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Diploma Thesis, 2006, 141 Pages
Author: Katrin Wolf
Subject: Psychology - Cognition
Details
Tags: Operative, Intelligenz, Problemlösen, Prädiktoren, Erfolg, Erfindern
Year: 2006
Pages: 141
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 81 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-89595-8
ISBN (Book): 978-3-638-89600-9
File size: 8196 KB
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Abstract
Was ist die besondere Grundlage, die es Erfindern ermöglicht, neue Ideen zu produzieren und umzusetzen? Lässt sich diese Frage einfach mit Kreativität beantworten? Welche Denkprozesse verbergen sich dahinter? Psychologische Erfinderforschung steckt heute noch in den Kinderschuhen. Es ist wenig bekannt über die kognitiven Merkmale von Erfindern und ob sie sich bezüglich dieser als homogene Gruppe klassifizieren lassen. Ebenso existieren keine Instrumente, anhand derer man den Erfolg eines Erfinders verlässlich vorher sagen kann. In der vorliegenden Diplomarbeit wird der Prozess des Erfindens mit komplexem Problemlösen verglichen. Mit Theorien und Instrumenten der komplexen Problemlöseforschung wird das Erfinden beschrieben und untersucht. Hier stehen vor allem die Arbeiten von Dietrich Dörner (z.B. 1986) zur operativen Intelligenz im Mittelpunkt. Es wird angenommen, dass die operative Intelligenz von Erfindern mit ihrem Erfolg positiv korreliert. Dieser Zusammenhang soll untersucht werden – mit dem Ziel, Einblicke in die Kognitionen von Erfindern zu gewinnen. In der Studie wurde die operative Intelligenz über die komplexe Problemlösefähigkeit und die bewusste Steuerung von divergentem und konvergentem Denken operationalisiert. Der Erfindererfolg wurde über die Anzahl an erteilten und genutzten Patenten und Gebrauchsmustern definiert. Die komplexe Problemlösefähigkeit wurde der klassischen Tradition folgend mit einem komplexen Computerszenario (FSYS 2.0 von Wagener, 2001) erfasst. Die Steuerbarkeit von divergentem und konvergentem Denken wurde mit dem von Kreuzig (1981) erstellten Fragebogen zur Erfassung kognitiver Prozessvariablen (FKP) erhoben, der bereits in der berühmten Lohhausen-Studie eingesetzt wurde. Untersucht wurden insgesamt 46 freie Erfinder, von denen 36 auch den Test zum komplexen Problemlösen bearbeitet haben. Zunächst folgt in Kapitel 2 eine Darstellung der theoretischen Grundlagen dieser Arbeit. Das Kapitel lässt sich in Arbeiten zur Erfinderforschung und Arbeiten zur operativen Intelligenz und komplexen Problemlösen gliedern. Aus den beschriebenen Theorien wird die Fragestellung abgeleitet. Im Methodenteil wird auf die Operationalisierungen der verwendeten Konstrukte und das Design der Untersuchung eingegangen. Dort finden sich neben einer Beschreibung der Stichprobe auch Hinweise zur Durchführung der Untersuchung. Die Ergebnisse sowie eine Interpretation und Diskussion finden sich in Kapitel 5 und 6.
