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Termpaper, 2007, 26 Pages
Author: Mirco Rauch
Subject: German Studies - Linguistics
Details
Tags: Niederdeutsch, Schulalltag, Berücksichtigung, Primarstufe, Plattdeutsch, Schule, Platt, Friesisch
Year: 2007
Pages: 26
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 21 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-01920-0
ISBN (Book): 978-3-638-92018-6
File size: 314 KB
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Abstract
Im Mittelpunkt dieser Darstellung steht der Stellenwert des Niederdeutschen in der Schule. Dabei werden insbesondere die Ziele einer Integration in die Lehrpläne diskutiert, bisherige Erfahrungen aus der Primarstufe erläutert und Zukunftsperspektiven der 'plattdeutschen' Sprache im Unterricht aufgezeigt.
Excerpt (computer-generated)
,,Hör mal′n beten to!"
Niederdeutsch im Schulalltag unter
besonderer Berücksichtigung der Primarstufe
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Germanistisches Seminar
Schriftliche Seminararbeit für das Hauptseminar
,,Grundlagen der Dialektologie"
Wintersemester 2006/2007
Vorgelegt von:
M i r c o R a u c h
Inhalt
1. Einleitung
1
2. Niederdeutsch unter dem Gesichtspunkt der Mehrsprachigkeit
3
2.1. Vorteile mehrsprachiger Erziehung
3
2.2. Status des Niederdeutschen als Unterrichtsgegenstand
4
3. Bisherige Erfahrungen mit Niederdeutsch in der Schule
6
3.1. Niederdeutsch in der Unterrichtspraxis
6
3.2. Die Rolle des Lehrers
8
3.3. Dreisprachiger Unterricht: Ein Projekt aus den Niederlanden
9
4. ,Platt′ auf dem Lehrplan: Ein Spannungsfeld zwischen Theorie und
Praxis?
11
4.1. Rahmenrichtlinien norddeutscher Bundesländer
11
4.2. Probleme bei der Umsetzung
13
4.3. Niederdeutsch-Erweiterung: Konsequenzen für den Schulalltag
15
5. Lösungsansätze
16
5.1.
Aufgaben
der
Politik
16
5.2.
Aufgaben
des
Lehrers
18
6. Schlussdiskussion
19
7. Literaturverzeichnis
21
1. Einleitung
,,Da werden Sie geholfen!"
Mit diesem Slogan für eine Telefonauskunft war Verona
Pooth vor einiger Zeit in der Fernsehwerbung zu sehen. Nahezu jeder deutschspra-
chige Zuschauer wird bemerkt haben, dass es sich bei diesem Satz um nicht ganz
einwandfreies Hochdeutsch handelt: Das Verb ,helfen′ wird hier in der passiven
Form benutzt. Aufgrund dieser falschen, aber doch heiter wirkenden Satzkonstrukti-
on wurde der Werbeslogan Pooths vor allem in der Dienstleistungsbranche bei-
nahe zum geflügelten Wort. Jedoch kann die Fehlerhaftigkeit dieses Satzes sogar
angezweifelt werden: Wer einmal die niederdeutsche Sprache gehört, sich aber nicht
weiter mit ihr auseinandergesetzt hat, wird vielleicht vernommen haben, dass dort die
Anrede
Se
sowohl im Dativ (,Ihnen′) als auch im Akkusativ (,Sie′) gebraucht wird.
In seiner fehlerfreien hochdeutschen Form
,,Da wird Ihnen geholfen!"
kann also der
Satz wortwörtlich ins Niederdeutsche übersetzt werden mit
,,Dor ward Se holpen!"
.
Und schon könnten Menschen, die nicht aktiv Niederdeutsch sprechen, ohne Weite-
res schlussfolgern, dass der von Verona Pooth absichtlich fehlerhaft vorgetragene
Werbespruch nur auf die Wurzeln der niederdeutsche Sprache zurückzuführen sei.
Vor allem Kinder und Jugendliche würden dann aufgrund dieser Annahme die Inkor-
rektheit des Satzes in Frage stellen, da sie kaum noch Niederdeutsch beherrschen;
somit wissen die wenigsten unter ihnen, dass der Niederdeutschsprechende sich eines
differenzierten Satzbaus bedient, um eventuelle Verwechselungen von
Se
im Dativ
und
Se
im Akkusativ zu vermeiden. Der Werbeslogan in seiner hochdeutschen, kor-
rekten Form
,,Da wird Ihnen geholfen!"
würde also im Niederdeutschen in etwa lau-
ten:
,,Dor kreeng Se Hülp!"
