Autor: Katherine Grzelak
Fach: Frauenstudien / Gender-Forschung
Details
Institution/Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin (Kulturwissenschaftliches Seminar)
Jahr: 2007
Seiten: 26
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 15 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 158 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-00700-9
ISBN (Buch): 978-3-638-91477-2
Zusammenfassung / Abstract
In der vorliegenden Arbeit werde ich die Zusammenhänge von Gehirn und Gesellschaft erörtern. Dabei gehe ich von der These aus, dass ein umfassendes Verständnis vom Gehirn und seiner Funktionsweise nur dann möglich ist, wenn man es im Zusammenwirken mit seiner Umwelt bzw. mit anderen Menschen betrachtet. Anhand von aktuellen Analysen aus der Neurobiologie und Psychoanalyse zum Unbewussten zeige ich, dass Wahrnehmung nur durch Intersubjektivität und lebensgeschichtliche Lernprozesse erklärbar ist. Durch diese Perspektive stellt sich auch gleichzeitig die Frage nach der Rechtfertigung des Objektivitätsanspruchs, der in den Naturwissenschaften vorausgesetzt wird. Ich werde dahingehend argumentieren, dass in der Neurobiologie – entgegen der Auffassung einiger vieler HirnforscherInnen – trotz ihrer akribischen Arbeit nicht von Objektivierbarkeit, im Sinne von Wertfreiheit, die Rede sein kann. Schon allein unsere Sprache, die durch Internalisierung von kollektiven Normen gekennzeichnet ist, verbietet per se die Möglichkeit von absoluter Wertneutralität. Schließlich werde ich erörtern, inwiefern die Naturwissenschaften an der Konstruktion von gesellschaftlichen Machtverhältnissen beteiligt sind. Die feministische Naturwissenschaftsforschung versucht solche Zusammenhänge aufzudecken, um zu zeigen, dass die Naturwissenschaft nicht wertneutral, sondern häufig politisch motiviert ist. Im fünften und letzten Kapitel dieser Arbeit werde ich zeigen, wie die feministische Hirnforschung dabei behilflich ist, pseudowissenschaftliche Scheinrechtfertigungen von Geschlechterdifferenzen aufzustellen. Am Beispiel von Untersuchungen zu männlicher Homosexualität und zur Bilateralität von Frauen werde ich zeigen, inwiefern die Hirnforschung an der Zementierung von fälschlichen Geschlechterbildern beteiligt ist. Neben der korrekten Auswertung von Befunden ist aber auch die Art und Weise der Darstellungsformen von wissenschaftlichen Studien nicht unerheblich. Häufig haben die Rahmenbedingungen und die Präsentationsform von Studien zum Gehirn weitreichende Konsequenzen für die Ergebnisse der Untersuchung, die widersprüchlich sein können. Eine feministische Hirnforschung ist dabei behilflich, pseudowissenschaftliche Mythen über Geschlechterdifferenzen zu entlarven.
Textauszug (computergeneriert)
Humboldt Universität - Berlin
Kulturwissenschaftliches Seminar
Hauptseminar: Das Unbewusste
Sommersemester 2007
Über den Zusammenhang von Gehirn, Gesellschaft und Geschlecht
Berlin, September 2007
Katherine Grzelak
Philosophie, Gender Studies, M.A.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Der Geist im Gehirn und das Gehirn in der Welt – Das Unbewusste als Forschungsgegenstand der Neurobiologie und der Psychoanalyse 4
2.1 Das Problem des Unbewussten in der Neurobiologie 5
2.2 Wo entsteht das Bewusstsein? – Ein neurobiologischer Erklärungsansatz 6
2.3 Das Unbewusste in der Psychoanalyse 8
3. Von der Unmöglichkeit der Objektivität in den Neurowissenschaften 12
4. Gender und Naturwissenschaft 16
4.1 Feministische Naturwissenschaftsforschung 16
4.2 Die sex/gender-Dichotomie 17
5. Sexing the brain 18
5.1 Gehirn und Sexualität 19
5.2 Gehirn, Sprache und Geschlecht 20
6. Schlussteil 22
7. Literaturverzeichnis 24
1. Einleitung
„(...) Sondern es ist uns wirklich ganz klar, dass, wenn wir je etwas rein erkennen wollen, wir uns von ihm losmachen und mit der Seele selbst die Dinge selbst schauen müssen. Und offenbar dann erst werden wir haben, was wir begehren und wessen Liebhaber wir zu sein behaupten, die Weisheit, wenn wir tot sein werden, wie die Rede uns andeutet, solange leben wir aber nicht. Denn wenn es nicht möglich ist, mit dem Leibe irgendetwas rein zu erkennen: so können wir nur eines von beiden, entweder niemals zum Wissen gelangen oder nach dem Tode. (...) (Platon, Phaidon, 67c)“
In diesem Abschnitt macht Platon seine Hörer auf das sogenannte Leib-Seele-Problem aufmerksam. Dieses Jahrtausende alte Problem ist eines der Hauptprobleme, mit denen sich die Philosophie bis in die heutige Zeit befasst. Die grundsätzliche Frage, die alle Theorien durchzieht, lautet: Inwiefern stehen Leib und Seele bzw. der Körper und der Geist in einer wechselwirksamen Beziehung zueinander? Dahinter verbirgt sich nichts anderes als der Wunsch, endlich besser zu verstehen, wie der menschliche Geist und sein kreatives und kulturelles Schaffen mit der organischen Masse seines Körpers in Verbindung steht. Was zeichnet das geheimnisvolle Wesen Mensch besonders aus?
