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Camp und Kitsch - Neue Konzepte der internationalen Aesthetik in der Literaturwissenschaft

Scholarly Essay, 1991, 8 Pages
Author: Dr. Wolfgang Ruttkowski
Subject: German Studies - Miscellaneous

Details

Category: Scholarly Essay
Year: 1991
Pages: 8
Language: German
Archive No.: V7922
ISBN (E-book): 978-3-638-15021-7
ISBN (Book): 978-3-638-83904-4
File size: 175 KB
Notes :
Vortrag (dt.) bei der Nihon-Dokubun-Gakkai am 19.5.1990 in Tokyo / wiss. Aufsatz , publiziert in Doitsu Bungaku. Die Deutsche Literatur 86 (Tokyo, Frühling 1991) 148-156.


Abstract

Unsere literaturwissenschaftliche Terminologie wird noch immer ständig durch neue Begriffe bereichert, die neue Erlebnis- und Ausdrucksweisen sprachlich zu fixieren suchen. Häufig werden solche Begriffe von einer Sprache in andere übernommen, wenn sie “internationale" Phänomene zu erfassen suchen, die auch in anderen Literaturen eine Rolle spielen. So ist es unserem deutschen Begriff ”Kitsch“ ergangen. Er ist inzwischen international bekannt und wird besonders in der englischen und amerikanischen Kritik gern verwendet. So ergeht es momentan umgekehrt dem ursprünglich englischen Begriff „Camp“ . Beide wurden hauptsächlich auf die sogen. ,,bildenden und darstellenden Künste" angewendet, inzwischen aber auch auf Literatur. Da aber über das Phänomen des Kitsches inzwischen eine ziemlich umfangreiche Literatur vorliegt, gehen wir hier hauptsächlich auf den noch weniger bekannten Begriff „Camp“ ein. Dieser muss allerdings von verwandten Begriffen wie „Kitsch“ und “Sentimentalität“ abgegrenzt werden. Denn nur wenn er etwas benennt, was die anderen nicht erfassen, ist er notwendig. Zugleich macht eine solche Abgrenzung aber deutlich, dass an den ersten Definitionsversuchen von Christopher Isherwood und Susan Sontag einige Korrekturen vorgenommen werden müssen. (Vortrag vor dem Jap. Germanistenverband, Tokyo, 19.5.1990)


Excerpt (computer-generated)

,Camp′ und ,Kitsch′

Neue Konzepte der Internationalen Ästhetik
in der Literaturwissenschaft1

WOLFGANG RUTTKOWSKI

Unsere literaturwissenschaftliche Terminologie wird noch immer ständig durch neue Begriffe bereichert, die neue Erlebnis- und Ausdrucksweisen sprachlich zu fixieren suchen. Häufig werden solche Begriffe von einer Sprache in andere übernommen, wenn sie "internationale" Phänomene zu erfassen suchen, die auch in anderen Literaturen eine Rolle spielen. So ist es unserem deutschen Begriff "Kitsch" ergangen. Er ist inzwischen international bekannt und wird besonders in der englischen und amerikanischen Kritik gern verwendet. So ergeht es momentan umgekehrt dem ursprünglich englischen Begriff ,,Camp"2. Beide wurden hauptsächlich auf die sogen. ,,bildenden und darstellenden Künste" angewendet, inzwischen aber auch auf Literatur. Da aber über das Phänomen des Kitsches inzwischen eine ziemlich umfangreiche Literatur3 vorliegt, gehen wir hier hauptsächlich auf den noch weniger bekannten Begriff ,,Camp" ein. Dieser muss allerdings von verwandten Begriffen wie ,,Kitsch" und "Sentimentalität" abgegrenzt werden. Denn nur wenn er etwas benennt, was die anderen nicht erfassen, ist er notwendig. Zugleich macht eine solche Abgrenzung aber deutlich, dass an den Definitionen von Christopher Isherwood4 und Susan Sontag5 einige Korrekturen vorgenommen werden müssen.
Genau genommen gibt es seit Isherwoods Beschreibung von 1954 nicht nur einen Camp-Begriff, sondern zwei: ,,Low Camp" und ,,High Camp"6. Den ersteren illustriert er mit einem Damenimitator, der in einem schäbigen Nachtclub Marlene (Dietrich) imitiert.7 Andererseits sagt er: "High Camp is the whole emotional basis of the Ballet."8 Wir sind im klassischen Ballett an die großen Gebärden, an die Grandezza der Prinzen so gewöhnt, dass uns das "Übertriebene" daran kaum mehr bewusst wird. Wer sich im normalen Leben so bewegte, würde für wahnsinnig gehalten. Und gerade dieses (unserem Lebensstil) Ungemäße, welches als solches ausgespielt und genossen wird, macht den Charakter des ,,Camp" aus. - Wir müssen aber auch sofort an das (Männer-)Ballet ,,Trocadero de Monte Carlo" denken, welches doch die Quintessenz des Camp darzustellen scheint. Dieses verstärkt die Wirkung des Ungemäßen noch, indem es die Frauenrollen von Männern tanzen lässt, ähnlich wie im japanischen Kabuki die Frauenrollen von Männern dargestellt werden. Auch hinsichtlich der Oper spricht Susan Sontag von den "melodramatischen Absurditäten der meisten Opernhandlungen".9 - Wer die Oper als ,,Camp" erlebt, erwartet Realismus weder in der Handlungsgestaltung noch in der Darstellungsweise. - Sollen wir jedoch jeweils von ′High′ oder ′Low Camp′ sprechen? Meist sind die Grenzen schwer zu ziehen. Ein Damenimitator im Nachtclub kann geistreicher sein als eine "Onnagata" (männl. Frauendarsteller) des Kabuki oder eine ,,Hosenrolle" der Oper.

