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„Magie des Zerfalls“ - Der geopoetische Kosmos des Andrzej Stasiuk

Magisterarbeit, 2007, 105 Seiten
Autor: Stefanie Röfke
Fach: Russistik / Slavistik

Details

Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2007
Seiten: 105
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 77  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V83061
ISBN (E-Book): 978-3-640-19911-2
ISBN (Buch): 978-3-640-25911-3
Dateigröße: 653 KB

Zusammenfassung / Abstract

Im Zuge der vielfältigen Globalisierungsdiskurse der 90er Jahre ist die Kategorie des Raumes auch in den Literaturwissenschaften wieder in den Blickpunkt des Interesses gerückt. Die seit Lessing postulierte These von der Literatur als zeitlicher Kunstform musste angesichts der immer zahlreicher erscheinenden Erzählwerke, die einen starken räumlichen Bezug aufweisen, allmählich redigiert werden. V.a. unter ostmitteleuropäischen Schriftstellern und Intellektuellen wurde nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die eng mit der eigenen Biografie verknüpfte Geografie zum Gegenstand verschiedener Prosawerke. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich unter diesem Aspekt mit dem Werk des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk, der in seinen 2004 erschienenen Reisefragmenten mit dem Titel Jadąc do Babadag (Unterwegs nach Babadag) nicht nur strukturell die Tendenzen der modernen polnischen Prosa aufgegriffen hat, sondern im Sinne des so genannten Topographical Turn den Raum selbst zum Erzählobjekt stilisiert. Die Einheit des durch Mental Mapping erschlossenen Raumes wird durch den Erzähler narrativ konstruiert. Dies geschieht durch den Verweis auf mentale, kulturelle, geografische und historische Gemeinsamkeiten, die sich in der Raumkonzeption des Werkes zu einem symbolisch-erlebbaren, geografisch motivierten Geflecht verdichten, das verschiedene Äquivalenzen zu dem durch Ernst Cassirer beschriebenen mythischen Raum aufweist. Die in der literaturwissenschaftlichen Forschung häufig evozierte Trennung zwischen bedeutungslosem faktischem Lokal und bedeutungstragendem Raum ist für Jadąc do Babadag nicht zu vollziehen. Die Geografie dient vielmehr als Nahtpunkt zwischen faktischer Welt, Fiktion, Erinnerung und Traum. Die mimetische Intention besteht nicht in der Nachahmung einer zusammenhängenden Wirklichkeit, deren Existenz durch den Erzähler verneint wird, sondern in der literarischen Verarbeitung verschiedener anthropologischer Wahrnehmungsstrategien, die allesamt Varianten einer als kontingent verstandenen Wirklichkeit aufzeigen. Die Auseinandersetzung mit dem mitteleuropäischen Raumkonzept Stasiuks bietet somit nicht nur eine Gelegenheit, über die tatsächliche Relevanz narrativer, struktureller Dichotomien nachzudenken, sondern eignet sich zudem dazu, das Spektrum menschlicher Weltwahrnehmung zu vertiefen und nicht mehr länger auf den einschneisigen Kategorien von Fakt und Fiktion zu beharren.


Textauszug (computergeneriert)

,,Magie des Zerfalls"

Der geopoetische Kosmos des Andrzej Stasiuk




Magisterarbeit

zur Erlangung des akademischen Grades Magister Artium (M.A.)

im

Fach Polonistik




Humboldt-Universität zu Berlin

Philosophische Fakultät II

Institut für Slawistik

eingereicht von: Stefanie Röfke


1.

Kurzbeschreibung

Im Zuge der vielfältigen Globalisierungsdiskurse der 90er Jahre ist die Kategorie des

Raumes auch in den Literaturwissenschaften wieder in den Blickpunkt des Interesses

gerückt. Die seit Lessing postulierte These von der Literatur als zeitlicher Kunstform

musste angesichts der immer zahlreicher erscheinenden Erzählwerke, die einen starken

räumlichen Bezug aufweisen, allmählich redigiert werden. V.a. unter ostmitteleuropä-

ischen Schriftstellern und Intellektuellen wurde nach dem Fall des Eisernen Vorhangs

die eng mit der eigenen Biografie verknüpfte Geografie zum Gegenstand verschiedener

