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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 36 Pages
Author: Dipl. Soz.päd. (FH), M.A. Hans-Peter Breuner
Subject: Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries
Details
Tags: Coeur, Grenze, Vernunft, Annäherung, Begriff, Coeur, Blaise, Pascal
Year: 2005
Pages: 36
Grade: 1 (B)
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-01152-5
File size: 129 KB
Die Arbeit gibt einen Einblick in die wesentlichen Gedanken der Philosophie von Rene Descartes, sowie von Blaise Pascal und verweist auf Pascals Bedeutung für die Leibphilosophie. Dozent: "Eine eindrucksvolle HS-Arbeit! fest gegliedert, schlüssig argumentiert, variabel und optional."
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Abstract
In Johannes Hirschbergers „Geschichte der Philosophie“ wird Descartes, dem Vater der neuzeitlichen Philosophie, unter der Kapitelüberschrift des Rationalismus 34 Seiten gewidmet. Die Philosophie Blaise Pascals findet in einem Unterkapitel dagegen mit lediglich 4 Seiten Platz. Pascals Philosophie wird jedoch dort zumindest als eine kritische Auseinandersetzung und Weiterentwicklung der des Descartes verstanden und gewürdigt. Dahingegen findet z.B. in Bertrand Russels „Philosophie des Abendlandes“ Pascals Philosophie nur ganz am Rande Erwähnung. Pascal scheint hier wie dort, wenn auch in verschiedenem Maße unter dem Blick der Geschichte der Philosophie im Schatten von Descartes zu stehen, ob es gerechtfertigt ist, dass Pascals Philosophie unter qualitativer Hinsicht verdient ein Schattendasein zu führen, ist nicht zuletzt auch eine Fragestellung dieser Arbeit. Jede Generation von Philosophen ist aufgerufen, die Philosophien der vorangegangenen Jahrhunderte neu aufzugreifen und auf ihre Bedeutung aus heutigem Blick zu befragen. Wie auch immer sich die Stellung der Pascalschen Philosophie in der weiteren Forschung sich verändern mag, an Gewicht zunehmen wird, oder auch nicht. Der Weg dorthin wird immer über Descartes führen. Was sind also die epochemachenden neuen Gedanken die mit Descartes verbunden werden und auf die Pascal in seinen Pensees reagierte?
Excerpt (computer-generated)
Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Institut für Philosophie
WS 2004/2005
Hauptseminar:
Descartes und Pascal: Im Spannungsfeld zwischen Rationalität und
Gefühl Philosophische Grundlagen von Neuzeit und Moderne.
,,Coeur" und die Grenze der Vernunft
Eine Annäherung an den Begriff ,,Coeur" bei Blaise Pascal
Verfasser: Hans-Peter Breuner
Datum: 3.05.05
Inhaltsverzeichnis:
Inhaltsverzeichnis:
2
1. Prolog
3
Descartes
7
2.1. Die Methode
8
2.2. Die Geometrie und der Zweifel 10
2.3. Der Gottesbeweis und die Unsterblichkeit der Seele 13
2.4. Descartes zum Abschluss 15
3. Pascal 17
3.1. ,,Coeur" das Herz 19
3.2. Der Geist des Feinsinns gegen den Geist der Geometrie 22
3.3. Das Herz schlägt im Leib 25
4. Epilog 30
Literatur: 34
2
2
,,Coeur" und die Grenze der Vernunft Eine Annäherung an den Begriff ,,Coeur" bei
Blaise Pascal
1. Prolog
Der Abgrund1
Pascal sah, wo er ging, des Abgrunds Spalt.
Abgrund ist alles uns, Tat, Traum, Verlangen;
Wie oft hob sich mein Haar in starrem Bangen,
Durschauerte mich Grauen eisig kalt!
In Höh′n und Tiefen, wo kein Ton mehr hallt,
In Ländern, furchtbar und doch voller Prangen,
Ist Gottes Hand durch meinen Schlaf gegangen,
Ein Schreckbild malend, grausam, vielgestalt.
