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Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2005
Seiten: 30
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 110  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 159 KB
Archivnummer: V84669
ISBN (E-Book): 978-3-638-01112-9
ISBN (Buch): 978-3-638-91570-0

Zusammenfassung / Abstract

Der vorliegende Essay analysiert die frühen Sanskritbelege zu Gott Krishna aus hinduistischen, buddhistischen und jainistischen Quellen und geht der Frage der Historizität des aus dem Mahabharata bekannten Helden nach. Anschaulich wird die Verschmelzung von Gopala und Vasudeva sowie deren Brahmanisierung dargestellt. Um die frühe Entwicklungsgeschichte des schwarzen Gottes weiter zu beleuchten, werden zusätzlich kunstgeschichtliche und archäologische Quellen berücksichtigt.

Textauszug (computergeneriert)

Anmerkungen zur Historizität des Krishna

von

Thomas K. Gugler

 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung... 3

1. Krishnas zwei Aspekte... 8

1. 1. Literarische Belege zu Krishna-Gopala... 9
1. 2. Literarische Belege zu Krishna-Vasudeva... 11

1. 2. 1. Kunstgeschichtliches und Archäologisches... 17
1. 2. 2. Puranisches, Astronomisches und Unwissenschaftliches... 19

2. Fazit... 21

Literaturverweise... 24

 

 

Einleitung

Die Frage nach Entwicklungsgeschichte und Geschichtlichkeit einer göttlichen oder göttergleichen Gestalt ist weit mehr als die einfache Festmachung einer möglicherweise menschlichen Existenz an Leben und Sterben irgendeiner möglicherweise historischen Persönlichkeit und berührt schon aus strukturellen Gründen ganz fundamentale Fragen zu Ambivalenz und Authenzität religiöser Offenbarungstraditionen, zum Realitätsgehalt religiöser Sinnsysteme, ja quasi zu Richtigkeit von Religion überhaupt. Die Frage nach Lebendigkeit, Realität und Mortalität eines religiösen Reformers, der zur Herabkunft Gottes geworden ist, berührt notwendigerweise auch Vorstellungen von Sterblichkeit und Postmortalität des gemeinen Angehörigen dieser Religion. Insbesondere weil Krishna dem Gläubigen heute als Hochgott und nicht als Religionsstifter wie Jesus Christus, Buddha Gautama oder Prophet Muhammad gegenübertritt, werden sein geschichtliches Werden, Sein und Vergehen von den Nachfolgern der ihm zugeschriebenen Lehren mit zahlreichen Erhöhungen in den Himmel enthoben und von vorwiegend philologisch oder historisch arbeitenden Akademikern als Glaubensfragen gemieden. Trotz der Verknüpfung von menschlichen und übermenschlichen Mortalitätsvorstellungen, soll die Frage nach der Historizität des zunächst aus dem Mahâbhârata bekannten Helden und späteren Gottes Krishna aufgeworfen werden, ohne damit einen modernen Trend von Verwissenschaftlichung und Intellektualisierung sämtlicher Kultursphären bedienen zu wollen.

Krishna ist einer der schillernsten Helden der indischen Mythologie und möglicherweise die bekannteste aller hinduistischen Gottheiten. In den USA und Europa ist Krishna vor allem seit den Missionsaktivitäten der Hare Krishna-Bewegung (ISKCON) in den späten 1960er Jahren bekannt geworden. Er soll vor über 5.000 Jahren im heutigen Mathura, im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh, geboren worden sein, um die Frommen zu erretten, die Gottlosen zu vernichten und die Prinzipien der Religion wiedereinzuführen. Später wurde er als achter Avatâra von Vishnu zu einem der wichtigsten Götter des Hinduismus und wohl zur zentralen Figur des Vishnuismus und des Krishnaismus. In den unzähligen Legenden, die seine Lebensgeschichte lobpreisen, erfahren wir von zahllosen Dämonen, die er tötet, von seinen Liebesspielen (lîlas) mit den Kuhhirtenmädchen (gopis) sowie von den 16.108 durch ihn geraubten Ehefrauen. Als er die Erde verließ, leitete er der Legende nach am 18. Februar 3.102 v. Chr. das gegenwärtig wütende grausame Zeitalter des Streits und der Unsicherheit, das Kali-yuga, ein.
Nicht zuletzt wegen dieses reichhaltigen mythologischen Überbaus und der zahlreichen volkstümlich ausgeschmückten Legenden wird Krishna im akademischen Diskurs der Religionswissenschaften opinio communis als rein mythologische Gestalt betrachtet und nicht als historischer Religionsreformer wie etwa Jesus, Buddha oder Mahâvîra. Aber für diese letztlich an der Religion festgemachte Unterscheidung gibt es keine rationale Basis. Die Sonderstellung der Hindu-Religionen in der Religionswissenschaft ist teilweise bedingt durch den exklusiven Charakter des Hinduismus. Wie im Judentum ist Proselytentum in den hinduistischen Religionen weder üblich noch vorgesehen. Aufgrund hierin mitbegründeter Unterschiede in den Identitätskonzepten gibt es unter westlichen Indologen und Religionswissenschaftlern weit weniger, die sich als Hindus bezeichnen würden, als bekennende Buddhisten — wie eine Umfrage unter den zu Südasien arbeitenden Religionswissenschaftlern der American Academy of Religion aus dem Jahre 2007 anschaulich belegt.1