Prosawerke. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich unter diesem Aspekt mit dem Werk

des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk, der in seinen 2004 erschienenen Reise-

fragmenten mit dem Titel

Jadc do Babadag

(Unterwegs nach Babadag)

nicht nur

strukturell die Tendenzen der modernen polnischen Prosa aufgegriffen hat, sondern im

Sinne des so genannten

Topographical Turn

den Raum selbst zum Erzählobjekt stili-

siert. Anhand einschlägiger literatur- und kulturwissenschaftlicher Sekundärliteratur

und unter Einbeziehung weiterer Texte Stasiuks wird belegt, dass der geografische Rah-

men, den das Werk umfasst, sich zwar auf faktisch existente und identifizierbare Lokale

bezieht, in seiner Gesamtkontur jedoch ganz und gar einer persönlichen kognitiven Kar-

te folgt, die das unmittelbare Lebensumfeld des Erzählers, den provinziellen mitteleu-

ropäischen Raum, ungeachtet nationaler Grenzziehungen, miteinschließt, während die

als irrelevant empfundenen Metropolen ausgeklammert bleiben. Die Einheit des durch

Mental Mapping

erschlossenen Raumes wird durch den Erzähler narrativ konstruiert.

Dies geschieht durch den Verweis auf mentale, kulturelle, geografische und historische

Gemeinsamkeiten, die sich in der Raumkonzeption des Werkes zu einem symbolisch-

erlebbaren, geografisch motivierten Geflecht verdichten, das verschiedene Äquivalen-

zen zu dem durch Ernst Cassirer beschriebenen mythischen Raum aufweist. Die in der

literaturwissenschaftlichen Forschung häufig evozierte Trennung zwischen bedeutungs-

losem faktischem Lokal und bedeutungstragendem Raum ist für

Jadc do Babadag

nicht zu vollziehen. Die Geografie dient vielmehr als Nahtpunkt zwischen faktischer

Welt, Fiktion, Erinnerung und Traum. Die mimetische Intention besteht nicht in der

Nachahmung

einer

zusammenhängenden Wirklichkeit, deren Existenz durch den Erzäh-

ler verneint wird, sondern in der literarischen Verarbeitung verschiedener anthropolo-

gischer Wahrnehmungsstrategien, die allesamt Varianten einer als kontingent verstande-

- 2 -


nen Wirklichkeit aufzeigen. Doch der Raum ist nicht nur für die inhaltliche Ebene des

Werkes von Bedeutung, sondern wirkt sich in seiner Konzeption ebenso auf die Text-

struktur aus und wirkt am Ende, aufgrund seiner Dominanz über Tempus, Handlung

und Figuren sogar gattungsbestimmend. Die Auseinandersetzung mit dem mitteleuropä-

ischen Raumkonzept Stasiuks bietet somit nicht nur eine Gelegenheit, über die tatsäch-

liche Relevanz narrativer, struktureller Dichotomien nachzudenken, sondern eignet sich

zudem dazu, das Spektrum menschlicher Weltwahrnehmung zu vertiefen und nicht

mehr länger auf den einschneisigen Kategorien von Fakt und Fiktion zu beharren.




































- 3 -


1. KURZBESCHREIBUNG 2

2. INHALTSVERZEICHNIS 4

3. EINLEITUNG 6

4. BEFREIUNG VOM BALLAST DER GESCHICHTE ­ STRATEGIEN
DER POLNISCHEN PROSA NACH 1989

10

4.1. 1989 ­ Ein Jahr des Umbruchs?

10


4.2. Mühsame Klassifizierungsversuche und der schwierige Begriff der

,,Generation"

11

4.3. Prosa am Wendepunkt ­ Drei neue Herausforderungen

13

4.3.1.

Zaczarowania wiata

­ Mythisierung als mimetisches Verfahren

14

4.3.2.

