Register or log in at GRIN

Your e-mail-address or password is wrong
Register now
For new authors: free, easy and fast
This will be used as your user name, please specify a valid e-mail address

Lost password

Your e-mail-address or password is wrong

Request a new password
Ein (digitalisierter) Thesaurus der Literaturwissenschaft? close

Please wait

Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.

Ein (digitalisierter) Thesaurus der Literaturwissenschaft?

Scholarly Essay, 1987, 23 Pages
Author: Dr. Wolfgang Ruttkowski
Subject: Information Management

Details

Category: Scholarly Essay
Year: 1987
Pages: 23
Language: German
Archive No.: V8299
ISBN (E-book): 978-3-638-15306-5
ISBN (Book): 978-3-638-79905-8
File size: 184 KB
Notes :
Gedruckt in: Acta Humanistica XVI/4, Humanities Series No. 14 (Kyoto March 1987) 326-352.


Abstract

Ein Literaturthesaurus kann nicht das Ergebnis einer wissenschaftlichen Klärung der in ihm enthaltenen Begriffe sein, sondern er muss dieser vorangehen. Es erscheint praktischer, Explikationen literarischer Begriffe in einer Datenbank zu speichern, die etwa einer Universitätsbibliothek angeschlossen wäre und von der dortigen literaturwissenschaftlichen Abteilung "verwaltet" würde. Von dort aus wäre die Information jederzeit abrufbar, entweder postalisch übermittelt, oder von Computer zu Computer. Die Grundlage einer solchen Sammlung von ständig revidierten Definitionen mit periodisch ergänzten Literaturangaben könnte ein Literaturthesaurus (der auch in Buchform erhältlich wäre) sein. Er würde sozusagen das (selbst immer wieder revidierte und vervollständigte) "Gerüst" abgeben, dessen "slots" je nach vorhandenen Experten nach einem festgelegten Format allmählich mit Explikationen "gefüllt" würden. Der Experte, der für die jeweilige Definition des Begriffs verantwortlich zeichnet, könnte auch dazu verpflichtet werden, die Literaturangaben auf dem neuesten Stand zu halten. Nach und nach würde es sich einbürgern, dass literaturwissenschaftliche Arbeiten, die sich nicht ausdrücklich von der Sprachfestlegung in der Datenbank absetzen und diese durch eine neue ersetzen, in ihrer Begriffsverwendung auf die Definition der Datenbank bezogen würden. Auf diese Weise könnte sich allmählich eine gewisse Einheitlichkeit der Terminologie durchsetzen. Und nur in diesem (mittelbaren) Sinne könnte ein Literaturthesaurus tatsächlich zur "Verwissenschaftlichung“ der literaturwissenschaftlichen Begriffe beitragen.


Excerpt (computer-generated)

Ein (digitalisierter) Thesaurus der Literaturwissenschaft?

