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Ethische Einwände gegen Enhancement

Seminararbeit, 2007, 37 Seiten
Autor: Sara Stöcklin
Fach: Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Details

Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2007
Seiten: 37
Note: gut - sehr gut
Literaturverzeichnis: ~ 38  Einträge
Sprache: Deutsch

Archivnummer: V80887
ISBN (E-Book): 978-3-638-87992-7
ISBN (Buch): 978-3-638-88840-0
Dateigröße: 192 KB

Zusammenfassung / Abstract

Die Idee, den Menschen als einzelnes Subjekt oder Gattung in seiner Beschaffenheit zu verbessern, ist so alt wie die Menschheit selbst. Moderne Wissenschaft und Technik eröffnen uns jedoch im 21. Jahrhundert Wege und Möglichkeiten, diesen so tief verwurzelten Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen, von denen vergangene Generationen nur träumen konnten. Mittels gentechnischen Massnahmen und medizinischen Technologien, so versprechen uns Zukunftsforscher, könnte der Mensch ohne besondere Anstrengung nicht nur gesünder und langlebiger, sondern auch intelligenter, glücklicher, begabter, schöner und tugendhafter werden. Während eine solche Vision in manchen Begeisterung und Hoffnung weckt, löst sie in anderen Angst und Skepsis aus. Ist eine Veränderung der menschlichen Substanz und der menschlichen Natur mittels technischer Mittel überhaupt zulässig und erstrebenswert? Widerspricht es nicht zutiefst unserer ethischen Intuition, ein Ziel zu erreichen, ohne den entsprechenden Weg dafür zurückgelegt zu haben? Werden nicht Authentizität und Autonomie verloren gehen, wenn uns die Technik zu dem macht, was wir sind? Sind die gesellschaftlichen Folgen solcher Änderungen tragbar, oder vergrössern wir damit die soziale und globale Ungerechtigkeit? Über diesen und anderen Fragen hat sich in den letzten Jahren eine lebhafte philosophische Debatte entfacht. Als Sammelbegriff für die verschiedenen physischen, kognitiven und emotionalen Verbesserungen der menschlichen Konstitution, die zur Diskussion stehen, hat sich das englische „Enhancement“ durchgesetzt. In der vorliegenden Arbeit soll diejenige Seite der aktuellen Debatte beleuchtet werden, die sich kritisch mit den Möglichkeiten von Enhancement auseinandersetzt. In einem ersten Teil sollen ethische Grundsatzargumente gegen alle oder einige Formen von Enhancement auf ihre Stichhaltigkeit hin überprüft werden, während im zweiten Teil die Frage im Zentrum steht, welche Argumentationsgrundlagen verschiedene ethische Entwürfe Gegnern von Enhancement zur Verfügung stellen. Zuvor soll geklärt werden, welches Bedeutungsspektrum der Begriff „Enhancement“ umfasst und auf welcher Seite die Beweislast liegt, wenn es um die Erforschung und Einführung, respektive Ablehnung und Kriminalisierung entsprechender Technologien geht.


Textauszug (computergeneriert)

Ethische Einwände gegen Enhancement

von

Sara Stöcklin-Kaldewey

Sommersemester 2007, Semester: 10

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung... 1

1.1. Idee und Bedeutung von Enhancement... 2
1.2. Auf welcher Seite liegt die Beweislast?... 4

2. Grundsatzargumente gegen Enhancement... 7

2.1. Natur und Natürlichkeit... 7
2.2. Identität und Authentizität... 10
2.3. Autonomie und Verantwortung... 14
2.4. Soziale Ungerechtigkeit... 18
2.5. Werteverlust... 23

3. Ethische Entwürfe im Hinblick auf Enhancement... 26

3.1. Utilitarismus... 26
3.2. Pflichtethik... 28
3.3. Tugendethik... 30

4. Schluss... 32

5. Bibliographie... 33

 


1. Einleitung


„Der einzigartige Wert der Menschheit – ihre Würde – liegt in ihrer Macht zur
Selbsttranszendenz, die sie befähigt, anders zu sein als das natürlich
Gegebene.”1

