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Termpaper, 2007, 31 Pages
Author: Mathias Pfeiffer
Subject: Sociology - Social System, Social Structure, Class, Social Stratification
Details
Institution/College: University of Leipzig (Institut für Soziologie)
Tags: Bellum, Antike, Sklavenaufstände, Anwendungsbeispiel, Theorien, Bewegungen, Blockveranstaltung, Politischer, Protest, Bewegungen, Ursachen, Wirkungen, Spartakus, Sizilien, Mathias Pfeiffer
Year: 2007
Pages: 31
Grade: 1
Bibliography: ~ 26 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-87169-3
ISBN (Book): 978-3-638-90427-8
File size: 396 KB
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Abstract
Das 2. und 1. Jh. v. Chr. war für die Römische Republik eine Zeit der Expansion, doch vollzog sich der Wandel vom Stadtstaat zum mediterranen Imperium nicht ohne innere Spannungen. Soziale und politische Krisen, meist blutige Konflikte zeichnen die dunklen Töne im Bild jener Ära. Der Sklavenaufstand um Spartakus zählt sicher zu den bekannteren Episoden, und es ist denkwürdig, daß praktisch alle großen Sklavenaufstände der Antike in diese Epoche fielen, in den relativ begrenzten Zeitraum von 140 – 70 v. Chr. Antike Sklavenaufstände, Spartakus – vielleicht denkt man an Kirk Douglas in der Hollywood-Verfilmung. Vielleicht denkt man auch an den Spartakusbund samt Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Doch bestehen signifikante Unterschiede zwischen antiker und moderner Bewegung: War der ‚Bund‘ eine Vereinigung mit mehr oder weniger klaren Vorstellungen vom anzustrebenden Wandel der Gesellschaft, verband die Sklaven des Spartakus zwar der Wille zur Freiheit, jedoch kein politisch-ideologisches Programm. Nach einigen – enger gefaßten – Definitionen in der Soziologie ist der Spartakusaufstand nicht einmal als soziale Bewegung einzustufen, da sie neben formaler Organisation und kollektivem Handeln v.a. fordern, daß die Ziele einer solchen Bewegung im sozialen Wandel bestehen. Das mag auf den ersten Blick paradox klingen: Tausende von aufsässigen Sklaven wagten gemeinsam kämpfend ihr Leben für die Freiheit, aber in der Tat ist (soweit wir wissen) von ihnen nie die grundsätzliche Abschaffung der Sklaverei gefordert worden. Wählt man eine weite Definition sozialer Bewegungen, etwa Gruppen, die für ein gemeinsames Ziel handeln, lassen sich die antiken Sklavenaufstände mit gängigen soziologischen Theorien beschreiben. Dies soll in dieser Arbeit versucht werden. Untersuchungsgegenstand sind die drei größten Sklavenaufstände, furiose Rebellionen, die zu langwierigen Kriegen gerieten und die römische Welt in Atem hielten: Der erste und der zweite sizilische Aufstand (ca. 136-132 / 104-101 v. Chr.) sowie die Erhebung des Spartakus in Italien (73-71 v. Chr.). Interessant sind sie als ‚unorthodoxes‘ Anwendungsbeispiel für die soziologische Beschreibung sozialer Bewegungen nicht zuletzt, weil darin eine fruchtbare Herausforderung für die Theorie bestehen könnte. Zur Erörterung der Sklavenaufstände wird hauptsächliche die Theorie kollektiven Handelns von Mancur Olson herangezogen, verlinkt mit Teilannahmen zur Rolle von „frames“ und Identität in sozialen Bewegungen.
Excerpt (computer-generated)
Universität Leipzig, Institut für Soziologie
Blockvorlesung: Politischer Protest und soziale Bewegungen. Ursachen und Wirkungen
am 19.02.2007
"bellum servile" -
Antike Sklavenaufstände als Anwendungsbeispiel für Theorien sozialer Bewegungen
von
Mathias Pfeiffer
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung... 3
II. Historischer Überblick... 4
III. Die soziologische Theorie... 9
III. 1. Sklavenaufstände als soziale Bewegung?... 10
III. 2. Die Theorie kollektiven Handelns... 11
III. 2. 1. Das Kollektivgut... 12
III. 2. 2. Kosten und Nutzen... 15
III. 2. 3. Das „Trittbrettfahrer-Problem“... 16
III. 2. 4. Selektive Anreize... 17
III. 2. 5. Einige Makrovariablen... 20
III. 2. 6. Zur Dynamik der Aufstände... 22
III. 3. Zusammenfassung... 25
IV. Schlussüberlegungen... 27
V. Abkürzungsverzeichnis... 29
VI. Literaturverzeichnis... 30
I. Einleitung
Das 2. und 1. Jh. v. Chr. war für die Römische Republik eine Zeit der Expansion, doch vollzog sich der Wandel vom Stadtstaat zum mediterranen Imperium nicht ohne innere Spannungen. Soziale und politische Krisen, meist blutige Konflikte zeichnen die dunklen Töne im Bild jener Ära. Der Sklavenaufstand um Spartakus zählt sicher zu den bekannteren Episoden, und es ist denkwürdig, dass praktisch alle großen Sklavenaufstände der Antike in diese Epoche fielen, in den relativ begrenzten Zeitraum von 140 – 70 v. Chr.
