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Magisterarbeit, 2007, 105 Seiten
Autor: Stefanie Röfke
Fach: Russistik / Slavistik
Details
Tags: Zerfalls“, Kosmos, Andrzej, Stasiuk
Jahr: 2007
Seiten: 105
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 77 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-19911-2
ISBN (Buch): 978-3-640-25911-3
Dateigröße: 653 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Im Zuge der vielfältigen Globalisierungsdiskurse der 90er Jahre ist die Kategorie des Raumes auch in den Literaturwissenschaften wieder in den Blickpunkt des Interesses gerückt. Die seit Lessing postulierte These von der Literatur als zeitlicher Kunstform musste angesichts der immer zahlreicher erscheinenden Erzählwerke, die einen starken räumlichen Bezug aufweisen, allmählich redigiert werden. V.a. unter ostmitteleuropäischen Schriftstellern und Intellektuellen wurde nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die eng mit der eigenen Biografie verknüpfte Geografie zum Gegenstand verschiedener Prosawerke. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich unter diesem Aspekt mit dem Werk des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk, der in seinen 2004 erschienenen Reisefragmenten mit dem Titel Jadąc do Babadag (Unterwegs nach Babadag) nicht nur strukturell die Tendenzen der modernen polnischen Prosa aufgegriffen hat, sondern im Sinne des so genannten Topographical Turn den Raum selbst zum Erzählobjekt stilisiert. Die Einheit des durch Mental Mapping erschlossenen Raumes wird durch den Erzähler narrativ konstruiert. Dies geschieht durch den Verweis auf mentale, kulturelle, geografische und historische Gemeinsamkeiten, die sich in der Raumkonzeption des Werkes zu einem symbolisch-erlebbaren, geografisch motivierten Geflecht verdichten, das verschiedene Äquivalenzen zu dem durch Ernst Cassirer beschriebenen mythischen Raum aufweist. Die in der literaturwissenschaftlichen Forschung häufig evozierte Trennung zwischen bedeutungslosem faktischem Lokal und bedeutungstragendem Raum ist für Jadąc do Babadag nicht zu vollziehen. Die Geografie dient vielmehr als Nahtpunkt zwischen faktischer Welt, Fiktion, Erinnerung und Traum. Die mimetische Intention besteht nicht in der Nachahmung einer zusammenhängenden Wirklichkeit, deren Existenz durch den Erzähler verneint wird, sondern in der literarischen Verarbeitung verschiedener anthropologischer Wahrnehmungsstrategien, die allesamt Varianten einer als kontingent verstandenen Wirklichkeit aufzeigen. Die Auseinandersetzung mit dem mitteleuropäischen Raumkonzept Stasiuks bietet somit nicht nur eine Gelegenheit, über die tatsächliche Relevanz narrativer, struktureller Dichotomien nachzudenken, sondern eignet sich zudem dazu, das Spektrum menschlicher Weltwahrnehmung zu vertiefen und nicht mehr länger auf den einschneisigen Kategorien von Fakt und Fiktion zu beharren.
Textauszug (computergeneriert)
,,Magie des Zerfalls"
Der geopoetische Kosmos des Andrzej Stasiuk
Magisterarbeit
zur Erlangung des akademischen Grades Magister Artium (M.A.)
im
Fach Polonistik
Humboldt-Universität zu Berlin
Philosophische Fakultät II
Institut für Slawistik
eingereicht von: Stefanie Röfke
1.
