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Carl Diem und der Aufbau des Sports nach 1945

Examination Thesis, 2006, 90 Pages
Author: Jan Harpel
Subject: Sport - Sport History

Details

Institution/College: University of Münster
Tags: Carl, Diem, Aufbau, Sports
Category: Examination Thesis
Year: 2006
Pages: 90
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 70  Entries
Language: German
Archive No.: V79754
ISBN (E-book): 978-3-638-78589-1
ISBN (Book): 978-3-638-79774-0
File size: 395 KB
Notes :
Die Arbeit wurde mit dem "Absolventenpreis des Jahres 2006" vom Fachbereich Sportwissenschaft der WWU Münster ausgezeichnet.


Abstract

Diese Arbeit soll die Frage klären, ob Carl Diem Weichensteller, Impulsgeber und Wegbereiter war, oder ob er als „Bremsklotz“ den Aufbau des Sports nach 1945 behinderte. Zunächst soll die Ausgangssituation nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geschildert werden. Die Aufteilung Deutschlands in vier Zonen, die Auflagen der Alliierten, die den Sport betrafen, und die materiellen Mängel werden an dieser Stelle angesprochen. Besonderes Augenmerk wird auf die Entnazifizierung gerichtet, da sie darüber entschied, ob sich die betreffende Person am Aufbau des Sports beteiligen durfte. Die Entnazifizierungsakte Carl Diems soll Rückschlüsse über seine Möglichkeiten, höhere Stellungen im Sport zu besetzen, geben. Im darauf folgenden Kapitel wird die Gründungsgeschichte des Deutschen Sportbundes (DSB) auf die Beteiligung und Mitarbeit Carl Diems untersucht. Der DSB und seine Vororganisationen sowie die Mitgliedsorganisationen machten den Wettkampfsport auf überregionaler Ebene wieder möglich und bildeten so den wichtigsten Grundpfeiler für den Vereinssport. Die Gründungsgeschichte wurde von einem langen Tauziehen zwischen verschiedenen Interessensgruppen begleitet. Nachdem die Motive der einzelnen Gruppen verdeutlicht worden sind, wird die Position Diems geschildert. Konnte Diem hier vermitteln oder eigene Vorstellungen durchsetzen? Im folgenden Kapitel wird Diems Mithilfe bei der Gründung des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) von 1949 untersucht. Für die internationale Anerkennung von westdeutschen Sportmannschaften und die Teilnahme an den Olympischen Spielen von 1952 in Helsinki war dieses Komitee entscheidend. Im Kapitel 2.4 wird die Rolle Diems in der Sportlehrerausbildung und damit auch bei der Gründungsinitiative und den Anfangsjahren der Sporthochschule Köln näher betrachtet. Diem war von 1949 bis 1953 Sportreferent im Bundesinnenministerium. Um die Tragweite dieses Amtes und der Bedeutung für den Aufbau des Sports zu begreifen, wurden ausgesuchte Teile der typischen Korrespondenz dieses Referats mit Sportfunktionären und hohen Politikern untersucht und dadurch gezeigt, inwieweit Diem so den organisierten Sport unterstützen konnte. Abschließend werden die Ergebnisse einer Zeitungsuntersuchung vorgestellt. Nachrichten und Berichte über Carl Diem sollen seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zeigen.


Excerpt (computer-generated)

Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für Lehrämter der Sekundarstufe II/I an Schulen
Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Institut für Sportwissenschaft

Carl Diem und der Aufbau des Sports nach 1945

Verfasser: Jan Harpel

 