Excerpt (computer-generated)
Diplomarbeit
Operative Intelligenz und komplexes
Problemlösen als Prädiktoren für den
Erfolg von Erfindern
Katrin Wolf
Berlin, Dezember 2006
Inhaltsverzeichnis
Verzeichnis von Tabellen, Abbildungen und Anhängen ... 5
Zusammenfassung ... 8
Abstract ... 9
1. Einleitung ... 10
2. Theoretischer und empirischer Hintergrund ... 11
2.1 Erfinderforschung ... 11
2.1.1 Was ist ein Erfinder? ... 11
2.1.2 Zum Prozess des Erfinden ... 26
2.1.3 Erfolgsdeterminanten beim Erfinden ... 27
2.1.4 Diagnostik ... 32
2.2 Operative Intelligenz und komplexes Problemlösen ... 33
2.2.1 Was ist komplexes Problemlösen? ... 33
2.2.2 Entwicklung des Konstruktes „operative Intelligenz“ ... 35
2.2.3 Merkmale der operativen Intelligenz ... 39
2.2.4 Verwendung von Computerszenario ... 44
2.2.5 Parallelen zwischen komplexem Problemlösen und Erfinden ... 46
3. Forschungsfragen ... 48
4. Methoden ... 48
4.1 Operationalisierung der verwendeten Konstrukte ... 48
4.1.1 Prädiktor 1: Komplexes Problemlösen ... 48
4.1.2 Prädiktor 2: Steuerung von divergentem und konvergentem Denken ... 60
4.1.3 Kriterium: Erfolg beim Erfinden ... 62
4.2 Kontrollvariablen ... 63
4.3 Statistische Hypothesen und Datenanalyseverfahren ... 64
4.4 Untersuchungsdesign ... 65
4.5 Stichprobe ... 65
4.5.1 Vorüberlegungen zur Stichprobe ... 65
4.5.2 Beschreibung der Stichprobe ... 67
4.6 Durchführung ... 70
5. Ergebnisse ... 74
5.1. Datenanalyse ... 74
5.1.1 Komplexes Problemlösen – FSYS 2.0 ... 74
5.1.2 Steuerung von divergentem und konvergentem Denken – FKP ... 77
5.1.3 Erfolg beim Erfinden ... 79
5.1.4 Methodische Voraussetzungen der Datenanalyseverfahren ... 82
5.2.Hypothesenprüfung ... 83
5.2.1 Hypothese 1 ... 83
5.2.2 Hypothese 2 ... 85
5.2.3 Interkorrelation der Prädiktoren ... 87
5.3 Weiterführende Rechnungen ... 88
5.3.1 Zusammenhang zwischen komplexem Problemlösen und Erfindererfolg ... 88
5.3.2 Zusammenhang zwischen Steuerung von dD und kD und Erfindererfolg ... 92
6. Diskussion ... 95
6.1 Einschränkungen dieser Untersuchung ... 95
6.2 Zusammenfassung und allgemeine Diskussion der Ergebnisse ... 97
6.3 Beitrag zur Forschung ... 99
6.4 Ausblick ... 101
Literatur ... 102
Zusammenfassung
In der vorliegenden Arbeit wurden kognitive Determinanten des Erfolges von Erfindern untersucht. Im Rahmen der Arbeiten von Dietrich Dörner (z.B. 1986) stand dabei die operative Intelligenz von Erfindern im Mittelpunkt. Es wurde angenommen, dass sie mit dem Erfolg von Erfindern positiv zusammenhängt. Die operative Intelligenz wurde über die komplexe Problemlösefähigkeit und die bewusste Steuerung von divergentem und konvergentem Denken operationalisiert. Der Erfindererfolg wurde über die Anzahl an erteilten und genutzten Patenten und Gebrauchsmustern definiert. Zusätzlich wurde ein Effizienzmaß nach Mieg (2005) berechnet. Die komplexe Problemlösefähigkeit wurde der klassischen Tradition folgend mit einem komplexen Computerszenario (FSYS 2.0 von Wagener, 2001) erfasst. Die Steuerbarkeit von divergentem und konvergentem Denken wurde mit dem von Kreuzig (1981) erstellten Fragebogen zur Erfassung kognitiver Prozessvariablen (FKP) erhoben, der bereits in der berühmten Lohhausen-Studie eingesetzt wurde. Untersucht wurden insgesamt 46 freie Erfinder, von denen 36 auch den Test zum komplexen Problemlösen bearbeitet haben. Während sich der FKP als guter Prädiktor des Erfindererfolges erwiesen hat, standen die Ergebnisse im Szenario FSYS in keinem Zusammenhang mit dem Erfolg der Erfinder.
1. Einleitung
Was ist die besondere Grundlage, die es Erfindern ermöglicht, neue Ideen zu produzieren und umzusetzen? Lässt sich diese Frage einfach mit Kreativität beantworten? Welche Denkprozesse verbergen sich dahinter?