Kurzbeschreibung
Im Zuge der vielfältigen Globalisierungsdiskurse der 90er Jahre ist die Kategorie des
Raumes auch in den Literaturwissenschaften wieder in den Blickpunkt des Interesses
gerückt. Die seit Lessing postulierte These von der Literatur als zeitlicher Kunstform
musste angesichts der immer zahlreicher erscheinenden Erzählwerke, die einen starken
räumlichen Bezug aufweisen, allmählich redigiert werden. V.a. unter ostmitteleuropä-
ischen Schriftstellern und Intellektuellen wurde nach dem Fall des Eisernen Vorhangs
die eng mit der eigenen Biografie verknüpfte Geografie zum Gegenstand verschiedener
Prosawerke. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich unter diesem Aspekt mit dem Werk
des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk, der in seinen 2004 erschienenen Reise-
fragmenten mit dem Titel
Jadc do Babadag
(Unterwegs nach Babadag)
nicht nur
strukturell die Tendenzen der modernen polnischen Prosa aufgegriffen hat, sondern im
Sinne des so genannten
Topographical Turn
den Raum selbst zum Erzählobjekt stili-
siert. Anhand einschlägiger literatur- und kulturwissenschaftlicher Sekundärliteratur
und unter Einbeziehung weiterer Texte Stasiuks wird belegt, dass der geografische Rah-
men, den das Werk umfasst, sich zwar auf faktisch existente und identifizierbare Lokale
bezieht, in seiner Gesamtkontur jedoch ganz und gar einer persönlichen kognitiven Kar-
te folgt, die das unmittelbare Lebensumfeld des Erzählers, den provinziellen mitteleu-
ropäischen Raum, ungeachtet nationaler Grenzziehungen, miteinschließt, während die
als irrelevant empfundenen Metropolen ausgeklammert bleiben. Die Einheit des durch
Mental Mapping
erschlossenen Raumes wird durch den Erzähler narrativ konstruiert.
Dies geschieht durch den Verweis auf mentale, kulturelle, geografische und historische
Gemeinsamkeiten, die sich in der Raumkonzeption des Werkes zu einem symbolisch-
erlebbaren, geografisch motivierten Geflecht verdichten, das verschiedene Äquivalen-
zen zu dem durch Ernst Cassirer beschriebenen mythischen Raum aufweist. Die in der
literaturwissenschaftlichen Forschung häufig evozierte Trennung zwischen bedeutungs-
losem faktischem Lokal und bedeutungstragendem Raum ist für
Jadc do Babadag
nicht zu vollziehen. Die Geografie dient vielmehr als Nahtpunkt zwischen faktischer
Welt, Fiktion, Erinnerung und Traum. Die mimetische Intention besteht nicht in der
Nachahmung
einer
zusammenhängenden Wirklichkeit, deren Existenz durch den Erzäh-
ler verneint wird, sondern in der literarischen Verarbeitung verschiedener anthropolo-
gischer Wahrnehmungsstrategien, die allesamt Varianten einer als kontingent verstande-
- 2 -
nen Wirklichkeit aufzeigen. Doch der Raum ist nicht nur für die inhaltliche Ebene des
Werkes von Bedeutung, sondern wirkt sich in seiner Konzeption ebenso auf die Text-
struktur aus und wirkt am Ende, aufgrund seiner Dominanz über Tempus, Handlung
und Figuren sogar gattungsbestimmend. Die Auseinandersetzung mit dem mitteleuropä-
ischen Raumkonzept Stasiuks bietet somit nicht nur eine Gelegenheit, über die tatsäch-
liche Relevanz narrativer, struktureller Dichotomien nachzudenken, sondern eignet sich
zudem dazu, das Spektrum menschlicher Weltwahrnehmung zu vertiefen und nicht
mehr länger auf den einschneisigen Kategorien von Fakt und Fiktion zu beharren.
- 3 -
1. KURZBESCHREIBUNG 2
2. INHALTSVERZEICHNIS 4
3. EINLEITUNG 6
4. BEFREIUNG VOM BALLAST DER GESCHICHTE STRATEGIEN
DER POLNISCHEN PROSA NACH 1989
10
4.1. 1989 Ein Jahr des Umbruchs?
10
4.2. Mühsame Klassifizierungsversuche und der schwierige Begriff der
,,Generation"
11
4.3. Prosa am Wendepunkt Drei neue Herausforderungen
13
4.3.1.
Zaczarowania wiata
Mythisierung als mimetisches Verfahren
14
4.3.2.