Wolfgang Ruttkowski

Wie I. A. Richards in seiner Einleitung zu Roget′s Pocket Thesaurus1 gesagt hat, ist ein Thesaurus "das Gegenteil eines Wörterbuchs. Man greift zum Wörterbuch, wenn man ein Wort hat, aber nicht ganz sicher ist, was es bedeutet [...] Man greift zum Thesaurus, wenn man schon die Bedeutung im Sinn hat, jedoch noch nicht das passende Wort. Es mag einem auf der Zungenspitze liegen [...] aber man hat es noch nicht parat. Es ist wie das fehlende Wort eines Kreuzworträtsels. Man spürt genau, dass andere Worte, die man durchprobiert, den Sinn nicht genau treffen [...] Sie sagen zu viel oder zu wenig, sind zu banal oder zu pompös, zu wohlwollend oder zu abwertend. Aber das Wort, das gerade passt, stellt sich nicht ein. Dann greift man zum Thesaurus." - Diese Begründung, die sich auch in dem bekannten Buchtitel "Word Power Made Easy"2 andeutet, hat wahrscheinlich vor mehr als 130 Jahren die Zusammenstellung des ersten Thesaurus3 motiviert.
Im Finden des passenden Wortes liegt jedoch nicht sein einziger Sinn. Denn diese Aufgabe erfüllt auch ein Synonymenlexikon4. Vor allem macht ein echter Thesaurus (wie der von Roget in seinen vielen Überarbeitungen und Neuauflagen) den Begriffsschatz einer Sprache erst übersicht1ich. Das gilt noch viel mehr für den Begriffsschatz einer einzelnen Disziplin, besonders der Literaturwissenschaft, die seit langem an der ,,Unwissenschaftlichkeit" ihrer Terminologie leidet5.
Nun gibt es bereits viele Literaturlexika, auch solche, die sich auf die Sachbegriffe spezialisieren6, jedoch noch keinen Thesaurus der Literaturwissenschaft7. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass man meint, man müsse den Wildwuchs literarischer Sachbegriffe aus vielen Jahrhunderten erst logisch-systematisch durchleuchten, vieldeutige Begriffe auf einen Sinn festlegen, unklare klären oder durch bessere ersetzen, sich überschneidende klar voneinander abgrenzen, bevor man den Begriffsschatz geordnet in einem Thesaurus anbieten könne. - Darauf wäre zu erwidern, dass auch das Vokabular eines allgemeinen Thesaurus irgendeiner Sprache nicht systematisch entwickelt worden ist und sich deshalb nicht völlig befriedigend nach logischen Gesichtspunkten anordnen lässt. - Außerdem könnte man dann die Hoffnung auf einen literaturwissenschaftlichen Thesaurus gleich begraben. Denn es ist zweifelhaft, ob sich die vielen konkurrierenden Richtungen und Schulen der Literaturwissenschaft jemals auf eine Terminologie einigen und festlegen lassen werden. - Und selbst wenn das erreichbar wäre, bestünde dann immer noch die überwiegende Mehrzahl aller Konzepte aus sogenannten "historischen"8, deren Bedeutungen sich häufig in jahrhundertlanger Entwicklung verschoben und überlagert haben9. Hier helfen selbst Einigkeit und guter Wille nicht. In diesem Synonymendschungel kommt der Literaturwissenschaftler nicht darum herum, die meisten seiner Begriffe jeweils für den Gebrauch festzulegen. - Schließlich könnte man geltend machen, dass gerade ein Thesaurus als Grundlage für eine wenigstens tei1weise Vereinheitlichung unserer Terminologie dienen könnte. Bevor man Ordnung schaffen kann, muss man ein Gebiet überschauen. Und insofern sich die Literaturwissenschaft in ihrem Begriffsschatz spiegelt, ist ein Thesaurus das vorzüglichste Instrument, sie in allen ihren Verzweigungen und Teilaspekten überschaubar zu machen. Denn die existierenden Handbücher bieten ja nur die Begriffe, die in ihr jeweiliges Programm passen. Die Sachwörterbücher hingegen stellen die Begriffe nicht systematisch sondern alphabetisch zusammen.
Die Unterschlagung von bereits existierenden Begriffen, die den Herausgebern unklar oder überflüssig vorkommen, widerspräche geradezu der traditionellen Aufgabe eines Thesaurus. Besonders für ein begrenztes Gebiet wie die Literaturwissenschaft wäre unbedingt Vollständigkeit anzustreben. Am stärksten abzulehnen ist die Übergehung von Begriffen aus politischen oder weltanschaulichen Gründen10. Wer wertenden Tendenzen nachgibt, seien sie politisch oder wissenschaftlich motiviert, beraubt einen Thesaurus gerade seiner Möglichkeit, als Grundlage für den Methoden- und Terminologiestreit zwischen den verschiedenen Schulen zu dienen.