Psychologische Erfinderforschung steckt heute noch in den Kinderschuhen. Es ist wenig bekannt über die kognitiven Merkmale von Erfindern und ob sie sich bezüglich dieser als homogene Gruppe klassifizieren lassen. Ebenso existieren keine Instrumente, anhand derer man den Erfolg eines Erfinders verlässlich vorher sagen kann.
In der vorliegenden Diplomarbeit wird der Prozess des Erfindens mit komplexem Problemlösen verglichen. Mit Theorien und Instrumenten der komplexen Problemlöseforschung wird das Erfinden beschrieben und untersucht. Hier stehen vor allem die Arbeiten von Dietrich Dörner (z.B. 1986) zur operativen Intelligenz im Mittelpunkt. Es wird angenommen, dass die operative Intelligenz von Erfindern mit ihrem Erfolg in Verbindung steht. Dieser Zusammenhang soll untersucht werden – mit dem Ziel, Einblicke in die Kognitionen von Erfindern zu gewinnen.
Zunächst folgt in Kapitel 2 eine Darstellung der theoretischen Grundlage dieser Arbeit. Es wird beschrieben, auf welche Theorien die Untersuchung aufbaut und inwiefern sie bisher empirisch untermauert wurden. Das Kapitel lässt sich in Arbeiten zur Erfinderforschung und Arbeiten zur operativen Intelligenz und komplexen Problemlösen gliedern. Aus den beschriebenen Theorien leitet sich die psychologische Forschungsfrage ab, die in Kapitel 3 erläutert wird. Im Methodenteil (4. Kapitel) wird auf die Operationalisierungen der verwendeten Konstrukte und das Design der Untersuchung eingegangen. Dort finden sich neben einer Beschreibung der Stichprobe auch Hinweise zur Durchführung der Untersuchung. Die gewonnenen Daten werden im 5. Kapitel beschrieben. Eine Interpretation und Diskussion der Ergebnisse findet sich in Kapitel 6.
Die verwendeten Materialien (Fragebogen, Instruktionstexte etc.) und Tabellen, auf die im Text nicht näher eingegangen wird, werden in den Anhängen am Ende der Arbeit aufgeführt.
2. Theoretischer und empirischer Hintergrund
2.1 Erfinderforschung
2.1.1 Was ist ein Erfinder?
Während Kreativität ein weithin untersuchtes Forschungsfeld darstellt (z.B. Csikszentmihalyi, 1997; Guilford, 1973; Hemmer-Junk, 1994; McCrae, 1987, Ward, Smith & Vaid, 1997), sind Erfinder darin doch eher eine Minderheit. Die folgenden Abschnitte fassen den aktuellen Stand der Erfinderforschung (samt der relevanten Aspekte der Kreativitätsforschung) zusammen.
Demographische Variablen
Henderson (2004a) bezieht sich auf eine Studie von Rossman, die Anfang des 20. Jahrhunderts durchgeführt wurde und in der v.a. demographische Angaben erfragt wurden. Rossman führte eine Umfrage unter 710 der erfolgreichsten US-Erfinder durch, die zu der Zeit insgesamt 95 Prozent aller Patente hielten. Die Erfinder waren ausschließlich männlich. Personen mit einer College-Ausbildung (59 Prozent) besaßen durchschnittlich 47.3 Patente, während Personen ohne eine solche Ausbildung nur 3.6 Patente im Durchschnitt hatten. Die Bildung schien also einen enormen Einfluss auf die Zahl der erworbenen Patente zu haben. In der von Henderson (2002) durchgeführten Studie im Jahr 2001 betrug der Frauenanteil 19 Prozent. Das Durchschnittsalter betrug knapp 38 Jahre, wobei Frauen signifikant jünger waren als Männer (34.2 bzw. 38.4 Jahre). 97 Prozent der Studienteilnehmer konnten mindestens einen College-Abschluss vorweisen (darunter 62 Prozent mit Master oder einem höheren akademischen Titel). Die Erfinder dieser Untersuchung konnten im Mittel sechs Patente vorweisen.