Kwestia tosamoci
- Biografie und Initiationsprosa
17
4.3.3. ,,Powrót fabuly"- Die neue Lust am Erzählen und die Entdeckung
der Metafiktionalität
17
5. ANDRZEJ STASIUK ALS PROSAIST DER 90ER JAHRE
19
6. LITERATUR- UND KULTURWISSENSCHAFTLICHE RAUMKON-
ZEPTIONEN ZU ENTWICKLUNG UND STAND DER MODERNEN
RAUMFORSCHUNG 22
6.1. Literaturwissenschaftlich-narratologische Ansätze und Problem-
stellungen 22
6.2. Die Bedeutung des Raumes für die Struktur narrativer Texte
24
6.3. Der Begriff des literarischen Raums
26
6.4. Der ,,Topographical Turn" der 90er Jahre und der Einfluss kultur-
wissenschaftlicher Raumkonzeptionen auf die literarische Herme-
Neutik 27
6.5. Der mythische Raum in der Philosophie Ernst Cassirers
29
6.6. Fazit und Untersuchungsaspekte
31
7. JADC DO BABADAG DER GEOPOETISCHE KOSMOS DES
ANDRZEJ STASIUK ( Teil I: Inhaltliche Analyse)
32
7.1. Die Strukturierung und Konzeption des erzählten Raumes
32
7.1.1. Das ,vergessene Mitteleuropa′ Andrzej Stasiuks persönliche
Geografie und die Rolle des faktischen Lokals in
Jadc do Babadag
32
- 4 -
7.1.2. Die literarische Verarbeitung des Mitteleuropa- Konzepts Mental
Mapping als mimetisches Verfahren
35
7.1.3. Die Transgression nationaler Grenzen
38
7.2. Einheit in der Vielfalt Die literarische Konstruktion eines homo-
genen Raumes Mitteleuropa
41
7.2.1. Die Äquivalenz geografischer Gegebenheiten
41
7.2.2. Armut und Verfall similare Lebensräume
42
7.2.3. Kulturelle Defizienz als Verbindungsglied
44
7.2.4. Gemeinsame Erfahrungen der Vergangenheit Die Beschwörung
des Habsburgmythos
45
7.2.5. Mitteleuropa als Schicksalsgemeinschaft Das Erbe des Kommu-
nismus
47
7.2.6. Vergleichbarkeit und Austauschbarkeit als Kriterium räumlicher
Übereinstimmung
49
7.3. Räumliche Dezentralisierung und die Aufwertung der Peripherie
50
7.3.1. Die Umkehrung topografischer Hierarchien
50
7.3.2. Erhöhung der Provinz durch Degradierung der ,,klassischen
Zentren"
51
7.3.3. Ästhetik und Zeichenhaftigkeit der Provinz
53
7.3.4. Die Rolle des Lichts
57
7.3.5. Der individuelle Wert der Peripherie
59
7.4. Die Geografie als Schnittstelle zwischen Realität und Fiktion
60
7.4.1. Mitteleuropa als Erinnerungsraum
60
7.4.2. Mitteleuropa als mythischer Raum
68
8. JADC DO BABADAG DER GEOPOETISCHE KOSMOS DES
ANDRZEJ STASIUK (Teil II: Formale Analyse)
75
8.1. Der Raum als Komponente der Textstruktur
75
8.1.1.
Na co komu chronologia?
Raum und Tempus
75
8.1.2. Raum und Handlung
79
8.1.3. Raum und Gattung
83
8.1.4. Die Konstruktion des Raumes durch den Erzähler
88
8.1.5. Raum und Figuren
91
9. SCHLUSS
96
10. BIBLIOGRAFIE
99
- 5 -
3.
