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Sammelband, 2007, 329 Seiten
Autor: Dr. Wolfgang Ruttkowski
Fach: Kunst - Kunsttheorie, Allgemeines
Details
Jahr: 2007
Seiten: 329
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-83889-4
ISBN (Buch): 978-3-638-83848-1
Dateigröße: 5602 KB
Bei dieser Veröffentlichung handelt es sich um einen Sammelband, der 32 verschiedene Essays zu den Themen Ästhetik, Gattungspoetik und Literaturterminologie beinhaltet. Die einzelnen Essays können ebenfalls über den GRIN Verlag als separate E-Books bezogen werden.
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Zusammenfassung / Abstract
Diese Aufsätze entstanden in einem Zeitraum von fast einem halben Jahrhundert. Die ersten wurden noch mit Schreibmaschine geschrieben und mussten deshalb mühsam gescannt und ins digitale Format übertragen werden. Da viele in Japan, wo ich 22 Jahre, und einige in den USA, wo ich 16 Jahre lehrte, veröffentlich wurden, bietet mir die Publish-On-Demand Methode eine ideale Möglichkeit, sie deutschen Lesern zugänglich zu machen. Einige habe ich in deutscher und englischer Sprache veröffentlicht, andere nur in englischer. (Ein Band mit den englischen Aufsätzen erscheint gleichzeitig im gleichen Verlag.) Da ich nicht annehme, dass irgendjemand alle Aufsätze liest, habe ich darauf verzichtet, Verdoppelungen in den Literaturangaben zu beseitigen. Auch habe ich keine Neuerscheinungen angeführt, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass ich diese kannte, als ich die Aufsätze schrieb. Das vorstehende Inhaltsverzeichnis ist deshalb chronologisch angeordnet. Ich vertraue darauf, dass der Fachmann beurteilen kann, zu welchem Grade meine Einsichten originell waren (und vielleicht noch sind). Gerade weil ich mich immer für „ausgefallene“ Themen interessiert habe, finden meine Aufsätze vielleicht noch Interesse und sind nicht veraltet. (Sie befassen sich erstmalig mit: Einer Untersuchung und Beschreibung des lit. Chansons als Gattung sowie der Abgrenzung seiner vier Haupttypen; einer Erweiterung der Staigerschen „Grundbegriffe“ auf die „publikumsbezogene Grundhaltung“, in der sich alle Gattungen unterbringen lassen, die in seinem System keinen Platz fanden; einem systematischer Vergleich und der Synthese von Ingardens und Hartmanns Schichtensystemen und deren Anwendung auf die Kunstpsychologie; der Analyse und Integration von Literaturbegriffen wie „Schicht“, „Struktur“ und „Gattung“; einem umfassenden Vergleich von Literaturterminologien über die europäischen hinaus; der schichtentheoretischen Analyse des Musikkunstwerks sowie der Beschreibung der Abstraktionsgrade in asiatischer Malerei und ungegenständlicher Kunst). Ich war nie daran interessiert „ein weiteres Buch über Goethe“ zu schreiben. Thematisch lassen sich vier Bereiche unterscheiden, die zugleich die Entwicklung meiner wissenschaftlichen Interessen spiegeln: Aus meiner jugendlichen Begeisterung für das „literarische Chanson“, das ich gelegentlich vortrug, entstand mein Interesse für dieses als „literarische“ (?) Gattung. [...]