Auch in dieser Studie wird also deutlich, dass Erfinder im Allgemeinen über einen hohen Bildungsstand verfügen. Der geringe Frauenanteil findet sich laut Henderson ebenso in Statistiken der National Science Foundation von 1997, wenngleich er dort mit 23 Prozent noch etwas höher liegt.
In Deutschland haben sich Burkhardt und Greif (2001) der Frage gewidmet, wie groß der Anteil von Frauen im Patentgeschehen ist. Da in den Patentanmeldungen das Geschlecht (ebenso wie andere demographische Angaben) nicht erfragt wird, musste die Klassifizierung nach männlich und weiblich über den Vornamen erfolgen. Burkhardt und Greif analysierten die Patentanmeldungen der Jahre 1995, 1997 und 1999. Der Beitrag von Frauen zu den Patentanmeldungen dieser Jahre wurde über eine Gewichtung der Patentanmeldungen geschätzt, an denen Frauen allein oder als Bestandteil einer Erfindergruppe beteiligt waren. Dazu wurden die Anmeldungen mit Frauen durch die Zahl der beteiligten Erfinder dividiert und dann zu gleichen Teilen den einzelnen Erfindern zugeordnet. So ergab sich für das Jahr 1999 ein weiblicher Patent-Beitrag von 3.5 Prozent. Dieser Anteil ist sehr gering, aber immerhin seit 1995 bereits um rund 60 Prozent gestiegen, was auf einen Anstieg des Beitrages von Frauen im deutschen Patentgeschehen schließen lässt.
Persönlichkeitsmerkmale
In der Kreativitätsforschung werden kreativen Personen meist folgende Eigenschaften zugeschrieben: Tendenz zur Unabhängigkeit und Autonomie, Nonkonformismus, unkonventionelles Verhalten, weit gespannte Interessen, Offenheit für Erfahrungen, Risikobereitschaft sowie kognitive Flexibilität (Funke, 2000, S.291). Als weitere Merkmale gelten Brander (1989) zufolge der Wille, hart und viel zu arbeiten, ein hohes Selbstvertrauen und eine Präferenz oder zumindest Toleranz für Komplexitäten und Ambiguitäten. Diese Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz beschreibt Matussek auf folgende Weise (zit. nach Hemmer-Junk, 1994, S.75):
Sie lässt sich als die Fähigkeit definieren, in einer problematischen und unübersichtlichen Situation zu existieren und trotzdem unermüdlich an deren Bewältigung zu arbeiten. Die meisten Menschen ertragen die aus der Ungelöstheit entstehenden Spannungen nur für kurze Zeit... Der Kreative kann dagegen die Ungelöstheit der Probleme lange aushalten, ohne die intensive Arbeit an ihnen aufzugeben.
Diese Eigenschaften sind laut Schaefer (1972, nach Barron & Harrington, 1981) zeitstabil und haben hohe Interkorrelationen.
Auf den nächsten Seiten findet sich eine Darstellung theoretischer und empirischer Befunde zu wesentlichen Persönlichkeitsmerkmalen. Die wichtigsten dem zugrunde liegenden Studien sollen hier kurz skizziert werden.
McCrae (1987) konnte in seiner Untersuchung zum Zusammenhang von Kreativität und Persönlichkeit auf die Daten einer vorliegenden Längsschnittstudie zurückgreifen, in der 268 Männer (meist weiß, gebildet) über einen Zeitraum von 1959 bis 1985 u.a. folgende Tests bearbeiten mussten: 1) Tests zum divergenten Denken (im Guilfordschen Sinne; es v.a. wurden Flüssigkeit und Originalität gemessen, s.u.), 2) NEO-Inventory von Costa & McCrae (1985), 3) Creative Personality Scale (CPS) von Gough (1979), 4) die Psychotozismus-Skala des EPQ von Eysenck & Eysenck (1975) und 5) der CPS, „which has predicted high levels of creativity across multiple studies and diverse samples“ (Carson, Peterson & Higgins, 2003, S.501), wurde von Gough aus Ergebnissen der Adjective Check List (Gough & Heilbrun, 1965) und entsprechenden Korrelationen mit Kreativitätsbewertungen von mehreren Experten abgeleitet. Da manche Probanden nur bei einigen Teilen der Studie mitgewirkt haben, wird die jeweilige Stichprobengröße bei den einzelnen Ergebnissen immer mit angegeben.
