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Scholary Paper (Seminar), 2007, 36 Pages
Author: Sara Stöcklin
Subject: Theology - Systematic Theology
Details
Institution/College: University of Basel (Theologische Fakultät)
Tags: Grundlagen, Ethik, Emil, Brunner, Grundlagen, Ethik
Year: 2007
Pages: 36
Grade: gut
Bibliography: ~ 20 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-87993-4
ISBN (Book): 978-3-638-88841-7
File size: 136 KB
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Abstract
Emil Brunner hat mit seinem Entwurf einer evangelischen Ethik Theologiegeschichte geschrieben. Als Akademiker und Dozent, aber auch als Mann der Kirche und des gelebten Glaubens versuchte er einen Weg zu finden, Anliegen der Reformation neu zu formulieren, ohne dabei den modernen Menschen in seiner tatsächlichen Verfasstheit aus dem Blick zu verlieren. Seine Ethik steht auf einem biblischen Fundament, ist aber bestrebt, keiner abstrakten Ideologie oder realitätsfernen Orthodoxie anheim zu fallen. Zentral ist die Frage nach dem Guten, welches Brunner allein Gott zuschreibt. So wird die Frage nach dem Guten zur Frage, wer Gott ist, und insofern der Mensch sich in Gottes Tun hineinstellen lassen möchte auch zur Frage, wer der Mensch ist und wie er ethische Entscheidungen treffen kann. In der vorliegenden Arbeit soll versucht werden, Brunners Antworten auf diese Fragen zu eruieren, indem die Grundlagen seiner Ethik untersucht werden. Als Hauptquelle werden dabei die ersten beiden Teile seines frühen Buchs „Das Gebot und die Ordnungen“ verwendet. Nach einleitenden Fragen zur Prägung und zum Werk Brunners werden in einem ersten Teil der Arbeit Grundbegriffe seiner Ethik geklärt und die Ethik als solche im Feld der theologischen Wissenschaften verortet. In einem zweiten Teil soll seine Anthropologie in ihren verschiedenen Aspekten betrachtet werden, in einem dritten das Gottesbild, das seiner Ethik zugrunde liegt. Diese Teile beantworten im Bezug auf die Ethik die Frage nach dem „Wer“ - Wer gibt und wer empfängt Weisung? Im letzten Teil soll das „Gebot“ behandelt werden, das als Bindeglied zwischen Anthropologie und Gottesbild das eigentliche ethische Handeln betrifft. Es wird dabei Brunners Unterscheidung zwischen Gebot und Gesetz nachvollzogen.
Excerpt (computer-generated)
Grundlagen der Ethik bei Emil Brunner
von
Sara Stöcklin-Kaldewey
Sommersemester 2007, Semester:10
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung... 1
1.1. Hintergrund und Prägung Emil Brunners... 2
1.2. Das Gebot und die Ordnungen... 3
2. Grundbegriffe... 7
2.1. Die natürliche Sittlichkeit... 7
2.2. Evangelische Ethik und der Begriff des Guten... 9
2.3. Ethik als theologische Disziplin... 12
3. Anthropologie... 14
3.1. Der Mensch im Widerspruch... 14
3.2. Der Mensch als Sünder... 15
3.3. Der Mensch als imago Dei – Streit mit Karl Barth... 16
3.4. Der Mensch als Gemeinschaftswesen... 19
3.5. Der Mensch in Freiheit und Verantwortung... 20
4. Gottesbild... 23
4.1. Gott als Schöpfer und Erlöser... 23
4.2. Die Relevanz des Gottesbildes für die Ethik... 25
5. Das Gebot... 26
5.1. Unterscheidung Gesetz und Gebot... 26
5.2. Gebot... 26
5.3. Gesetz... 29
6. Schluss... 32
Bibliographie... 33
1. Einleitung
Emil Brunner hat mit seinem Entwurf einer evangelischen Ethik Theologiegeschichte geschrieben. Als Akademiker und Dozent, aber auch als Mann der Kirche und des gelebten Glaubens versuchte er einen Weg zu finden, Anliegen der Reformation neu zu formulieren, ohne dabei den modernen Menschen in seiner tatsächlichen Verfasstheit aus dem Blick zu verlieren. Seine Ethik steht auf einem biblischen Fundament, ist aber bestrebt, keiner abstrakten Ideologie oder realitätsfernen Orthodoxie anheim zu fallen. Zentral ist die Frage nach dem Guten, welches Brunner allein Gott zuschreibt. So wird die Frage nach dem Guten zur Frage, wer Gott ist, und insofern der Mensch sich in Gottes Tun hineinstellen lassen möchte auch zur Frage, wer der Mensch ist und wie er ethische Entscheidungen treffen kann. In der vorliegenden Arbeit werde ich versuchen, Brunners Antworten auf diese Fragen zu eruieren, indem ich die Grundlagen seiner Ethik untersuche. Als Hauptquelle verwende ich dabei die ersten beiden Teile seines frühen Buchs „Das Gebot und die Ordnungen“, stütze mich aber gelegentlich auch auf weiterführende Werke. Nach einleitenden Fragen zur Prägung und zum Werk Brunners werde ich in einem ersten Teil der Arbeit Grundbegriffe seiner Ethik klären und die Ethik als solche im Feld der theologischen Wissenschaften zu verorten suchen. In einem zweiten Teil betrachte ich seine Anthropologie in ihren verschiedenen Aspekten, in einem dritten das Gottesbild, das seiner Ethik zugrunde liegt. Diese Teile beantworten im Bezug auf die Ethik die Frage nach dem „Wer“ - Wer gibt und wer empfängt Weisung? Im letzten Teil soll das „Gebot“ behandelt werden, das als Bindeglied zwischen Anthropologie und Gottesbild das eigentliche ethische Handeln betrifft. Ich werde dabei Brunners Unterscheidung zwischen Gebot und Gesetz nachvollziehen.