Für die „ob“-Frage der historischen Existenz des Krishna kann es freilich keine Beweise im harten physikalischen Sinne geben, wie etwa christliche Gläubige im Falle Jesu das Turiner Grabtuch2 bemüht haben, oder buddhistische Fromme die angeblichen Knochenreste des Buddha, die Peppe 1898 in einem Stûpa bei Piprâva gefunden haben will.3 In allen Fällen gibt es aber wegweisende Indizien4 - Indizien, die bei Jesus, Buddha und Mahâvîra, — die gemeinhin durchaus als historische Personen betrachtet werden — manchmal nachweislich künstlich geschaffen wurden. Die von dem Protestanten Hermann Samuel Reimarus (1694-1768) eingeführte Unterscheidung zwischen dem historischen Jesus von Nazareth und dem Christus des Glaubens ist bis heute gültig. Nachdem Albert Schweitzer (1875-1965) in seinem Standardwerk zur Leben-Jesu-Forschung (1906) die Unmöglichkeit der Rekonstruktion des historischen Jesus erschließt und aufzeigt, in welchem Ausmaß bisherige Rekonstruktionsversuche die Vorlieben und Wünsche ihrer Schöpfer widerspiegeln, erklärt Rudolf Bultmann (1884-1976) später die Frage nach der historischen Person Jesu für theologisch überflüssig, weil der durch zahlreiche Mythologisierungen gewachsene Graben zwischen Jesus von Nazareth und dem kerygmatischen Christus zu breit geworden sei:5 „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muß sich klar machen, daß er, wenn er das für die Haltung des christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht.“6
Der gegenwärtige Stand der Debatte wird von Schröter (2002) und auch Scriba (2007) zusammengefasst. Crossan (1995) übernimmt Schweitzers Thesen, wenn er schreibt: „Man kann sich des Verdachtes nicht erwehren, dass bei der Forschung um das Leben Jesu unter dem Vorwand der historischen Untersuchung Theologie getrieben wird und die Forscher statt der vorgeblichen Biographie Jesu Autobiographien verfassen.“7 Die Standardwerke zum historischen Buddha, resp. der von Schumann in Analogie zur Unterscheidung des Reimarus benutzte „historische“ Name „Gautama“, sind die frühen Arbeiten von Thomas (1931) und Schumann.

[...]


1 Vgl.: http://e-tidsskrift.dk/rel/Preliminary_results_Buddism_vs_Hinduism.pdf (2007) und: http://e-tidsskrift.dk/rel/results_RISA.html (2007).

2 Vgl. Scannerini 2000 und Kuhnke 2004.

3 Vgl. Strong 2004 und Meisig 1998, S. 22. Letztlich zeigen diese „physikalischen Beweise“ gar nichts, denn ihre Verbindung zu den als historisch angenommenen Personen, denen sie zugeschrieben werden, ist nicht belegbar.

4 „Die Linien, die von den entwickelten Legenden auf die ursprüngliche Gestalt zurückführen, können nicht mit mathematischer Genauigkeit gezogen werden. Die Einwirkungen unbekannter Faktoren auf das sichtbare Ergebnis lassen sich nicht ausschließen. Infolgedessen können Schlüsse aus diesem nie mehr als Wahrscheinlichkeit beanspruchen; aber „Wahrscheinlichkeit“ ist doch, wie Bischof Butler sagte, „so recht des Lebens Wegweiserin.““ (Smith, Morton: Jesus the Magician, 1978, S. 6; zit. in Crossan 1995, S. 27).

5 Siehe Bultmann 1941 (nachgedruckt 1985), 1926 und 1955 (deutsche Ausgabe: Geschichte und Eschatologie. Tübingen: Mohr 1958). Vgl. hierzu Kinder 1952. Als aktuelle Studie zu Bultmann ist Dreher 2005 interessant.

6 Bultmann 1941, S. 18.

7 Crossan 1995, S. 28.

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