Schon allein dieses Beispiel demonstriert, dass Niederdeutsch eine eigenständige
Sprache mit ihren individuellen Besonderheiten ist. Und darüber hinaus: Wer diese
Sprache nicht wenigstens ansatzweise beherrscht, kann Gefahr laufen, Fehler im
Hochdeutschen allein auf ihre Existenz zurückzuführen. Nicht nur aus diesem Grund
sollte der niederdeutschen Sprache (wieder) mehr Aufmerksamkeit geschenkt und
gerade in öffentlichen Institutionen, wie z.B. Schulen, noch mehr Wert auf deren
Vermittlung gelegt werden. Mit genau dieser Thematik beschäftigt sich die vorlie-
gende Arbeit. Insbesondere soll hier der Fragestellung nachgegangen werden, wie
sich die derzeitige Situation des Niederdeutschen im Schulalltag (vor allem anhand
1
des Grundschulmodells) darstellt und noch weiter optimieren ließe. Im Zentrum die-
ser Untersuchungen stehen die norddeutschen Bundesländer Schleswig-Holstein,
Hamburg und Niedersachsen. Zuerst wollen wir darin unser Interesse auf das Nie-
derdeutsche unter dem Aspekt der Mehrsprachigkeit stützen. Das Aufzeigen der
wichtigsten Vorzüge mehrsprachiger Erziehung ist hier ausschlaggebend, weil Nie-
derdeutsch als eigenständige Sprache betrachtet werden kann (s.o.). Da jedoch mit
Englisch schon eine Fremdsprache in den Kerncurricula der Grundschule fest veran-
kert ist, wollen wir darauf aufbauend auch auf die Besonderheiten des Niederdeut-
schen hinweisen: Es soll dargelegt werden, welche Gründe sich für es in der Schule
neben den Fremdsprachen (überwiegend Englisch, Französisch oder Spanisch) an-
führen lassen. Der nächste Abschnitt der Arbeit widmet sich den Erfahrungen mit
,Plattdeutsch′ aus der Unterrichtspraxis. Um überhaupt aufzeigen zu können, wie
eine Verbesserung des Niederdeutsch-Angebots an Grundschulen aussehen soll,
müssen wir uns zuerst mit dem dort aktuellen Stand dieser Sprache auseinanderset-
zen. Hierbei spielen auch die Einstellungen der Lehrkräfte zu ,Plattdeutsch′ als Un-
terrichtsgegenstand eine nicht ganz unerhebliche Rolle; schließlich hängt es auch von
ihnen ab, ob und inwiefern unsere Schüler diese Sprache lernen. Um aber zu verdeut-
lichen, ob in der Region gesprochene Dialekte überhaupt Unterrichtsgegenstand sein
können, soll eine weitere Praxiserfahrung beschrieben werden: Ein Projekt zur drei-
sprachigen Grundschule aus den Niederlanden. Anschließend wollen wir unser Au-
genmerk auf die Rahmenrichtlinien für Niederdeutsch richten und Probleme bei de-
ren Umsetzung herauskristallisieren, weil hier wie in nahezu allen Bereichen des
Lebens Theorie und Praxis weit auseinandergehen können. Die Darlegung von
Konsequenzen, die sich aus einer Integration von mehr Niederdeutsch in der Schule
ergeben können, soll die Ausführungen untermauern. Im letzten Teil der Arbeit wer-
den Lösungsansätze zu den vorher genannten Grenzen zu durchleuchten sein. Weil
die Lehreraus- und -fortbildung die Basis für den Unterricht darstellt, wollen wir sie
im Hinblick auf Niederdeutsch genauer untersuchen. Letztendlich kann aber auch
jede Lehrkraft eigeninitiativ zu einer Intensivierung dieser Sprache in der Schule
beitragen; wie sie aussehen könnte, soll auf den zuvor genannten politischen Aspek-
ten aufbauend gezeigt werden.
Wörtlich oder inhaltlich entnommene Stellen sind in der vorliegenden Arbeit
durch Verweise auf die jeweiligen Autoren in Klammern kenntlich gemacht. Alle
2
anderen eingeklammerten Hinweise, z.B. (vgl. Kap. 2.1.), sind Binnenverweise die-
ser Arbeit.
2. Niederdeutsch unter dem Gesichtspunkt der Mehrsprachigkeit
2.1. Vorteile mehrsprachiger Erziehung
Damit wir die Vorteile mehrsprachiger Erziehung erfassen können, sollte zunächst
aufgezeigt werden, was genau unter Mehrsprachigkeit zu verstehen ist. Eine gute
Definition liefert Oksaar: Als Mehrsprachigkeit wird die Befähigung eines Menschen
bezeichnet, mindestens zwei Sprachen als Kommunikationsmittel einzusetzen und
situationsabhängig von einer Sprache in die nächste überzuwechseln (1998, S. 5f.).
Dazu gehören auch Dialekte, weil sie als eigene Sprache aufgefasst werden können
(vgl. 1.). Das bedeutet aber nicht nur, mehrere Sprachen als Kommunikationszweck
zu gebrauchen. Es bedeutet auch, dass in bestimmten Situationen einer Sprache
emo-
tional
eine größere Rolle zuteil werden kann als der anderen (Oksaar 1986, S. 10).
