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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2000, 25 Pages
Author: Siegfried Exler
Subject: German Studies - Semiotics, Pragmatics, Semantics
Details
Tags: Göttliche, Macht, Medium, Rolle, Gerüchts, Antike
Year: 2000
Pages: 25
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 26 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-02007-7
ISBN (Book): 978-3-638-92281-4
File size: 273 KB
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Abstract
Das Gerücht entfaltet nicht nur heute seine Wirkung in Politik, Wirtschaft, Sport und auch im Privatleben, es tat dies bereits in der Antike. Im alten Griechenland bekleidete es sogar den Rang einer Gottheit. Von dieser Eigenschaft handelt der erste Abschnitt der vorliegenden Arbeit. Aber auch zutiefst menschliche Bezüge waren dem Gerücht, wie heute, nicht fremd. Das zweite Kapitel fragt hierzu nach Einzelheiten. Eine nicht uninteressante Mischung, deren sich das Gerücht im antiken Griechenland bediente, ist die Verbindung von göttlichen, menschlichen und metaphysischen Bezügen. Hiervon handeln die Abschnitte drei und vier, die seine Bedeutung für den Mythos bzw. das Orakelwesen untersuchen. Zum Schluss, in Kapitel fünf, wird auf die Rolle des Gerüchts für die Kommunikation der antiken Menschen eingegangen, wobei unter diesem Begriff hier sowohl die Kommunikation zwischen den Menschen als auch zwischen irdischer und göttlicher Sphäre zu verstehen ist.
Excerpt (computer-generated)
Technische Universität Berlin
Fachbereich 1
Kommunikations- und Geschichtswissenschaften
Institut für Linguistik
Arbeitsstelle für Semiotik
Hausarbeit im Rahmen des Hauptseminars:
"Semiotik des Gerüchts"
im WS 1999/2000
"Göttliche Macht und menschliches Medium"
Zur Rolle des Gerüchts in der griechischen Antike
Vorgelegt von:
Siegfried Exler
Studienfach: Semiotik
Fachsemester: 1
Inhaltsverzeichnis
1) Gerücht und Gottheit 3
2) Gerücht und Mensch 6
3) Gerücht und Mythos 9
4) Gerücht und Orakel 14
5) Gerücht und Kommunikation 17
6) Anmerkungen und Zitatverweise 21
7) Benutzte Literatur 23
2
1) Gerücht und Gottheit
"Das botenfrohe Feuer ließ
Durch unsere Stadt schnell Gerücht
Eilen, aber ob es wahr, wer weiß es ?
Oder ist es ein Gott gesandter Wahn ?" 1)
"Drum jäh, als käm′s von einem Gott ging ein Gerücht
Bei den Achaiern um, du seist dahin und tot." 2)
"Also handle und meide der Menschen hässlichen Leumund.
Hässlicher Leumund ist schlimm, denn leicht und ohne dein Zutun
Naht er, doch ihn ertragen, ist hart, und schwer, ihn denn abtun.
Schlechter Leumund vergeht nie ganz, wenn mancherlei Leute
Leumund verbreiten. Er wird darum auch Gottheit geheißen." 3)
Schon diese drei Zitate umfassen einen großen Teil der Bandbreite, mit welcher
das Gerücht in der griechischen Antike verbunden wurde.
Zuerst schildert Aischylos die Reaktion der Bürger vom Mykene auf die Feuersig-
nale, welche die Rückkehr des Agamemmnon aus Troja ankündigten. Im zweiten
Zitat gibt Sophokles die schmerzerfüllten Worte des Teukros wieder, mit welchen
dieser am Leichnam seines Bruders Ajax in kundtut, wie er von dessen Tod erfah-
ren hat. In den ′Werken und Tagen′, aus welchen das dritte Zitat stammt, gibt He-
soid in Liedern, Sprüchen und Gedichten zum Jahres- und Tagesablauf der Men-
schen vom Lande unter anderem Ratschläge, wie das Leben im Einklang mit den
Göttern zu meistern ist.