Textauszug (computergeneriert)
AUFSÄTZE UND VORTRÄGE ZUR
ÄSTHETIK, POETIK UND LITERATURTERMINOLOGIE
Wolfgang Ruttkowski
INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort (S. 4)
Ästhetik (nach Erscheinungsjahr)
1) Warum abstrakt? Reflexionen zu einem Aufsatz von Herbert Read. In: Zeitschrift für Ästhetik 16/1 (1971) 412-21 (S.5)
2) Die Schichtenfolge in der Dichtung. In: Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft. Bd. XIX/2 (1974) 159-170 (S. 12)
3) Was ist und was leistet `Schichtenpoetik`? In: Doitsu Bungaku 53 (1974) 104-110 (S. 19)
4) Schicht, Struktur und Gattung: Zusammenhang der Begriffe. In: The German Quarterly 47/1 (1974) 35-44 (S. 23)
5) Über ostasiatische Tuschemalerei und Kalligraphie. In: Zeitschrift für Ästhetik 22/2 (1977) 193-199 (S. 30)
6) Das Schichtenverhältnis im Musikkunstwerk. In: Zeitschrift für Ästhetik 24/1 (1979) 5-10 (S. 34)
7) Der Wandel unseres Kunstbegriffs. In: Acta Humanistica 16/4, Human.Ser. 14 (1988) 3 (S. 37)
8) Das Problem der Konkreten Poesie. In: Protokoll 14 (1989) 44-62 (S. 43)
9) Grenzen der ′Aussparung′ in der Literatur. In: Acta Humanistica 18/3, For.Langs and Lit.S. 16 (1989) 145-186 (S. 54)
10) Nachträgliche Überlegungen zur soziologischen Methode. In: Acta Humanistica 18/4, Human.S. No.16 (1989) 156-182 (S. 70)
11) Nicolai Hartmann als Literaturkritiker. Vortrag auf der Tagung der Japanischen Gesellschaft für Germanistik in Tokyo gehalten am 20.5.1989 (S. 83)
12) Was bedeutet ′schön′ in der Äesthetik? In: Acta Humanistica 19/2, Human.S.17 (May 1990) 215- 235 (S. 91)
13) ′Camp′ und ′Kitsch′. In: Doitsu Bungaku 86 (Frühjahr 1991) 148-156 (S. 99)
14) Roman Ingarden (1893-1970) und seine Kritiker. Vortrag auf der Tagung der Japanischen Gesellschaft für Germanistik an der Hokkaido Daigaku am 21.9.1995 (S. 104)
15) Fragestellungen und Themen der deutsch- und englischsprachigen Ästhetik in den letzen fünfzig Jahren. Eine Übersicht. In: Acta Humanistica 23/1, Human.S. No.21 (1996) 286-302 (S. 121)
16) Gibt es allgemeingültige Werte für die Beurteilung von Literatur? In: Acta Humanistica 29/1, Foreign Languages and Literature S. No. 25 (1998) 20-86 (S. 129)
17) Ästhetik, Kunstbegriff und Wertfrage.” Acta Humanistica 29:2, Humanities Series 25 (1998): 147- 167 (S. 164)
18) Hat die "Fundamentalpoetik" wirklich ausgespielt? Anwendungen für eine Theorie der Komparatistik. Zuerst als Vortrag bei der Nihon-Dokubun-Gakkai am 6.12.1997 an der Okinawa Kokusai Universität vorgetragen;in engl. Sprache unter dem Titel „On the Relationship of Comparative Literature to ‚Strata Poetics’, and Fundamental Poetics’“ in: Acta Humanistica et Scientifica Universitatis Sangio Kyotiensis, Humanities Series No. 27 (March 2000) 221-241 (S. 173)
19) Kernbegriffe der Ästhetik. Ein Vorschlag für ihre sinnvolle Verwendung im ästhetischen Diskurs in Kants Problemhorizont. In: Kants Schlüssel zur Kritik des Geschmacks. Sonderheft des Jahrgangs 2000 der Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft (2000) 155-168 (S. 178)
20) Originalität und Innovation: Zur “Abweichungspoetik” In: Acta Humanistica, Humanities S. No. 28 (2001) 84-115 (S. 187)
21) Kanon und Wert. Zur Kritik leitender Annahmen. Neun Thesen mit Kommentaren. In: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache. Intercultural German Studies. Bd. 27, Themat. Schwerpunkt: Wissenschaftskommunikation (2001) 71-103 (S. 202)
Gattungspoetik (nach Erscheinungsjahr)
22) Reflexion über Grundhaltungen in der Poetik. In: Seminar 1/1 (1965) 31-40 + 1/2 (1965) 125-128 (S. 219)
23) Probleme der allgemeinen Gattungspoetik. In: Pacific Coast Philology 3 (1968) 54-63 (S. 224)
