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"Ein Leuchten im Dunkel" - Melancholie in Gesellschaft und Literatur der Postmoderne

Subtitle: Ein zwischenwissenschaftlicher Vergleich von Psychologie, Soziologie und Jon Fosses Roman "Morgen und Abend"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 33 Pages
Author: Susann Krüger
Subject: German Studies - Comparative Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2007
Pages: 33
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 40  Entries
Language: German
Archive No.: V83446
ISBN (E-book): 978-3-638-87273-7
ISBN (Book): 978-3-638-87355-0
File size: 351 KB
Notes :
Kommentar der Dozentin: "Sehr überzeugende Arbeit, die auf tiefgründig-'melancholische' Weise nicht nur die Darstellung in Psychologie und Soziologie der Postmoderne gelingt. Neben dieser nicht eben einfachen Aufgabe löst sie auch das Problem, jene Befunde - in einer sehr sensiblen Textanalyse - mit der Literatur zu verzahnen. All dies geschieht in selten anzutreffender Klarheit: großes Lob für diese sehr souveräne, in allen Aspekten untadelige Untersuchung."


Abstract

"Wer nicht an der Melancholie scheitert, hat nicht über sie nachgedacht..." Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen der Melancholie in der postmodernen Gegenwart. Es sollen nicht nur Erscheinungsformen der Melancholie beschrieben, sondern auch Ursachen für ihr Auftreten sowie der gesellschaftliche und – am Beispiel des norwegischen Autors Jon Fosse – literarische Umgang mit ihr in der heutigen Zeit untersucht werden. Dabei ist der wissenschaftliche Ansatz dieser Arbeit zentral für die Behandlung des Themas. Literaturwissenschaft, Psychologie und Soziologie sollen gleichermaßen für die Analyse der postmodernen Melancholie zurate gezogen werden. Dabei stehen die Kennzeichen der Melancholie als Realphänomen in der postmodernen Gesellschaft sowie die literarisch-künstlerische Auseinandersetzung mit ihr im Zentrum der Arbeit. In einem ersten Schritt wird auf die Melancholie in der Psychologie der Postmoderne und dabei vor allem auf die Unterscheidung zwischen Melancholie und Depression eingegangen werden. Auf Basis dreier theoretischer Ansätze, die sich mit der gesellschaftlichen Postmoderne auseinandersetzen – Ulrich Becks Risikogesellschaft, Zygmunt Baumans Unbehagen in der Postmoderne und Jean Baudrillards Konzept der Hyperrealität – erfolgt die Suche nach Melancholie in gegenwärtigen gesellschaftlichen Strukturen. Dabei geht es sowohl um die Darstellung möglicher Ursachen von Melancholie als auch ihre Charakteristika; die ambivalente Beurteilung der Melancholie in der Postmoderne wird von besonderem Interesse sein. Der zweite zentrale Komplex der Arbeit beschäftigt sich mit der Untersuchung der Melancholie in der postmodernen Literatur. Diese wird exemplarisch an dem 2001 in Deutschland erschienenen Roman Morgen und Abend des norwegischen Schriftstellers Jon Fosse durchgeführt. [...] In einem letzten Schritt erfolgt die Zusammenführung von Gesellschaftswissenschaft und Literatur. Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten in der Darstellung von bzw. im Umgang mit Melancholie werden herausgestellt. Ein persönlicher Blick auf den Umgang mit Melancholie in der Zukunft bildet den Abschluss dieser Arbeit.