Kwestia tosamoci

- Biografie und Initiationsprosa

17

4.3.3. ,,Powrót fabuly"- Die neue Lust am Erzählen und die Entdeckung

der Metafiktionalität

17

5. ANDRZEJ STASIUK ALS PROSAIST DER 90ER JAHRE

19

6. LITERATUR- UND KULTURWISSENSCHAFTLICHE RAUMKON-

ZEPTIONEN ­ ZU ENTWICKLUNG UND STAND DER MODERNEN
RAUMFORSCHUNG 22

6.1. Literaturwissenschaftlich-narratologische Ansätze und Problem-

stellungen 22

6.2. Die Bedeutung des Raumes für die Struktur narrativer Texte

24

6.3. Der Begriff des literarischen Raums

26

6.4. Der ,,Topographical Turn" der 90er Jahre und der Einfluss kultur-

wissenschaftlicher Raumkonzeptionen auf die literarische Herme-
Neutik 27

6.5. Der mythische Raum in der Philosophie Ernst Cassirers

29


6.6. Fazit und Untersuchungsaspekte

31


7. JADC DO BABADAG ­ DER GEOPOETISCHE KOSMOS DES
ANDRZEJ STASIUK ( Teil I: Inhaltliche Analyse)

32


7.1. Die Strukturierung und Konzeption des erzählten Raumes

32

7.1.1. Das ,vergessene Mitteleuropa′ ­ Andrzej Stasiuks persönliche

Geografie und die Rolle des faktischen Lokals in

Jadc do Babadag

32

- 4 -


7.1.2. Die literarische Verarbeitung des Mitteleuropa- Konzepts ­ Mental

Mapping als mimetisches Verfahren

35

7.1.3. Die Transgression nationaler Grenzen

38

7.2. Einheit in der Vielfalt ­ Die literarische Konstruktion eines homo-
genen Raumes Mitteleuropa

41

7.2.1. Die Äquivalenz geografischer Gegebenheiten

41

7.2.2. Armut und Verfall ­ similare Lebensräume

42

7.2.3. Kulturelle Defizienz als Verbindungsglied

44

7.2.4. Gemeinsame Erfahrungen der Vergangenheit ­ Die Beschwörung

des Habsburgmythos

45

7.2.5. Mitteleuropa als Schicksalsgemeinschaft ­ Das Erbe des Kommu-

nismus

47

7.2.6. Vergleichbarkeit und Austauschbarkeit als Kriterium räumlicher

Übereinstimmung

49

7.3. Räumliche Dezentralisierung und die Aufwertung der Peripherie

50

7.3.1. Die Umkehrung topografischer Hierarchien

50

7.3.2. Erhöhung der Provinz durch Degradierung der ,,klassischen

Zentren"

51

7.3.3. Ästhetik und Zeichenhaftigkeit der Provinz

53

7.3.4. Die Rolle des Lichts

57

7.3.5. Der individuelle Wert der Peripherie

59

7.4. Die Geografie als Schnittstelle zwischen Realität und Fiktion

60

7.4.1. Mitteleuropa als Erinnerungsraum

60

7.4.2. Mitteleuropa als mythischer Raum

68

8. JADC DO BABADAG ­ DER GEOPOETISCHE KOSMOS DES
ANDRZEJ STASIUK (Teil II: Formale Analyse)

75

8.1. Der Raum als Komponente der Textstruktur

75

8.1.1.

Na co komu chronologia?

­ Raum und Tempus

75

8.1.2. Raum und Handlung

79

8.1.3. Raum und Gattung

83

8.1.4. Die Konstruktion des Raumes durch den Erzähler

88

8.1.5. Raum und Figuren

91


9. SCHLUSS

96

10. BIBLIOGRAFIE

99

- 5 -


3.

Einleitung

Der Zusammenbruch des kommunistischen Systems und die politische Wende nach

1989 stellten auch für die polnische Literatur einen Wendepunkt dar, der v. a. die jünge-

ren Schriftstellergenerationen vor neue Herausforderungen stellen sollte. Das Erbe der