Einleitung
Der Zusammenbruch des kommunistischen Systems und die politische Wende nach
1989 stellten auch für die polnische Literatur einen Wendepunkt dar, der v. a. die jünge-
ren Schriftstellergenerationen vor neue Herausforderungen stellen sollte. Das Erbe der
Romantik und die seit Adam Mickiewicz (1798-1855) vorherrschende enge Bindung
zwischen Literatur und nationaler Verantwortung war angesichts der radikal veränder-
ten politischen und gesellschaftlichen Lage, dem Fall des Eisernen Vorhangs, der Eta-
blierung demokratischer Strukturen, der Öffnung hin zu einer freien Marktwirtschaft
nicht mehr zeitgemäß. Die gesellschaftliche Rolle des Schriftstellers, der unter kommu-
nistischer Rigide entweder dem sozialistischen Regime gehuldigt hatte oder als Wider-
ständler althergebrachte Traditions- und Wertemuster zu konservieren bemüht war, er-
forderte eine Neudefinition. In diesem Sinne wuchsen nach ′89 zahlreiche neue litera-
rische Strömungen empor. Eine Vielzahl von Poetiken, Themen und Stilen, die sich auf-
grund ihrer großen Heterogenität zunächst jeglicher Schematisierung entzogen, berei-
cherten die polnische Literaturszene. Ungeachtet ihrer literarischen Ausrichtung war
den Schriftstellern, die nach 1989 debütierten, jedoch eines gemeinsam: die Ablehnung
der bisherigen Rolle des Schriftstellers als ,Gewissen und moralische Instanz der Na-
tion′. An die Stelle der nationalen Geschichtsverarbeitung trat nun immer stärker die
Auseinandersetzung mit der individuellen, regional geprägten Geschichte. Darüber hi-
naus vollzog sich in den 90er Jahren auch ein Wandel der literarischen Landkarte Po-
lens: Neue Orte tauchten auf, die zuvor noch kein literarisches Profil besaßen und die
jetzt erschlossen und mit Vergangenheit, Mythen und einem individuellem Gepräge ver-
sehen wurden. Dabei ist einerseits eine deutliche topografische Verschiebung von den
ehemaligen östlichen Grenzgebieten, der so genannten
Kresy
, hin zu den Peripherien
der Nachkriegszeit, zu beobachten, sowie eine gleichzeitig sich vollziehende Abkehr
von den traditionellen kulturpolitischen und literarischen Zentren wie Warschau oder
Krakau.
Zu den wohl radikalsten Verfechtern dieser neuen ästhetischen Aufwertung der osteuro-
päischen Provinz gehört ohne Zweifel der Schriftsteller Andrzej Stasiuk, dessen 2004
im Verlag Czarne erschienes Buch
Jadc do Babadag
(Unterwegs nach Babadag) im
Mittelpunkt der vorliegenden Untersuchung stehen soll. Der Grund für die Wahl dieses
Werkes besteht zum einen darin, dass Stasiuk die sein gesamtes bisheriges Schaffen
- 6 -
charakterisierende Verbindung zwischen Geografie und Poesie und seine damit verbun-
dene ganz persönliche metaphysische Weltsicht gerade hier zu einem literarischen Hö-
hepunkt führt und es sich daher besonders gut für eine textanalytische Erschließung des
werkimmanenten Kosmos in all seinen Facetten und Darstellungsformen eignet. Ein
weiterer Grund für die Untersuchung dieses Werkes liegt zudem darin, dass es innerhalb
der gegenwärtigen, dem Sog der fortschreitenden Globalisierung unterworfenen, pol-
nischen Literaturszene, aber auch der gesamtpolnischen Kultur, einen, freilich diskus-
sionswürdigen, Ansatz bietet, die eigene Identität als Pole und Europäer neu zu bestim-
men. Die Analyse der vorliegenden Reiseskizzen wird sich zwar zentral mit diesen aus-
einandersetzen, ergänzend dazu Stasiuks frühere Werke aber immer im Blick behalten
und miteinbeziehen. Die Untersuchung wird sich dabei vorrangig auf die erzählte Welt,
genauer gesagt auf den Raum im Werk, konzentrieren und sich demnach mit einer nar-
rativen Kategorie auseinandersetzen, die in der literaturwissenschaftlichen Forschung,
im Gegensatz zur Kategorie des Tempus, lange Zeit vernachlässigt worden ist und die
bis heute eines universell anwendbaren erzähltheoretischen Modelles entbehrt. Gerade
aber in Bezug auf die polnische Literatur der 90er Jahre ist der Aspekt des Raumes und
besonders dessen literarische Verarbeitung v. a. auch für die Erschließung kultureller
