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Der Untergang einer alten Welt und die Entstehung einer neuen in Joseph Roths Roman 'Hiob'

Scholary Paper (Seminar), 1999, 28 Pages
Author: Henning Radermacher
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 1999
Pages: 28
Grade: sehr gut
Language: German
Archive No.: V8111
ISBN (E-book): 978-3-638-15180-1

File size: 361 KB


Excerpt (computer-generated)

 

Der Untergang einer alten Welt und die Entstehung
einer neuen in Joseph Roths Roman ‚Hiob′

 



"Es ist morsch gewesen, und man hat es nicht gewusst"
Der Untergang einer alten Welt und die Entstehung einer neuen in Joseph Roths Roman ‚Hiob′

Eine Proseminararbeit von Henning Radermacher

 

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 3

2 ...es ist morsch gewesen, und man hat es nicht gewusst 5
2.1 Heimat 5
2.2 Erste Anzeichen 6
2.3 Amerika 7

3 Der Untergang einer alten Welt - die Entstehung einer neuen 9
3.1 Deborah Singer 10
3.2 Schemarjah/Jonas/Mirjam 12
3.3 Mendel Singer 14

4 Wer ist der wahre Hiob? 23

5 Bibliographie 27


Einleitung

Anfangs dieses Jahrhunderts leben die Ostjuden, umgeben von der ihnen gegenüber fremden und feindlichen Welt des zaristischen und kirchlich-antisemitischen Russland, in einer weitgehend entrechteten Situation, in ständiger Pogrom-Angst und in grosser wachsender Armut.
"Das Leben verteuerte sich von Jahr zu Jahr. Die Ernten wurden ärmer und ärmer..."
"In schmutzigen Strassen, in verfallenen Häusern leben die [Ost-]Juden. Der christliche Nachbar bedroht sie. Der Herr schlägt sie. Der Beamte lässt sie einsperren. Der Offizier schiesst auf sie, ohne bestraft zu werden. Der Hund verbellt sie, weil sie mit einer Tracht erscheinen, die Tiere ebenso wie primitive Menschen reizt."
Zunächst aber scheint diese Notlage die Familie Singer nicht zu gefährden, da sich für sie "Armut" und "Gleichmut" problemlos reimen und da die Familie aus der Notlage das gemeinsame Lebensgefühl einer ‚vertrauten Armut′ entwickelt.
Dieser Zustand könnte als Urzustand einer "bekümmerten Festlichkeit" geschildert werden: Die Wochentage bilden einen "Reigen aus Mühsal" , jedoch fällt auf sie immer neu das glänzende Licht des Sabbat. Das Leben spielt sich ab als Zusammenspiel von Licht und Dunkelheit, Kälte und Wärme, Gesang und Seufzen.

Die Familie Singer scheint fest auf dem Boden der traditionsgeleiteten Gesellschaft des ostjüdischen Schtetl zu stehen, in deren Rahmen die patriarchalische Familie zusammen mit der Synagoge die entscheidende Rolle spielt.
Es gehört zu dem in jahrtausendelanger Frömmigkeitstradition entwickelten Verständnis einer solchen Existenz, dass sie unbegriffen, aber geduldig akzeptiert und ertragen wird:
"′Was willst du, Deborah′, sagte Mendel Singer, ‚die Armen sind ohnmächtig, Gott wirft ihnen keine goldenen Steine vom Himmel, in der Lotterie gewinnen sie nicht, und ihr Los müssen sie in Ergebenheit tragen′"
Vielleicht sind Leiden und Unglück sogar als Strafe für eine verborgene Schuld hinzunehmen, und man darf sich erst sekundär durch Gebet (Mendel) oder Bemühungen um Wunder (Deborah) bei Gott für die Befreiung von Leid und Unglück einsetzen.

Es wird jedoch schnell offensichtlich, dass die alte Lebensordnung nicht mehr stark genug ist, um die Not innen und die Anziehungskraft der ‚Welt′ aussen auszugleichen oder gar letztlich unwirksam zu machen. Die "ökonomische Misere des Ostjudentums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts" ist so gross, und die unvermeidlichen wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen gehen in einem solchen Tempo vor sich, dass der "überkommene geistige und geistliche Rahmen das Gefüge der ostjüdischen Lebenswelt nicht mehr oder kaum noch zusammenhalten kann."

Joseph Roths Roman endet mit dem Pessach-Fest 1919 in New York, die Revolutions- und Sozialismusthematik der 20er Jahre spielt somit keine Rolle. Dadurch, dass der Roman die Thematik des alten Russlands, der ‚russischen Erde′ ernst nimmt, wird sogar ein deutlicher Anti-Revolutions-Akzent. Diese russische Welt hat Mendel Singer zu Grunde gehen sehen. Der Fokus des Romans liegt auf dem Spannungsfeld zwischen Galizien und New York, zwischen dem jüdischen Schtetl und dem amerikanischen Ghetto. Mit dem ersten Weltkrieg geht die Welt des Schtetl zugrunde, intakt bleibt höchstens noch die Sedergemeinschaft im Rahmen der Familie Skowronek. Als Messias des ‚neuen Weltgedanken′ erscheint am Ende des Romans der genesene Künstler Menuchim.

Der Wandel von der alten zur neuen Welt lässt sich auf drei Ebenen festmachen: auf einer sprachlichen, einer inhaltlichen und einer symbolischen. Schon auf der sprachlichen Ebene ist der Prozess des Verfalls spürbar. Im ersten Hauptteil werde ich auf die Rolle des Erzählers und die Erzähltechnik eingehen. Im zweiten Hauptteil werde ich zeigen, wie die verschiedenen Charaktere mit dem Verlust ihrer alten Identität umgehen, auf welche Weise sie die Assimilation an die ‚neue Welt′ vollziehen und wie sie ihr Schicksal bewältigen. Jede der fünf Hauptfiguren (Mendel, Deborah, Schemarjah, Jonas, Mirjam - die Entwicklung von Menuchim wird im letzten Hauptteil Thema sein) durchläuft eine unterschiedliche Entwicklung. Auf der symbolische Ebene schliesslich will ich veranschaulichen, wie Menuchim für den Untergang der ‚alten Welt′ steht. Unsichtbar für den Leser durchläuft er eine wundersame Entwicklung und erscheint am Ende als messianischer Verkünder der ‚neuen Welt′. Bei genauer Betrachtung des Textes zeigt sich, dass er die eigentliche Hiob-Figur ist.

...es ist morsch gewesen, und man hat es nicht gewusst

[...]


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