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Amok: Amokläufe Jugendlicher an ihren Bildungseinrichtungen

Subtitle: Erklärungsansätze mit Hilfe soziologischer Theorien

Bachelor Thesis, 2007, 68 Pages
Author: Robert Brumme
Subject: Sociology - Law, Delinquency, Abnormal Behavior

Details

Category: Bachelor Thesis
Year: 2007
Pages: 68
Grade: 1,1
Bibliography: ~ 42  Entries
Language: German
Archive No.: V85198
ISBN (E-book): 978-3-638-89323-7
ISBN (Book): 978-3-638-89329-9
File size: 540 KB
Notes :
Der Autor arbeitet hervorragend informiert und die relevante Literatur berücksichtigend unter Rückgriff auf eine umfassende selbst zusammen gestellte Liste ausgewählter Amokläufe im Vergleich mit der historischen Genese des Amok die Besonderheiten heutiger Amokläufe Jugendlicher heraus und kann diese mit Hilfe zweier neuerer Theorien auch erklären und abschließend Desiderate künftiger Forschungsfragen in diesem Themenfeld wegweisend benennen. Das alles ist sehr sauber und sprachlich angemessen differenziert stringent heraus gearbeitet und jeweils in kleineren Zwischenfazits nochmals gebündelt.


Abstract

Nach einem friedlich verbrachten Abend erstach der als still, höflich und begabt beschriebene Lehrer Wagner, im frühen Morgengrauen zunächst seine Ehefrau und seine vier Kinder. Dann fuhr er nach Mühlhausen und zündete dort gegen Mitternacht Scheunen und Häuser an, auch das seiner Schwiegereltern, und begann im Schein der Flammen auf fliehende Menschen zu schießen. Er tötete neun Personen und verletzte elf weitere zum Teil schwer bevor er schließlich, selbst schwer verletzt, überwältigt wurde. Wann geschah dies? 1990? 2000? Nein, es ereignete sich am 03.09.1913. Wagner galt als der Prototyp des wahnkranken Amokläufers im europäisch-amerikanischen Kulturraum und ist seit dem ein oft zitiertes Beispiel für die Untersuchung amokartiger Handlungen. Das Phänomen »Amok«, das in der heutigen medialen Berichterstattung die höchste Aufmerksamkeit erhält, ist allerdings anderer Natur: es handelt sich dabei um Amokläufe, die Jugendliche an ihren Schulen oder Universitäten begehen. Es sind die Fälle, die am spektakulärsten und opferreichsten sind und deshalb häufig im Fokus der Berichterstattung liegen. Der Versuch das Phänomen begrifflich einzuordnen wird auf zwei Ebenen geschehen: zunächst wird die Tat Amoklauf als solche klassifiziert um anschließend auf die Persönlichkeitsstruktur des Täters einzugehen. Danach wird mir Hilfe DURKHEIMscher Termini eine Dichotomisierung amokähnlicher Verhaltensweisen vorgenommen, um die Unterschiedlichen Beweggründe eines Individuums für die Durchführung einer solchen Tat kenntlich zu machen. Abschließend wird die Anomietheorie MERTONs vorgestellt um sie nachfolgend auf das Phänomen »Amok« anzuwenden. Ziel dabei ist es, aufzuzeigen, wie Amokläufe, als spezielle Form des abweichenden Verhaltens, mit Hilfe der Anomietheorie zu verstehen und zu klassifizieren sind.


Excerpt (computer-generated)

Universität Rostock
Wirtschafts- & Sozialwissenschaftliche Fakultät
Institut für Soziologie und Demographie
Sommersemester 2007

Thema der Bachelor-Arbeit:

Amok

Amokläufe Jugendlicher an ihren Bildungseinrichtungen
-
Erklärungsansätze mit Hilfe soziologischer Theorien

von

Robert Brumme

 

 

Inhaltsverzeichnis

·1· Einleitung - 02 -

·2· Historische Einordnung – der malaiische Amoklauf - 04 -
·2·1· Ursprung des Begriffs »Amok« - 04 -
·2·2· »Kriegerischer Amok« - 04 -
·2·3· »Individueller Amok« - 05 -
·2·4· Bilanz - 07 -
·2·5· Artverwandte Phänomene - 09 -