Entwicklungen von großer Bedeutung. So hatte der nach dem Fall des Eisernen Vor-
hangs einsetzende Prozess einer allmählichen Öffnung und Durchlässigwerdung staat-
licher und kultureller Grenzen auch einen erheblichen Einfluss auf die allgemeine ge-
sellschaftliche Raumerfahrung, deren vielfältige, teilweise mit Hoffnungen, aber auch
mit Ängsten verbundene Schattierungen ihren Niederschlag in der jungen polnischen
Literatur fanden. Andrzej Stasiuks Prosa ist insofern repräsentativ für diese Entwick-
lung, als dass selbiger mittels der Narration einen geografischen Raum erstehen lässt,
der zwar tatsächlich auf der Landkarte existiert, dessen Grenzen und Besonderheiten
sich aber nicht von realen Gegebenheiten ableiten, sondern sich erst durch die individu-
elle Erinnerungsarbeit des Erzählers, der Durchdringung mit poetischen, fiktionalen
Elementen und metaphysischen Betrachtungen definieren lässt und in dem sich auf die-
sem Wege letztlich eine Vielfalt von Erscheinungsweisen des Raumes ergibt, die über
das rein Faktische weit hinausweisen. Die vorliegende Arbeit wird daher der Frage
nachgehen, welche Formen von Raumkonzeptionen in
Jadc do Babadag
(Unterwegs
nach Babadag)
entfaltet werden, welche inhaltlichen und formalen Gestaltungsmerkma-
- 7 -
le sie aufweisen und welche Funktion der Raum innerhalb der Narration einnimmt. Da-
bei soll es nicht nur um den erzählten Raum an sich, um Stasiuks persönliche Kon-
zeption von Mitteleuropa, seine Ästhetik der Provinz und der ,vergessenen Orte′ gehen,
um die komplexe Beziehung zwischen Raum und Erinnerung, sondern ebenso darum,
wie sich der Raum als Komponente der Textstruktur zu den erzähltheoretisch ebenso
bedeutsamen Kategorien des Tempus, der Handlung und der Figuren verhält. Neben der
Analyse der Figurenkonstellation und deren Bezug zu den Komponenten des Raumes
in Stasiuks Prosa, d.h. der Funktion und Erscheinungsweise des Erzählers, der den
Raum bewohnenden Bevölkerung und der spezifischen sozialen Gruppen, wie beispiels-
weise der Zigeuner, soll auch die Frage nach autobiografischen und gattungsspezi-
fischen Merkmalen, die mit der Raumthematik des Werkes eng verbunden sind, näher
beleuchtet werden. Der eigentlichen Textanalyse ist ein Überblick über den literarhisto-
rischen Kontext und die wichtigsten Entwicklungen in der polnischen Literatur der 90er
Jahre vorangestellt, die sich letztlich auch im Werk von Andrzej Stasiuk widerspiegeln.
Daran anschließen wird sich ein Kapitel, dass sich mit dem Stand der Raumforschung
und den bisher entwickelten literatur- und kulturwissenschaftlichen Raumkonzeptionen
und Begriffsinstrumentarien kritisch auseinandersetzen wird, um schließlich eine spe-
ziell für die vorliegende Untersuchung brauchbare Analysemethodik zu entwickeln. Die
für die erläuternden Einführungen verwandten Monografien und Überblicksdarstel-
lungen sowie die zur Textanalyse herangezogene Forschungsliteratur wird im Rahmen
der jeweiligen Kapitel vorgestellt. Den Abschluss der Untersuchung bildet eine kurze
Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse der Textanalyse sowie ein Ausblick hin-
sichtlich der kulturpolitischen und identitätsstiftenden Bedeutung der Prosa von Andrzej
Stasiuk im Kontext des gegenwärtigen Europäisierungsprozesses und der Zukunft Ost-
mitteleuropas.
Auf eine inhaltliche Wiedergabe des Werkes sowie auf eine umfassende erzähltheore-
tische Analyse der Narrationsebenen und Textkomponenten wird verzichtet, sofern sie
sich für die Fragestellung der Arbeit als irrelevant erweisen. Ebenso kann ein Überblick
über den Forschungsstand der Prosa Andrzej Stasiuks in Ermangelung entsprechender
Sekundärliteratur nicht geleistet werden. Die wichtigsten der bis 2006 erschienenen the-
menrelevanten Rezensionen und Aufsätze wurden jedoch ausgewertet und im bibliogra-
fischen Verzeichnis erfasst.
- 8 -
Anmerkung zur Zitierweise:
Die Zitation der Sekundärliteratur erfolgt nach dem Muster: Nachname des Autors bzw.
