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Subtitle: Musik, Klang und Stimme als neue Wege hermeneutischer Erschließung biblischer Texte
Diploma Thesis, 2005, 69 Pages
Author: Gerlinde Braun
Subject: Theology - Practical Theology
Details
Tags: Dimensionen, Bibliodrama
Year: 2005
Pages: 69
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 32 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-83008-9
ISBN (Book): 978-3-638-83278-6
File size: 488 KB
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Abstract
Durch seine gesamte Geschichte hindurch ist Bibliodrama stets experimentell und aufgeschlossen für Neues geblieben. Trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Zentrierung auf den biblischen Text hat es sich Zugangsversuchen von den verschiedensten Seiten geöffnet und ist dadurch selbst farbiger, eindrücklicher und als Form der Religionsausübung lebensnaher und lebendiger geworden. Gleiches gilt auch für den Diskurs über die Formen seiner Praxis und die Wege seiner Gestaltung, der über die einzelnen Bibliodrama-‚Schulen’ und inzwischen etablierte, auf nationaler Ebene organisierte Bibliodrama-Gesellschaften hinweg im Rahmen eines offenen internationalen Netzwerkes auch im interreligiösen Dialog geführt werden soll. Genau in diesem Kontext bewegt sich diese Arbeit. Sie versucht einen durchaus ‚klingenden’ Beitrag in dem Diskurs zu leisten, der heute mit ausgeprägter Bereitschaft zum Experimentieren von den ‚BibliodramatikerInnen’ und ‚BibliodramaturgInnen’ geführt wird. Im Mittelpunkt der Untersuchungen steht die Frage nach der grundsätzlichen Legitimität eines wesentlich musikalisch geprägten Zuganges zum Bibliodrama sowie nach den Möglichkeiten und Varianten der Nutzung musikalischer Ausdrucksformen als ästhetischen, und damit an die körperliche Wahrnehmung gebundenen hermeneutischen Zugängen zum biblischen Text. Exemplarisch für die mögliche Vielzahl ästhetischer Ausdrucksformen konzentriert sich die Arbeit somit auf den Bereich der Musik, der Klänge im weiteren und engeren Sinne sowie auf den musikalischen Gebrauch der Stimme. Der Exkurs der Arbeit vollzieht sich in kritischer Würdigung bereits vorliegender Theorieansätze über die Suche nach neuen philosophischen, hermeneutischen, tiefenpsychologischen, und musikpraktischen Zugängen zu einer musikalisch geprägten bibliodramatischen Arbeit und mündet konsequenter Weise immer wieder in ersten Anregungen und Ideen für eine praktische Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse.
Excerpt (computer-generated)
Ästhetische Dimensionen im Bibliodrama
Musik, Klang und Stimme
als neue Wege hermeneutischer Erschließung biblischer Texte
Diplomarbeit
im Studiengang Evangelische Religionspädagogik
an der Evangelischen Fachhochschule Berlin
vorgelegt von Gerlinde Braun
vorgelegt im: Mai 2005
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ... 4
2 Am Anfang war das Wort... - Eine theologische selbstreferentielle Annäherung an das musikalisch geprägte Bibliodrama ... 7
2.1 Das Kriterium der Aktualität und Lebensnähe im Bibliodrama ... 7
2.2 Das Kriterium der Textzentrierung im Bibliodrama ... 9
2.3 Das Kriterium der Leiblichkeit im Bibliodrama ... 11
2.4 Das ethische Kriterium im Bibliodrama ... 13
3 Und das Wort wurde sinnlich - Eine philosophische Annäherung an das musikalisch geprägte Bibliodrama ... 15