Romantik und die seit Adam Mickiewicz (1798-1855) vorherrschende enge Bindung

zwischen Literatur und nationaler Verantwortung war angesichts der radikal veränder-

ten politischen und gesellschaftlichen Lage, dem Fall des Eisernen Vorhangs, der Eta-

blierung demokratischer Strukturen, der Öffnung hin zu einer freien Marktwirtschaft

nicht mehr zeitgemäß. Die gesellschaftliche Rolle des Schriftstellers, der unter kommu-

nistischer Rigide entweder dem sozialistischen Regime gehuldigt hatte oder als Wider-

ständler althergebrachte Traditions- und Wertemuster zu konservieren bemüht war, er-

forderte eine Neudefinition. In diesem Sinne wuchsen nach ′89 zahlreiche neue litera-

rische Strömungen empor. Eine Vielzahl von Poetiken, Themen und Stilen, die sich auf-

grund ihrer großen Heterogenität zunächst jeglicher Schematisierung entzogen, berei-

cherten die polnische Literaturszene. Ungeachtet ihrer literarischen Ausrichtung war

den Schriftstellern, die nach 1989 debütierten, jedoch eines gemeinsam: die Ablehnung

der bisherigen Rolle des Schriftstellers als ,Gewissen und moralische Instanz der Na-

tion′. An die Stelle der nationalen Geschichtsverarbeitung trat nun immer stärker die

Auseinandersetzung mit der individuellen, regional geprägten Geschichte. Darüber hi-

naus vollzog sich in den 90er Jahren auch ein Wandel der literarischen Landkarte Po-

lens: Neue Orte tauchten auf, die zuvor noch kein literarisches Profil besaßen und die

jetzt erschlossen und mit Vergangenheit, Mythen und einem individuellem Gepräge ver-

sehen wurden. Dabei ist einerseits eine deutliche topografische Verschiebung von den

ehemaligen östlichen Grenzgebieten, der so genannten

Kresy

, hin zu den Peripherien

der Nachkriegszeit, zu beobachten, sowie eine gleichzeitig sich vollziehende Abkehr

von den traditionellen kulturpolitischen und literarischen Zentren wie Warschau oder

Krakau.

Zu den wohl radikalsten Verfechtern dieser neuen ästhetischen Aufwertung der osteuro-

päischen Provinz gehört ohne Zweifel der Schriftsteller Andrzej Stasiuk, dessen 2004

im Verlag Czarne erschienes Buch

Jadc do Babadag

(Unterwegs nach Babadag) im

Mittelpunkt der vorliegenden Untersuchung stehen soll. Der Grund für die Wahl dieses

Werkes besteht zum einen darin, dass Stasiuk die sein gesamtes bisheriges Schaffen

- 6 -


charakterisierende Verbindung zwischen Geografie und Poesie und seine damit verbun-

dene ganz persönliche metaphysische Weltsicht gerade hier zu einem literarischen Hö-

hepunkt führt und es sich daher besonders gut für eine textanalytische Erschließung des

werkimmanenten Kosmos in all seinen Facetten und Darstellungsformen eignet. Ein

weiterer Grund für die Untersuchung dieses Werkes liegt zudem darin, dass es innerhalb

der gegenwärtigen, dem Sog der fortschreitenden Globalisierung unterworfenen, pol-

nischen Literaturszene, aber auch der gesamtpolnischen Kultur, einen, freilich diskus-

sionswürdigen, Ansatz bietet, die eigene Identität als Pole und Europäer neu zu bestim-

men. Die Analyse der vorliegenden Reiseskizzen wird sich zwar zentral mit diesen aus-

einandersetzen, ergänzend dazu Stasiuks frühere Werke aber immer im Blick behalten

und miteinbeziehen. Die Untersuchung wird sich dabei vorrangig auf die erzählte Welt,

genauer gesagt auf den Raum im Werk, konzentrieren und sich demnach mit einer nar-

rativen Kategorie auseinandersetzen, die in der literaturwissenschaftlichen Forschung,

im Gegensatz zur Kategorie des Tempus, lange Zeit vernachlässigt worden ist und die

bis heute eines universell anwendbaren erzähltheoretischen Modelles entbehrt. Gerade

aber in Bezug auf die polnische Literatur der 90er Jahre ist der Aspekt des Raumes und

besonders dessen literarische Verarbeitung v. a. auch für die Erschließung kultureller

Entwicklungen von großer Bedeutung. So hatte der nach dem Fall des Eisernen Vor-

hangs einsetzende Prozess einer allmählichen Öffnung und Durchlässigwerdung staat-

licher und kultureller Grenzen auch einen erheblichen Einfluss auf die allgemeine ge-

sellschaftliche Raumerfahrung, deren vielfältige, teilweise mit Hoffnungen, aber auch

mit Ängsten verbundene Schattierungen ihren Niederschlag in der jungen polnischen