·3· »Amok« im Spektrum homizidal-suizidaler Handlungen - 11 -
·3·1· Selbstmordangriff – japanische Kamikazeflieger - 11 -
·3·1·1· Historischer Abriss - 11 -
·3·1·2· Gesellschaftliche Rahmenbedingungen - 12 -
·3·1·3· Bilanz - 14 -
·3·2· Selbstmordattentat – Sprengstoffanschläge im Nahen-Osten - 15 -
·3·2·1· Historischer Abriss - 15 -
·3·2·2· Gesellschaftliche Rahmenbedingungen - 17 -
·3·2·3· Bilanz - 18 -
·3·3· Das Phänomen Amok in westlichen Industriestaaten - 20 -
·3·3·1· exemplarische Vorstellung eines Amoklaufes - 21 -

·4· »Amok« – Eine Begriffsdefinition - 25 -
·4·1· Merkmale des Amoklaufes - 27 -
·4·2· Persönlichkeitsstruktur des Amokläufers - 27 -
·4·3· Bilanz - 32 -

·5· Dichotomisierung mit Hilfe Durkheimscher Termini - 34 -
·5·1· Der altruistische Amoklauf - 35 -
·5·2· Der egoistisch-anomische Amoklauf - 37 -

·6· Anwendung der Anomietheorie auf das Phänomen »Amok« - 40 -
·6·1· Die Anomietheorie von Robert K. Merton - 40 -
·6·2· Anwendung auf das Phänomen »Amok« - 43 -

·7· Fazit - 48 -

·8· Anhang - 50 -
·8·1· Karte - 50 -
·8·2· Liste ausgewählter Amokläufe - 51 -
·8·3· Abschiedsbrief von Sebastian Bosse - 62 -

·9· Literaturverzeichnis - 65 -

 

 

·1· Einleitung 

Nach einem friedlich verbrachten Abend erstach der als still, höflich und begabt beschriebene Lehrer Wagner, im frühen Morgengrauen zunächst seine Ehefrau und seine vier Kinder. Dann fuhr er nach Mühlhausen und zündete dort gegen Mitternacht Scheunen und Häuser an, auch das seiner Schwiegereltern, und begann im Schein der Flammen auf fliehende Menschen zu schießen. Er tötete neun Personen und verletzte elf weitere zum Teil schwer bevor er schließlich, selbst schwer verletzt, überwältigt wurde.1 Wann geschah dies? 1990? 2000? Nein, es ereignete sich am 03.09.1913.

Wagner galt als der Prototyp des wahnkranken Amokläufers im europäisch-amerikanischen Kulturraum2 und ist seit dem ein oft zitiertes Beispiel für die Untersuchung amokartiger Handlungen. Das Phänomen »Amok«, das in der heutigen medialen Berichterstattung die höchste Aufmerksamkeit erhält, ist allerdings anderer Natur: es handelt sich dabei um Amokläufe, die Jugendliche an ihren Schulen oder Universitäten begehen. Es sind die Fälle, die am spektakulärsten und opferreichsten sind3 und deshalb häufig im Fokus der Berichterstattung liegen. Dies hängt auch mit dem inflationären Anstieg des Auftretens dieser Art von Gewalttat zusammen. Zwischen 1995 und 1999 gab es mehr Amokläufe in Amerika als in den letzten 40 Jahren zusammen.4 Allerdings müssen diese Zahlen mit Vorsicht betrachtet werden, da, wie später gezeigt wird, es fast ausschließlich an den Journalisten liegt, welche Tat als Amoklauf gezählt wird und welche nicht. Deshalb können auch objektive Studien lediglich eine Zunahme der Verwendung des Begriffes »Amok« durch die Medien verzeichnen.5

Um sich dem Thema »Amok« angemessen zu nähern wurde der Weg über einen historischen Rückblick gewählt. Zunächst soll die klassische Erscheinungsform des Amoklaufes in der Region des malaiischen Archipels in ihren beiden Ausprägungsformen vorgestellt werden, um aufzuzeigen, in wieweit das heutige Phänomen noch Gemeinsamkeiten mit der ursprünglichen Erscheinung hat.