Die Idee, den Menschen als einzelnes Subjekt oder Gattung in seiner Beschaffenheit zu verbessern, ist so alt wie die Menschheit selbst. Moderne Wissenschaft und Technik eröffnen uns jedoch im 21. Jahrhundert Wege und Möglichkeiten, diesen so tief verwurzelten Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen, von denen vergangene Generationen nur träumen konnten.2 Mittels gentechnischen Massnahmen und medizinischen Technologien, so versprechen uns Zukunftsforscher, könnte der Mensch ohne besondere Anstrengung nicht nur gesünder und langlebiger, sondern auch intelligenter, glücklicher, begabter, schöner und tugendhafter werden.
Während eine solche Vision in manchen Begeisterung und Hoffnung weckt, löst sie in anderen Angst und Skepsis aus. Ist eine Veränderung der menschlichen Substanz und der menschlichen Natur mittels technischer Mittel überhaupt zulässig und erstrebenswert? Widerspricht es nicht zutiefst unserer ethischen Intuition, ein Ziel zu erreichen, ohne den entsprechenden Weg dafür zurückgelegt zu haben? Werden nicht Authentizität und Autonomie verloren gehen, wenn uns die Technik zu dem macht, was wir sind? Sind die gesellschaftlichen Folgen solcher Änderungen tragbar, oder vergrössern wir damit die soziale und globale Ungerechtigkeit? Über diesen und anderen Fragen hat sich in den letzten Jahren eine lebhafte philosophische Debatte entfacht. Als Sammelbegriff für die verschiedenen physischen, kognitiven und emotionalen Verbesserungen der menschlichen Konstitution, die zur Diskussion stehen, hat sich das englische „Enhancement“ durchgesetzt. In der folgenden Arbeit möchte ich diejenige Seite der aktuellen Debatte beleuchten, die sich kritisch mit den Möglichkeiten von Enhancement auseinandersetzt. In einem ersten Teil sollen ethische Grundsatzargumente gegen alle oder einige Formen von Enhancement auf ihre Stichhaltigkeit hin überprüft werden, während im zweiten Teil die Frage im Zentrum steht, welche Argumentationsgrundlagen verschiedene ethische Entwürfe Gegnern von Enhancement zur Verfügung stellen. Zuvor soll indes geklärt werden, welches Bedeutungsspektrum der Begriff „Enhancement“ umfasst und auf welcher Seite die Beweislast liegt, wenn es um die Erforschung und Einführung, respektive Ablehnung und Kriminalisierung entsprechender Technologien geht.