Literatur fanden. Andrzej Stasiuks Prosa ist insofern repräsentativ für diese Entwick-

lung, als dass selbiger mittels der Narration einen geografischen Raum erstehen lässt,

der zwar tatsächlich auf der Landkarte existiert, dessen Grenzen und Besonderheiten

sich aber nicht von realen Gegebenheiten ableiten, sondern sich erst durch die individu-

elle Erinnerungsarbeit des Erzählers, der Durchdringung mit poetischen, fiktionalen

Elementen und metaphysischen Betrachtungen definieren lässt und in dem sich auf die-

sem Wege letztlich eine Vielfalt von Erscheinungsweisen des Raumes ergibt, die über

das rein Faktische weit hinausweisen. Die vorliegende Arbeit wird daher der Frage

nachgehen, welche Formen von Raumkonzeptionen in

Jadc do Babadag

(Unterwegs

nach Babadag)

entfaltet werden, welche inhaltlichen und formalen Gestaltungsmerkma-

- 7 -


le sie aufweisen und welche Funktion der Raum innerhalb der Narration einnimmt. Da-

bei soll es nicht nur um den erzählten Raum an sich, um Stasiuks persönliche Kon-

zeption von Mitteleuropa, seine Ästhetik der Provinz und der ,vergessenen Orte′ gehen,

um die komplexe Beziehung zwischen Raum und Erinnerung, sondern ebenso darum,

wie sich der Raum als Komponente der Textstruktur zu den erzähltheoretisch ebenso

bedeutsamen Kategorien des Tempus, der Handlung und der Figuren verhält. Neben der

Analyse der Figurenkonstellation und deren Bezug zu den Komponenten des Raumes

in Stasiuks Prosa, d.h. der Funktion und Erscheinungsweise des Erzählers, der den

Raum bewohnenden Bevölkerung und der spezifischen sozialen Gruppen, wie beispiels-

weise der Zigeuner, soll auch die Frage nach autobiografischen und gattungsspezi-

fischen Merkmalen, die mit der Raumthematik des Werkes eng verbunden sind, näher

beleuchtet werden. Der eigentlichen Textanalyse ist ein Überblick über den literarhisto-

rischen Kontext und die wichtigsten Entwicklungen in der polnischen Literatur der 90er

Jahre vorangestellt, die sich letztlich auch im Werk von Andrzej Stasiuk widerspiegeln.

Daran anschließen wird sich ein Kapitel, dass sich mit dem Stand der Raumforschung

und den bisher entwickelten literatur- und kulturwissenschaftlichen Raumkonzeptionen

und Begriffsinstrumentarien kritisch auseinandersetzen wird, um schließlich eine spe-

ziell für die vorliegende Untersuchung brauchbare Analysemethodik zu entwickeln. Die

für die erläuternden Einführungen verwandten Monografien und Überblicksdarstel-

lungen sowie die zur Textanalyse herangezogene Forschungsliteratur wird im Rahmen

der jeweiligen Kapitel vorgestellt. Den Abschluss der Untersuchung bildet eine kurze

Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse der Textanalyse sowie ein Ausblick hin-

sichtlich der kulturpolitischen und identitätsstiftenden Bedeutung der Prosa von Andrzej

Stasiuk im Kontext des gegenwärtigen Europäisierungsprozesses und der Zukunft Ost-

mitteleuropas.

Auf eine inhaltliche Wiedergabe des Werkes sowie auf eine umfassende erzähltheore-

tische Analyse der Narrationsebenen und Textkomponenten wird verzichtet, sofern sie

sich für die Fragestellung der Arbeit als irrelevant erweisen. Ebenso kann ein Überblick

über den Forschungsstand der Prosa Andrzej Stasiuks in Ermangelung entsprechender

Sekundärliteratur nicht geleistet werden. Die wichtigsten der bis 2006 erschienenen the-

menrelevanten Rezensionen und Aufsätze wurden jedoch ausgewertet und im bibliogra-

fischen Verzeichnis erfasst.

- 8 -


Anmerkung zur Zitierweise:

Die Zitation der Sekundärliteratur erfolgt nach dem Muster: Nachname des Autors bzw.