3.1 Dem „Geheimnis“ auf der Spur – Was ereignet sich nach Pasquay im Bibliodrama? ... 15
3.2 Der Atmosphärebegriff des Philosophen Gernot Böhme ... 16
3.2.1 Die Notwendigkeit einer neuen Ästhetik als Aisthetik ... 16
3.2.2 Atmosphäre als zentraler Gegenstand und Begriff der Aisthetik ... 19
3.2.3 Ästhetische Arbeit ... 22
3.3 Das „unverfügbare Geheimnis“ bleibt gewahrt – Ein Fazit ... 23
4 Und das Wort war Klang - Eine textbezogene Annäherung an das musikalisch geprägte Bibliodrama ... 24
4.1 Musik – zwei parallele aber gegenläufige Wege zwischen Mensch und Bibel ... 24
4.2 Die Spur der Musik im Text ... 25
4.2.1 Der musikalische Raum des Alten und des Neuen Testaments ... 25
4.2.2 Die semiotische Qualität musikalischer Elemente im Alten und Neuen Testament ... 28
4.3 Der ‚Textraum’ darf klingen – Ein Fazit ... 30
5 Und das Wort sang zu mir - Eine musikphilosophische/musikpraktische Annäherung an das musikalisch geprägte Bibliodrama ... 32
5.1 ’Wo sind wir, wenn wir Musik hören?’ – Eine Sloterdijk’sche Prämisse für das musikalisch geprägte Bibliodrama ... 32
5.1.1 Das aktive Hören geistlicher Musik im Bibliodrama – Die Bibliophonie nach Teichert ... 34
5.1.2 Die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach – Ein Beispiel nach Teichert ... 35
5.2 Musikalische Gestaltung als Mittel der ‚Hervorholung’ – Aspekte nach Warns/Redecker ... 40
6 Und das Wort traf sein Echo – Eine tiefenpsychologische/ musikpraktische Annäherung an das musikalisch geprägte Bibliodrama ... 42
6.1 Musikalische Urmuster ... 42
6.2 Die Jung’schen Archetypen ... 45
6.3 Die Korrespondenz zwischen Klangmustern und Urmustern ... 46
7 Und das Wort wurde Musik - Eine methodische/musikpraktische Annäherung an das musikalisch geprägte Bibliodrama ... 47
7.1 Der eigene musikalische Ausdruck im Bibliodrama ... 47
7.2 Die drei Phasen des Bibliodramas ... 50
7.2.1 Eine Vorbereitungsphase musikalischer Art ... 50
7.2.2 Eine musikalisch ausgerichtete Spiel- und Gestaltungsphase ... 52
7.2.2.1 Die erste individuelle Berührung mit dem Text ... 52
7.2.2.2 Die Erarbeitung und Präsentation kollektiver Klangbilder ... 54
7.2.2.3 Musikalische Interaktion zwischen Individuen und Gruppe ... 56
7.2.3 Die Reflexionsphase ... 58
8 ...wurde zur Melodie des Lebens – Ein Fazit ... 60
Literaturverzeichnis ... 63
1 Einleitung
Auf der Suche nach neuen Formen der Annäherung an das ‚Buch der Bücher’, nach einer ganzheitlichen Begegnung von biblischem Text und menschlichen Gefühlen und Erfahrungen, haben Anfang der siebziger Jahre Theologen, Theaterpädagogen, Psychologen und Menschen mit künstlerischen Begabungen oder philosophischem Interesse in mehreren Ländern der Erde eine neue Form religiösen Lebens initiiert. Die Gründer der Bibliodrama-Bewegung suchten nach einem neuen, emotionalen, leibbezogenen, hermeneutischen Zugang zum biblischen Text, der den individuellen und kollektiven Erfahrungskontext der Menschen stärker berücksichtigen sollte. Ihrem Wirken und einer stetig wachsenden Zahl von Interessierten, die zunächst auch aus theologischer Sicht kritisch beobachteten und später selbst zur Bibliodramabewegung stießen, ist es zu verdanken, dass Bibliodrama heute nicht mehr nur am Rande wahrgenommen wird, sondern in den Formenkanon gelebter Religiosität innerhalb und außerhalb der Kirchen hineingewachsen und anerkannt ist.