1.1. Idee und Bedeutung von Enhancement

Die Enhancement-Debatte fusst in der Medizinethik und erhält ihre weitreichende Bedeutung nicht zuletzt dadurch, dass sie ein historisch neuartiges Verständnis der Medizin und des ärztlichen Auftrags sichtbar macht. Aus dem Auftrag der „Restitutio ad integrum“, stellt der Medizinethiker Gordijn fest, wird zunehmend eine „Tranformatio ad optimum“.3 Während die Medizin in der Antike den Auftrag hatte, die Ordnung des Menschen und das „Wohlverhältnis der Säfte“ wiederherzustellen, galt es im Mittelalter, geistliche Ursachen für die „Abweichung von der Vollkommenheit des Natürlichen“ zu entdecken und zu beheben.4 Die Konstante durch die Zeit hindurch blieb die Unverfügbarkeit der menschlichen Verfassung: „Sieh an die Werke Gottes; denn wer kann das gerade machen, was er krümmt?“5 Trotzdem wurde der menschliche Körper als grundsätzlich gut erachtet, als ein „wohl geordneter Mikrokosmos“ in der Antike oder die „Krone der Schöpfung Gottes“ im christlichen Zeitalter.6 Diese Einstellung hat sich in der Moderne grundlegend verändert. Zunehmend gilt der Leib als das „fehlerhafte Resultat zufälliger evolutionsbiologischer Prozesse“.7 Mit den wachsenden Möglichkeiten der Technik, eben diese Fehlerhaftigkeit zu beheben, wandelt sich der Blick des Menschen auf sich selbst; denn je „stärker er unter dem Gesichtspunkt der Optimierbarkeit betrachtet wird“, desto „defizitärer“ erscheint er.8 Die herkömmliche Grenze zwischen therapeutischen und verbessernden Eingriffen verschwimmt, die Medizin wandelt sich von der „traditionellpaternalistischen“ Heilkunde zum modernen Dienstleistungsunternehmen.9
Nicht nur für die Medizin bedeutet dies Neuland, sondern auch für die Anthropologie, Psychologie und Politik.10 Während die von Platon, Aristoteles und anderen Philosophen propagierten Mittel zur Selbstverbesserung wie etwa Bildung, Kontemplation oder moralische Selbstprüfung natürliche Grenzen kannten11, müssen Einschränkungen für machbare technische Neuerungen von uns selbst festgelegt werden. Mit den wachsenden Möglichkeiten des Menschen wird die Enhancement-Debatte daher nicht abklingen, sondern stetig an Bedeutung zunehmen. Von der historischen Bedeutung möchte ich jedoch zur konkreten Bedeutung des Begriffs „Enhancement“ übergehen. Was umfasst der Begriff und welche Ideen werden darunter verstanden? Der englische Ausdruck lässt sich nicht schlicht mit „Verbesserung“ wiedergeben, da er ein breiteres Bedeutungsspektrum und positivere Konnotationen umfasst. Für das entsprechende Verb „to enhance“ schlagen gängige Übersetzungswerke Begriffe wie „aufwerten“, „erhöhen“, „fördern“, „steigern“, „verbessern“, „weiterentwickeln“ oder „positiv beeinflussen“ vor. Mit Enhancement ist also nicht nur Verbesserung oder Optimierung gemeint, sondern auch Befähigung – die Erweiterung alter und die Eröffnung neuer Möglichkeiten. Als solche Möglichkeiten werden in der gegenwärtigen Debatte unter anderem physisches Enhancement (ein stärkeres Immunsystem, Entfernung von Anlagen wie Alkoholsucht, körperliche Attribute wie Grösse, Kraft und Schönheit, Lebensverlängerung), kognitives Enhancement (höhere Intelligenz, besseres Erinnerungsvermögen, Musikalität, diverse Begabungen) und emotionales Enhancement (Entfernung von Aggressivität, Steigerung von Empathie, Glück) verstanden. Als Mittel diskutiert werden sowohl genetische als auch pharmakologische Therapien bis hin zu Eingriffen in die Keimbahnen zukünftiger Generationen („germline enhancement“12). Um der thematischen Eingrenzung meiner Arbeit gerecht zu werden, verwende ich im Folgenden jedoch einen engeren Begriff von Enhancement.13 Ich werde darunter die durch technische Mittel erreichte Verbesserung des gesunden Menschen als Individuum oder Gattung zählen, unter Auslassung jeglicher therapeutischer, wiederherstellender und präventiver14 Massnahmen. Unter Gesundheit verstehe ich mit Boorse eine statistisch normale Funktionsfähigkeit des biologischen Organismus unter Berücksichtigung der „Referenzklasse” (Alter, etc.) eines Individuums.15 Nicht berücksichtigen werde ich des Weiteren das Thema möglicher Lebensverlängerung. Die Verlangsamung oder Verhinderung des Alterungsprozesses birgt Implikationen, die weit über diejenigen anderer Formen von Enhancement hinausgehen, und hat sich deshalb bereits als gesonderte Debatte etabliert.16
Da ich Grundsatzargumente gegen verschiedene Formen von Enhancement untersuchen werde, verzichte ich weitgehend auf konkrete Fallbeispiele. Stattdessen werde ich die einzelnen Argumente auf jeweils drei entscheidende Kriterien hin überprüfen und damit aufzeigen, auf welche Fälle sie sich beziehen. Das erste Kriterium ist das der (Ir-)Reversibilität, das zweite das der Selbst- resp. Fremdbestimmtheit und das dritte das der Individualität resp. Kollektivität. Ich werde folglich bei jedem Argument die Frage stellen, ob es auch gültig ist, wenn eine Form von Enhancement (1) (nicht) wieder rückgängig zu machen ist, (2) für sich selbst oder andere gewünscht wird und (3) an sich selbst oder an allen Menschen durchgeführt werden soll.

1.2. Auf welcher Seite liegt die Beweislast?

[...]


1 Heyd 2005, S.71

2 Vgl. Gordijn 2004, S. 235

3 Gordijn 2004, S. 233f

4 Ebd., S.233

5 Prediger 7,13 (nach Luther 1984)

6 Gordijn 2004, S.234

7 Ebd.

8 Jakovljević 2005, S.14

9 Ebd., S. 20

10 Vgl. Gordijn 2004, S. 234

11 Vgl. Bostrom 2003, S. 496

12 Dieser Methode hat das Kennedy Institute of Ethics Journal mit Beiträgen verschiedener Philosophen eine Ausgabe gewidmet (Vol. 15/2005, Nr. 1). Auch Habermas’ viel zitiertes und diskutiertes Buch „Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?“ befasst sich fast ausschliesslich mit dieser Form von Enhancement (Siehe Bibliographie).

13 Zu den verschiedenen Möglichkeiten der Definition von Enhancement vgl. Savulescu 2006, S. 322ff

14 Hierbei handelt es sich bereits um einen Grenzfall. Ich beziehe mich dabei auf präventive gesundheitliche Massnahmen wie Impfungen oder die Stärkung des Immunsystems. Die Selektion „gesünderer“ Embryonen aufgrund von Präimplantationsdiagnostik halte ich für ethisch keineswegs unproblematisch, möchte ich aber ebenfalls ausschliessen, da es sich im weitesten Sinne um eine therapeutische Massnahme handelt.

15 Vgl. Boorse 1975, S. 58. Insbesondere im Hinblick auf das bereits in Aussicht gestellte neue Verständnis der Medizin scheint es mir wichtig, mit einem Gesundheitsbegriff auf objektiver Basis zu argumentieren. Zur Debatte darüber vgl. ebd.

16 Zur Debatte der Lebensverlängerung vgl. Overall 2003


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