Auch die Studie von King, McKee Walker & Broyles (1996) widmete sich der Beziehung zwischen Kreativität und Persönlichkeit. Persönlichkeitsmerkmale wurden hier mittels Big Five Inventory (BFI) von John, Donahue & Kentle (1991) erhoben. Kreativität wurde einmal auf der Ebene der Fähigkeit mit dem Torrance Tests of Creative Thinking (TTCT) von Torrance (1990) gemessen und einmal auf der Ebene der kreativen Leistungen über die Beurteilung von Produkten kreativer Arbeit durch zwei Psychologie-Studenten (Interrater-Korrelation von .89). 75 Versuchspersonen (Psychologiestudenten, darunter 48 Frauen, Durchschnittsalter 20.9 Jahre) nahmen an der Untersuchung teil. Von 62 Probanden waren außerdem Intelligenzmessungen (mittels des Scholastic Aptitude Test, SAT) verfügbar.
Braun (2005) hat persönliche Bedingungen für eine erfolgreiche Umsetzung von Erfindungen untersucht. Von 69 Erfindern (Durchschnittsalter 49.4 Jahre; darunter 49 Erfinder über eine Erfinderstiftung und 20 Erfinder über die Insti-Erfinderclubs vermittelt) wurden hierfür u.a. folgende Daten ermittelt: 1) Big Five mittels NEO-FFI (Borkenau & Ostendorf, 1993), 2) Risikoskala DOSPERT-G von Johnson, Wilke & Weber (2004) und 3) Kurzskala zur allgemeinen Selbstwirksamkeit von Schwarzer & Jerusalem (1999). Außerdem wurde erfragt, wie viele Patente, Gebrauchs- und Geschmacksmuster (PGG) die Erfinder erteilt bekommen haben, wie viele PGG sie wirtschaftlich nutzen und wie viele PGG bereits Erträge bringen. Da das Alter der Probanden einen wesentlichen Einfluss auf die Erfolgskriterien (PGG) hat, wurde mit den „altersfreien“ Residualwerten gerechnet. Neben Mittelwertsvergleichen mit den jeweiligen Normstichproben wurden die einzelnen Skalen bei Regressionsanalysen zur Vorhersage der Erfolgskriterien heran gezogen. Da bei den Erfindergruppen bezüglich aller Erfolgskriterien signifikante Unterschiede bestehen (wobei sich die Erfinder der Stiftung als bedeutend erfolgreicher erwiesen), gingen diese Gruppen auch getrennt in die Auswertung ein (hier konnten die Daten von 67 Personen einbezogen werden).
Henderson führte 2001 eine Querschnittstudie unter 1.070 angestellten Erfindern durch (Henderson, 2002). 96 Prozent der Erfinder waren an einer von drei großen Firmen in Silicon Valley in Kalifornien beschäftigt. Die anderen wurden über einen Alumni-Email-Verteiler einer großen Universität ausgesucht und kontaktiert. Die Teilnehmer hatten einen Online-Fragebogen mit 90 Fragen zu bearbeiten (vgl. Kapitel 2.1.3). Neben Fragen zur Motivation, Rollenidentität, Fähigkeiten zum Erfinden und zum prägenden Umfeld wurden auch demographische Variablen erhoben. Die Rücklaufquote betrug 23 Prozent, es gingen also die Daten von 247 Erfindern in die Auswertung ein.
Big Five
Mit „Big Five“ werden die fünf Persönlichkeitsdimensionen des Fünf-Faktoren-Modells angesprochen, das heute die gängigste Klassifikation der Persönlichkeit darstellt. Zu den „Big Five“ gehören Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit.