1.1. Hintergrund und Prägung Emil Brunners1
Emil Brunner hat als reformierter Theologe in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Wirkung entfaltet, die weit über die Grenzen Europas hinausging. Dank seiner internationalen Tätigkeit und den entsprechenden Sprachkenntnissen ist er insbesondere im amerikanischen Sprachraum, aber auch in Asien zum Teil stärker rezipiert worden als Karl Barth. Geboren 1889 in Winterthur, wurde sein theologisches Interesse dank seiner pietistisch geprägten Familie und Umwelt schon früh geweckt. Während und nach seiner Schul- und Studienzeit blieb er trotz einer beachtlichen Entwicklung und intensiven Auseinandersetzung mit den aktuellen theologischen Strömungen im Pietismus verwurzelt und brachte dessen Anliegen einer persönlichen Gottesbeziehung in seinen Schriften immer wieder zum Ausdruck. Die frühen Vorbilder und prägenden Gestalten in Brunners Ausbildungszeit waren die Mitbegründer der religiös-sozialen Bewegung Hermann Kutter (1863-1931), der ihn konfirmierte, und Leonhard Ragaz (1868-1945), bei dem er studierte. Mit beiden führte er über viele Jahre eine intensive Korrespondenz, die jedoch verebbte, nachdem Brunner einen eigenständigeren theologischen Weg einschlug und immer mehr Meinungsverschiedenheiten die Beziehungen überschatteten. Indem sich Brunner nach seinem Studium Karl Barth und der dialektischen Theologie annäherte, rückte er die Gottesfrage ins Zentrum und liess die Gestaltung einer gerechteren Gesellschaft zeitweise in den Hintergrund treten, was seine Lehrer oftmals als Affront empfanden.
Trotz seiner offensichtlichen Begabung wurden der akademischen Karriere Brunners nach Abschluss seines Studiums Steine in den Weg gelegt. In der derzeit stark von der liberalen Theologie und dem Historismus geprägten theologischen Fakultät der Universität Zürich fanden sich mehrere Dozenten, die mit Brunners Angriff auf die Alleinherrschaft der historisch-kritischen Methode das eigene Lebenswerk und die Errungenschaften der neueren Bibelkritik gefährdet sahen. Nachdem ein erster Versuch, sich zu habilitieren, 1915 scheiterte und sich Brunner neben eines Amerikaaufenthalts mehrere Jahre lang in einer zurückgelegenen Gemeinde als Pfarrer betätigte, wurde die zweite, Hermann Kutter gewidmete Habilitationsschrift „Erlebnis, Erkenntnis und Glaube“ 1921 mit nur knapper Mehrheit angenommen. Eine ordentliche Professur erhielt Brunner 1924 gegen den Widerstand eines Teils des Kollegiums, weil sich der kantonale Kirchenrat für ihn einsetzte. In den folgenden vierzig Jahren entfaltete Brunner seine Wirkung in zahlreichen Schriften, Artikeln, Referaten, Vorlesungen, privaten Zusammenkünften und Vortragsreisen, unter anderem in Amerika. Er schloss sich zeitweise der Oxfordgruppen-Bewegung an, verliess diese aber, als sich seitens deren charismatischen Führers Frank Buchman eine naive Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus abzeichnete. Das Engagement in einer Erweckungsbewegung macht deutlich, dass sich Brunner für einen lebendigen, gelebten Glauben jenseits kirchlicher Institutionen einsetzte. Dieses Anliegen vertrat er auch in der ökumenischen Bewegung, in der er prägend mitwirkte, und in seinem Mandat für den CVJM. Letzteres führte ihn auf ausgedehnte Vortragsreisen und verschaffte ihm gegen Ende seines Wirkens eine zweijährige Gastprofessur in Japan. Brunners Leben und Werk ging einen Weg der Mitte, der ihn sowohl seitens der liberalen als auch seitens der konservativen Theologie der Kritik preisgab. Exemplarisch sei seine Bejahung der Bibelkritik erwähnt, die ihm die Zustimmung fundamentalistischer Gruppen verwehrte, während gleichzeitig seine vorwiegend theologische statt historische Begründung dafür bei den Liberalen auf Widerstand stiess. Nichtsdestotrotz offeriert Emil Brunner gerade in seinem Weg der Mitte theologisches Gedankengut, das in seiner Differenziertheit und Beziehung zum Leben, aber auch in seinem Bekenntnis zu einem real existierenden und wirkenden Gott nicht an Aktualität verloren hat.
