Die Relevanz des Theodizee-Problems in dem Gedicht "El male rachamim" von Yehuda Amichai

Autor: Margarete Roewer
Fach: Judaistik

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Details

Veranstaltung: Proseminar
Institution/Hochschule: Freie Universität Berlin (Institut für Judaistik)
Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2006
Seiten: 25
Note: 2,0
Literaturverzeichnis: ~ 13  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 229 KB
Archivnummer: V82921
ISBN (E-Book): 978-3-638-88233-0
ISBN (Buch): 978-3-638-88888-2

Zusammenfassung / Abstract

Ein großer Teil jüdischer Theodizee-Entwürfe nach Auschwitz knüpft an traditionelle Denkmuster und bibelgeschichtliche Sinnmodelle an, deutet das Leiden als Prüfung auf Liebe, Gerechtigkeit oder Gehorsam, wie in der Geschichte Hiobs oder des Sohnesopfers des Abraham. Eine sehr radikale und entgegen gesetzte Antwort auf die Theodizee-Frage nach Auschwitz ist, dass es unmöglich erscheint, von einem gnädigen Gott der Bibel zu sprechen. Gott, der vollkommen, allmächtig und barmherzig sein soll, fügt seinem angeblich „auserwählten Volk“ dennoch die Schoah zu. Dementsprechend spricht der Rabbiner Richard L. Rubenstein von einer jüdischen Tod-Gottes-Theologie. Eine totale Absage an den jüdischen Gott angesichts der Katastrophe von Auschwitz. Er geht sogar so weit, zu sagen, dass Gott Adolf Hitler gesendet hat, um das europäische Judentum auszurotten. Es cheint deshalb geradezu anstößig, von einem liebenden Gott zu sprechen. Für ihn gab es folglich nur zwei Möglichkeiten: Entweder es existiert ein „sadistischer und launischer Gott“, oder aber Gott existiert nicht, denn ein allmächtiger und gerechter Gott ließe so etwas nicht zu. Doch ginge man davon aus, dass es Gott nicht gibt, wäre ausschließlich der Mensch Täter! In der vorliegenden Arbeit soll die Relevanz des Theodizee-Problems in dem Gedicht el male rachamim von Yehuda Amichai untersucht werden. Der Autor hat viel Elend gesehen und den Judenhass am eigenen Leib zu spüren bekommen. Er erlebte viele Kriege und sah viele Menschen sterben. Es liegt nahe und ist verständlich, dass Amichai seinen Glauben an Gott hinterfragt und das, was er glaubt zu reflektieren versucht. Wie kann er noch an einen gütigen und gnädigen Gott glauben? Wenn Gott Leid zulässt und es nicht verhindert, dann kann er nicht allmächtig und gut sein. Dies würde dem Vollkommenheitsbegriff, den man von Gott hat, widersprechen. Anhand Amichais Gedichts werde ich aufzeigen, dass Amichai sich mit dem Theodizeeproblem beschäftigt. Ist das Gedicht eine radikale Absage Amichais an den Gott der jüdischen Glaubnestradition angesichts der Leiden in der Welt? Oder ist es gar so, dass der Autor dennoch an die Gnade Gottes glaubt?

Textauszug (computergeneriert)

FU Berlin
FB Geschichts- und Kulturwissenschaften
Institut für Judaistik
Proseminar: Einführung in das Werk Yehuda Amichais
WiSe 2005 / 2006

Die Relevanz des Theodizee-Problems in dem Gedicht
El male rachamim von Yehuda Amichai

von

Margarete Roewer

7. Semester

 

 

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung  3

1.1 Problemstellung  3
1.2 Methodischer Zugang  5

II. Hauptteil  7

2.1 Grundzüge der biblischen Gotteslehre  7
2.2 Theodizee  9
2.3 Biographische Hintergründe des Autors Yehuda Amichai  12
2.4 Interpretationsversuch des Gedichtes El male rachamim und die Darstellung des Theodizee-Relevanz in Yehuda Amichais Werk  14

III. Schluss  21

IV. Anhang  23

V. Literaturverzeichnis  25

 

 

I. Einleitung

1.1 Problemstellung

Ein großer Teil jüdischer Theodizee-Entwürfe nach Auschwitz knüpft an traditionelle Denkmuster und bibelgeschichtliche Sinnmodelle an, deutet das Leiden als Prüfung auf Liebe, Gerechtigkeit oder Gehorsam, wie in der Geschichte Hiobs oder des Sohnesopfers des Abraham.

Eine sehr radikale und entgegen gesetzte Antwort auf die Theodizee-Frage nach Auschwitz ist, dass es unmöglich erscheint, von einem gnädigen Gott der Bibel zu sprechen. Gott, der vollkommen, allmächtig und barmherzig sein soll, fügt seinem angeblich „auserwählten Volk“ dennoch die Schoah zu.