Denkt man an Erfinder, mögen einige Vergleiche mit der Comicfigur Daniel Düsentrieb vor Augen haben und sich einen verschrobenen Exzentriker mit wirrem Haar und abstrusen Ideen vorstellen. Auch viele Künstler werden als neurotisch wahrgenommen. Doch diese umgangssprachliche Bezeichnung, die eher in den psychopathologischen Bereich zielt, darf nicht mit dem psychologischen Begriff „Neurotizismus“ verwechselt werden. Ein Abschnitt zu „Psychopathologischen Merkmalen“ findet sich später in diesem Kapitel. Als Persönlichkeitsmerkmal der Big Five darf Neurotizismus „nicht im Sinne der Diagnose einer psychischen Störung ... verstanden werden. ... Der Kern der Dimension liegt in der Art und Weise, wie Emotionen, vor allem negative Emotionen, erlebt werden“ (Borkenau & Ostendorf, 1993, S.27). Menschen mit geringen Punktwerten in der Neurotizismus-Skala des NEO-FFI, also emotional stabile Menschen, „beschreiben sich selbst als ruhig, ausgeglichen, sorgenfrei, und sie geraten auch in Streßsituationen nicht so schnell aus der Fassung“ (Borkenau & Ostendorf, 1993, S.27).
Laut King, McKee Walker und Broyles „there is the notion that creativity ought to relate to superior coping and heightened well-being” (King et al., 1996, S.192). Damit verweisen sie auf Anthony (1987). Als Beleg für diese These kann das Ergebnis einer Studie von Goff (1993, nach King et al., 1996) verstanden werden, der über positive Zusammenhänge zwischen Kreativität und Lebenszufriedenheit berichtet. King et al. (1996) haben daraus gefolgert, dass kreative Personen nicht neurotischer bzw. emotional instabiler als nicht-kreative Personen sein sollten. In ihrer Untersuchung ließen sich keine Zusammenhänge zwischen Neurotizismus und kreativen Fähigkeiten bzw. kreativen Leistungen finden, was als Bestätigung dieser Vermutung verstanden werden kann..
McCrae (1987) konnte einen hoch signifikanten Zusammenhang zwischen Neurotizismus und dem Kreativitätstest CPS von Gough (r = -.30; p < .001; n = 86-137) nachweisen. Dementsprechend geht steigende emotionale Stabilität (geringe Neurotizismus-Werte) also mit steigender Kreativität einher. Mit den Tests zum divergenten Denken konnten in McCraes Untersuchung keine Korrelationen gefunden werden.
In der Studie von Braun (2005) ließen sich die untersuchten Erfinder als sehr viel weniger neurotisch als die Normstichprobe charakterisieren (z = -5.58, p < .01, zweiseitig). Erfinder sind demnach bedeutend weniger neurotisch als die Referenzpopulation. Unter den Erfindern zeigten die erfolgreicheren Stiftungserfinder bei einem Mittelwertsvergleich signifikant niedrigere Neurotizismus-Werte als die Erfinder der Erfinderclubs, t(67) = -2.77; p < .01. Damit stellen sich erfolgreiche Erfinder als emotional äußerst stabile Personengruppe dar, die Stresssituationen gut gewachsen ist und sich nicht so leicht aus dem seelischen Gleichgewicht bringen lässt.
Extrovertierte Personen können als „selbstsicher, aktiv, gesprächig, energisch, heiter und optimistisch“ (Borkenau & Ostendorf, 1993) klassifiziert werden. Diese Beschreibung lässt King et al. (1996) zufolge einen positiven Zusammenhang zwischen Extraversion und Kreativität vermuten. Mit kreativer Fähigkeit konnte in ihrer Studie auch eine signifikante Korrelation (r = .28; p < .05) gefunden werden.
McCrae (1987) fand einen sehr hohen Zusammenhang mit dem CPS (r = .30; p < .001; n = 86-137). Bei zwei von sechs Tests zum divergenten Denken ließen sich ebenfalls signifikante Korrelationen (je r = .13; p < .05; n = 130-267) finden. In der Untersuchung von Braun (2005) erwiesen sich die Erfinder als extrovertierter als die von Borkenau & Ostendorf (1993) angegebene Normstichprobe (z = 2.04, p < .05, zweiseitig). Damit zeichnen die Untersuchungen ein ähnliches Bild.