Dies könnte beispielsweise der Fall sein, wenn in einer feierlichen Gesellschaft ü-
berwiegend Hochdeutsch gesprochen wird, aber einige Menschen, die sich schon
lange kennen, dort auf Niederdeutsch miteinander kommunizieren. Somit kommt der
Sprache auch eine Identitätsfunktion zu (Oksaar 1986, S. 11): Das Individuum kann
seinem Gegenüber eine emotionale Bindung signalisieren. Aber diese Tatsache ist
bei Weitem nicht der alleinige Vorzug, den der frühe Erwerb mehrerer Sprachen ein-
schließt.
Wir befinden uns heute in einem Zeitalter der Globalisierung, in dem immer mehr
Menschen aus beruflichen Gründen gezwungen sind, ihren Heimatort zu verlassen.
Mehrsprachige sind dann eindeutig im Vorteil, weil sie sich in ihrer neuen Umge-
bung leichter verständigen können. Einem möglichst frühen Erwerb von mehreren
Sprachen kommt hier also eine besondere Bedeutung zu. Aber selbst wenn die Spra-
che, die am zukünftigen Wohnsitz überwiegend gesprochen wird, nicht zu jenen ge-
hört, die von Kindheit an gelernt wurden, so gilt eines doch als bewiesen: Menschen,
die mehrsprachig aufwachsen, lernen später weitere Sprachen umso leichter (Oksaar
1998, S. 9).
Kritiker der frühen Mehrsprachigkeit haben oftmals angeführt, dass die Kinder
überfordert seien, die Sprachen durcheinander brächten und dann mit dem Stottern
anfingen. Damit wurden sicher auch jene Eltern verunsichert, die eine Mehrspra-
chigkeit ihrer Kinder anstrebten (Oksaar 1984, S. 246). Diese Ansicht ist aber nach
3
dem Stand aktueller Forschungen überholt. Oksaar hat in ihren Überlegungen oft auf
die Begünstigung des analytischen Denkens durch frühe Mehrsprachigkeit bei Kin-
dern hingewiesen (1998, S. 8f.; 1984, S. 247; 1986, S. 16). Demzufolge wird das
Kind zu Fragen angeregt und kann auch schon Vergleiche zwischen zwei Sprachen
anstellen beispielsweise, dass ein- und derselbe Gegenstand in der ersten Sprache
anders bezeichnet wird als in der zweiten. Dabei lernen die Kinder spielend durch
Beobachtung, und diese Gabe fördert den Intellekt. In der Schule haben viele Schüler
der Bundesrepublik über Jahrzehnte mit Englisch ihre erste Fremdsprache ab der 5.
Klasse gelernt. Dass dies unter den o.g. Voraussetzungen viel zu spät ist, braucht
wohl kaum noch erwähnt zu werden. Dazu kommt erschwerend, dass Kinder im Al-
ter von etwa zehn Jahren als erfahrene Muttersprachler selbstkritischer sind und aus
Angst vor Fehlern in der fremden Sprache nicht mehr einfach darauf ,lossprechen′
(Oksaar 1998, S. 10). Mehrsprachigkeit sollte also spätestens in der Grundschule
gewährleistet werden.
Darüber hinaus erwerben die Kinder mit einer Sprache ,,soziokulturell bedingte
Verhaltensweisen" (Oksaar 1984, S. 246). Diese fördern die Toleranz gegenüber
anderen Kulturen und ermöglichen über Aussprache, Lexik und Grammatik hinaus-
gehend eine richtige Interpretation bestimmter Handlungen von Kommunikations-
partnern. Es bieten sich somit nicht nur mehr Kontaktmöglichkeiten, sondern auch
die individuellen Besonderheiten der jeweiligen Kultur werden kennen und schätzen
gelernt.
2.2. Status des Niederdeutschen als Unterrichtsgegenstand
An deutschen Schulen haben sich als Fremdsprachen vor allem Englisch, Franzö-
sisch und Spanisch etabliert. Niederdeutsch gehört bislang nur äußerst selten dazu;
ist es doch strenggenommen keine
Fremd
sprache, sondern eine eigenständige Form
des Deutschen. Deshalb scheint es vielleicht auf den ersten Blick etwas sonderbar,
gerade das Niederdeutsche als solch eine Fremdsprache verstärkt in den Unterricht
installieren zu wollen. Hinzu kommt das negative Image, dem Niederdeutsch über
eine geraume Zeit ausgesetzt war: Es galt als ein Zeichen sozial niedriger Herkunft
und fehlender Bildung (Kremer 1989, S. 11), da es überwiegend in ländlichen Regi-
onen von Leuten mit einfacher gearteten Berufen benutzt wurde. Dass im 18. Jahr-
hundert mit dem Dienstpersonal gutbürgerlicher Häuser meistens auch Nieder-
deutsch gesprochen wurde (Möhn 1986, S. 22), bekräftigt den negativen Status die-
4
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