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Subtitle: Wirtschaftspolitische Kontinuität und Brüche in Hannover beim Übergang vom Königreich zur preußischen Provinz
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 29 Pages
Author: Martin Tröster
Subject: History - Empire, Imperialism
Details
Institution/College: University of Leipzig (Historisches Seminar)
Tags: Annexion, Fortschritt, Innenpolitische, Probleme, Bismarckzeit
Year: 2007
Pages: 29
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 62 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-88515-7
File size: 222 KB
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Abstract
Drängende Probleme, die sich aus der komplexen wirtschaftlichen und sozialen Dynamik des 19. Jahrhunderts ergaben, konnten in der bis 1866 selbständigen Provinz Hannover scheinbar erst unter preußischer Ägide überwunden werden. Diese Gleichzeitigkeit von wirtschaftlicher Entwicklung und politischer Zäsur wird häufig mit der wirtschafts- wie allgemeinpolitischen Reformfähigkeit der jeweiligen Systeme gleichgesetzt. Wegen der spürbaren, nahezu konstant zunehmenden Verbesserung der allgemein- und in der Regel auch individualwirtschaftlichen Situation wird der weitgehend liberalisierenden Wirtschaftspolitik Preußens nicht nur für Hannover eine besonders hohe Integrationsleistung zugeschrieben. Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit sich dieser scheinbare Gegensatz zwischen fortschrittlichem preußischen Liberalismus und reaktionär-kurzsinniger welfischer Wirtschaftspolitik bei näherer Betrachtung regionaler und (inter-) „nationaler“ ökonomischer wie politischer Rahmenbedingungen aufrecht erhalten lässt und worin sich eventuelle Bestätigungen begründen. In einem ersten Abschnitt soll hierzu die wirtschaftliche und demographische Ausgangssituation am Vorabend der Annexion mitsamt der welfischen Wirtschaftspolitik vorgestellt werden. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der preußischen Integrationspolitik im Allgemeinen und mit der Liberalisierungspolitik in Hannover im Speziellen. Letztere soll an hand dreier Reformbeispiele von besonders großer politökonomischer Bedeutung dargestellt und auf ihre Kontinuität bzw. Andersartigkeit mit der welfischen Wirtschafspolitik untersucht werden. Das dritte Kapitel versucht schließlich, den Einfluss des Dargestellten an der insgesamt positiven wirtschaftlichen Entwicklung in der Provinz Hannover zu isolieren sowie dafür verantwortliche innen- und außenpolitische, binnen- und weltkonjunkturelle Rahmenbedingungen zu beleuchten. Die Erforschung der hannoveranschen Wirtschaft in Königreich und Provinz hatte, gemessen an der Zahl der Publikationen, ihren Höhepunkt Anfang/Mitte der 1980er Jahre. Wesentliche Neuerungen ergaben sich seither erst wieder in letzten zehn Jahren mit eher spezialisierten Studien. Als besonders wertvoll für die historische Wirtschaftsforschung dürften sich statistische Daten-sammlungen erweisen, die seit kurzer Zeit auch für das hannoversche Königreich vorliegen.
Excerpt (computer-generated)
Universität Leipzig, Historisches Seminar
Hauptseminar: „Innenpolitische Probleme der Bismarckzeit“
Leipzig, den 30. März 2007
Annexion als Fortschritt?
Wirtschaftspolitische Kontinuität und Brüche in Hannover
beim Übergang vom Königreich zur preußischen Provinz
von
Martin Tröster
Gliederung
Einleitung... 3
1. Wirtschaft und Wirtschaftspolitik in Hannover bis 1866... 4
1.1Wirtschaftliche, soziale und demographische Situation am Vorabend der Annexion... 4
1.2. Die welfische Wirtschaftspolitik im Königreich Hannover – Ein Überblick... 6
2. Reformfähiges Preußen vs. reformunfähiges Hannover?... 8
2.1. Grundzüge preußischer Integrationspolitik in Hannover... 8
2.2. Projektbezogener Vergleich in drei Beispielen... 10
2.2.1. Die Gewerbepolitik... 10
2.2.2. Die Eisenbahnpolitik... 13
2.2.3. Die Bauernbefreiung... 16
3. Aufschwung durch überlegene Wirtschaftspolitik?... 19
3.1. Preußische Liberalisierungspolitik und wirtschaftlicher Aufschwung... 20
3.2. Weitere Erklärungen für die wirtschaftliche Entwicklung der Provinz Hannover... 22
Fazit... 23
Literaturverzeichnis... 25
Einleitung