In der Kreativitätsforschung wurde und wird immer wieder eine Persönlichkeitsdimension als besonders bedeutend für Kreativität hervorgehoben: Offenheit für Erfahrungen (z.B. McCrae, 1987). In der Handanweisung des deutschen NEO-Fünf- Faktoren-Inventars wird diese Eigenschaft folgendermaßen beschrieben (aus Borkenau & Ostendorf, 1993, S.28):
Personen mit hohen Punktwerten geben häufig an, dass sie ein reges Phantasieleben besitzen, ihre eigenen Gefühle ... akzentuiert wahrnehmen und an vielen persönlichen und öffentlichen Vorgängen interessiert sind. Sie beschreiben sich als wißbegierig, intellektuell, phantasievoll, experimentierfreudig, und künstlerisch interessiert. Sie sind eher bereit, bestehende Normen kritisch zu hinterfragen und auf neuartige soziale, ethische und politische Wertvorstellungen einzugehen. Sie sind unabhängig in ihrem Urteil, verhalten sich häufig unkonventionell ... und bevorzugen Abwechslung.
Tatsächlich ließen sich oft hohe Zusammenhänge zwischen Kreativität und Offenheit für Erfahrungen (OfE) nachweisen. In seiner Untersuchung fand z.B. McCrae (1987) Korrelationen zwischen OfE und Kreativität (gemessen mit Tests zum divergenten Denken) von bis zu .39 (p < .001; n = 127). Der Zusammenhang zwischen CPS und OfE betrug in dieser Studie sogar .44 (p < .001; n = 123).
Auch in der Untersuchung von King et al. (1996) fanden sich hoch signifikante Zusammenhänge zwischen Offenheit für Erfahrungen und Kreativität. Der Zusammenhang zwischen OfE und TTCT (kreativer Fähigkeit) betrug .38, mit kreativen Leistungen .47 (beide signifikant auf .01-Niveau). Da sowohl Offenheit für Erfahrungen, als auch kreative Fähigkeit und Leistungen mit Intelligenz verbunden sind, haben King et al. auch die Partialkorrelationen interessiert. Eliminiert man den Einfluss der Intelligenz aus den drei Faktoren, reduzieren sich die Zusammenhänge zwar auf .33 bzw. .39, bleiben aber immer noch auf dem .05-Niveau signifikant. Außerdem konnte in dieser Untersuchung festgestellt werden, dass OfE und kreative Leistungen immer noch signifikant zusammen hängen, wenn der Einfluss von kreativer Fähigkeit kontrolliert wird (pr = .25; p < .01). Dies bedeutet, dass (obwohl sich die Merkmalsbereiche von Offenheit für Erfahrungen und kreativer Fähigkeit überschneiden) beide Konstrukte eine Varianzaufklärung der Variable „kreative Leistungen“ leisten, die über die des anderen Konstruktes hinausgeht.
Es lässt sich also eindeutig festhalten, dass Offenheit für Erfahrungen ein wesentliches Merkmal von kreativen Personen zu sein scheint. Können diese Ergebnisse nun so auf Erfinder übertragen werden?
Die Studie von Braun (2005) lässt zunächst das Gegenteil vermuten. Die von ihr untersuchten Erfinder erzielten keine höheren Werte als die Normstichprobe des eingesetzten NEO-FFI (Borkenau & Ostendorf, 1993), z = -0.80. Braun, Mieg und Neyer (eingereicht) haben die aus Brauns (2005) gewonnenen Daten zur Offenheit für Erfahrungen zusätzlich mit den Daten von Körner, Geyer und Brähler (2002) verglichen, da die von Borkenau und Ostendorf (1993) zitierte Referenzpopulation vorwiegend aus Studierenden besteht. Körner, Geyer und Brähler (2002) bieten NEO-FFI-Werte einer allgemeineren Stichprobe zum Vergleich. Hier ergibt sich ein beträchtlicher Unterschied in der Offenheitsskala (z = 10.78, p < .01, zweiseitig). Im Vergleich zu einer heterogeneren Stichprobe sind Brauns Erfinder eindeutig offener für neue Erfahrungen.