24) Der Geltungsbereich unserer literarischen Sachbegriffe. In: Zur Terminologie der Literaturwissenschaft (ed. Wagenknecht, 1986) 80-104 (S. 230)
25) Chanson – Couplet – Song. Versuch einer semantischen Abgrenzung. In: Acta Humanistica, Humanities S., Vol. XXII/3 (1993) 145-166 (S. 248)
26) Das Dirnenlied. Beschreibung einer Gattung. In: Acta Humanistica, Humanities S., No. 22, Vol. XXV/1 (1995) 296-327 (S. 260)
27) Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit, Transparenz und Offenheit in “moderner Lyrik”. In: Acta Humanistica, Humanities S., No. 22, Vol. XXV/1 (1995) 296-327 (S. 275)
28) Interaktive Romane. Was wollen, was können sie sein? Vortrag auf der Tagung der Japanischen Gesellschaft für Germanistik in Tokyo am 11.5.1996 (S. 281)
29) Zur semantischen Beschaffenheit literarischer Sachbegriffe. In: Acta Humanistica, Foreign Langs. And Lit. S., No. 27 (2000) 131-142 (S. 297)
30) Gattung? Was ist in Deutschland ein “literarisches Chanson”? In: Acta Humanistica, Humanities S., No.29 (2002)147-163; engl. Cabaret Songs. In: Popular Music and Society, Vol. 25 3/4 (2001) 45-71 ausgezeichnet mit dem R. Serge Denisoff-Award for Best Article (S. 304)
Literaturterminologie (nach Erscheinungsjahr)
31) Ein (digitalisierter) Thesaurus der Literaturwissenschaft? In: Acta Humanistica 16/4, Human. Ser. 14 (1987) 326-352 (S. 311)
32) Probleme beim Vergleich von Literaturterminologien. In: Akten des VII. Intern. Germanisten- Kongresses 4 (1991) 412-421 (S. 322)
Vorwort
Diese Aufsätze entstanden in einem Zeitraum von fast einem halben Jahrhundert. Die ersten wurden noch mit Schreibmaschine geschrieben und mussten deshalb mühsam gescannt und ins digitale Format übertragen werden. Da viele in Japan, wo ich 22 Jahre, und einige in den USA, wo ich 16 Jahre lehrte, veröffentlich wurden, bietet mir die Publish-On-Demand Methode eine ideale Möglichkeit, sie deutschen Lesern zugänglich zu machen. Einige habe ich in deutscher und englischer Sprache veröffentlicht, andere nur in englischer. (Ein Band mit den englischen Aufsätzen erscheint gleichzeitig im gleichen Verlag.) Da ich nicht annehme, dass irgendjemand alle Aufsätze liest, habe ich darauf verzichtet, Verdoppelungen in den Literaturangaben zu beseitigen. Auch habe ich keine Neuerscheinungen angeführt, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass ich diese kannte, als ich die Aufsätze schrieb. Das vorstehende Inhaltsverzeichnis ist deshalb chronologisch angeordnet.
Ich vertraue darauf, dass der Fachmann beurteilen kann, zu welchem Grade meine Einsichten originell waren (und vielleicht noch sind). Gerade weil ich mich immer für „ausgefallene“ Themen interessiert habe, finden meine Aufsätze vielleicht noch Interesse und sind nicht veraltet. (Sie befassen sich erstmalig mit: Einer Untersuchung und Beschreibung des lit. Chansons als Gattung sowie der Abgrenzung seiner vier Haupttypen; einer Erweiterung der Staigerschen „Grundbegriffe“ auf die „publikumsbezogene Grundhaltung“, in der sich alle Gattungen unterbringen lassen, die in seinem System keinen Platz fanden; einem systematischer Vergleich und der Synthese von Ingardens und Hartmanns Schichtensystemen und deren Anwendung auf die Kunstpsychologie; der Analyse und Integration von Literaturbegriffen wie „Schicht“, „Struktur“ und „Gattung“; einem umfassenden Vergleich von Literaturterminologien über die europäischen hinaus; der schichtentheoretischen Analyse des Musikkunstwerks sowie der Beschreibung der Abstraktionsgrade in asiatischer Malerei und ungegenständlicher Kunst). Ich war nie daran interessiert „ein weiteres Buch über Goethe“ zu schreiben.