Drängende Probleme, die sich aus der komplexen wirtschaftlichen und sozialen Dynamik des 19. Jahrhunderts ergaben, konnten in der bis 1866 selbständigen Provinz Hannover scheinbar erst unter preußischer Ägide überwunden werden. Diese Gleichzeitigkeit von wirtschaftlicher Entwicklung und politischer Zäsur wird häufig mit der wirtschafts- wie allgemeinpolitischen Reformfähigkeit der jeweiligen Systeme gleichgesetzt. Wegen der spürbaren, nahezu konstant zunehmenden Verbesserung der allgemein- und in der Regel auch individualwirtschaftlichen Situation1 wird der weitgehend liberalisierenden Wirtschaftspolitik Preußens nicht nur für Hannover eine besonders hohe Integrationsleistung zugeschrieben.2 Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit sich dieser scheinbare Gegensatz zwischen fortschrittlichem preußischen Liberalismus und reaktionär-kurzsinniger welfischer Wirtschaftspolitik bei näherer Betrachtung regionaler und (inter-) „nationaler“ ökonomischer wie politischer Rahmenbedingungen aufrecht erhalten lässt und worin sich eventuelle Bestätigungen begründen. In einem ersten Abschnitt soll hierzu die wirtschaftliche und demographische Ausgangssituation am Vorabend der Annexion mitsamt der welfischen Wirtschaftspolitik vorgestellt werden. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der preußischen Integrationspolitik im Allgemeinen und mit der Liberalisierungspolitik in Hannover im Speziellen. Letztere soll an hand dreier Reformbeispiele von besonders großer politökonomischer Bedeutung dargestellt und auf ihre Kontinuität bzw. Andersartigkeit mit der welfischen Wirtschafspolitik3 untersucht werden. Das dritte Kapitel versucht schließlich, den Einfluss des Dargestellten an der insgesamt positiven wirtschaftlichen Entwicklung in der Provinz Hannover zu isolieren sowie dafür verantwortliche innen- und außenpolitische, binnen- und weltkonjunkturelle Rahmenbedingungen zu beleuchten. Die Erforschung der hannoveranschen Wirtschaft in Königreich und Provinz hatte, gemessen an der Zahl der Publikationen, ihren Höhepunkt Anfang/Mitte der 1980er Jahre.4 Wesentliche Neuerungen ergaben sich seither erst wieder in letzten zehn Jahren mit eher spezialisierten Studien.5 Als besonders wertvoll für die historische Wirtschaftsforschung dürften sich statistische Datensammlungen erweisen, die seit kurzer Zeit auch für das hannoversche Königreich vorliegen.6
1. Wirtschaft und Wirtschaftspolitik in Hannover bis 1866
In diesem Kapitel sollen einführend die wirtschaftliche Entwicklung und die welfische Wirtschaftspolitik bis 1866 dargestellt werden. Ziel des Abschnitts ist es, die Startbedingungen zu skizzieren, die den preußischen Annektoren 1866 gegenübertraten sowie einen problemorientierten Eindruck von den Grundsätzen welfischer Politik zu gewinnen.
1.1 Wirtschaftliche, soziale und demographische Situation am Vorabend der Annexion
Mitte der 1860er Jahre war Hannover ein noch stark agrarisch geprägter, kaum industrialisierter 2,5-Millionen-Staat. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung lebte und arbeitete mit veralteten Produktionsmethoden in der Landwirtschaft,7 während das Gewerbe vielfach noch in Manufaktur und Heimarbeit verrichtet wurde und insgesamt sehr handwerklich und kaum industriell geprägt war.8 Erste industrielle Ansätze gab es zwar schon seit 1840 in Form von Maschinenbau, Montan- und Textilindustrie, allerdings waren die dafür benötigten Geräte und Maschinen kaum verbreitet. Dies lässt sich anhand von statistischen Erhebungen des deutschen Zollvereins von 1861 belegen.9 So standen beispielsweise nur etwa 15 der insgesamt 540 Hochöfen auf dem Gebiet des Zollvereins in der Provinz Hannover. Von etwa 14000 Streckenkilometern im gesamten Zollverein befanden sich nur etwa 400 in Hannover - ein Wert, der sich allerdings nicht wesentlich von den meisten anderen „deutschen“ Staaten unterschied.10 Geographisch begleitet wurde die Industrialisierung von allmählich entstehenden regionalen und städtischen Zentren, in denen sich ab Mitte der 1840er Jahre erste kleinere Fabriken ansiedelten. Sie boten nicht nur Arbeitsplätze für die Dorfbewohner, sondern waren zudem wichtige Abnehmer agrarischer Produkte. Gleichzeitig wurde diese ökonomische wie demographische Stadt-Land-Verbindung mit der Ausweitung des Trassennetzes und dem günstigeren Absatz von Vieh und Getreide zunehmend ausgedehnt.11