Auch in den Naturwissenschaften interessierte man sich zunehmend für mentale Phänomene. Die Neurobiologie ist beispielsweise eine Disziplin, die sich zur Aufgabe macht, den geistigen Reichtum des Menschen zu untersuchen. Nachdem man feststellte, dass die Aktivität bestimmter Hirnareale sich veränderte, wenn die ProbandInnen ihre Aufmerksamkeit auf etwas richteten, wurden Wahrnehmung und Bewusstsein zum Untersuchungsgegenstand deklariert. Nun stellte man sich die Frage, wo genau im Gehirn Bewusstsein entsteht und wie es den menschlichen Körper und seine Handlungen beeinflusst.
In der vorliegenden Arbeit werde ich die Zusammenhänge von Gehirn und Gesellschaft erörtern. Dabei gehe ich von der These aus, dass ein umfassendes Verständnis vom Gehirn und seiner Funktionsweise nur dann möglich ist, wenn man es im Zusammenwirken mit seiner Umwelt bzw. mit anderen Menschen betrachtet. Anhand von aktuellen Analysen aus der Neurobiologie und Psychoanalyse zum Unbewussten zeige ich, dass Wahrnehmung nur durch Intersubjektivität und lebensgeschichtliche Lernprozesse erklärbar ist. Diese Untersuchungen basieren auf der Annahme, dass die Fähigkeiten eines Individuums das Ergebnis verflochtener Interaktionen zwischen dem biologischen Geschöpf und seiner sozialen Umwelt sind. Eine simple entweder-oder-Dialektik zwischen biologischem und sozialem Determinismus ist also nicht möglich. Statt dessen muss komplexer analysiert werden. Durch diese Perspektive stellt sich auch gleichzeitig die Frage nach der Rechtfertigung des Objektivitätsanspruchs, der in den Naturwissenschaften vorausgesetzt wird. Ich werde dahingehend argumentieren, dass in der Neurobiologie – entgegen der Auffassung einiger vieler HirnforscherInnen – trotz ihrer akribischen Arbeit nicht von Objektivierbarkeit, im Sinne von Wertfreiheit, die Rede sein kann. Schon allein unsere Sprache, die durch Internalisierung von kollektiven Normen gekennzeichnet ist, verbietet per se die Möglichkeit von absoluter Wertneutralität. Schließlich werde ich erörtern, inwiefern die Naturwissenschaften an der Konstruktion von gesellschaftlichen Machtverhältnissen beteiligt sind. Ein gutes Beispiel ist auch die Gehirnforschung: Im ausgehenden 19. Jahrhundert versuchte man beispielsweise darzulegen, dass weibliche Gehirne kleiner seien als männliche. Dies erklärte man sich damit, dass die Ovarien und der Uterus mehr Energie beanspruchten. Die Konsequenz solcher Erkenntnisse war beispielsweise die Forderung, Mädchen bei Menstruationsbeginn vom Unterricht fernzuhalten, um ihre Gebärfähigkeit zu wahren und die Gefahr einer langfristig sinkenden Geburtenrate zu hemmen (Orland/Scheich, 1995, S. 29). An diesem Beispiel kann man sehr deutlich den Zusammenhang von Naturwissenschaft, Sozialverhältnissen und Politik erkennen. Die feministische Naturwissenschaftsforschung versucht solche Zusammenhänge aufzudecken, um zu zeigen, dass die Naturwissenschaft nicht wertneutral, sondern häufig politisch motiviert ist. Im fünften und letzten Kapitel dieser Arbeit werde ich zeigen, wie die feministische Hirnforschung dabei behilflich ist, pseudowissenschaftliche Scheinrechtfertigungen von Geschlechterdifferenzen aufzudecken. Am Beispiel von Untersuchungen zu männlicher Homosexualität und zur Bilateralität von Frauen werde ich zeigen, inwiefern die Hirnforschung an der Zementierung von fälschlichen Geschlechterbildern beteiligt ist. Neben der korrekten Auswertung von Befunden ist aber auch die Art und Weise der Darstellungsformen von wissenschaftlichen Studien nicht unerheblich. Häufig haben die Rahmenbedingungen und die Präsentationsform von Studien zum Gehirn weitreichende Konsequenzen für die Ergebnisse der Untersuchung, die widersprüchlich sein können. Eine feministische Hirnforschung ist dabei behilflich, alltägliche Mythen über die Geschlechterdifferenzen als pseudowissenschaftlich fundiert zu entlarven.
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