Das Gerücht verkündet hier sowohl gute als auch schlechte Botschaften. Es kann
die Betroffenen hoffnungsfroh stimmen als auch in Trauer stürzen. Zugleich wird
aber auch deutlich, dass niemand ihm blindlings vertrauen darf, sondern Skepsis
angebracht ist - bis hin zu dem Rat, sich vor dem vernommenen Gerücht zu hüten
oder ihm womöglich aus dem Weg zu gehen.
Allen gemeinsam aber ist ein hervorstechendes Merkmal: Die Verbindung von
göttlichen Einflüssen mit dem, was Menschen sagen und verkünden!
Erwähnt Aischylos etwas, was von einem Gott auf den Weg gebracht worden sein
kann, so tritt bei Sophokles ein Gott selbst als möglicher Überbringer der Nachricht
auf. Hesiod nun erhebt das Gerücht selbst ins metaphysische und weist ihm den
Rang einer Gottheit zu. Diese Bedeutungsteigerung führte hin bis zu einer
3
eigenständigen Göttin, die den Namen
pheme
, der attischen Dialektvariante des do-
rischen Begriffs
phatis
(Rede, Sage, gute und schlechte Nachrede, Offenbarung), 4)
erhielt.
Dieser
pheme
, die Aischylos sogar als eine der "größten Göttinnen" bezeichnet,
schreibt er auch einen Altar zu, der für sie in Athen errichtet wurde. 5) Dies soll um
465 v. Chr. geschehen sein. Grund war der Sieg eines griechischen Heeres unter
dem attischen General Kimon über die Perser und was dafür wohl ausschlagebend
war, die Tatsache, dass die Nachricht hierüber Athen noch am selben Tag
erreichte.6) Für die im mythischen Denken verhafteten Menschen des antiken
Griechenland konnte ein solches Ereignis keine natürlichen Ursachen haben. Es
erforderte göttliches Eingreifen.
Pausanias bestätigt noch einige Jahrhunderte später die Existenz einer solchen
Kultstätte der "göttlichen Stimme" und erwähnt, wohl um ihre Bedeutung ins rech-
te Maß zu setzen, in ihrer Nachbarschaft auch Altäre für
Aidos
(die sittliche Scheu)
und
Horme
(den Trieb). 7)
Aber nicht nur in der klassischen Zeit Griechenlands tritt uns das Gerücht in sei-
ner Verbindung zum Göttlichen entgegen. Bereits Homer bemühte
ossa
(Sage, Ge-
rücht im Gegensatz zur bestimmten Nachricht; personifiziert: Botin des Zeus) 8) um
sowohl die Schnelligkeit als auch die Wichtigkeit der übermittelten Botschaft
hervorzuheben:
"Also zogen die Massen der Völker von Schiffen und Zelten,
Schar an Schar, zur Versammlung, entlang am tiefen Gestade,
Denn ein Gerücht (
ossa
, d. Verf.) von Zeus gesendet, war unter den Männern
Plötzlich entbrannt und trieb sie zur Eile, bis alle versammelt." 9)
So berichtet er im zweiten Gesang der Ilias wie sich der Bericht des Agammemnon
über seinen von Zeus gesandten Traum, der ihm den Sieg verhieß, unter den Män-
nern des griechischen Heeres verbreitete und ihnen neue Hoffnung gab. Auch in der
Odyssee übernimmt Zeus Botin die Rolle des Nachrichtensprechers:
"Aber Ossa, die schnelle Verkünderin, eilte ringsum
Durch die Stadt mit der Botschaft vom traurigen Tod der Freier." 10)
So wurden die Bewohner von Odysseus′ Reich von den dramatischen Ereignissen
im Hause des heimgekehrten Königs unterrichtet.
Für die Griechen war es aufgrund des ihnen eigenen mythischen Typus von Reli-
giosität naheliegend jene Dinge, die sich weder mit den Händen noch mit
logos
fas-
sen ließen, ins Metaphysische zu entrücken. Dazu gehörte auch etwas so flüchtiges
4
wie ein Gerücht.
