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Thesis (M.A.), 2006, 78 Pages
Author: Anna Damm
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Familienstrukturen, Geschlechterrollen, Vertreibungsliteratur
Year: 2006
Pages: 78
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 30 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-80014-3
ISBN (Book): 978-3-638-90388-2
File size: 311 KB
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Abstract
Der Titel der Arbeit suggeriert die These, dass es ein Kontingent an literarischen Texten gibt, die in ihrem übergeordneten Thema die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den ehemals deutschen Gebieten im heutigen Polen, Russland und in Tschechien, zum Gegenstand haben. Dieses Kontingent wird als so genannte Vertreibungsliteratur bezeichnet. Nach einem Absatz über das, den Texten zu Grunde liegende Zeitgeschehen, wird die Daseinsberechtigung dieser Literatur zum Gegenstand der Untersuchung. Dazu muss zunächst der gegenwärtige Stand der literaturwissenschaftlichen Forschung dargestellt werden. Ebenso wird auf die Frage eingegangen was Vertreibungsliteratur ist, aus welcher Art von Texten sie sich zusammensetzt und welche Kriterien ein Text haben muss um ihn dieser Literatur zuordnen zu können. Der Hauptteil der Arbeit befasst sich dann mit der Art und Weise der Darstellung der Geschlechterrollen und Familienstrukturen in den ausgewählten Texten. Diese sollen in ihrer Differenziertheit ein möglichst breit gefächertes Bild der Gesellschaft im deutschen Osten in der Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall des Dritten Reiches aufzeigen. Die Analyse befasst sich mit dem Rollenverständnis der Menschen, welches in den Geschlechtern stark variiert. Im Fokus der Untersuchung stehen die Veränderungen dieses Rollenverständnisses bei den Frauen, Männern und Kindern. Um dieses mit dem historischen Kontext in Verbindung bringen zu können, geht der Werkanalyse ein Exkurs über die Familienstrukturen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sowie über die Entstehung der traditionellen Geschlechterrollen, mit besonderem Augenmerk auf die Zeit des Nationalsozialismus voraus.
Excerpt (computer-generated)
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Philosophische Fakultät
Institut für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Medien
Schriftliche Hausarbeit
zur Erlangung des Grades Magister Artium
Familienstrukturen und Geschlechterrollen in der sogenannten "Vertreibungsliteratur"
Anna Damm
Gliederung
I. Teil: Einführung ... 3
1. Das Thema ... 3
2. Erläuterung des zeitgeschichtlichen Kontextes ... 3
II. Teil: Die sogenannte Vertreibungsliteratur ... 8
1. Stand der literaturwissenschaftlichen Forschung ... 8
2. Was ist Vertreibungsliteratur? ... 10
3. Problematik dieser Literatur ... 11
4. Ein eigenes Genre? ... 13
III. Teil: Theoretischer Ansatz ... 15
1. Auswahlkriterien der zu untersuchenden Texte ... 15
2. Geschlechterrollen ... 17
2.1. Herausbildung der traditionellen Geschlechterrollen ... 17
2.2. Geschlechterrollen im Nationalsozialismus ... 19
2.3. Familienstrukturen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ... 22
IV. Teil: Werkanalyse ... 24
1. Christine Brückners „Poenichen-Trilogie“ ... 24
1.1. Familie und Gesellschaft ... 24
1.1.1. Familie in der „Großelterngeneration“ ... 24
1.1.2. Familie in der „Kindergeneration“ ... 26
1.1.3. Beziehungen außerhalb der Familie ... 26
1.2. Die Rolle der Frauen ... 30
1.2.1. Sophie Charlotte von Quindt und Maximiliane Hedwig von Quindt ... 30
1.2.2. Vera von Jadow ... 32
1.2.3. Maximiliane von Quindt ... 34
1.3. Die Rolle der Männer ... 37
1.4. Die Stellung der Kinder ... 40
1.5. NS-Ideologie bei Christine Brückner ... 43
2. Arno Surminski: Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland ... 45
2.1. Familie und Gesellschaft im Roman ... 45
2.2. Die Rolle der Frauen ... 46
2.3. Die Rolle der Männer ... 48
2.4. Die Stellung der Kinder ... 52
2.4.1. Hermann Steputat ... 53
2.4.2.Peter Aschmoneit ... 56
3. Christian Graf von Krockow: „Die Stunde der Frauen“ ... 59
3.1. Familienstrukturen ... 59
3.2. Die Rolle der Frauen ... 61
3.3. Die Rolle der Männer ... 66
3.4. Die Stellung der Kinder ... 73
V. Abschlussbetrachtung ... 75
VI. Teil: Literaturverzeichnis ... 76
Primärliteratur ... 76
Sekundärliteratur ... 76
I. Teil: Einführung
1. Das Thema
Der Titel der Arbeit suggeriert die These, dass es ein Kontingent an literarischen Texten gibt, die in ihrem übergeordneten Thema die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den ehemals deutschen Gebieten im heutigen Polen, Russland und in Tschechien, zum Gegenstand haben. Dieses Kontingent wird als so genannte Vertreibungsliteratur bezeichnet.
