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Thesis (M.A.), 2005, 109 Pages
Author: Sonja Schiffers
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Sphäre, Romantischen, Werk, Thomas, Manns
Year: 2005
Pages: 109
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 46 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-80563-6
ISBN (Book): 978-3-638-80795-1
File size: 514 KB
aus dem Gutachten von Hermann Kurzke: "Frau Schiffers arbeitet zweifellos eher essayistisch und feuilletonistisch als positivistisch, sie argumentiert klug, was sie sagt, hat Hand und Fuß. Die Arbeit zeugt außerdem von Stil, Weite, Belesenheit weit über TM hinaus (Novalis, Nietzsche, Schopenhauer, Freud, Baudelaire...) und hat insgesamt ein kultiviertes Niveau."
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Abstract
Als Epoche bezeichnet die Romantik etwa die Zeit zwischen 1790 und 1830. Zugleich lässt sich heute vieles als ,romantisch' bezeichnen, vom Kerzenschein über politische Gruppierungen bis zum Blümchenkleid. Doch ist dieser in seinem Facettenreichtum schwierige Begriff auch zu verwenden angesichts einer Dichterbiographie, die erst im Fin de Siècle des 19. Jahrhunderts beginnt und noch über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinausreicht, eines Werkes, das dem Geiste der - die positive Romantik vorwiegend negierenden - Dekadenz entspringt und zum größten Teil im politischen 20. Jh. entstand? Ziel dieser Arbeit ist es, die tiefe romantische Prägung darzustellen, die dem Werk Thomas Manns wesentlich ist. Es soll herausgearbeitet werden, wie entschieden dieses Werk die romantische Tradition des 19. Jhs. aufnimmt und bewahrt, lange nachdem dieses ausgeklungen ist; wie es schließlich weit ins 20. Jh. wirkt, indem die romantische Dekadenz zugunsten des "Zuges ins Weltweite" überwunden wird. Dabei stehen die subtilen Wechselwirkungen von Regression und Überwindung, die von der Romantizität des Schaffens TMs ausgehen, im Vordergrund. Wie Goethe ist TM nicht einer Epoche, einem Zeitstil allein zuzuordnen, weder historisch-biographisch, noch geistig-künstlerisch. So umfasst sein Werk auch jene ,Goethe'sche Ganzheit', die (vermeintlich) Gegensätzliches in sich vereint. Dieser Eigenschaft des "Nichtmodischseins" entspricht TMs künstlerische Größe, die sich dem 19. Jh. verpflichtet und verwandt fühlt, jenem romantischen Jh., "mit dem sich in mir (TM) ein ausgesprochener Sinn für Größe verband." Die Kunst bedeutet ihm "Aufforderung zu höchster Wachheit und Lockung zu süßem Zauberschlaf zugleich", zur "göttlich-dämonischen Ganzheit der Welt, des Lebens, des Menschen, der Kultur." Die Arbeit fokussiert folgende Stationen: Nach einigen Beobachtungen zum Nachwirken des Werkes Novalis' bei TM steht die Phase der frühen Erzählungen im Mittelpunkt und damit u.a. der Einfluss Schopenhauers und Wagners. Ausführlich kommen darauf "Tonio Kröger" und "Der Tod in Venedig" als Abschluss des Frühwerks zur Sprache. Von den "Betrachtungen eines Unpolitischen" aus geht es dann zum "Zauberberg" (Übergang vom Ästhetizismus zum Humanitätsbegriff). Mit Blick auf das Spätwerk steht die 'imitatio Goethes' im Mittelpunkt. Die romantische Fundierung des Gesamtwerks soll zuletzt durch verschiedene Äußerungen TMs, besonders durch den Schopenhauer-Essay, zusammenfassend belegt werden.