Es fragt sich jedoch, ob es sich noch lohnt, einen Thesaurus der Literaturwissenschaft nur in einer Sprache herzustellen. Der eben erwähnte Methodenstreit wird nämlich zunehmend auf internationaler Ebene11, zumindest auf europäischer, ausgetragen; wenn es auch nicht zu leugnen ist, dass die Deutschen sich an theoretischen Auseinandersetzungen mit besonderem Eifer beteiligen. Vergleichende Gesichtspunkte setzen sich immer mehr durch. Maßgebende Werke werden sofort übersetzt. Die nationalen Philologien streifen ihre Provinzialität ab, auch wo sie weiterhin regionale Phänomene untersuchen. - Ich habe an anderer Stelle12 zu zeigen versucht, mit welchen Schwierigkeiten die Komparatistik rechnen muss, sobald sie über den "westlichen" (europäisch-amerikanischen) Bereich hinausschaut. Innerha1b der europäischen Literaturwissenschaft ist jedoch ein Vergleich und eine allmähliche Angleichung der Terminologien nicht nur wünschenswert, sondern auch im Prinzip möglich.13
Die praktische Gestaltung eines europäischen Literaturthesaurus ist jedoch eine andere Frage. Es scheint unmöglich zu sein, einen sorgfältig gearbeiteten Thesaurus mehrsprachig in einem Band anzulegen, etwa nach Art unseres Nomenclator Das notwendige Verweisungssystem von jedem Begriff auf die entsprechenden der anderen Sprachen müsste zu kompliziert ausfallen, als dass ein solches Buch noch praktisch wäre. - In ihrer deutschen Fassung von Rogets Thesaurus14 sind Wehrle/Eggers so eng wie möglich dessen Gliederung gefolgt, um u. a. einen Vergleich des Wortschatzes der beiden Sprachen zu ermöglichen. Sie haben damit eine noch bei weitem nicht ausgeschöpfte Fundgrube für die vergleichende Linguistik geschaffen. Denn diese interessiert sich bekanntlich u. a. dafür, für welche Lebensbereiche verschiedene Sprachen ein besonders differenziertes Vokabular entwickelt haben - und wie dieses jeweils im Einzelnen beschaffen ist. - Damit wäre auch für einen Literaturthesaurus eine Möglichkeit internationaler Begriffsverarbeitung angedeutet: jeweils verschiedene nationale Teams bearbeiten getrennte Thesauri, denen jedoch ein einheitliches Eintei1ungsschema zugrundegelegt wird, welches sie vergleichbar macht. Dieses muss deshalb so undogmatisch und flexibel wie möglich sein, damit es von anderen nationalen Literaturthesauri übernommen werden kann. Es ist noch nicht einmal notwendig, dass die Numerierung der Begriffsgruppen nachgeahmt wird, obwohl das die vergleichende Analyse sehr erleichtern würde. Wenn zumindest das System zugrundegelegt würde, könnte der Interessierte leicht die entsprechenden Gruppen finden und damit die Terminologien bis in einzelne Begriffskomplexe hinein vergleichen.
Alle echten Thesauri bestehen aus zwei Teilen: dem systematischen, in dem Begriffe in Wortkomplexen oder -feldern angeordnet werden, und dem Index, in dem sie nochmals in alphabetischer Reihenfolge erscheinen, die mehrsinnigen in ihre Bedeutungsschattierungen (mit entsprechenden Gruppennummern) aufgefächert. Der systematische Teil dient also (in Dornseiffs Worten) der "Bezeichnislehre", der alphabetische der "Bedeutungslehre".
Definitionen und Erläuterungen kann jedoch ein Thesaurus nicht geben. Dafür ist kein Platz. - Jedoch wäre zu überlegen, ob nicht durch ein abgekürztes Verweisungssystem auf die entsprechenden Artikel in den gängigsten- Literaturlexika (letzte Auflage) hingewiesen werden könnte. Das Mitarbeiterteam müsste also gleich zu Arbeitsbeginn eine Liste der ergiebigsten Nachschlagewerke erstellen und sich auf Abkürzungen einigen (je öfter das Werk zitiert wird, desto kürzer sollte möglichst die Sigle sein), die nach jedem Begriff zusammen mit der Seitenzahl aufgeführt werden. Für häufig gebrauchte Begriffe ("Novelle" oder "Sonett") sind diese Hinweise fast entbehrlich, es sei denn, man wolle mit ihnen auf besonders gute Definitionen aufmerksam machen. Für weniger bekannte aber (wie ,,Innere Form"oder "Schachzabelbuch") sind sie äußerst nützlich. Sie machen diesen Thesaurus zugleich zu einem "Wörterbuch der Wörterbücher" (Bisher gab es nur eine "Bibliographie der Bibliographien").
Unser Handbuch müsste also folgendes zugleich sein: 1. ein echter Thesaurus, d. h. nicht nur ein Synonymenlexikon, sondern ein Werk, das erstmalig einen vollständigen Überb1ick über den gesamten Begriffsschatz der deutschen Literaturwissenschaft ermöglicht; 2. das bisher umfassendste Literaturwörterbuch15, welches in seinem Index zugleich ein Homonymenlexikon der Literaturwissenschaft bietet; 3. das erste "Lexikon der Lexika", dessen Siglen-Verweise nach jedem Begriff auf die besten Definitionen verweisen.