Excerpt (computer-generated)

Universität Leipzig
Institut für Klassische Philologie und Komparatistik
Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft

Vorlesung:

Kreativität und Krankheit.
Darstellungen der Melancholie in Literatur, Kunst und Wissenschaft.
Wintersemester 2006/07

„Ein Leuchten im Dunkel“
Melancholie in Gesellschaft und Literatur der Postmoderne

Ein zwischenwissenschaftlicher Vergleich von Psychologie, Soziologie
und Jon Fosses Roman „Morgen und Abend“

von

Susann Krüger

Fach: Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
(Nebenfach, 9. FS)
Hauptfach: Kommunikations- und Medienwissenschaft (9. FS)
Nebenfach: Erziehungswissenschaft (abgeschlossen)
Abgabe: 12. April 2007

 

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung ...  3

2. Melancholie als Phänomen der empirischen Wissenschaften  ...  5
2.1 Unter den Teppich gekehrt – Melancholie in der Psychologie  ...  5
2.1.1 Negativsicht: Die ‚schwarze Melancholie’  ...  6
2.1.2 Positivsicht: Die ‚weiße Melancholie’  ...  7
2.2 Im Aufwind – Melancholie in der Soziologie  ...  9
2.2.1 Anknüpfungspunkte: Drei Theorien im Vergleich ...  9
2.2.2 Im gesellschaftlichen Kontext: Melancholie im Zwiespalt  ...  12

3. Melancholie in der Literatur: Jon Fosse Morgen und Abend  ...  17
3.1 Die Vorerfahrungen Fosses mit der Melancholie ...  17
3.2 Inhalt und Einordnung des Textes ...  17
3.3 Die Melancholie in Morgen und Abend  ...  18
3.3.1 Das Thema: Leere, Auflösung, Tod  ...  18
3.3.2 Die Innenperspektive: Der alte Fischer Johannes ...  21
3.3.3 Die Symbolik: Traditionelle Anknüpfungspunkte  ...  24
3.3.4 Die Sprache: Stille. Schweigen. Pause.  ...  25

4. Zusammenführung und Ausklang  ...  28

5. Anhang  ...  

6. Bibliographie  ...  31

 

 

1. Einführung

„Wer nicht an der Melancholie scheitert,
hat nicht über sie nachgedacht.“1

„Melancholie. November eben. Grad übte man sich noch im Schweben, nun stürzt man mit den Blättern ab.“2 – Die Melancholie ist ein Phänomen, zu dem schnell erste Assoziationen gefunden sind. Vielleicht der einsame Mönch von Caspar David Friedrich, die Lyrik eines Novalis, Thomas Manns Figur des Gustav Aschenbach oder auch nur ein einsames Wandern im Nebel.

Aber ist die Melancholie überhaupt noch zeitgemäß; ist es berechtigt, im 21. Jahrhundert nach einer Melancholie zu suchen? Wo wird man sie finden und in welcher Form? Auf den ersten Blick mag Melancholie als ein Gefühl erscheinen, das so gar nicht mehr in unsere Gegenwart passt. Auf den zweiten Blick muss das Problem differenzierter betrachtet werden.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen der Melancholie in der postmodernen Gegenwart.3 Es sollen nicht nur Erscheinungsformen der Melancholie beschrieben, sondern auch Ursachen für ihr Auftreten sowie der gesellschaftliche und – am Beispiel des norwegischen Autors Jon Fosse – literarische Umgang mit ihr in der heutigen Zeit untersucht werden. Dabei ist der wissenschaftliche Ansatz dieser Arbeit zentral für die Behandlung des Themas. Literaturwissenschaft, Psychologie und Soziologie sollen gleichermaßen für die Analyse der postmodernen Melancholie zurate gezogen werden. Dabei stehen die Kennzeichen der Melancholie als Realphänomen in der postmodernen Gesellschaft sowie die literarisch-künstlerische Auseinandersetzung mit ihr im Zentrum der Arbeit.

In einem ersten Schritt wird auf die Melancholie in der Psychologie der Postmoderne und dabei vor allem auf die Unterscheidung zwischen Melancholie und Depression eingegangen werden.