Excerpt (computer-generated)
"Die Sphäre rollt." Zum Romantischen im Werk Thomas Manns
von
Sonja Schiffers
2005
Inhalt
Thema und Zielbestimmung ... S. 4
I. Einst in Vergangenheit und Zukunft – zur Typologie des Romantischen als Wesen und Seelenlage ... S. 7
II. Das weltromantische 19. Jahrhundert – von Innerlichkeit, Lebensstolz und der Sympathie mit dem Tode ... S. 14
2.1 „Jeder Dichter aber, der etwas von der Seele des Ofterdingen in sich hat, sei uns von Herzen willkommen“ ... S. 14
2.2 „Erstarrung; Öde; Eis; und Geist! Und Kunst!“ ... S. 16
2.3 Zur Demontage visionärer Fruchtbarkeit – die Welt als Wille und der Tod ... S. 20
III. „Das Spiel kommt zu Würden“ – zur schöpferischen Jugendphase Thomas Manns ... S. 28
3.1 Unterweltliche Erotik: „Die Hunde im Souterrain“ ... S. 28
3.2 „Mein Freund Schopenhauer“ – die geistige Rechtfertigung der frühen Jahre ... S. 31
IV. „Seine Begierde ward sehend“ – zu Reflexionen und Kunsttheorie nach 1900 ... S. 44
4.1 Von Buddenbrooks zu Tonio Kröger – Todesrausch und Erkenntnis ... S. 44
4.2 Der Tod in Venedig – „Meisterhaltung“ am Ende des Frühwerks ... S. 51
4.3 ...und begierig ward das Sehen: gis – a – ais – h und Betrachtungen ... S. 58
V. „Operationes spirituales“ auf dem Zauberberg ... S. 66
5.1 Von Bleistiften und feuchten Stellen im Schattenreich ... S. 66
5.2 ...und: „die Augen auf!“ ... S. 72
VI. Weltfähigkeit, imitatio Goethes und süßer Schlummer ... S. 82
6.1 „Die Republik... wie gefällt euch das Wort in meinem Munde?“ ... S. 82
6.2 Vater Goethe und die „Lebensbürgerlichkeit“ ... S. 87
6.3 „Könnte man nicht sagen, daß wir nur wachen, um zu schlafen?“ ... S. 92
VII. Anstelle eines Ausblicks: „Der Untergang der romantischen Sonne“ ... S. 103
Bibliographie ... S. 107
Thema und Zielbestimmung
„Die Literatur ist romantisch“1, - so heißt ein bekannter Essay von Peter Handke. Der Essay entstand 1966; die Epoche der Romantik wird etwa auf die Zeit zwischen 1790 und 1830 datiert. Wie nun ist es zu verantworten, den Begriff des Romantischen derart zu generalisieren? Sicherlich: Vieles lässt sich heutzutage als ,romantisch’ bezeichnen, vom Kerzenschein über politische Gruppierungen bis zum Blümchenkleid. Doch Peter Handke der Oberflächlichkeit und Willkür zu bezichtigen, wäre gewiss paradox. Denn die gedankliche Tiefe, der dieser kurze Satz entspringt, ist sehr speziell und meint ein äußerst spezifisches Phänomen, nämlich: die romantische Ära als literarische Makroepoche. Dass sich der Begriff des Romantischen in der Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts zunehmend erweitert hat und selbstverständlich auch die Zeit nach 1830 berücksichtigt (hierauf werde ich im Folgenden näher eingehen), ist keine neue Entwicklung. Doch ist dieser schwierige Begriff auch zu verwenden angesichts einer Dichterbiographie, die erst im Fin de Siècle des 19. Jahrhunderts beginnt und noch über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinausreicht; eines Werkes, das dem Geiste der – die positive Romantik überwiegend negierenden – Dekadenz entspringt und zum größten Teil im politischen 20. Jahrhundert entstand? Ziel dieser Arbeit ist es, die tiefe romantische Prägung zu betrachten, die dem Werk Thomas Manns ganz wesentlich ist. Es soll dargestellt werden, wie entschieden dieses Werk die romantische Tradition des 19. Jahrhunderts aufnimmt und sie auch noch bewahrt, lange nachdem dieses ausgeklungen ist; wie es schließlich weit ins 20. Jahrhundert wirkt, indem die tief romantische Dekadenz sozusagen zugunsten des „Zuges ins Große und Weltweite“2 überwunden wird, und zwar aus ihren eigenen Prämissen. Denn hier ist die Überwindung des Romantischen wiederum romantischen Geistes. Es liegt mir sehr daran, die äußerst subtilen Entwicklungen und Wechselwirkungen zu betrachten, die von der tieferen Romantizität des Schaffens Thomas Manns ausgehen. Deshalb möchte ich im Wesentlichen auf die Primärtexte eingehen und in eher geringem Maße auf Forschungsliteratur, wobei eine entsprechende Darstellung zu diesem Thema im übrigen noch aussteht.3
Wie Goethe ist Thomas Mann nicht einer Epoche, einem Zeitstil allein zuzuordnen, weder historisch-biographisch noch geistig-künstlerisch. So umfasst sein Werk auch jene ,Goethe’sche Ganzheit’, die (scheinbar) Gegensätzliches in sich vereint. Über sich selbst als Künstler sagt er:
Wenn ich zurückdenke – ich war nie modisch, habe nie das makabre Narrenkleid
des Fin de Siècle getragen, nie den Ehrgeiz gekannt, literarisch à la tête und auf der
Höhe des Tages zu sein, nie einer Schule und Koterie angehört, die gerade obenauf
war, weder der naturalistischen, noch der neu-romantischen, neuklassischen,
symbolistischen [...], oder wie sie nun hießen.4
Dieser Eigenschaft des, wie er es formuliert, ,Nichtmodischseins’ entspricht Thomas Manns künstlerische Größe, die sich gleichwohl „dem Bildungsgut des neunzehnten Jahrhunderts“ verpflichtet und verwandt fühlt, eben jenem zutiefst romantischen Jahrhundert, „mit dem sich in mir [Thomas Mann] ein ausgesprochener Sinn für Größe verband.“ Doch keineswegs teilt er, wie viele seiner Zeitgenossen, das im Fin de Siècle wegen seiner treffenden Diagnose der herrschenden Seelenlage so beliebte Diktum Oscar Wildes: „All art is quite useless.“ Im Gegenteil, für ihn bedeutet die Kunst „Aufforderung zu höchster Wachheit und Lockung zu süßem Zauberschlaf zugleich“, zur „göttlich-dämonischen Ganzheit der Welt, des Lebens, des Menschen, der Kultur.“5 Es geht ihm zuletzt um die Vereinigung von „Kultur und Humanität“6, - wobei die geistige Basis zutiefst romantisch bleibt.