[...]

1 Ed. C. 0. S. Mawson, New York: Crowell 1922; Pocket Books 1946, 781 967. Zitat in meiner Übersetzung

2 von Norman Lewis. New York: Permabook M 4020. Mehr als eine Million Exemplare wurden davon verkauft.

3 Peter Mark Roget. Thesaurus of English Words and Phrases Classified and Arranged so as to Facilitate the Expression of Ideas and Assist in Literary Composition. 1852. jetzt in immer neuen Auflagen als Roget′s International Thesaurus (mit mehr als 200,000 Wörtern und Redewendungen) und in abgekürzter Form als Roget′s Pocket Thesaurus. Deutsche Bearbeitung von H. Schlessing, Deutscher Wortschatz 1881; seit ca. 1911 herausgegeben von Hugo Wehrle, seit 1961 von Hans Eggers (ca. 120,000 Wörter und Redewendungen). Stuttgart: Ernst Klett 12. Aufl. 1961. - Der bedeutendste Konkurrent für Wehrle-Eggers ist das gleich umfangreiche Buch von Franz Dornseiff, Der Deutsche Wortschatz nach Sachgruppen, Berlin: De Gruyter 1933, 6. Aufl. 1965.

4 z. B. Sag′ es treffender von A. M. Textor. Überarbeitete Aufl. Berlin: Dt. Buchgemeinschaft 1973.

5 Über dieses Thema gibt es mittlerweile eine ganze Literatur. Vom 2.-5. Sept. 1986 fand an der Universität Würzburg ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft veranstaltetes Symposium über Probleme der Literaturterminologie statt. Der Berichtsband enthält eine umfassende Bibliographie zu diesem Thema. (Hg. Christian Wagenknecht: Zur Terminologie der Literaturwissenschaft, 1986).

Die Literatur zum Thema "Fachsprachen" ist in den letzten Jahren riesig angewachsen. Zur Einführung mögen die Auswahlbibliographien in R. Fluck: Fachsprachen (München 1976) und W. v. Hahn, Hg.: Fachsprachen (Darmstadt 1981) dienen, sowie die Informationen in der Zeitschrift Fachsprache. Nützlich sind auch die Beiträge in dem von Heinrich P. Kelz herausgegebenen Tagungsbericht Fachsprache Sprachanalyse und Vermittlungsmethoden. (Bonn: Dümmlerbuch 6302, 1983) sowie in der von Theo Bungarten herausgegebenen Anthologie Wissenschaftssprache. Beiträge zur Methodologie, theoretischen Fundierung und Deskription (München 1981).

6 In meinem Nomenclator Litterarius (Bern-München: Francke 1980, Sn. 363-371) befindet sich ein internationales Verzeichnis von Sachwörterbüchern der Literaturwissenschaft mit Angaben über die Anzahl der in den aufgeführten Werken enthaltenen Begriffe.

7 Claus Friedrich Köpp, der sein umfangreiches Buch, Literaturwissenschaft; Literaturwissenschaftstheorie, Forschungssystematik und Fachsprache (Berlin: Akademie-Verlag 1980) als umfassenden Versuch der Vorbereitung eines verbindlichen literaturwissenschaftlichen Thesaurus versteht, bezeichnete mein kleines Literaturwörterbuch (München-Bern: Francke 1969) als "ersten Thesaurus der Literaturwissenschaft" (S. 371). Ein so hohes Ziel hatte ich mir damals nicht gesteckt. Ich hatte lediglich systematisch angeordnete Listen immer wieder gebrauchter Begriffe in drei Sprachen, die ich ursprünglich für meine amerikanischen Komparatistik-Studenten entworfen hatte, ein wenig erweitert und veröffentlicht, - als praktische Studienhilfe und nichts weiter. Deshalb mussten Köpp und andere auch viele theoretische und methodologische Begriffe vermissen, die man eben in amerikanischen Literaturseminaren damals nicht brauchte, ja tunlichst vermied, wenn man sich nicht mit leeren Stühlen unterhalten wollte. - Es ist charakteristisch für die deutsche Kritik, dass diese Auslassungen sofort als Symptome für meine wissenschaftliche ,,Rückständigkeit" interpretiert wurden und nicht einfach als praktische Entscheidung. - In einem ersten Thesaurus mit wissenschaftlichen Ansprüchen müssten jedoch alle Begriffe enthalten sein, also auch die theoretischen.

8 im Sinne von T. Todorov (Litterature et signification. Paris 1967).

9 Mit dieser Problematik befasst sich eingehender mein Symposiumsbeitrag, "Der Geltungsbereich unserer literarischen Sachbegriffe", der im unter Anm. 5 erwähnten Berichtsband (Sn. 80-104) erschien. Vergl. auch meinen Aufsatz: ,,Probleme beim Vergleich von Literaturterminologien" In: Akten des VII. Internat. Germanisten-Kongresses 4 (1991) 412-421.

Wenn die verschiedenen Richtungen - sei es auch nur in einem Land - sich auf einen Sprachgebrauch einigen würden, wären sie eben keine verschiedenen Richtungen mehr. Ihr Sprachgebrauch ist eng mit ihrem jeweiligen weltanschaulichen Hintergrund und ihren politischen Überzeugungen verbunden und lässt sich deshalb nicht von diesen ablösen und vereinheitlichen. Man denke etwa an die ganz verschiedenen Interessen und Maßstäbe, die z. B. die marxistische und die sogen. "bürgerliche" Literaturwissenschaft auf identische Werke der Literatur projizieren. - Vergl. meinen Aufsatz ,,Nachträgliche Überlegungen zur soziologischen Methode" in: Acta Humanistica 18/4 Humanities Series No. 16 (1989) 156-182.