Darauf folgend werden unterschiedliche Formen homizidal-suizidaler Verhaltensweisen dargestellt, um »Amok«, als spezielle Form dieser Handlungen, einzuordnen. Zu diesem Zweck wird der »Amoklauf von Erfurt« exemplarisch vorgestellt um die anschließende Begriffsdefinition auf dieses Beispiel zu beziehen. Der Versuch das Phänomen begrifflich einzuordnen wird auf zwei Ebenen geschehen: zunächst wird die Tat Amoklauf als solche klassifiziert um anschließend auf die Persönlichkeitsstruktur des Täters einzugehen. Danach wird mir Hilfe DURKHEIMscher Termini eine Dichotomisierung amokähnlicher Verhaltensweisen vorgenommen, um die Unterschiedlichen Beweggründe eines Individuums für die Durchführung einer solchen Tat kenntlich zu machen.

Abschließend wird die Anomietheorie MERTONs vorgestellt um sie nachfolgend auf das Phänomen »Amok« anzuwenden. Ziel dabei ist es, aufzuzeigen, wie Amokläufe, als spezielle Form des abweichenden Verhaltens, mit Hilfe der Anomietheorie zu verstehen und zu klassifizieren sind.

·2· Historische Einordnung – der malaiische Amoklauf

·2·1· Ursprung des Begriffs »Amok«

Das Phänomen des Amoklaufes hat seinen Ursprung in Malaysia, ist aber darüber hinaus bei zahlreichen Völkern im gesamten malaiischen Archipel zu finden.6 Besonders hervorzuheben sind die Völker, die den Malaien ethnisch, sprachlich und kulturell nahe stehen. Dazu zählen Bevölkerungsgruppen des heutigen Indonesien, Singapur, Brunei und Teile Thailands, der Philippinen und Südindiens.7

Das deutsche Wort »Amok« ist eine Wortentlehnung des malaiischen »Amuk« und kann unterschiedlich übersetzt werden, je nachdem, in welchem Zusammenhang es angewendet wird. Lothar ADLER übersetzt es mit „zornig“ bzw. „rasend“8 während Wolfgang SOFSKY es mit „im Kampf sein Letztes geben“9 umschreibt. Dies liegt an den unterschiedlichen Erscheinungsformen des Phänomens, auf die später eingegangen wird. Die Tat eines Amokläufers, das heißt „einen spontanen ungeplanten Angriff auf unbeteiligte Personen“10 bezeichnet man als »mengamuk«; der Täter selber wird »pengamuk«11 genannt. Im Folgenden wird gezeigt, dass diese Übersetzung nur teilweise auf die Erscheinungen im malaiischen Archipel anwendbar ist.

Die Einteilung des Amoks in zwei unterschiedliche Formen erleichtert die Untersuchung des historischen Erscheinens.

·2·2· »Kriegerischer Amok«

SPORES12 berichtet über die ersten bekannten Beschreibungen eines kriegerischen Amoks um 1500, die der Portugiese Gaspar Correa während eines Krieges in Südindien dokumentierte. Krieger, die einen massiven Gesichtsverlust zu ertragen hatten, weil sie bei einem Kampf überlebten, während ihr Anführer starb, wurden zu »amoucos«13.

[....]


1 Lübbert, Monika, 2002: „Amok – Der Lauf der Männlichkeit“, S. 29

2 Adler, Lothar, 2000; „Amok – eine Studie“, S. 31

3 Lothar Adler im Spiegel Interview, online einzusehen unter:
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,194799,00.html [eingesehen am 14.07.07]

4 Theisen, Manfred, 2004: „Amoklauf an Schulen – Hintergrund“, S. 2, online einzusehen unter:
http://www.randomhouse.de/content/download/schulbus/amok.pdf [eingesehen am 14.07.07]

5 Lübbert, Monika, 2002: „Amok – Der Lauf der Männlichkeit“, S. 61

6 siehe Anhang ·8·1· für eine Karte der Region

7 Lübbert, Monika, 2002: „Amok – Der Lauf der Männlichkeit“, S. 9

8 Adler, Lothar, 2000; „Amok – eine Studie“, S. 9

9 Sofsky, Wolfgang, 2002: „ Zeiten des Schreckens – Amok, Terror, Krieg“, 2te Auflage, S. 41

10 Lübbert, Monika, 2002: „Amok – Der Lauf der Männlichkeit“, S. 9

11 ebd. S. 9

12 vgl. Spores, John C., 1988: „Running Amok – An historical Inquiry“

13 portugiesisch für „Amok“


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