1.2. Das Gebot und die Ordnungen
In seinem Werk „Das Gebot und die Ordnungen“, dessen Inhalt Thema der vorliegenden Arbeit ist, entfaltete Brunner eine „evangelische“ Ethik, die bis heute als „Meilenstein der Theologiegeschichte des 20. Jahrhunderts“ gilt.2 Das Buch, an dem er seit Anfang der dreissiger Jahre gearbeitet hatte, erschien 1932 bei J. C. B. Mohr in Tübingen. Brunner selbst hielt es für gelungen und hielt trotz einer gewissen Entwicklung stets an seinen Grundgedanken fest:
„Im Ganzen […] muss ich sagen: Ich bin noch bei keinem Buch so ruhig gewesen und habe
auch noch bei keinem wie bei diesem das Gefühl gehabt: so musste es sein – mag ich’s
später auch wieder anders sehen und sagen müssen.“3
Nichtsdestotrotz ging dem Werk eine lange, intensive Auseinandersetzung voraus. Als er noch in den Anfängen des Projekts steckte, schrieb er an seinen Freund Eduard Thurneysen:
„Ich komme mir vor wie einer, der sich durch einen Urwald einen Weg hauen muss, und
schon mehr als einmal meinte ich, nicht mehr durchzukommen. Es ist eine ungeheuerliche
Verwilderung in allen ethischen Begriffen, und die Arbeit des letzten Jahrhunderts ist hier
besonders dürftig […]. Es wird noch lang gehen, bis ich durch bin, und dann kommt erst
noch mal eine Verarbeitung von Literatur, die mir in der Regel erst hilft, wenn ich selbst mit
meiner Sache im Reinen bin. Freilich merke ich auch, dass sich die mühsame Arbeit lohnt;
ich glaube wirklich, wir sind daran, die reformatorische Ethik neu aufzubauen.“4
Dieser Anspruch, so sollte sich herausstellen, war keineswegs zu hoch gegriffen. „Das Gebot und die Ordnungen“ stiess auf ein gewaltiges Interesse und verkaufte sich in nur zwei Monaten tausend Mal.5 Da es unter der Herrschaft des Nationalsozialismus verboten wurde und keine weiteren Werke von Brunner in Deutschland publiziert werden durften (Restexemplare fielen der Vernichtung anheim), erschien die dritte Auflage des Buches in Zürich.6
Inhaltlich ist „Das Gebot und die Ordnungen“ in drei Bücher aufgeteilt: „Die Frage“, „Das Gebot“ und „Die Ordnungen“. Das erste Buch setzt sich intensiv mit der Geschichte der Ethik in der Philosophie und Theologie auseinander. Linien werden ausgezogen, Grundbegriffe geklärt und der Entwurf einer evangelischen Ethik als das „ganz andere“ Modell der natürlichen Sittlichkeit gegenübergestellt. Für Frank Jehle ist das erste Buch „insofern charakteristisch für Brunner, als er hier den ‚Feind’ auf seinem eigenen Gelände aufsucht, um ihn mit dessen eigenen Waffen zu schlagen.“7 Indem er die philosophischen ethischen Systeme, insbesondere „den naturalistischen Ansatz Epikurs und den idealistischen Kants“8 , konsequent „zu Ende“ denkt, deckt er ihre Widersprüche und Schwierigkeiten auf.
[...]
1 Biographische Angaben aus Jehle 2006
2 Jehle 2006, S. 253
3 An Thurneysen am 24. Mai 1932, zitiert nach: Jehle 2006, S. 254
4 An Thurneysen, wohl Ende 1930, zitiert nach: Jehle 2006, S. 254
5 Vgl. Jehle 2006, S. 254
6 Vgl. ebd., S. 256
7 Ebd.
8 Ebd.
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