Ob es über gute oder schlimme Ereignisse berichtete, ob über einzelne
Menschen, über Städte oder ganze Völker, das Gerücht verfügte, als letztendlich
von den Göttern gesandt, über göttliche Attribute. Damit aber auch über die Macht,
den Einfluss und auch die Glaubwürdigkeit, die die Olympier selbst besaßen.
Diese feste Verbindung von Gerücht und Gottheit befähigte die diesem Phämo-
men ausgesetzten Menschen dazu, die Botschaft nicht nur als durch die Götter ver-
mittelt, sondern als von den Göttern selbst kommend zu begreifen.
pheme
lässt sich
in all ihrer Verschwommenheit für die damalige Zeit auch als ein ′Kommunika-
tionsmittel′ zwischen Göttern und Menschen auffassen.
5
2) Gerücht und Mensch
Aber auch die zutiefst menschliche Seite des Gerüchts war den Griechen nicht
fremd. Seine Entstehung, Verbreitung und besonders die damit verbundene Absicht
wird in den antiken Quellen als Produkt von lebenden und fassbaren Menschen
beschrieben und einer kritischen Analyse unterworfen.
So widmet Theophrast in seinen "Charakterbildern" der Beschreibung eines Ge-
rüchteerfinders mehrere Seiten. Er schildert ihn als Menschen mit ganz bestim-
mten Verhaltensweisen: ein freundliches Auftreten verbindet dieser mit einer ge-
heimnisvollen Aura. Das (oder die) Opfer werden direkt angesprochen, ohne dass
sie selber jedoch zu Wort kommen. Der Gerüchtemacher beantwortet seine Fragen
selbst: "[...] Weißt Du das Neueste über die bewusste Geschichte?[...]"; "[...]Ich
glaube, da kann ich dir reichlich Neuigkeiten auftischen![...]" 11) usf.
Er legt sich nicht fest und berichtet nur von Dingen, die "die Spatzen ja schon von
den Dächern [pfiffen]" 12) ohne selber wirklich Stellung zu beziehen. Diese Re-
deweise in Konjunktiven und das "[...] streng vertraulich nur für dich![...]", 13) ob-
wohl es schon die halbe Stadt weiß, rundet das ganze Bild nur noch ab.
Diese psychologische Beschreibung zeigt einen Menschen von starkem Mittei-
lungsbedürfnis, überzeugt von der eigenen Wichtigkeit, ohne jedoch die Bereit-
schaft zu besitzen, die Konsequenzen seine Redens und Tuns auch zu
übernehmen. Er liebt es, einen Stein ins Rollen gebracht zu haben und den
weiteren Verlauf der Dinge vom sicheren Logenplatz aus zu betrachten.
Sicher übertreibt Theophrast maßlos, wenn er die Produktion von Gerüchten nur
als das "Erdichten falscher Wahrheiten und Ereignisse[...]" 14) zum Schaden der
Mitmenschen ansieht. Aber zumindest ein überliefertes Ereignis macht deutlich,
welche katastrophalen Konsequenzen damit verbunden sein können: der Fall des
Alkibiades.
Die attische Flotte sollte während des Peloponnesischen Krieges im Jahre 415 v.
Chr. unter seinem Oberbefehl gegen Syrakus auslaufen. In der Nacht, die dem
Lichten der Anker vorausging, waren jedoch Götterbilder in der Stadt verstümmelt
und damit entweiht worden. Diesen Vorgang nutzte Androklos, ein geschworener
Feind des Alkibiades:
"Er veranlasste einige Sklaven und Abhängige, seinen politischen Gegner bei den
Behörden anzuzeigen. Der Grund: Alkibiades und seine Freunde hätten zumindest
früher einmal bei nächtlichen Umzügen unter Alkoholeinfluß Götterbilder verstüm-
melt und die heiligen eleusinischen Mysterien parodiert". 15)
"Nun behauptete zwar niemand direkt, dass Alkibiades für die Verstümmelung der
Hermen verantwortlich sei; zuzutrauen sei ihm ein solcher Schabernack aber ohne
weiteres". 16)
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