Inhalt

1. Einleitung ... 2
1.1. Fragestellung und Vorgehensweise ... 3
1.2. Forschungsstand und Quellenlage ... 4

2. Carl Diem und der Aufbau des Sports nach 1945 ... 9
2.1. Die Ausgangssituation für den Aufbau des Sports unter den Besatzungsmächten ... 9
2.1.1. Die Entnazifizierung ... 12
2.1.2. Die Entnazifizierung bei Carl Diem ... 13
2.2. Carl Diem und die Entstehung einer einheitlichen Sportorganisation ... 18
2.2.1. Der Streit zwischen Turnen und „Sport“ ... 19
2.2.2. Die Sportorganisationen der Weimarer Republik ... 20
2.2.2.1. Der Arbeitersport nach 1945 ... 21
2.2.2.2. Der bürgerliche Sport ... 22
2.2.2.3. Der „konfessionelle“ Sport ... 22
2.2.3. Die Sportkonferenzen auf dem Weg zum Deutschen Sport Bund ... 22
2.2.3.1. Die erste Sportkonferenz in Frankfurt ... 22
2.2.3.2. Die Gründung der Sportarbeitsgemeinschaft (SPAG) ... 23
2.2.3.3. Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Sport (ADS) ... 24
2.2.3.4. Die Gründung des Deutschen Sportbundes (DSB) ... 32
2.3. Carl Diem und die Gründung des NOK ... 35
2.4. Carl Diem und der Aufbau der Sporthochschule Köln ... 43
2.4.1. Erste Schritte der Sportlehrerausbildung ... 43
2.4.2. Die Entstehung einer Sporthochschule 44
2.5. Carl Diem als Sportreferent des Bundesregierung ... 52
2.6. Carl Diems Bild in der Presse zwischen 1947-1952 ... 59
2.6.1. Systematische Analyse der Darstellung Diems ... 59
2.6.2. Analyse der Zeitungsartikel in der Forschungsliteratur ... 72

3. Schlussbetrachtung ... 80

4. Quellen- und Literaturverzeichnis ... 83
4.1. Archivalische Quellen ... 83
4.2. Literaturverzeichnis und gedruckte Quellen ... 84

 

 

1. Einleitung
Am 19. Januar 1950 lobte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) Carl Diems Ernennung zum Sportreferenten:

Mit Dr. Diem, der ja auch die Leitung des Referates „Sport und Leibesübungen“ bei der Bundesregierung übernommen hat, ist einer der verdienstvollsten Männer der deutschen Sportgeschichte wieder in den Vordergrund getreten. 1

Ganz anders beurteilte die Sportrundschau die Übertragung dieses Amtes an Diem:

Es hat nie an Stimmen gefehlt, die einen Mann wie Dr. Carl Diem für die Sportbewegung des demokratischen Deutschlands als untragbar bezeichnen. Ein Teil der Sportführer setzte sich jedoch gedankenlos über alle Einwände hinweg und verleitete durch den Eintritt Diems in das Olympische Komitee sogar die Bundesregierung zu dem Entschluß, Diem zum Sportreferenten des Bundesinnenministeriums zu machen. 2

Mit der Überschrift „Bremsklötze“ assoziierte die Sportrundschau, dass Carl Diem ein Störfaktor für den Sport sei. Diese so unterschiedlichen Darstellungen Diems stellen in der gesamten frühen Nachkriegszeit nicht die Ausnahme, sondern die Regel dar. Carl Diem gehörte zu den umstrittensten „Sportführern“ zwischen 1945 und 1950. Im Wilhelminischen Kaiserreich, in der Weimarer Republik und in der NS-Zeit war er immer einer der führenden Köpfe in den Sportorganisationen Deutschlands. Diem war Generalsekretär des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen und somit in der Führungsetage des bürgerlich organisierten Sports. Sein Amt als Prorektor der Deutschen Hochschule für Leibesübungen (DHfL) von 1920 bis 1933 und als Organisator der Olympischen Spiele 1936 galten und gelten als Belege seiner Vielseitigkeit. Die Diskussion um Carl Diem, die heute noch durch hitzige Debatten in Stadträten hohe Wellen schlägt3, muss somit erst recht in der Nachkriegszeit für „Zündstoff“ gesorgt haben. Wie wurde Carl Diem in der Öffentlichkeit wahrgenommen? Wurde er, wie bei der Kontroverse um die Straßennamen, als „Nazi-Erfüllungsgehilfe“ gesehen, oder hat er nur dem Olympischen Geiste und dem Sport gedient? Carl Diem gilt nicht nur als Paradebeispiel für das Kontinuitätsproblem4 in der deutschen Sportgeschichte; an seiner Person lässt sich außerdem der gesamte Aufbau des deutschen Sports nach 1945 nachvollziehen. Kein anderer war so maßgeblich an den unterschiedlichensportorganisatorischen Bereichen beteiligt. So gilt Diem als Impulsgeber für das Sporthochschulwesen, für die organisierte Vereinssportstruktur und für die Wiederbelebung des Olympischen Gedankens.5

1.1. Fragestellung und Vorgehensweise
Diese Arbeit soll die Frage klären, ob Carl Diem Weichensteller, Impulsgeber und Wegbereiter war, oder ob er als „Bremsklotz“ den Aufbau des Sports nach 1945 behinderte. Zunächst soll die Ausgangssituation nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geschildert werden. Die Aufteilung Deutschlands in vier Zonen, die Auflagen der Alliierten, die den Sport betrafen, und die materiellen Mängel werden an dieser Stelle angesprochen. Besonderes Augenmerk wird auf die Entnazifizierung gerichtet, da sie darüber entschied, ob sich die betreffende Person am Aufbau des Sports beteiligen durfte. Die Entnazifizierungsakte Carl Diems soll Rückschlüsse über seine Möglichkeiten, höhere Stellungen im Sport zu besetzen, geben.