Durch seine gesamte Geschichte hindurch ist Bibliodrama stets experimentell und aufgeschlossen für Neues geblieben. Trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Zentrierung auf den biblischen Text hat es sich Zugangsversuchen von den verschiedensten Seiten geöffnet und ist dadurch selbst farbiger, eindrücklicher und als Form der Religionsausübung lebensnaher und lebendiger geworden. Gleiches gilt auch für den Diskurs über die Formen seiner Praxis und die Wege seiner Gestaltung, der über die einzelnen Bibliodrama-‚Schulen’ und inzwischen etablierte, auf nationaler Ebene organisierte Bibliodrama-Gesellschaften hinweg im Rahmen eines offenen internationalen Netzwerkes auch im interreligiösen Dialog geführt werden soll.
Genau in diesem Kontext bewegt sich die folgende Arbeit. Sie versucht einen – wie später deutlich wird - durchaus ‚klingenden’ Beitrag in dem Diskurs zu leisten, der heute mit ausgeprägter Bereitschaft zum Experimentieren von den ‚BibliodramatikerInnen’ und ‚BibliodramaturgInnen’ geführt wird. Im Mittelpunkt meiner Untersuchungen steht die Frage nach der grundsätzlichen Legitimität eines wesentlich musikalisch geprägten Zuganges zum Bibliodrama sowie nach den Möglichkeiten und Varianten der Nutzung musikalischer Ausdrucksformen als ästhetischen, und damit an die körperliche Wahrnehmung gebundenen hermeneutischen Zugängen zum biblischen Text.
Exemplarisch für die mögliche Vielzahl ästhetischer Ausdrucksformen konzentriert sich die Arbeit somit auf den Bereich der Musik, der Klänge im weiteren und engeren Sinne sowie auf den musikalischen Gebrauch der Stimme.
Dabei geht es nicht darum, das einfache rhythmische Muster eines zur Hörbarkeit gebrachten Herzschlages als ursprünglichste individuelle und zugleich kollektiv verbindende Grundmelodie des Lebens oder gar ein hochkomplexes, meisterhaft komponiertes Bach’sches Oratorium als Konkurrenz oder Alternative zu den sich im Bibliodrama entfaltenden Dimensionen des biblischen Textes zu etablieren. Im Gegenteil, hier geht es vielmehr um die Untersuchung eines möglichen parallelen - und im Sinne von Ganzheitlichkeit ergänzenden - Zugangs zum biblischen Text innerhalb des Bibliodramas.
Meine Untersuchungen sollen die These belegen, dass Musik, Klang und Stimme (im musikalischen Sinne) dem Bibliodrama neue Dimensionen hinzufügen und zu einer ganzheitlichen Auseinandersetzung mit biblischen Texten und damit zu ihrem tieferen Verständnis im Sinne lebendiger Begegnung und Verinnerlichung beitragen kann. In der Überlagerung der Dimensionen von Text und Klang entsteht schließlich das musikalisch geprägte Bibliodrama.
Der allgemeinen Erfahrung folgend, dass sich gerade in interdisziplinären Grenzbereichen, im Zusammentreffen der Erkenntnisse voneinander differierender Forschungsdisziplinen Entdeckung ereignet, nähert sich mein Exkurs dem Untersuchungsgegenstand Musik, Klang und Stimme im Bibliodrama aus unterschiedlichen Richtungen an:
Auftakt bildet eine gewissermaßen selbstreferentielle Annäherung aus theologischer Richtung an die Thematik mit der Frage: Was will Bibliodrama, welchen grundlegenden Kriterien hat es sich zu stellen und mit ihm folgerichtig die bibliodramatische Arbeit mit den vorgenannten drei Kategorien (Musik, Klang und Stimme) musikalischer Entäußerung?
Darauf aufbauend folgt eine philosophische Annäherung vom Standpunkt eines vorrangig leibbezogenen Verständnisses von Ästhetik. Die Analyse und Auseinandersetzung mit dem Begriff der „Atmosphäre“ des Philosophen Gernot Böhme, führt auf dessen Weg von Aufdeckung und ethischer Kritik des Spektrums „Ästhetischer Arbeit“, als deren Medien Musik, Klang und Stimme gelten können, schließlich zum Bibliodrama selbst, als Raum, in dem sich Atmosphäre ereignet und ästhetische Arbeit geleistet wird.