Braun (2005) hat die Vorhersagegüte von OfE für den Erfindererfolg mit einer Regressionsanalyse untersucht. Hier erwies sich OfE zwar als geeigneter Prädiktor für die Vorhersage von wirtschaftlich genutzten Patenten, Gebrauchs- und Geschmacksmustern (PGG), allerdings in hypothesenkonträrer Richtung. Es fand sich ein Beta von -.26 (p < .05). Bei einer weiteren Regressionsanalyse sollte das Vorhersagepotential für die Verhältnisvariable „PGG am Markt/erteilte PGG“ untersucht werden. Höhere Werte sollten demnach für erfolgreichere Erfinder sprechen. Hier wurde der beschriebene Effekt noch deutlicher ( β = -.42; p < .01). Offenheit für Erfahrungen kann demnach bei Erfindern als geeigneter Prädiktor für die PGG am Markt angesehen werden, wenn auch in anderer Weise als man vermuten würde. Wie kann das mit den Ergebnissen der Kreativitätsforschung in Einklang gebracht werden?
„Vor dem Hintergrund des Erfindungsprozesses als ein Phasenmodell ... scheint es, dass in unterschiedlichen Abschnitten jeweils unterschiedlichen Persönlichkeitseigenschaften eine besondere Bedeutung zukommt“, schreibt Braun (2005, S.36). So sagt z.B. West (2002), dass Kreativität nur das erste Stadium des Innovationsprozesses darstellt. Danach folgt die Anwendung der Innovation.
Aphoristically, creativity is thinking about new things, innovation implementation is about doing new things ... Innovation can then be defined as encompassing both stages – the development of ideas – creativity; followed by their application – the introduction of new and improved products, services, and ways of doing things at work. (West, 2002, S.357)
Betrachtet man erteilte und bereits wirtschaftlich genutzte Patente, Gebrauchs- und Geschmacksmuster (PGG) als Kriterium einer Prädiktionsanalyse, befindet man sich damit zwangsläufig in der Phase der „innovation implementation“. In unserem Phasenmodell des Erfindens kann diese dem fünften Stadium, der Ausarbeitung, zugeordnet werden. In dieser Phase scheint sich Offenheit für Erfahrungen eher negativ auszuwirken. Diese Überlegung wird plausibler, wenn man ein weiteres Ergebnis der Untersuchung von Braun mit einbezieht. Als weiterer geeigneter Prädiktor hat sich Gewissenhaftigkeit bei der Vorhersage von erteilten und am Markt genutzten PGG erwiesen ( β = .34; p < .05 bzw. β = .36; p < .05). In diesem späten Stadium scheinen Eigenschaften wie Zielstrebigkeit, Ehrgeiz, Fleiß, Systematik und Ordentlichkeit also wichtiger als Kreativität und Offenheit für Erfahrungen zu sein. Daraus folgert Braun:
Zusammengeführt bedeutet dies, dass das Produkt eines Erfindungsprozesses gemessen an den PGG als Erfolgskriterium nur dann erfolgreich umgesetzt werden kann, wenn in der Spätphase eine Fokussierung auf Vermarktbarkeit und die Implementierung der Produkte am Markt stattfindet. Anders gesagt, ein erfolgreicher Erfinder bzw. Erfinder-Unternehmer ist eine Person, der es gelingt, die offene, kreative Anfangsphase in einen auf Vermarktung fokussierten, unternehmerischen Prozess überzuleiten. (Braun, 2005, S.37)
Im Vergleich zu anderen sind Erfinder also wesentlich offener für neue Erfahrungen. Innerhalb der Erfinderpopulation erweist sich aber Nicht-Offenheit für Erfahrungen als bedeutender Prädiktor für den Erfindererfolg.
[...]
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