Um die künstlerische Entwicklung Thomas Manns, die selbstverständlich von der Biographie nicht ganz zu trennen ist, sowie die Voraussetzungen seines literarischen Schaffens, sein frühes Werk und dessen Entfaltung bis zum Spätwerk, in der erforderlichen Intensität zu betrachten, reicht der begrenzte Umfang dieser Arbeit leider nicht aus. Doch sollen im Folgenden zumindest einige zentrale Lebens- und Schaffensphasen eingehender dargestellt werden, die doch die in allen Einzelaspekten natürlich ungleich komplexere Erweiterung und Vertiefung dieses Werkes und Künstlertums exemplarisch wiedergeben. So kann diese Arbeit nur einen selektierten Teil dessen beleuchten, was das Thema – im größeren Rahmen behandelt – aufzugeben hat. Allerdings tröstet der Gedanke, dass dies bei der Auseinandersetzung mit dem Werk Thomas Manns wohl immer der Fall sein muss, auch dann noch, wenn zunächst alles ausgelotet zu sein scheint; es ist nicht nur aufgrund seines Umfangs, sondern vor allem seiner assoziativen Fülle und komplexen Tiefe sicher auch nicht auf ein Je-damit-Fertigwerden angelegt.
Zunächst stellt sich also stets die Aufgabe, eine für das gewählte Thema repräsentative Textauswahl zu treffen. Nachdem anfangs einige Beobachtungen zum Nachwirken des Werkes Novalis’ bei Thomas Mann festgehalten werden, steht die Phase der ersten Erzählungen im Mittelpunkt, die Zeit vor der Jahrhundertwende und der den geistigen Ästhetizismus fundierenden Einfluss Schopenhauers und Wagners, der sich auch deutlich im Briefwechsel mit Otto Grautoff niederschlägt. Ausführlicher wird darauf Tonio Kröger zur Sprache kommen wie auch Der Tod in Venedig, der gewissermaßen das Frühwerk beschließt. Von den Betrachtungen eines Unpolitischen aus geht es dann zum Zauberberg, der detaillierter beleuchtet wird vor allem bezüglich seiner mentalen Zwischenposition, die allgemein als Übergang vom Kriegsbuch zu der Rede Von deutscher Republik und damit, generell formuliert, vom Ästhetizismus zum Humanitätsbegriff, gedeutet wird. Im Hinblick auf das Spätwerk steht die imitatio Goethes im Mittelpunkt, über die Thomas Mann mehrfach einschlägige Aussagen gemacht hat, und damit zusammenhängend der urromantische Impetus, der dieser zugrunde liegt. Die romantische Fundierung des Gesamtwerks soll zuletzt durch verschiedene Äußerungen Thomas Manns, zentral durch den Schopenhauer-Essay, zusammenfassend offenbart werden.
Bei all dem ist es unvermeidbar und besonders fruchtbar, immer wieder das frühere Werk noch im späten wiederzufinden und umgekehrt, die Sphären einander permanent durchdringen zu sehen und stets das einzelne Werk in den Kontext des ganzen eingebettet zu betrachten; - so, wie sich bei Thomas Mann auch die ästhetizistische Sympathie mit dem Tode noch in der Idee von humanitärer Lebensverpflichtung manifestiert, und umgekehrt. Doch zunächst, einleitend und um dem Thema der Arbeit gebührlich auf den Grund zu gehen, beginne ich mit einigen Bemerkungen zum Romantischen als Phänomen der Moderne.
[....]
1 Peter Handke, Die Literatur ist romantisch. In: Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms, Frankfurt 1998, S. 35-50.
2 Thomas Mann, Goethe als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters. In: Essays 1926-1933, Frankfurt 1998, S. 337.
3 Vgl. hierzu Hermann Kurzke, Thomas Mann. Epoche – Werk – Wirkung, München 1997, S. 179.
4 Thomas Mann, Meine Zeit. In: Über mich selbst, Frankfurt 2001, S. 14, ebenso das folgende Zitat.
5 Thomas Mann, Die Sendung der Musik. In: Essays 1938-1945, Frankfurt 1996, S. 241.
6 Ebd., S. 239.
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