Bevölkerungszunahme und Urbanisierungsprozess in nennenswertem Umfang setzten statistischen Angaben zufolge in Hannover erst nach der Annexion, dann allerdings regional stark unterschiedlich ein.12 Die wenigen „Industriestädte“13 boten dafür bis zum Ende des Königreichs schlicht zu wenig Produktionsumfang, was zu einem großen Teil an den Beschränkungen der Freizügigkeit lag.14 Mit der zunehmenden Industrialisierung, u.a. ausgelöst durch die liberale preußische Gewerbepolitik,15 begann sowohl der Bevölkerungszuwachs als auch die Urbanisierung – von 1864 bis 1910 stieg die Bevölkerung um insgesamt etwa 50% auf etwa 3,5 Millionen Einwohner an. Getragen wurde diese Entwicklung hauptsächlich von den Industriestädten, deren Bevölkerung sich teilweise verdoppelte oder sich gar, wie im Fall von Hannover-Stadt, verdreifachte. Der negative Wanderungssaldo Niedersachsens geht größtenteils auf die überseeischen Auswanderungen zurück – im Zeitraum von Mitte der 20er bis Mitte der 60er Jahre emigrierten etwa 40% des Geburtenüberschusses in das überwiegend US- amerikanische Ausland.16 Weder konnte die hannoversche Landwirtschaft ausreichend Produktivitätssteigerungen erreichen, um die zusätzliche Bevölkerung zu ernähren, noch gab es im Gewerbe ausreichend Arbeitsplätze.17 Die soziale Lage der Landbevölkerung war größtenteils schlecht. Den größten Teil der Landbevölkerung stellten nicht mehr die Bauern, sondern die sogenannte unterbäuerliche, weil landarme Bevölkerung.18 Ihr bescheidenes Auskommen hatten sie hauptsächlich in der Heimarbeit und im Ernteeinsatz im benachbarten Holland, dem sogenannten Hollandgang, da die allermeisten der Bauernhöfe gerade genug Arbeit und Nahrung für die Besitzerfamilie ergaben.19 Ihre Lage verschärfte sich mit den ab Ende der 20er Jahre sinkenden Getreidepreisen und der zunehmenden Konkurrenz durch Maschinen und Baumwollspinnereien. Diese soziale Problematik führte Anfang der 1830er Jahre zu vereinzelten Aufständen, die ihrerseits erste Landreformen nach sich zogen, allerdings kaum zu einer Verbesserung der Lebensumstände der Mehrzahl der Landbevölkerung führten.20 Die Lebenssituation der Industriearbeiter unterschied sich davon kaum. Auch hier kam es zu dem aus anderen Industriestädten bekannten sozialen Missständen, auch wenn diese in Folge der verspäteten Industrialisierung erst Ende der 70er Jahre zu einem Massenphänomen wurden.21
1.2. Die welfische Wirtschaftspolitik im Königreich Hannover – Ein Überblick
[...]
1 Dies kann bei allen Schwankungen der Entwicklung und ihrer teils sehr unterschiedlicher Interpretation als einheitliches Fazit bezeichnet werden (vgl. u.a. Weichlein 2004, Lerner 1969).
2 Vgl. u.a. Aschoff 1987: 101 ff., Weichlein 2004: 37 ff.
3 „Welfisch“ soll im Folgenden insbesondere politische Handlungen und Zustände bezeichnen und zuordnen, die von der königlichen Regierung in Hannover vor der Annexion verursacht wurden (vgl. auch Aschoff 1987: 1 ff.).
4 Besonders zu erwähnen sind Kaufhold 1984, Niemann 1984, Achilles 1978 und Schneider/Seedorf 1989.
5 U.a. Mohr 2001, Meschkat-Peters 2000, Denzel 2000.
6 Denzel/Kaufhold 1998. Für statistische Erhebungen zum Kaiserreich vgl. Hohorst et. al. 1978.
7 Diese Gruppe umfasste 1861 etwa 440.000Beschäftigte, während im Handwerk etwa 55.000, in der Industrie etwa 30.000 arbeiteten (vgl. Niemann 1984. 388 f.).
8 Vgl. allg. Schubert 1997; Aschoff 1987: 19 ff.
9 Vgl. Denzel/Kaufhold 1998: 64 ff. Treue 1966: 38 ff.
10 Vgl. Meschkat-Peters 2000: 613 f. Im Anhang ihrer Darstellung findet sich eine detaillierte Karte zur historischen Entwicklung des hannoverschen Eisenbahnnetzes.
11 Vgl. Schneider 1999.
12 Vgl. Denzel/Kaufhold 1998: 14.
13 1866 waren dies lediglich die Städte Delmenhorst, Braunschweig, Harburg, Wilhelmshaven, Hannover sowie das Harzgebiet (vgl. Niemann 1984: 391).
14 Vgl. Kap. 2.2. dieser Arbeit.
15 Vgl. Kap. 2.2. sowie Kap. 3.1. dieser Arbeit.
16 Vgl. Niemann 1984: 391 f. Am ausführlichsten Wächter 1959: 8.
17 Die hohe Anziehungskraft gerade der US- Wirtschaft dürfte neben ihrem höheren technischen Entwicklungsstand und der damit verbundenen besseren Versorgungssituation vor allem auf dem sogenannten Homestead-Act zurückzuführen sein, der auch Immigranten Landnahme ermöglichte (ebenda.: 34).
18 Vgl. Schneider/Seedorf 1989: 60 f.
19 Ebenda.
20 Vgl. Schneider/Seedorf 1989: 63 ff. Zu den resultierenden Landreformen vgl. Kap. 2.2.3. dieser Arbeit.
21 Vgl. Niemann 396 ff.
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