Nach einem Absatz über das, den Texten zu Grunde liegende Zeitgeschehen, wird die Daseinsberechtigung dieser Literatur zum Gegenstand der Untersuchung. Dazu muss zunächst der gegenwärtige Stand der literaturwissenschaftlichen Forschung dargestellt werden. Ebenso wird auf die Frage eingegangen was Vertreibungsliteratur ist, aus welcher Art von Texten sie sich zusammensetzt und welche Kriterien ein Text haben muss um ihn dieser Literatur zuordnen zu können.
Der Hauptteil der Arbeit befasst sich dann mit der Art und Weise der Darstellung der Geschlechterrollen und Familienstrukturen in den ausgewählten Texten. Diese sollen in ihrer Differenziertheit ein möglichst breit gefächertes Bild der Gesellschaft im deutschen Osten in der Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall des Dritten Reiches aufzeigen. Die Analyse befasst sich mit dem Rollenverständnis der Menschen, welches in den Geschlechtern stark variiert. Im Fokus der Untersuchung stehen die Veränderungen dieses Rollenverständnisses bei den Frauen, Männern und Kindern. Um dieses mit dem historischen Kontext in Verbindung bringen zu können, geht der Werkanalyse ein Exkurs über die Familienstrukturen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sowie über die Entstehung der traditionellen Geschlechterrollen, mit besonderem Augenmerk auf die Zeit des Nationalsozialismus voraus.
2. Erläuterung des zeitgeschichtlichen Kontextes
In den ehemals deutschen Ostgebieten Ost- und Westpreußen, Schlesien, Pommern, das Sudetenland sowie einigen Teilen des heutigen Baltikums lebten bis zum 12. Jahrhundert überwiegend Slawen. In den darauf folgenden zwei Jahrhunderten wurden sie zunehmend von Deutschen besiedelt. In Bezug auf Ostpreußen hat der deutsche Ritterorden dabei eine tragende Rolle gespielt. Die Herrschaft der so genannten „ostelbischen Junker“ fand somit ihren Anfang.
Die Nähe zu Polen hat die Menschen und ihre Kultur stark beeinflusst. Bis 1939 war die Bevölkerungszusammensetzung in diesen Gebieten sehr vielschichtig. Neben der Mehrheit der deutschen Einwohner lebten dort Polen, Ukrainer, Litauer, Weißrussen und eigenständige Minderheiten wie z.B. Kaschuben oder Masuren.
Das Verhältnis zwischen der polnischen und der deutschen Bevölkerung schwankte seit jeher zwischen einer friedlichen Nachbarschaft, Spannungen und Konflikten. Diese entstanden vor allem durch die drei polnischen Teilungen am Ende des 18. Jahrhundert.
Der Versailler Vertrag, welcher das Ende des Ersten Weltkrieges besiegelte, hatte eine Neuordnung der Grenzen Europas zur Folge. Für das Deutsche Reich bedeutete das unter anderem die Abtretung Elsaß-Lothringens an Frankreich sowie eines Teils des deutschen Reichsgebiets an Polen. Der Anspruch Polens auf einen eigenen Zugang zur Ostsee führte zu der Errichtung des polnischen „Korridors“, welcher Ostpreußen vom Rest des deutschen Reiches abtrennte. Die Gebiete des ehemaligen Westpreußen fielen an Polen, Danzig wurde zur freien Stadt erklärt. Auch die Teilung Schlesiens wurde im Versailler Vertrag festgehalten.1
Der am 23. August 1939 vereinbarte Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion sah eine Aufteilung Polens unter den beiden Staaten vor, die kurze Zeit später durchgeführt wurde. Dem deutschen Reich wurden die Gebiete Danzig, Westpreußen, Posen und Oberschlesien wieder zugesprochen. Der Rest Polens zwischen den „eingegliederten Ostgebieten“ und der sowjetischen Einflusssphäre gelegen, wurde zum „Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete“, somit zu einem „Nebenland“ unter deutscher Aufsicht erklärt. Die ukrainischen und weißrussischen Gebiete Polens fielen an die Sowjetunion. Die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen wurden 1940 Sowjetrepubliken.
