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Über "Unsichtbare Religion" von Thomas Luckmann

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 26 Pages
Author: Chise Onuki
Subject: Sociology - Religion

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2003
Pages: 26
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 16  Entries
Language: German
Archive No.: V84703
ISBN (E-book): 978-3-638-00980-5

File size: 247 KB


Excerpt (computer-generated)

Humboldt-Universität zu Berlin

Institut für Sozialwissenschaften

Hauptseminar SS 2001 Kultur und Gesellschaft

Hausarbeit:

Über "Unsichtbare Religion"
von Thomas Luckmann

Chise Onuki


Inhalt

I. Einführung 2

1.1. Ausgangspunkt der Luckmann´schen Theoriebildung 2

1.2. Biographie 3

II. Über die Bestimmung der Religion 4

2.1. Die anthropologische Bestimmung der Religion 4

2.2. Die sozialen Formen der Religion 8

2.3. Als Person in der modernen Gesellschaft 13

III. Problemstellungen der Theorie und Analysen 16

3.1. Religion ­ Über ihre Bedeutung und Funktion 16

3.2. Thematik der Transzendenz und Transzendenzerfahrung 19

Literatur 24

1


I.

Einführung

1.1. Ausgangspunkt der Luckmann´schen Theoriebildung

Die bisherige deutsche Religionssoziologie nach der Tradition von M. Weber und E.

Durkheim hatte stillschweigend vorausgesetzt, Kirche und Religion seien identisch, und

insofern war ihre Forschung eigentlich die Kirchensoziologie. Ihre wissenschaftliche

Analyse erfolgte methodologisch dann, wenn sie organisiert und institutionalisiert sind.

Die Forschung konzentrierte sich auf Pfarreien und Kirchengemeinden, und ihre

Verwaltungsweise und Normen.

Jedoch ist offensichtlich, daß diese kirchliche Religiosität nicht gleichzusetzen ist mit

den wirklichen religiösen Bedürfnissen und Phänomenen der Individuen des heutigen

Zeitalters. Das Christentum (als Religion) und die Kirche sind eher ein religiöses

Phänomen bzw. eine soziale Form der Religion, die in der Gegenwart lediglich von

einigen der vielen sozialen Teilgruppen vertreten wird.

In Anbetracht dieses kritischen Gesichtspunktes stellte Luckmann fest, daß

Forschungen, die sich lediglich mit diesem begnügen, alleine keine hinreichenden

Antworten liefern können zu jenen Fragestellungen, die er für die

sozialwissenschaftliche Forschung über das Verständnis der Beziehung zwischen dem

einzelnen, der Religion und Gesellschaft im allgemein und über die Bedeutung der

Religion in der modernen Gesellschaft als erforderlich sieht. Diese wären:

· Welches sind allgemeine anthropologische Bedingungen für die Religion und

für das, was als Religion institutionalisiert werden kann?

· Welche Realität hat die Religion als soziale Tatsache, bevor sie eine historische

Form religiöser Institution annimmt?

· Welches sind dominierende Werte, die sich durch die gegenwärtige Kultur

ziehen?

· Welche sozial-strukturelle Grundlage haben diese Werte?

· Welche Funktion erfüllen sie im Leben der Menschen?1

Luckmanns Gedankengang liegt eine wichtige Beobachtung zugrunde; nämlich, daß die

Religiosität phänomenal vorderseitig in der institutionellen Religion in Erscheinung

trete, die aber eigentlich auf individuellen, sozialpsychologisch-religiösen Dimensionen

in einer reziproken Weise basiert. Ergänzend stellt Matthes fest, Luckmann verweise

darauf, daß diese in der Kirchensoziologie vorherrschende, vordergründige Einstellung

der anderen Überzeugung entspreche, daß es die Soziologie vorrangig mit den

gesellschaftlichen Institutionen zu tun habe. Seine Kritik an der vorherrschenden

1 Luckmann (1991) S.75 und S.79

2


Religionssoziologie schließe somit auch eine Kritik an der Soziologie im allgemein

ein.2

1.2. Biographie3

Thomas Luckmann wurde im Jahre 1927 in Jesenice in Slowenien geboren und

maturierte in Wien. Dann studierte er Sprachwissenschaft, Philosophie, Psychologie

und Soziologie in Wien, Innsbruck und New York. 1953 stößt er über ein

Forschungsprojekt zur Entwicklung der Kirchen in Deutschland zur

Religionssoziologie und lehrte seit 1957 Soziologie am Hobart College in Geneva,

bis er an die ,,New School for Social Research" ging, wo er später mit dem

Soziologen Peter Ludwig Berger (1929- ) für die Wissenssoziologie und

Religionssoziologie eng zusammen arbeitete. Diese Wissenssoziologie liegt auf der