Dementsprechend spricht der Rabbiner Richard L. Rubenstein von einer jüdischen Tod- Gottes-Theologie.1 Eine totale Absage an den jüdischen Gott angesichts der Katastrophe von Auschwitz. Er geht sogar so weit, zu sagen, dass Gott Adolf Hitler gesendet hat, um das europäische Judentum auszurotten.2 Es scheint deshalb geradezu anstößig, von einem liebenden Gott zu sprechen. Für ihn gab es folglich nur zwei Möglichkeiten: Entweder es existiert ein „sadistischer und launischer Gott“3, oder aber Gott existiert nicht, denn ein allmächtiger und gerechter Gott ließe so etwas nicht zu.4 Doch ginge man davon aus, dass es Gott nicht gibt, wäre ausschließlich der Mensch Täter!

Der Rabbiner Eliezer Berkovitz hingegen sucht eine Lösung in der jüdischen Vorstellung von Gottes verborgenem Antlitz. Der sich verbergende Gott ist der rettende Gott.5 Gott verbirgt sich, aber auf geheimnisvolle Weise. So wurde die Schoah möglich durch den pervertierten Gebrauch menschlicher Freiheit und die Langmut Gottes.6 Denn Freiheit und Verantwortung gehören zum unveräußerlichen Wesen des Menschen. Ohne sie ist der Mensch nicht menschlich, sondern determiniert, ohne eigenen Willen. Soll es den Menschen geben, muss ihm gestattet sein, seine Entscheidung in Freiheit zu treffen. Selbst Gott muss diese Freiheit achten. Gott kann nicht immer dann eingreifen, wenn ihm die Art und Weise, wie der Mensch seine Freiheit gebraucht, missfällt. Wenn er solche Freiheit besitzt, wird er sie gebrauchen. 

Indem er sie gebraucht, wird er sie oft missbrauchen und wird sich falsch entscheiden. Daraus entsteht das Leid der Unschuldigen.

Darum lautet nach Berkovitz die Frage nicht: „Warum gibt es unverdientes Leid? Sondern, warum gibt es den Menschen?“7 Er betont bei seiner Theodizee vor allem die Verantwortung des Menschen bei dem Versuch, das jüdische Volk auszurotten. Hier wurde für Berkovitz der „Zusammenbruch des Menschen als moralisches Wesen“8 in der Zeit der Schoah offenbar.

Soll und muss man folglich nicht nur von der Theodizee sprechen, sondern ist es nicht mindestens genauso notwendig, sich der Anthropodizee zu stellen?

Waren es nicht Adolf Hitler und seine Verbündeten, welche die Schoah möglich machten? Und war es nicht letztlich der Mensch, der die furchtbaren Taten vollzogen hat? Hat nicht der Mensch den Bund mit Gott gebrochen? Und ist es nicht so, dass Gott den Bund mit den Menschen hält, trotz der Sünde des Menschen?

Es bleibt die Frage: Wer muss sich eigentlich rechtfertigen und wer muss gerechtfertigt werden? Denn Gott steht nicht nur seinem Geschöpf gegenüber, sondern seinem sündigen Geschöpf. Muss und sollte nicht das Unrecht des Menschen dem Recht Gottes gegenüber stehen?

Ein jüdischer ultra-orthodoxer Theologe, namens Yoel Taitelbaum, sieht das den Juden ergangene Leid als eine Strafe für deren Verfehlungen.9 Auf Grund ihrer Sünde mussten sie aus ihrem Land ins Exil gehen.

Selbst wenn man angesichts aller Widersprüche und Katastrophen keine Antworten findet, so bleibt immer noch die Möglichkeit, die auch Hiob blieb, im Vertrauen auf Gott zu leben, im Glauben an ihn zu zweifeln, mit dem Verstand zu forschen und es doch im Herzen zu wissen. Es ist und bleibt aber verständlich und sollte respektiert werden, wenn diese Antwort für Menschen, die großes Leid erfahren haben, unbefriedigend ist. Die Theodizee ist eine Gradwanderung, ein schwieriges Unterfangen, denn während man Gott in Anbetracht des Bösen in der Welt rechtfertigt, kann die Tendenz bestehen, auch das Böse zu rechtfertigen und zu moralisieren. Inwiefern findet nun das Theodizee-Problem seinen Platz in Yehuda Amichais Gedicht El male rachamim?

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1 Lenzen, Verena, Jüdisches Leben und Sterben im Namen Gottes, München 1995, S. 142.

2 Neuhaus, Peter, Das Undenkbare leben – Jüdische Theologie nach Auschwitz, http://www.unisiegen. de/~ifan/ungewu/heft8/htm, 09.03.2006.

3 Ebd., S. 4.

4 Ebd., S. 4.

5 Lenzen, Jüdisches Leben und Sterben im Namen Gottes, S. 139.

6 Ebd., S. 139.

7 Lenzen, Verena, Jüdisches Leben und Sterben im Namen Gottes, München 1995, S. 139.

8 http://www.uni-siegen.de/~ifan/ungewu/heft8/neuhaus8.htm, 09.03.2006, S. 6.

9 Funkenstein, Amos, Perceptions of Jewish History, 1993 USA, S. 307.

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