Herausgebers + Erscheinungsjahr, Seitenangabe. Die Auflösung erfolgt im bibliogra-

fischen Verzeichnis. Die polnischen Passagen aus dem Werk

Jadc do Babadag

erhal-

ten die Zitation: Babadag p, Seitenangabe; die deutschen Passagen entsprechend: Baba-

dag d, Seitenangabe. Die Zitierweise von Passagen aus weiteren Werken Stasiuks fol-

gen dem Muster: Kurztitel des Werkes, Seitenangabe.






























- 9 -


4. Befreiung vom Ballast der Geschichte ­ Strategien der polnischen
Prosa nach 1989

4.1. 1989- Ein Jahr des Umbruchs?

Der politische Umbruch des Jahres 1989 und die damit verbundenen wirtschaftlichen

und gesellschaftlichen Veränderungen stellten zweifellos auch die polnische Literatur

vor eine völlig neue Ausgangslage, die nicht nur die externen institutionellen Rahmen-

bedingungen des nun kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten (Angebot und Nachfrage) un-

terworfenen literarischen Marktes betraf1, sondern auch eine gewisse Neudefinition der

Rolle des Schriftstellers und der Literatur an sich erforderlich werden ließ. Doch ange-

sichts der Tatsache, dass sich ein literarischer Wandel im Hinblick auf die Verwendung

neuer narrativer Verfahren und einer inhaltlichen Demontage tradierter Kultur- und

Wahrnehmungsmuster, bereits einige Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs abzei-

chnete2, stellt sich die Frage, ob man nicht eher von einem allmählichen Prozess als von

einem tatsächlichen Umbruch sprechen sollte3. Die Demokratisierung des Landes, die

Öffnung der Märkte, die einsetzende Internationaliserung und die damit verbundenen

Veränderungen des gesamten gesellschaftlichen Lebens schufen für die Literatur günsti-

ge Bedingungen hinsichtlich einer Erneuerung, waren jedoch nicht ihre eigentliche

Ursache, sondern gaben ihr lediglich die nötige Schubkraft, einen Weg zu beschreiten,

den sie im Grunde längst bereit war zu gehen:

,,Zbieno przemian we wszystkich obszarach ycia nie musi prowadzi do przelomu

literackiego, ale stwarza dogodne dla niego warunki. Bo literatura jest uwarunkowana,

to znaczy

ani zdeterminowana, ani te absolutnie wolna ­ powizana w swym rozwoju z

yciem politycznym, gospodarczym i duchowym spoleczestwa, ze rodkami maso-

wego przekazu i rodkami rozpowszechniania informacji, z filozofi i literatur obc.

1 V. a. im Bereich des Verlags- und Zeitschriftenwesens vollzog sich der fast vollständige Zerfall der bis-

herigen Zentralisationsstrukturen. An die Stelle der staatlichen Verlage traten hunderte kleinerer Regio-

nalverlage. Die streng zensierten staatlichen Wochenzeitschriften wurden von einer Reihe neuer Monats-

zeitschriften und den Literaturbeilagen der Tageszeitschriften abgelöst. Einen Überblick über diese

Entwicklungen bieten: Czapliski / liwiski 2000, 216ff.; Schlott 2004, 33ff. und 130f.

2 In der Forschung ist oft sogar die Rede von einer ,,Krise der Literatur", die sich v.a.in einer Erschöpfung

literarischer Formeln bezüglich einer befriedigenden Darstellung der Wirklichkeit offenbare. Vgl. dazu:

Czapliski / liwiski 2000, 169f.; Schlott 2004, 24ff.

3 In den 90er Jahren entbrannte unter renommierten Literaten und Literaturwissenschaftlern eine Debatte

um den Stellenwert des politischen Umbruchs für die polnische Literatur. Die Gegner der These eines

gleichzeitig sich ereignenden literarischen Umbruches bestreiten einen Zusammenhang zwischen Politik

und Literatur, da dieser zu Zeiten der Volksrepublik von den kommunistischen Machthabern in deren Sin-

ne bewusst konstruiert worden war, ohne die gattungsinterne Dynamik zu berücksichtigen. Vgl hierzu:

Kornhauser 1995, 19; Unilowski 1998.

- 10 -



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