Am 22. Juni 1941 fasste Hitler den Entschluss, einen Feldzug gegen die Sowjetunion zu beginnen. Der ohnehin schon wenig vertrauenswürdige Pakt zwischen Stalin und Hitler war somit praktisch aufgehoben. Das führte zu einer Veränderung der Bündniskonstellation und die Sowjetunion wurde Teil der alliierten Großmächte gegen Hitler.
Im Verlauf des Krieges wurden Ostdeutschland und Polen vor dem Hintergrund der Pläne zur Neuordnung Europas nach der Niederlage Deutschlands zunehmend zum Verhandlungsgegenstand der alliierten Großmächte. Auf den Konferenzen von Teheran November/Dezember 1943 und Jalta im Februar 1945 wurde die Westverschiebung Polens als Entschädigung für die Verluste im Osten zwischen den Alliierten vereinbart. Der genaue Grenzverlauf wurde jedoch noch nicht festgelegt.
Nachdem für die ostdeutsche Bevölkerung das Kriegsgeschehen nahezu unüberschaubar geworden war und die Rote Armee näher rückte, flohen schließlich im Januar 1945 Millionen von Menschen in Richtung Westen. Offizielle Anordnungen und der weiter bestehende Glaube an den „Führer“ ließen die Menschen jedoch zunächst solange an ihren Heimatorten verharren, bis es für eine organisierte Evakuierung oftmals zu spät war. Da der Weg nach Westen zum Teil durch die Rote Armee schon abgeschnitten war, versuchte ein Teil der Menschen sich nach Norden durchzuschlagen, um über die Ostsee zu flüchten. Dies wurde jedoch durch den harten Winter und den entgegenkommenden Volkssturm erschwert. Auch gab es zu wenig Schiffe, die die Flüchtlinge hätten aufnehmen können. Die Flucht über Land forderte vielerlei Entbehrungen und Opfer, nicht wenige kehrten, nachdem sie von der Front eingeholt worden waren, erfolglos in ihre Heimat zurück. Die meisten der zurückgekehrten arbeitsfähigen Männer und Frauen wurden anschließend in die Sowjetunion verschleppt, wo sie unter teilweise unmenschlichen Bedingungen Arbeitsdienst leisten mussten. Mindestens die Hälfte der Zwangsarbeiter überlebte diese Zeit nicht.
Mit dem Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 wurden die territorialen Veränderungen in Deutschland und Osteuropa festgelegt. Deutschland wurde in drei Besatzungszonen unterteilt, wobei die Hauptstadt Berlin einen Sonderstatus erhielt. In der Sowjetischen Besatzungszone gelegen, wurde die Stadt zur einen Hälfte unter amerikanische, zur anderen Hälfte unter sowjetische Befehlsgewalt gestellt. Als deutsch-polnische Grenze wurde die Oder-Neiße-Linie festgelegt, zunächst jedoch nur vorläufig. Vor dem Inkrafttreten des Potsdamer Abkommens flohen ca. sechs Millionen Menschen aus Polen, der Tschechoslowakei, dem sowjetisch besetzten Teil Ostpreußens und vom Balkan in Richtung Westen. Für die nach dem Inkrafttreten des Potsdamer Abkommens noch in den ehemals deutschen Ostgebieten verbliebenen Deutschen bedeutete das in der Zeit von 1945 bis 1949 die Umsiedlung. Etwa 4,7 Millionen Deutsche waren davon betroffen. Obwohl im Potsdamer Abkommen vereinbart worden war, dass diese Umsiedelungen „human und ordnungsgemäß“ erfolgen sollten, geschah dies zumeist nicht in dieser Art und Weise.
Die Eingliederung der deutschen Ostvertriebenen gelang zunächst nur sehr schwer. Sie kamen in ein stark zerstörtes Land, in dem die Einheimischen selbst um ihr Überleben kämpfen mussten. Sie waren meist wenig willkommen. Etwa zwei Drittel der Vertriebenen gelangten in die westlichen Besatzungszonen, nur ein Drittel in die sowjetische.
[...]
1 Alter, P., Hufnagel, G. (Hrsg.): Grundriss der Geschichte, Neuzeit seit 1789, Bd. 2, Stuttgart, 1992, S. 248 f.
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