Thematisch lassen sich vier Bereiche unterscheiden, die zugleich die Entwicklung meiner wissenschaftlichen Interessen spiegeln: Aus meiner jugendlichen Begeisterung für das „literarische Chanson“, das ich gelegentlich vortrug, entstand mein Interesse für dieses als „literarische“ (?) Gattung. Nachdem ich endlich an der Göttinger Universität Professor Wolfgang Kayser überzeugt hatte, mich als Doktorand über dieses (damals noch) „unseriöse“ Thema anzunehmen, starb dieser unerwartet. Dies zwang mich, nach Kanada auszuwandern, wo – durch die Vermittlung des DAAD – Professor Reiss an der McGill University in Montreal meine Dissertation betreute. Sie wurde später als mein erstes Buch veröffentlicht.
In Kalifornien (an der University of Southern California) begann ich, mich für Gattungspoetik im Allgemeinen zu interessieren, was sich in vielen Aufsätzen und zwei weiteren Büchern manifestierte, dem Versuch einer Erweiterung von Emil Staigers „Grundbegriffen“, die auch den „Vortragsgattungen“ Raum bietet, und einer Bibliographie zu diesem Thema. Von der Poetik war es nur noch ein Schritt zur Ästhetik (besonders den Typologien und Schichtentheorien), was zu zwei weiteren Büchern (einer vergleichenden Darstellung und einer internationalen Bibliographie) führte. Im Comparative Literature Program der New York University, wo ich anschließend lehrte, begannen mich allgemeine Beschreibungsprobleme von literarischen Phänomenen und die Erstellung von internationalen Literaturlexika zu interessieren, was sich in weiteren Aufsätzen und zur Herausgabe von zuerst einem dreisprachigen und später einem siebensprachigen Literaturwörterbuch veranlasste.
Außerdem hatte ich immer ein ausgeprägtes Interesse an den pädagogischen Forderungen meines Berufs, was sich in einem weiteren Buch und vielen Aufsätzen zur Literaturdidaktik niederschlug, die aber in diesen Band nicht aufgenommen wurden. (Ein Verzeichnis meiner Publikationen findet man in meiner dreisprachigen, dt./engl./jap., Homepage, die von meinen Studenten angefertigt wurde: http://www.kyoto-su.c.jp/~wolf)
Wegen meines Emigranten-Daseins habe ich immer wie im schalldichten Raum arbeiten müssen. Keinerlei Echo oder Anregung oder Kritik von Kollegen hat mir jemals geholfen, und wenn, dann (in Rezensionen) zu spät. Ich möchte aber meinem Freund, Ginzo Kobayashi, für seine selbstlose Hilfe im technischen Bereich danken. WR
WARUM ABSTRAKT?
REFLEXIONEN ZU EINEM AUFSATZ VON
SIR HERBERT READ [1]
Sir Herbert Read (1892-1968), der mehrere nützliche Einführungen in die moderne Kunst geschrieben hat, stellte einmal in einem Artikel [2] mit dem kurzen Titel, „Why Abstract?" fünf Argumente gegen abstrakte Kunst, die ihm der Schriftleiter einer New Yorker Zeitschrift geliefert hatte, zusammen, um sie zu widerlegen.
Die pädagogische Absicht, dem interessierten Laien in einfacher Sprache den Zugang zu moderner Kunst zu erleichtern (die auch andere Essays von Read auszeichnet), wird jeder begrüßen. Die Argumentation selbst kann jedoch den kaum überzeugen, der viele der Zweifel an abstrakter Kunst teilt. Ein genaues Lesen der fünf Einwände und ihrer Widerlegungen fordert deshalb Gegenargumente heraus, die hier kurz notiert werden sollen. (Sie könnten von einem anderen Leser dieser Zeitschrift wiederum korrigiert werden. Eine derartige Diskussion, in der jeder genau auf die Argumente des anderen eingeht, sollte alle Fragen klären können, die überhaupt zu klären sind, - und die übrigen deutlich abgrenzen.)