Herausgebers + Erscheinungsjahr, Seitenangabe. Die Auflösung erfolgt im bibliogra-
fischen Verzeichnis. Die polnischen Passagen aus dem Werk
Jadc do Babadag
erhal-
ten die Zitation: Babadag p, Seitenangabe; die deutschen Passagen entsprechend: Baba-
dag d, Seitenangabe. Die Zitierweise von Passagen aus weiteren Werken Stasiuks fol-
gen dem Muster: Kurztitel des Werkes, Seitenangabe.
- 9 -
4. Befreiung vom Ballast der Geschichte Strategien der polnischen
Prosa nach 1989
4.1. 1989- Ein Jahr des Umbruchs?
Der politische Umbruch des Jahres 1989 und die damit verbundenen wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Veränderungen stellten zweifellos auch die polnische Literatur
vor eine völlig neue Ausgangslage, die nicht nur die externen institutionellen Rahmen-
bedingungen des nun kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten (Angebot und Nachfrage) un-
terworfenen literarischen Marktes betraf1, sondern auch eine gewisse Neudefinition der
Rolle des Schriftstellers und der Literatur an sich erforderlich werden ließ. Doch ange-
sichts der Tatsache, dass sich ein literarischer Wandel im Hinblick auf die Verwendung
neuer narrativer Verfahren und einer inhaltlichen Demontage tradierter Kultur- und
Wahrnehmungsmuster, bereits einige Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs abzei-
chnete2, stellt sich die Frage, ob man nicht eher von einem allmählichen Prozess als von
einem tatsächlichen Umbruch sprechen sollte3. Die Demokratisierung des Landes, die
Öffnung der Märkte, die einsetzende Internationaliserung und die damit verbundenen
Veränderungen des gesamten gesellschaftlichen Lebens schufen für die Literatur günsti-
ge Bedingungen hinsichtlich einer Erneuerung, waren jedoch nicht ihre eigentliche
Ursache, sondern gaben ihr lediglich die nötige Schubkraft, einen Weg zu beschreiten,
den sie im Grunde längst bereit war zu gehen:
,,Zbieno przemian we wszystkich obszarach ycia nie musi prowadzi do przelomu
literackiego, ale stwarza dogodne dla niego warunki. Bo literatura jest uwarunkowana,
to znaczy
ani zdeterminowana, ani te absolutnie wolna powizana w swym rozwoju z
yciem politycznym, gospodarczym i duchowym spoleczestwa, ze rodkami maso-
wego przekazu i rodkami rozpowszechniania informacji, z filozofi i literatur obc.
1 V. a. im Bereich des Verlags- und Zeitschriftenwesens vollzog sich der fast vollständige Zerfall der bis-
herigen Zentralisationsstrukturen. An die Stelle der staatlichen Verlage traten hunderte kleinerer Regio-
nalverlage. Die streng zensierten staatlichen Wochenzeitschriften wurden von einer Reihe neuer Monats-
zeitschriften und den Literaturbeilagen der Tageszeitschriften abgelöst. Einen Überblick über diese
Entwicklungen bieten: Czapliski / liwiski 2000, 216ff.; Schlott 2004, 33ff. und 130f.
2 In der Forschung ist oft sogar die Rede von einer ,,Krise der Literatur", die sich v.a.in einer Erschöpfung
literarischer Formeln bezüglich einer befriedigenden Darstellung der Wirklichkeit offenbare. Vgl. dazu:
Czapliski / liwiski 2000, 169f.; Schlott 2004, 24ff.
3 In den 90er Jahren entbrannte unter renommierten Literaten und Literaturwissenschaftlern eine Debatte
um den Stellenwert des politischen Umbruchs für die polnische Literatur. Die Gegner der These eines
gleichzeitig sich ereignenden literarischen Umbruches bestreiten einen Zusammenhang zwischen Politik
und Literatur, da dieser zu Zeiten der Volksrepublik von den kommunistischen Machthabern in deren Sin-
ne bewusst konstruiert worden war, ohne die gattungsinterne Dynamik zu berücksichtigen. Vgl hierzu:
Kornhauser 1995, 19; Unilowski 1998.
- 10 -
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