10 Aber auch die Zimperlichkeit, mit der in den allgemeinen Thesauri Ausdrücke der sexuellen Sphäre vermieden werden, mutet uns heute lächerlich an.

11 Man denke z. B. an die verschiedenen Schulen des "Strukturalismus" sowohl in der Linguistik wie auch in der Literaturwissenschaft. -

12 Siehe Anm. 5.

13 Auf "weltweiter Basis" halte ich einen Thesaurus der Literaturwissenschaft für unmöglich; und zwar nicht in erster Linie wegen des Umfangs des Begriffsmaterials, sondern wegen seiner Beschaffenheit, die in anderen Kulturkreisen grundlegend verschieden ausfallen müsste.

14 Siehe Anm. 3. - Eggers beschreibt im Vorwort (S. IX), wie sein Vorgänger, H. Schlessing, den Fehler beging, auch das englische Vokabu1ar durch künstliche deutsche Neubildungen nachzuahmen. Diese Gefahr liegt in der literaturwissenschaftlichen Terminologie mit ihrer Neigung zum Gebrauch von Fremdworten besonders nahe, sollte aber vermieden werden. Denn gerade das Fehlen bestimmter Begriffe in bestimmten nationalen Literaturwissenschaften ist aufschlussreich.

15 Wie würde sich nun der Begriffsschatz des Thesaurus zu dem des Nomenclator verhalten ? - Der letztere enthielt zur Zeit seines Erscheinens die bei weitem umfangreichste Zusammenstellung literarischer Sachbegriffe aus sieben europäischen und vielen außereuropäischen Sprachen. Das war möglich, da er auf Erläuterungen verzichtet, wo immer das möglich schien. - Da er vielsprachig angelegt ist, wird er durch den Thesaurus nicht ersetzt werden. Der letztere sollte nun aber wirklich alles enthalten, was in Deutschland jemals als literaturwissenschaftlicher Begriff gebraucht worden ist; d. h. auch fragwürdige Auffächerungen literarischer Gattungen (wie etwa bei Wilpert "Agentenroman", "Arztroman" etc.) und natürlich alle jetzt kaum mehr gebrauchten Ausdrücke der antiken Metrik und Rhetorik, besonders aber alle Neuschöpfungen (wie "Polit-Thriller" oder "High Camp"). - Denn was jemand für "wesentlich" hält, ist weitgehend Ermessenssache, und deshalb sollte der erste deutsche Literaturthesaurus sich um Vollständigkeit bemühen. Nichts ist ärgerlicher, als wenn man in einem solchen Werk immer gerade jene ausgefallenen Begriffe nicht findet, die auch kein anderes Lexikon verzeichnet, dafür aber all jene, die auch anderwärts mühelos gefunden werden können.

Der Nomenclator enthält ungefähr 3000 deutsche Begriffe. Wenn wir annehmen, dass höchstens noch 1000 dazukommen (ich habe seit seinem Erscheinen noch etwa 500 Begriffe gefunden) und all diese mindestens zweimal im Buch erscheinen (im systematischen Teil und im Index), jedoch nur wenige häufiger als dreimal, und dass die abgekürzten Literaturhinweise nach jedem Begriff durchschnittlich nicht mehr Raum einnehmen als drei weitere Begriffe, so lässt sich abschätzen, dass unser Thesaurus zwischen 20,000 und 24,000 mittlere Wortlängen umfassen würde und sogar noch als preiswert kalkuliertes Taschenbuch erscheinen könnte. Entscheidend ist jedoch, wie die Begriffe drucktechnisch angeordnet werden, in Tabellenform, wie im alten Roget, oder fortlaufend, wie bei Dornseiff und Wehrle/Eggers. Und entscheidend ist auch, wie viele Literaturhinweise nach jedem Begriff aufgenommen werden sollen.


Comments

No comments yet

Add Comment
Your comment is reviewed before being published

Other users also were interested in the following titles:

Zweite Moderne oder Postmoderne?

Author: Dipl. Werner Nehls
Art - Architecture / History of Construction, 2008 Download as PDF-file for 19,99 EUR

This text can be quoted and accessed from this url:

http://www.grin.com/e-book/8299/ein-digitalisierter-thesaurus-der-literaturwissenschaft
please wait Please wait