Lexikon – Begriffe und Definitionen. Stuttgart 1990, S. 122.

4 Engel, Ingrid: Werther und die Wertheriaden: Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte. Saarbrücken 1986, S. 116.

5 Engel, Ingrid: Werther und die Wertheriaden: Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte. Saarbrücken 1986, S. 129.

6 Brief vom 24. Dezember 1771: „Was mich am meisten neckt, sind die fatalen bürgerlichen Verhältnisse.“

7 Eine Ausnahme bildet das Zuwortkommen des fiktiven Herausgebers im 2. Buch.


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