Im darauf folgenden Kapitel wird die Gründungsgeschichte des Deutschen Sportbundes (DSB) auf die Beteiligung und Mitarbeit Carl Diems untersucht. Der DSB und seine Vororganisationen sowie die Mitgliedsorganisationen machten den Wettkampfsport auf überregionaler Ebene wieder möglich und bildeten so den wichtigsten Grundpfeiler für den Vereinssport. Die Gründungsgeschichte wurde von einem langen Tauziehen zwischen verschiedenen Interessensgruppen begleitet. Nachdem die Motive der einzelnen Gruppen verdeutlicht worden sind, wird die Position Diems geschildert. Konnte Diem hier vermitteln oder eigene Vorstellungen durchsetzen? Im folgenden Kapitel wird Diems Mithilfe bei der Gründung des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) von 1949 untersucht. Für die internationale Anerkennung von westdeutschen Sportmannschaften und die Teilnahme an den Olympischen Spielen von 1952 in Helsinki war dieses Komitee entscheidend.

Im Kapitel 2.4 wird die Rolle Diems in der Sportlehrerausbildung und damit auch bei der Gründungsinitiative und den Anfangsjahren der Sporthochschule Köln näher betrachtet. Diem war von 1949 bis 1953 Sportreferent im Bundesinnenministerium. Um die Tragweite dieses Amtes und der Bedeutung für den Aufbau des Sports zu begreifen, wurden ausgesuchte Teile der typischen Korrespondenz dieses Referats mit Sportfunktionären und hohen Politikern untersucht und dadurch gezeigt, inwieweit Diem so den organisierten Sport unterstützen konnte.

Abschließend werden die Ergebnisse einer Zeitungsuntersuchung vorgestellt. Nachrichten und Berichte über Carl Diem sollen seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zeigen. Pressestimmen können heute wie damals Türen öffnen oder verschließen. Besondere Beachtung soll hier der Frage geschenkt werden, welche Journalisten und welche Herausgeber Diem besonders wohlwollend oder missgünstig gegenüberstanden, um so eventuelle Absichten und Hintergründe aufzudecken. Ob es nach 1945 einen Wiederaufbau oder einen Neuaufbau des Sports gab, war sowohl damals als auch heute in der Rückbetrachtung umstritten. Um in dieser Frage Neutralität zu wahren, wird im Titel der Begriff „Aufbau“ verwendet. Da das Zeitfenster der Betrachtung mit „nach 1945“ offen formuliert wurde, wird hier eine Eingrenzung vorgenommen. Da es in der frühen Nachkriegszeit keine einheitliche Zäsur für alle Bereiche des Sports gab, wird die Untersuchung in den verschiedenen Kapiteln zu unterschiedlichen Zeitpunkten enden, die aber alle um das Jahr 1950 liegen. So erfolgte die Gründung des DSB im Dezember 1950. Die Gründungsfeier des NOK fand bereits im September 1949 statt. Die Eröffnungsfeier der Sporthochschule 1947 war hingegen keine echte Zäsur, da hier die Leitung des Instituts noch nicht endgültig geklärt war. Hier wird die Entwicklung bis Ende 1948 betrachtet.

Beim Amt des Sportreferenten der Bundesregierung wird die gesamte Amtszeit von 1949 bis 1953 mit einbezogen. Die Presseuntersuchung endet mit dem Jahr 1950. „Der Aufbau des Sports“ soll sich auf die genannten Felder beschränken. Diems Einfluss auf die Konzeption des Sports in der SBZ zwischen 1945 und Anfang 1947 sowie seine wissenschaftlichen Leistungen wie etwa das Lehrbuch „Wesen und Lehre des Sports“6 können im Rahmen dieser Arbeit nicht untersucht werden.


1 FAZ, 19.01.1950

2 „Bremsklötze“, in: Sportrundschau (1950), 1, 15-16.

3 Am 14.12.2005 beschloss die Bezirksvertretung Lindenthal in Köln die nach zehnjähriger Debatte die Umbenennung des Carl-Diem-Weges (vgl. Kölner Stadt-Anzeiger, 15.12.2005).

4 Vgl. Ueberhorst (1989), S. 360-384.

5 Vgl. Buss/Nitsch (1986), S. 20.

6 Diem (1949).


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