Ich übersetze jeweils zuerst den Einwand des Schriftleiters ungekürzt, dann Sir Herberts Widerlegung auf die Hauptpunkte verkürzt (kursiv) und füge schließlich meine eigenen Bemerkungen (durch kleine Buchstaben genau auf den Text bezogen) hinzu:
I. SIE (ABSTRAKTE KUNST) VERMITTELT KEINEN GEHALT (MEANING). SIE ZEIGT NUR DEN KÜNSTLER IM SELBSTGESPRÄCH.
Was ist der "Gehalt" [a] eines Gemäldes oder einer Skulptur? Kunst ist für sie [die sozialistischen Realisten] ebenso wie für Tolstoi und Ruskin ein Vehikel für irgendeine Botschaft (message) über soziale Verhältnisse, Naturphänomene oder menschliche Beziehungen; und das Kunstwerk soll unser Seinsverständnis vertiefen. Handelt es sich, dabei um einen rationalen Vorgang, die Art von Verständigung, die auf logische Sprachäußerungen [b] begrenzt bleiben sollte; oder möglicherweise um einen irrationalen Prozess [c] Äußerungen, die nur mit visuellen Symbolen [d] gemacht werden können?
Der Verteidiger der abstrakten Kunst glaubt, dass alle Kunst eine Art symbolischen Gesprächs [e] darstellt und dass selbst gegenstandsgebundene Gestaltung ihren Gehalt [f] (message) eher durch Form und Farbe als durch die Nachahmung der sichtbaren Dinge übermittelt. Er verweist darauf, dass andere Künste, wie Musik und Architektur, nichts imitieren, sondern durch abstrakte Verbindungen von Tönen, Intervallen, Proportionen und Rhythmen wirken. Es gibt keinen Grund, warum die Verbindungen von Linien und Farben auf einer Leinwand oder von Masse und Volumen in einer Skulptur nicht auf die gleiche Weise abstrakt sein sollten [g]. Es ist nur eine Gewohnheit von begrenzter historischer Bedeutung, daran festzuhalten, dass die bildenden Künste ihren Gehalt (meaning) durch die Nachbildung von zufällig durch die Natur entwickelten Formen vermitteln sollten [h]. Dann könnte die Musik mit gleicher Logik auf die Imitation von Vogellauten und Donner begrenzt werden [i]; und die Architektur auf die Nachbildung von Höhlen und Bergen[j].
Das abstrakte Kunstwerk mag rätselhaft sein, - aber es ist nicht ohne Gehalt (meaningless) [k]: es ist ein Symbol, das für die tiefsten Gefühle und Eingebungen des Künstlers stehen mag, und in dem der Beschauer seine eigenen Gefühle und Eingebungen ausgedrückt und gedeutet finden kann. Reads erste Frage [a], eigentlich eine, „Gegenfrage", zielt bereits in das Zentrum des Problemzusammenhangs. Sie zwingt uns deshalb, sofort mit einer weiteren Gegenfrage zu antworten: Der, „Gehalt" eines Werkes der bildenden Kunst wird doch wohl nicht zuletzt von seinem Grad der Abstraktion bestimmt?
Dass alle Kunst (auch die naturalistische) von der sichtbaren Realität abstrahiert, abstrahieren muss, ist ein Gemeinplatz der Ästhetik. Wir brauchen hier nur an die Notwendigkeit der Auswahl und Betonung des Bedeutenden zu erinnern, an die abtrennende und deshalb vom „Wirrwarr der Erscheinungen" abstrahierende Funktion des Rahmens, Vorhanges, Podestes etc., an den exemplarischen und zugleich transparenten Charakter des Kunstwerkes, der durch seine einmalige Struktur unterstrichen wird, an den vom Tatsächlichen abstrahierenden Charakter jedes Stils (Personal- und Zeitstils). Dass z. B. die dynamische Steigerung barocker Gestaltung ebenso von der Wirklichkeit abweicht wie die statische Abstraktion des Kubismus, leuchtet ein. Selbst im Realismus kann die persönliche Sehweise des Künstlers, die wir Personalstil nennen, nicht ganz ausgeschaltet werden. Auch das ideale Mittelmass klassischer und klassizistischer Gestaltung entspricht nicht der immer individuell ausfallenden Wirklichkeit. Read sagt selbst zu Beginn des nächsten Abschnitts, dass es keine "naturgetreue" Abbildung der Gegenstände gibt, weil jede Abbildung bereits Interpretation ist. (Letzteres trifft übrigens auch für die künstlerische Photographie zu.)
[...]
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