Linie der phänomenologischen Schule, die mit Namen wie E. Husserl, A. Schutz und

G. Gurwitsch in Verbindung steht. Er beschäftigte sich darüber hinaus mit M. Weber

und E. Durkheim. Luckmann übernahm 1965 in Frankfurt am Main eine Professur

für Soziologie, die er von 1970 bis 1994 an der Universität Konstanz innehatte. Seine

religionssoziologischen Hauptwerke entstanden im Jahre 1963 ,,Das Problem der

Religion in der modernen Gesellschaft", dann 1967 ,,The Invisible Religion", das auf

dem vorherigen Werk aufbaute. Meine Untersuchung seiner religionssoziologischen

Theorie stützt sich auf die deutsche Ausgabe von 1991, die nach dem Vergriffensein

der deutschen Erstausgabe mit den zusätzlichen Kapiteln entstand. In diesen wird die

funktionalistische Konzeption akzentuiert und ein Ausblick auf die Inhalte einer

neuen Sozialform der Religion gegeben. Außerdem ging er auf die Vorstellungen ein,

die von der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit geprägt waren. Diese

Erwägung mündet dabei in die Frage, wie das Schicksal der Person in der

Gesellschaft zu begreifen ist.

In dem folgenden Kapitel dieser Arbeit wird zunächst eine Grundlage seiner Theorie,

über die fundamentale Basis der Religiosität im individuellen Bewußtsein, als ein

Ausgangspunkt vorgestellt, um auf die in 1.1. erwähnten Fragestellungen einzugehen.

2 Matthes (1967) S.112f.

3 Drehsen (1975) S.256-258, Hillmann (19944) S.501, Knoblauch (1991) S.7f, Weger (1979) S.201

3


II.

Über die Bestimmung der Religion

2.1. Die anthropologische Bestimmung der Religion

Mit der Ambition, die vorher gestellten Fragen sozialwissenschaftlich zu beantworten,

um eine andere Religionssoziologie als die Kirchensoziologie aufzuzeigen, schreibt

Luckmann in einer - nicht ganz leicht verständlichen Art und Weise - darüber, was

,,Religion" in der sozialwissenschaftlichen Betrachtung bedeute. Er beginnt zunächst

diese Erörterung mit der anthropologischen Bestimmung der Religion.

Religiöse Gebilde (wie z.B. der Ahnenkult, Stammesreligion, Kirche und Sekte usw.)

sind nach Luckmann institutionelle Ausformungen ,,Symbolischer Universa", die sozial

objektivierte Sinnsysteme sind. Die sozial objektivierten Sinnsysteme werden dadurch

herausgebildet, daß Individuen zunächst subjektiv-sozial neben normalen

Alltagserfahrungen auf diese auch transzendierend in Bezug nehmen. Alltägliche

Erfahrungen werden mit einer transzendenten Wirklichkeitsschicht in Beziehung

gesetzt. Diese Transzendenz der subjektiven Erfahrung ist der wichtige Ausgangspunkt

der Bildung der Religiosität und eines religiösen Kosmos.4 Was ist damit konkret

gemeint? Um dieses zu verdeutlichen, stelle ich eine Betrachtungsweise aus einem Text

von A. Hahn vor, in dem er darüber in seiner Erwähnung zum Thema Identitätsbildung

bildlich und verständlich beschreibt.5

Das Individuum lebt zusammen mit anderen Individuen, d.h. sein soziales Leben wird

(langsam) in Face-to-Face-Situationen und -Kommunikationen6 durch Handlungen in

Erlebnissen und Erfahrungen herausgebildet. Laut der Theorie über die Bewußtseins-

und Identitätsbildung einer Person von Ch. H. Cooley und G. H. Mead erfährt der

einzelne das, was er ist, durch die Reaktionen des sozialen Gegenüber auf sein Handeln

wie in einem Spiegel. Dies geschieht prozessual in einer Folge, genauer: im sich stets

bildenden und umbildenden Bewußtsein entsteht indessen das Moment der Zeitlichkeit

mit wechselseitigen Verhältnissen von Vorher und Nachher bei der Konstitution der

Identität. Die zeitliche Abfolge geschieht durch eine Auswahl der Erinnerungen der

verschiedenen, ständig beobachteten Akte in einer Kommunikation, die je nach der

Gedächtniswürdigkeit erfolgt, wobei auch gleichzeitig subjektive, ungeschehene und

zukunfterblickende Vorstellungen des Bewußtseins entsprechend der

4 Zu dieser und der folgenden Theorie über die anthropologische Bestimmung der Religion: siehe

Luckmann (1991) S. 80 - 86.

