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Tiersymbolik im "Parzival" Wolframs von Eschenbach

Subtitle: Das Beispiel der Elster

Termpaper, 2006, 25 Pages
Author: Sabine Buchholz
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Event: „Mythisches - Heiliges - Höfisches: Parzival und der Gral. Ein literarischer Stoff und seine Medialisierungen vom Mittelalter bis in die Gegenwart“
Institution/College: University of Siegen (FB 3: Literatur-, Sprach- und Medienwissenschaften)
Tags: Tiersymbolik, Parzival, Wolframs, Eschenbach, Heiliges, Höfisches, Parzival, Gral, Stoff, Medialisierungen, Mittelalter, Gegenwart“
Category: Termpaper
Year: 2006
Pages: 25
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 27  Entries
Language: German
Archive No.: V82631
ISBN (E-book): 978-3-638-90617-3
ISBN (Book): 978-3-638-90623-4
File size: 192 KB

Abstract

Entstanden zwischen 1200 und 1210 und in 80 Handschriften und Fragmenten sowie einem Druck (1477) überliefert, stellt Wolframs von Eschenbach Parzival heute ein Werk von übermäßigem, kaum vergleichbarem historischen Wert dar. Unzählige Studien befassen sich mit dem auf der Urfassung Chrestiens fußenden Ritterepos um die Artusrunde und den heiligen Gral; die mittelalterliche Vorlage liefert Stoff für immer wieder neue Verfilmungen und literarische Motivabwandlungen – ein schier unerschöpflicher Fundus. Besonders gerühmt werden häufig Wolframs eigentümlicher Erzählstil und seine illustrative Symbol- und Bildsprache – und so zielt auch die vorliegende Arbeit darauf ab, sich in die Reihe der metapherndeutenden Analysen einzugliedern. Bereits im die narrative Position des Erzählers in Relation zu seinem fingierten Publikum präsentierenden Prolog treffen wir auf ein für das gesamte Epos entscheidendes, immer wieder metaphorisch erscheinendes Tier: die Elster. Das charismatische Federtier wiederum erweist sich schnell als Sinnbild einer wichtigen thematischen Sentenz, welche das Gesamtwerk quasi leitmotivisch durchzieht, und zwar die Problematik des (menschlichen) zwivels. Schon in diesen ersten Versen wird das Bild des Zweifels und Schwankens in einen hochkomplexen Konnex eingeflochten: Der Erzähler integriert es unverzüglich in den verzweigten metaphorischen Rahmen um komplementäre Gewalten (Himmel und Hölle) und ein manifestes animalisches Ideogramm: das der Elster. Einem gefiederten Leitfaden gleich taucht das schwarz-weiße Tierbild im Laufe des Versepos immer wieder auf, wobei es durchaus unterschiedliche Funktionen sowie Konnotationen anzunehmen vermag. Die Elster, wohl eines der bedeutungsträchtigsten aller bei Wolfram auftauchenden Tiere, welches in seiner Zwiespalts-Metaphorik wie ein Paradigma über dem Gesamtepos zu schweben scheint, gilt es nun in all seinen Symbolebenen zu erhellen und aufzuschlüsseln – zunächst einmal, noch recht losgelöst von der Wolframschen Darstellung, auf seine traditionellen Konnotationen und interkulturellen wie interdisziplinären Bedeutungsansätze hin, im Folgenden dann – einer Synthese gleichend – auf das spezifische Beispiel im Kontext des Parzivals, und hier besonders auch in der wahrhaften Vermenschlichung der Elster, dem Feirefiz und dessen Bezug zum verbrüderten Protagonisten.


Excerpt (computer-generated)

Universität Siegen, FB 3: Literatur-, Sprach- und Medienwissenschaften
Veranstaltung Veranstaltung: „Mythisches - Heiliges - Höfisches:
Parzival und der Gral. Ein literarischer Stoff und seine
Semester: WS 2005/06

Tiersymbolik im "Parzival" Wolframs von Eschenbach
Das Beispiel der Elster

von

Sabine Buchholz

 


Gliederung

I. Einleitung... 3

II. Das Symbol der Elster... 5

III. Die Elster in Wolframs Parzival... 9

a. Exkurs: Vögel bei im Parzival... 10
b. Die Figur des Feirefiz... 12
c. Die Elster im Kontext der Zweifelmetaphorik... 15
d. Der Kampf Parzivals mit Feirefiz... 18

IV. Fazit... 22

V. Bibliographie... 23


 

I. Einleitung

Entstanden zwischen 1200 und 12101 und in 80 Handschriften und Fragmenten sowie einem Druck (1477) überliefert, stellt Wolframs von Eschenbach Parzival heute ein Werk von übermäßigem, kaum vergleichbarem historischen Wert dar. Unzählige Studien befassen sich mit dem auf der Urfassung Chrestiens fußenden Ritterepos um die Artusrunde und den heiligen Gral; die mittelalterliche Vorlage liefert Stoff für immer wieder neue Verfilmungen und literarische Motivabwandlungen – ein schier unerschöpflicher Fundus. Besonders gerühmt werden häufig Wolframs eigentümlicher Erzählstil und seine illustrative Symbol- und Bildsprache – und so zielt auch die vorliegende Arbeit darauf ab, sich in die Reihe der metapherndeutenden Analysen einzugliedern.
Bereits im die narrative Position des Erzählers in Relation zu seinem fingierten Publikum präsentierenden Prolog treffen wir auf ein für das gesamte Epos entscheidendes, immer wieder metaphorisch erscheinendes Tier: die Elster. Das charismatische Federtier wiederum erweist sich schnell als Sinnbild einer wichtigen thematischen Sentenz, welche das Gesamtwerk quasi leitmotivisch durchzieht, und zwar die Problematik des (menschlichen) zwivels.2 Bezeichnenderweise beginnt das Vorspiel folgendermaßen:

Wenn das Herz mit Zweifeln lebt,
so wird es für die Seele herb.
Häßlich ist es und ist schön,
wo der Sinn des Manns von Kraft
gemischt ist, farblich kontrastiert,
gescheckt wie eine Elster.
Und doch kann er gerettet werden,
denn er hat an beidem teil:
am Himmel wie der Hölle. (1.1-9)3

Schon in diesen ersten Versen wird das Bild des Zweifels und Schwankens in einen hochkomplexen Konnex eingeflochten: Der Erzähler integriert es unverzüglich in den verzweigten metaphorischen Rahmen um komplementäre Gewalten (Himmel und Hölle) und ein manifestes animalisches Ideogramm: das der Elster. Einem gefiederten Leitfaden gleich taucht das schwarz-weiße Tierbild im Laufe des Versepos immer wieder auf, wobei es durchaus unterschiedliche Funktionen sowie Konnotationen anzunehmen vermag. Besonders vielsagend ist Wolframs trickreiche, einen gewieften narrativen Kunstgriff darstellende, weil das Tiersymbol quasi humanisierende Transformation des Vogelwesens – und somit auch seiner Bedeutungsträchtigkeit – in die Gestalt des von schwarzen und weißen Flecken auf Haut wie Haaren übersäten Halbbruders Parzivals, des Heiden Feirefiz, welcher bei einem Liebesabenteuer des gemeinsamen Vaters, Gahmuret, im fernen Afrika mit der schwarzen Königin von Zazamanc, Belacane, gezeugt wurde. Etymologisch gesehen ist die Namensgebung der Elsterngestalt, Feirefiz, wahrscheinlich herzuleiten von der französischen Bezeichnung „vaire fiz“, scheckiger Sohn.4 Dieses Faktum zeugt von erhöhter Relevanz: Feirefiz’ Name, sein gesamtes Gepräge also und folglich auch seine Persönlichkeit, wird somit unweigerlich gekoppelt an die signifikante und symbolstarke äußere Erscheinung des lange Zeit im Orient Beheimateten, welche, so kann gefolgert werden, die innerste Bedeutung seines Wesen auf entscheidende Weise determiniert und daher selbstverständlich einer gründlichen Analyse zu unterziehen sein wird.

Lange Zeit weiß Parzival nichts von seinem exotischen Blutsverwandten, erst im Ausklang des Epos enthüllt sich – ausgerechnet im Zweikampf mit dem Fremden – den Brüdern ihre Identität. Dieser Kampf und vor allem auch die gesamte Beziehung der beiden Ritter halten besonders viel symbolisches Material bereit, bedürfen daher einer differenzierten und dezidierten Betrachtung – durch ihre äußerlich-optischen und innerlich-religionszugehörigen Kontraste stets unter dem Zeichen des zweifarbigen Elsternvogels und seiner Farbmetaphorik stehend. Allein schon die Vieldeutigkeit der Symbolfarben konstituiert ein buntes Interpretationsfeld – und die spezifische Komplementärkombination der – wie sich zeigen wird, jeweils ambivalent angelegten – Kontrastfarben Schwarz und Weiß stellt einen besonders auffallenden und gegensätzliche Empfindungen vereinenden Wirkungskomplex dar, bedarf daher der eingehenden Prüfung. Die Elster, wohl eines der bedeutungsträchtigsten aller bei Wolfram auftauchenden Tiere, welches in seiner Zwiespalts-Metaphorik wie ein Paradigma über dem Gesamtepos zu schweben scheint, gilt es nun in all seinen Symbolebenen zu erhellen und aufzuschlüsseln – zunächst einmal, noch recht losgelöst von der Wolframschen Darstellung, auf seine traditionellen Konnotationen und interkulturellen wie interdisziplinären Bedeutungsansätze hin, im Folgenden dann – einer Synthese gleichend – auf das spezifische Beispiel im Kontext des Parzivals, und hier besonders auch in der wahrhaften Vermenschlichung der Elster, dem Feirefiz und dessen Bezug zum verbrüderten Protagonisten.

II. Das Symbol der Elster

[...]


1 Diese Daten sind lediglich ableitbar anhand der Hinweise auf politische Ereignisse der Zeit, wie etwa die Zerstörung der Weingärten.

2 „Zwîvel“ ist bezeichnenderweise bereits das zweite Wort der Gesamterzählung, denn der erste Originalvers lautet: „Ist zwîvel herzen nâchgebûr“.

3 Wie dieses erste werden auch die folgenden Zitate aus dem Wolframschen Primärwerk allesamt in der Übertragung Dieter Kühns angeführt. (Siehe Primärliteratur.)

4 Diese Deutung wurde ursprünglich suggeriert von Karl Bartsch (vgl. Bartsch, 138); Unterstützung findet diese Vermutung z.B. bei Blamires, 442-443.


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