Auf Basis dreier theoretischer Ansätze, die sich mit der gesellschaftlichen Postmoderne auseinandersetzen – Ulrich Becks Risikogesellschaft, Zygmunt Baumans Unbehagen in der Postmoderne und Jean Baudrillards Konzept der Hyperrealität – erfolgt die Suche nach Melancholie in gegenwärtigen gesellschaftlichen Strukturen. Dabei geht es sowohl um die Darstellung möglicher Ursachen von Melancholie als auch ihre Charakteristika; die ambivalente Beurteilung der Melancholie in der Postmoderne wird von besonderem Interesse sein.

Der zweite zentrale Komplex der Arbeit beschäftigt sich mit der Untersuchung der Melancholie in der postmodernen Literatur. Diese wird exemplarisch an dem 2001 in Deutschland erschienenen Roman Morgen und Abend des norwegischen Schriftstellers Jon Fosse durchgeführt. Der Roman über den alternden Fischer Johannes bietet zahlreiche Ansatzpunkte für das Thema dieser Arbeit: Melancholie tritt in diesem Buch an vielen Stellen auf den verschiedensten Ebenen hervor. Die Interpretation des Textes wird sichtbar machen, welche Art von Melancholie dem Leser in Morgen und Abend begegnet, wie diese transportiert wird und welche Aspekte auf den gesellschaftlichen Umgang mit Melancholie hinweisen.

In einem letzten Schritt erfolgt die Zusammenführung von Gesellschaftswissenschaft und Literatur. Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten in der Darstellung von bzw. im Umgang mit Melancholie werden herausgestellt. Ein persönlicher Blick auf den Umgang mit Melancholie in der Zukunft bildet den Abschluss dieser Arbeit.

2. Melancholie als Phänomen der empirischen Wissenschaften 


„Eine besorgniserregende Intoleranz
gegenüber der Melancholie oder gar depressiven Stimmungen
macht sich in unserer Gesellschaft breit.“4

2.1 Unter den Teppich gekehrt – Melancholie in der Psychologie

In der Psychologie fällt seit einigen Jahren der große Veröffentlichungsboom an Literatur über Depressionen sofort ins Auge: Nicht nur wissenschaftliche Studien, sondern auch Bücher aus dem Bereich der Esoterik oder persönliche Erfahrungsberichte füllen die Verkaufsstände.5 Und das nicht ohne Grund: Mittlerweile gelten heutige Jugendliche als drei- bis viermal so häufig depressiv im Vergleich zu ihren Großeltern; in den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Schwierigkeiten um 70 Prozent gestiegen. Depression wird als Volkskrankheit der Zukunft prognostiziert.6

[....]


1 Horstmann, Ulrich: Konturen einer Philosophie der Menschenflucht. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1985. S. 114.

2 Wecker, Konstantin: Novemberlied. Auf: Vaterland. Compact Disc. München: Sony BMG Music, 2001.

3 Die genaue Definition der Begrifflichkeiten ist dabei aus folgenden Gründen nicht möglich: Meines Wissens existiert keine klare Definition der postmodernen Melancholie, da diese gerade erst wieder im Entstehen ist. Ebenso ist die ‚Postmoderne’ ein leider sehr unkonkreter Begriff und kann an dieser Stelle nur als Bruch mit der Moderne seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gedeutet werden; inhaltlich differieren die Beschreibungen der Postmoderne. Im Laufe dieser Arbeit werden daher eigene Definitionen gefunden werden müssen (Anm.d.Verf.).

4 Kramer, Peter: Besorgniserregende Intoleranz. In: Psychologie Heute. Heft 11/2001. Weinheim: Beltz, 2001. (Im Folgenden: Kramer.) S. 26.

5 Vgl. Walther, Lutz: Vorwort. In: Walther, Lutz(Hrsg.): Melancholie. Leipzig: Reclam, 1999. (Im Folgenden: Walther.) S. 11.

6 Vgl. Irle, Matthias: Schluss mit lustig. In: NEON. Heft 04/07. München: NEON Magazin GmbH, 2001. (Im Folgenden: Irle.) S. 66.


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