Antike Sklavenaufstände, Spartakus – vielleicht denkt man an Kirk Douglas, drahtig, wie er den Sklaven, die zu ihm übergelaufen sind, flammende Worte zuruft, Worte, die ihnen aus dem Herzen sprechen, mit reichlich Pathos, auf dass ein gewaltiger Haufe Komparsen loszieht, die brutalen römischen Unterdrücker das Fürchten zu lehren. Soweit Hollywood.
Vielleicht denkt man indes auch an den Spartakusbund samt Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Doch obwohl diese anzunehmen schienen, mit dem Namensgeber ihres Parteiflügels vieles gemein zu haben, bestehen signifikante Unterschiede zwischen beiden Bewegungen: War der ‚Bund‘ eine Vereinigung mit mehr oder weniger klaren Vorstellungen vom anzustrebenden Wandel der Gesellschaft, verband die Sklaven des Spartakus zwar der Wille zur Freiheit, jedoch kein politischideologisches Programm.
Nach einigen – allerdings enger gefaßten – Definitionen in der Soziologie ist der Spartakusaufstand nicht einmal als soziale Bewegung einzustufen, da sie neben formaler Organisation und kollektivem Handeln v.a. fordern, dass die Ziele einer solchen Bewegung im sozialen Wandel bestehen1. Das mag auf den ersten Blick paradox klingen: Tausende von aufsässigen Sklaven wagten gemeinsam kämpfend ihr Leben für die Freiheit, aber in der Tat ist (soweit wir wissen) von ihnen nie die grundsätzliche Abschaffung der Sklaverei gefordert worden2. Wählt man eine weite Definition von sozialen Bewegungen, etwa Gruppen, die für ein gemeinsames Ziel handeln, lassen sich die antiken Sklavenaufstände mit gängigen soziologischen Theorien beschreiben. Dies soll in dieser Arbeit versucht werden3. Untersuchungsgegenstand sind die drei größten Sklavenaufstände, furiose Rebellionen, die zu langwierigen Kriegen gerieten und die römische Welt in Atem hielten: Der erste und der zweite sizilische Aufstand (ca. 136-132 / 104-101 v. Chr.) sowie die Erhebung des Spartakus in Italien (73-71 v. Chr.). Interessant sind sie als ‚unorthodoxes‘ Anwendungsbeispiel für die soziologische Beschreibung sozialer Bewegungen nicht zuletzt, weil darin eine fruchtbare Herausforderung für die Theorie bestehen könnte. Zur Erörterung der Sklavenaufstände wird hauptsächliche die Theorie kollektiven Handelns von Mancur Olson herangezogen, verlinkt mit Teilannahmen zur Rolle von „frames“ und Identität in sozialen Bewegungen. Zunächst soll eine Einführung in die Geschichte der Sklavenaufstände gegeben werden.
II. Historischer Überblick4
Das Aufbegehren gegen die Unfreiheit seitens der Sklaven nahm in der Antike (wie sonst auch) verschiedene Formen an: Sabotage, Flucht und offener Widerstand. Da jedoch politische oder ideologische Einflüsse kaum eine Rolle spielten, war das Freiheitsideal meist nur durch individuelles Engagement für die eigene Person zu erreichen, und so begegnet uns gemeinschaftlicher Widerstand in Form von Revolten allgemein recht selten5. Dafür, dass die großen Sklavenrebellionen nun sämtlich in dem verhältnismäßig kurzen Zeitraum zwischen 140 und 70 v. Chr. ausbrachen und ihr Zentrum auf Sizilien und in Süditalien hatten, lassen sich in erster Linie spezifische sozio-ökonomische Ursachen benennen6. Die Römische Republik befand sich in einer Phase militärischer und wirtschaftlicher Expansion. Durch die permanente Verpflichtung zum Wehrdienst war vielfach dem ursprünglichen Kleinbauerntum seine Existenzgrundlage geraubt worden. Viele waren in die Städte abgewandert und hatten den Großgrundbesitzern v. a. in Italien und auf Sizilien billiges Land zugespielt7. Die Folge war eine neue extensive Vieh- und Gutswirtschaft in Form von Villae und Latifundien. In diesen Mittel- und Großbetrieben entwickelten sich neue, rationalisierte Arbeitsprozesse; zur Deckung des gestiegenen Bedarfs an billigen Arbeitskräften boten sich Sklaven an8. Die Hauptquellen, aus denen Sklaven der römischen Wirtschaft zuströmten waren Menschenraub und Kriegsgefangenschaft. Insbesondere Kriegsgefangene aus dem hellenistischen Mittelmeerraum führte man massenhaft nach Italien9, Menschen also, die frei geboren plötzlich das schwere Los der Sklaverei zu tragen hatten und die in der Mehrheit auf die Wiedererlangung ihrer Freiheit brannten.