Sollen wir das ,,literarische Chanson"10 zum ,High′ oder ,Low Camp′ rechnen? 1901 trug in Wolzogens Berliner Cabaret "Überbrettl" eine Chansonette ein pompöses Kokottenlied vor. Sie begann, eingedenk französischer Vorbilder, auf Französisch:


Je suis Adele, la reine blonde -
On me connait, messieurs, parbleu!
Le suis la reine, la reine, la reine du Demimonde.
Adele est la - Faites votre jeu!

und unterbrach sich in ordinärstem Bairisch:


Oje, Oji, hab nur ka Angst
Ich sing auch Deutsch, wenn d′es verlangst,
Denn mein Französch′ g′langt nur - oje!
Zum Hausgebrauch fürs Variete′ . . .

Sie selbst zerbrach mit diesen Worten die Illusion ihrer glamourösen Damenhaftigkeit. Zwar genoss sie ihren "großen Auftritt", spielte ihn in alle Nuancen aus, nahm ihn (und damit sich selbst) jedoch nicht ernst.11
,Camp′ lässt sich jedoch nicht nur in "publikumsbezogener Literatur"12 finden, wie dem Chanson, sondern bei genauerem Hinsehen auch in sogen. "reiner". Man betrachte jene berühmte Prosapassage, in der 1912 beschrieben wird, wie ein alternder Mann auf das unerwartete Lächeln eines schönen Knaben reagiert:

[...]

 

1 Die vorliegende Arbeit wurde am 19. 5. 1990 auf der Tagung der japanischen Gesellschaft für Germanistik in Tokyo vorgetragen und veröffentlicht in: Doitsu Bungaku 86 (Tokyo, Frühling 1991) 148-156.

2 In den wichtigsten deutschen Lexika findet man bisher entweder gar keine Erklärungen des Begriffs oder teilweise falsche und missverständliche, wie im Ergänzungsband der Brockhaus Enzyklopädie (Wiesbaden, 1981, 141). Man wendet sich am besten gleich an englische Nachschlagewerke, wie das Random House Dictionary (1987, 301), das Oxford English DictionaryII (1989, 810f.) und Barnharts Dictionary of New English (1973, 206, 266). Aber auch die dortigen Definitionen sind unbefriedigend, worauf hier nicht eingegangen werden kann.

3 Vergl. die Arbeiten von E. Ackerknecht (1950), K. Baumann (1964), U. Beer (2.A. 1965), H. Broch (1955), P. Demetz (1970), K. Deschner (1957), G. Dorfles (1969), R. Egenter (1963), E.-O. Erhard (1974), L. Giesz (1960), W. Killy (7.A. 1973), A. Moles (1972), G. Ueding (1973) und H. L. Zankl (1966).

4 In: The World in the Evening. (New York: Random House, 1954) Sn. 109-11. Seine bekannte, wenn auch m.E. nicht ganz treffende, Definition von Camp′ lautet: " . . . expressing what′s basically serious to you in terms of fun and artifice and elegance." (Was Dir im Grunde ernst ist, auf amüsant-elegante Weise ausdrücken. Meine Übers.)

5 "Notes on Camp′." Partisan Review XXXI (Fall 1964) 515ff.; auch in S. S. Against Interpretation and Other Essays (New York, 1964) 275-202; dt. Obers. von Mark W. Rien: ,,Anmerkungen zu Camp" in S. S. Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen. (Rowohlt, 1968) 269-284; anschließend nur mit Jahreszahl zitiert.

Sontag bemerkt in der Einleitung zu ihren "Anmerkungen" (1968, 270): "Es wäre peinlich, sich feierlich und in der Form der wissenschaftlichen Abhandlung über Camp zu äußern." Isherwoods Äußerungen stehen als Gespräche in einem Roman.

6 Vergl.George Melly in: Revolt into Style. London 1970, 161.

7 Siehe Anm. 3. Melly (S. 161) fährt fort: ,,...aber durch die Erfindung des Begriffs High Camp befreite er das Wort von seinen rein homosexuellen Beziehungen. (meine Übers.)

8 1954, 125.

9 1968, 275.

10 Vergl. mein Buch Das literarische Chanson in Deutschland. Bern-München: Francke 1966.

11 Vergl. meine eingehende Interpretation dieses Chansons im oben genannten Buch (Anm. 9), Sn. 72-76.

12 Vergl. mein Buch Die literarischen Gattungen. Bern-München: Francke 1968.


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