Der Nachweis, dass ästhetische Arbeit im Bibliodrama gerade über die Medien Musik, Klang und Stimme einen legitimierenden Bezug zum biblischen Text hat, erfolgt im Zuge einer textbezogenen Annäherung anhand ausgewählter biblischer Texte. Es wird deutlich, dass sich die Einführung musikalischer Elemente in das bibliodramatische Spiel nicht auf den Status einer kunstvollen Beigabe reduzieren lässt, sondern auf tiefen Sinn- und Symbolbezügen zum biblischen Text basiert, der seinerseits nicht, ohne an Eindringlichkeit und Aussagekraft zu verlieren, auf seine musikalischen Anklänge verzichten kann.
Auf welchen Wegen diese Sinn- und Symbolbezüge im Bibliodrama über Musik erlebbar werden und zur Erfahrung gebracht werden können, versucht eine musikphilosophisch/musikpraktische Annäherung an das Bibliodrama zu klären. Dies erfolgt beispielhaft über die Untersuchung von Aspekten des Hörens geistlicher Musik und die Darstellung erster Erfahrungen damit in der bibliodramatischen Praxis.
Worauf Musik, Klang und Stimme beim Menschen im Gestaltungsprozess des Bibliodramas stoßen, womit diese Kategorien bei der Auslösung eines Echos, einer Resonanz in der menschlichen Psyche korrespondieren, versucht schließlich eine tiefenpsychologisch/musikpraktische Annäherung auf der Basis der Erkenntnisse C. G. Jungs über Existenz und Elemente eines „kollektiven Unbewussten“ zu klären. Auf der Grundlage korrespondierender empirischer Resultate musiktherapeutischer bzw. musikpädagogischer Forschung und Praxis wird der Versuch unternommen, die Erkenntnisse Jungs in den für das musikalisch geprägte Bibliodrama relevanten Klangraum hinüberzudeuten.
Mit einer, den Exkurs abschließenden methodischen/musikpraktischen Annäherung möchte ich in einer Analyse erster Schritte bekannter Persönlichkeiten der Bibliodrama-Bewegung auf dem Wege der Nutzung musikalischer Formensprache im Bibliodrama und über die Auseinandersetzung mit ihren Erfahrungen eigene Gedanken und Anregungen zu Musik, Klang und Stimme im Bibliodrama formulieren und diese in den offenen Diskurs über das Bibliodrama einbringen. Sie tragen ausschließlich exemplarischen Charakter und sind als weiter zu entwickelnde Anregungen zu verstehen, die im einzelnen durchaus nicht unstrittig sind und daher einer experimentell-praktischen Überprüfung bedürfen.
Im Interesse der Gewinnung prägnanter und verallgemeinerungswürdiger Schlüsse werden hier und da weitere Eingrenzungen meines Untersuchungsgegenstandes vorzunehmen sein. Sie sind jedoch notwendig, rein pragmatischer Natur und in keinem Fall als Unterschätzung des Formenreichtums menschlicher Ausdrucksfähigkeit und Ergriffenheit in der Begegnung mit dem biblischen Text zu verstehen.
2 Am Anfang war das Wort... - Eine theologische selbstreferentielle Annäherung an das musikalisch geprägte Bibliodrama
2.1 Das Kriterium der Aktualität und Lebensnähe im Bibliodrama
Der Theologe und Philosoph Prof. Paul Tillich antwortet auf die Frage der Menschen nach Gott sinngemäß: Gott ist das, was euch unbedingt angeht. Bezieht man diese Antwort auf die mit dem Gottesbegriff eng verbundenen Fragen nach dem Glauben und der Religion, kann man mit dem Fragen nicht mehr aufhören: Was aber geht uns ‚unbedingt’ an? Ist es primär ein theoretisches System von Weltanschauung, das versucht, uns unsere Wirklichkeit zu erklären, oder ist es nicht vielmehr gerade diese Wirklichkeit, auf deren Fragen wir in einer Weltanschauung Antworten suchen?
[...]
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