5 Hahn (1974) S.39 - 48

6 Dieses wird auch direkte Kommunikation genannt. Sie ist eine Art des Kommunikationsprozesses, in

dem der Adressant seine Information unmittelbar an den Adressaten übergibt und in diesem Prozeß

überprüfen kann, ob der Adressat die Art der Informationskodierung akzeptiert, die empfangenen Zeichen

wie in erwarteter Form dechiffriert und interpretiert. Zumeist werden bei der Face-to-Face-

Kommunikation verschiedenartige Zeichen, z.B. Sprache, Gestik, Mimik etc. übermittelt, die vom

jeweiligen Adressaten verschiedenartig dechiffriert, jedoch einheitlich interpretiert werden. (aus der

Lexikon von Fuchs (1978))

4


Kommunikationsbildung eine Rolle spielen. Das Selbst eines einzelnen wird in dieser

Weise in Momenten seiner Biographie von seiner sozialen Umgebung dergestalt

beeinflußt, daß sie ihn sowohl seine Vergangenheit als auch Zukunft mitbestimmt.

Dieser Ablauf kommt in einem gewissen Horizont innerhalb eines sozialen

Bezugsrahmens vor und hängt mit seinen Regelungen zusammen. Individuelle

Handlungen sind zugleich eine Reaktion mit Regelungen auf erfahrene Geschehnisse,

die mit Vorhersehbarkeit und Intention getrieben werden.

Dabei ergibt sich der Sinn seines Tuns aus diesem Zusammenhang der Akte und des

Lebens innerhalb des Bezugsrahmens. Weil dieser Sinnzusammenhang im oben

erwähnten Verhältnis zustande kommt, wo Regelungen und Ordnungen schon

vorhanden sind, werden sie aus sozialen Deutungszusammenhängen als eine von diesen

mitgeprägten Bedeutung dem Individuum gegeben, auch wenn man als ein Akteur an

diesem Bezugsrahmen mitwirken kann. Das passiert in seinem inneren Prozeß,

Gedankengänge und Handlungswünsche beurteilend, durch individuelle Erfahrungen

Handlungen.

Dieser Vorgang der Bindung der individuellen Identität und folglich der Person an

sozialen Orientierungsschemata erscheine nach Luckmann, so Hahn, als die ,,religiöse

Urfunktion"7. Hierbei bedeutet diese Sinnübertragung in prozessualen Schritten

Sinntranszendenz

und stellt ein Moment der Transzendenz dar. Das Deutungsschema

transzendiert

die Erfahrungen im subjektiven, mentalen Prozeß der Wahrnehmungen

und Interpretationen der Akten und der Auswahl der Interpretationen anhand des

Schemas inmitten der Erfahrung. Der Sinn wird dabei möglicherweise aus

vorangegangenen, habitualisierten, deutenden Akten abgeleitet und von diesen

zugeordnet. D.h. das Deutungsschema muß nicht immer identisch mit gerade

fortlaufenden Erfahrungen identisch sein, was den Belang dieser Transzendenz

ausmacht. Luckmann versteht dabei Transzendenz nicht als etwas Jenseitiges bzw.

außerhalb der Welt stehendes, sondern begreift sie als jene Welt, die als den Alltag

transzendierend und dennoch erfahren werden kann. Außerdem ermöglicht die

Transzendenz den Individuen in einer Gesellschaft den sinnverhafteten, den

Deutungszusammenhänge prägenden Sozialisationsvorgang und die individuelle

Identität- und Biographiebildung. Die Transzendenz läßt sich typologisch grob in drei

Arten unterteilen.8

(1) Kleine Transzendenzen

Das in einer gegenwärtigen Erfahrung Nicht-Erfahrene (eines Gegenstandes oder

Sachverhaltes) kann grundsätzlich genauso erfahren werden wie das gegenwärtig

Erfahrene. Grundsätzlich deshalb, weil der Unterschied zwischen diesen beiden

7 ebd. S. 42

8 Knoblauch (1991) S. 13, Luckmann (1985) S. 29f. und (1991) S.167 ­ 171

5



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