Hatte die Sklaverei in der römischen Frühzeit noch patriarchalischen Charakter, d.h. dass zwischen Sklave und Hausherr relativ gute Beziehungen, auch menschliche Verbundenheit bestanden10, wurde aus den Sklavenheeren ab dem 2. Jh. v. Chr. eine anonyme, von Ausbeutung und Verachtung gezeichnete Schicht ohne tiefere soziale Bindungen, wurde der einzelne Mensch als bloßer Produktionsfaktor kapitalistischen Gewinnstrebens aufgefasst11. In ihrer Bedeutung für die römische Wirtschaft war die Sklaverei schnell unentbehrlich und allgegenwärtig geworden und die Zahl der Sklaven sprunghaft angestiegen. Eingesetzt wurden sie in Stadt und Land auf allen Wirtschaftssektoren, vom Landarbeiter über den Bergmann und Dienstboten bis hin zum gebildeten Lehrer für die Sprösslinge der besseren Gesellschaft12. Vor allem auf dem Land aber erfuhren sie brutale Ausbeutung und denkbar schlechte Behandlung13. Und obwohl Maßnahmen belegt sind, die ein Aufbegehren der Sklaven verhindern sollten14, scheinen die Herrschenden die Kontrolle oft allzu leichtfertig gehandhabt zu haben.
[...]
1 Vgl. z. B. McCarthy/Zald, Resource Mobilization, S.1217f.
2 Die Quellen sprechen zwar durchweg aus der Perspektive von Nicht-Sklaven, dennoch wäre eine solche Forderung sicher auf Widerhall gestoßen, zumal die sonstigen Motive und Ziele der aufständischen Sklaven genannt werden. Abgesehen davon lässt sich sagen, dass die Institution Sklaverei zu keiner Zeit in der Antike in Frage stand; Sklaven waren der gesamten antiken Gesellschaft eine ökonomische wie soziale Selbstverständlichkeit.
3 Vorweg sei genommen, dass die Abbildung moderner Theorien auf historisch entfernte Ereignisse kein leichtes Unterfangen ist. Dem Anspruch nach empirischer Hypothesenprüfung z.B. kann aufgrund der verhältnismäßig schlechten Dokumentation also nur bedingt entsprochen werden. Indessen sollte die Gültigkeit der Theorien ja nicht auf zeitnahe Phänomene beschränkt sein.
4 Eine ausführliche Abhandlung bieten z.B. Vogt, Sklavenkriege und Bradley, Slavery.
5 Vgl. Bradley, Slavery, S.44; eine Alternative zum Aufbegehren bestand für die Sklaven in der (begründeten) Hoffnung auf Freilassung bei untadeligem Benehmen; umfassender hierzu sowie zu terminologischen und typologischen Fragen zur antiken Sklaverei siehe Weiler, Sklavenstatus.
6 Diese sind im historischen Kontext zu sehen und lassen sich nicht als Strukturmerkmale der antiken Sklaverei bewerten.
7 Vgl. Alföldy, Sozialgeschichte, S.45f.
8 Unfreies Personal ließ sich brutal ausbeuten, die Sklaven waren leicht ersetzbar und mussten zudem nicht dem Militärdienst zur Verfügung stehen.
9 Anschauliche Zahlen, die durchschnittlich 20.000 bis 80.000 Gefangene für jeweils einzelne militärische Erfolge der Römer nennen, finden sich samt Quellenangaben bei Alföldy (Sozialgeschichte, S.49), und Bradley (Slavery, S.146 Anm.4). Brunt (Manpower, S.121) schätzt den Anteil der Sklaven an der Gesamtbevölkerung Italiens auf ca. ein Drittel. Vgl. Vogt, Sklavenkriege, S.21f.
10 Der Sklave gehörte der familia seines Besitzers an, Hausherr und Unfreie arbeiteten und wohnten zusammen, und bei der vielfach praktizierten Freilassung erhielt der Sklave das römische Bürgerrecht und verblieb über ein Klientelverhältnis der Familie des einstigen Herrn verbunden.
11 Diese Haltung z.B. bei Cato (agr. 10f.): Sklaven zählt er ebenso zur Ausstattung eines Gutes wie die Nutztiere und Gerätschaften; Varro (rust. 1, 17, 1) unterscheidet ganz einfach typologisch drei Arten von Werkzeugen: stummes (Gerät), halbsprechendes (Vieh) und sprechendes – die Sklaven.
12 Hierzu ausführlicher Bradley, Slavery, S.26ff.
13 Wobei auch hier auf eine gewisse Hierarchie zu verweisen ist, vom Gutsverwalter über Aufseher und Fachkräfte hinab zum gebrandmarkten und gefesselten Landarbeiter.
14 Etwa die ethnische Mischung der Sklaven, um über Sprachbarrieren Konspirationen vorzubeugen, oder das Säen von Zwietracht unter den Arbeitern. Auch wurde durch die Zubilligung der Gründung einer Familie versucht, die Sklaven dauerhaft zu binden.
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