Ich fürchte mich vorm Schlaf, dem schwarzen Tor,
Das Unheil birgt, wenn man den Weg verlor:
Die Ewigkeit blickt starr durch alle Scheiben.
Mein Geist, hintaumelnd an des Wahnsinns Sumpf,
Beneidet, was da fühllos, kalt und stumpf.
- Ach, immer bei den Zahlen, Dingen bleiben!
Wieso könnte man fragen steht am Beginn eines Aufsatzes über einen Philosophen
ein Gedicht? Nun naheliegend ist, dass sich das Gedicht ausdrücklich auf diesen
Philosophen bezieht.
1
Baudelaire, Charles: Die Blumen des Bösen. Diogenes. München. 1982. S. 284.
3
3
Er wird in Anspruch genommen vom Verfasser: Charles Baudelaire. Vom Abgrund ist
die Rede, von Grauen, Traum, von einem taumelnden Geist, von Wahnsinn und
Verlangen. Da ist eine Existenz im Grund erschüttert, ein Schrei, eine existenzielle
Erschütterung wird in Sprache geformt. Inhaltlich wird die Grenze der Möglichkeit der
Gestaltung dieses Lebens thematisiert. Als Gescheiterter stellt sich hier Baudelaire
vor, als ein Vom-Weg-Abgekommener. Baudelaire inspirierten zu seinem Gedicht
voraussichtlich Fragmente bei Pascal aus dessen Hauptwerk ,,Gedanken/Pensees"
wie folgendes in der die anthropologischen Grundannahmen von diesem
hervortreten:
,,Der Mensch weiß nicht, welchen Platz er einnehmen soll, er hat sich
offensichtlich verirrt und ist von seinem wahren Ort herabgesunken, ohne ihn
wiederfinden zu können. Ruhelos und ohne Erfolg sucht er ihn überall in einer
unergründlichen Finsternis."2
Baudelaire spricht in seinem Gedicht von seiner persönlichen Gestimmtheit, Pascal
spricht vom Mensch im allgemeinen. Es ist grundsätzlich kein Weg, für Niemanden in
dieser Finsternis zu finden.
Was bedeutet nun Weg unter philosophischer Hinsicht? Allgemein wird der Weg zu
philosophischer Erkenntnis zu gelangen als deren Methode bezeichnet und bezieht
sich auf den etymologischen Ursprung des Begriffes im Griechischen. Unter Methode
versteht man seit dem 17. Jahrhundert ein ,,Untersuchungs-, Forschungsverfahren;
ein planmäßiges Vorgehen".3 Im 17. Jahrhundert wird die Geburtsstunde der
neuzeitlichen Philosophie datiert. Rene Descartes ist als ihr Vater in die
Philosophiegeschichte eingegangen.4 Rene Descartes, ein Begründer des
Rationalismus, der vom Verstand als ,,...die am besten verteilte Sache der Welt..."
schreibt, der zwar auch von Dunkelheit spricht, aber auch von einem hinter
verdunkelnden Irrtümern liegendem natürlichen Licht.5 Wird Pascal für Baudelaire
zum Gefährten eines vom Rationalismus abgekommener? Ist Pascal ein Irrationalist?
2
Pascal, Blaise: Gedanken. Philipp Reclam jun. Stuttgart 1997. 400/427.
3
Duden, Etymologie: Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Dudenverlag. 1997. S. 456.
4
Hirschberger, Johannes: Geschichte der Philosophie. Band II. Neuzeit und Gegenwart.
Zweitausendeins Verlag Frankfurt a. M. S. 88ff.
5
Descartes, Rene: Discours de la Methode. Bericht über die Methode. Philipp Reclam jun. Stuttgart.
2001. S. 9/23
4
4
Ein Irrationalist, der sich wie Baudelaire aber verzweifelt nach Fühllosigkeit, Kälte
und Stumpfheit sehnt, nach den Zahlen und Dingen nach einem sicheren Weg.?
Das Memorial, das Gedenkblatt indem Pascal seine ,,Feuertaufe", eine religiöse
Vision, glühend beschreibt, verweist in den Glauben an den Gott Abrahams, Isaaks
und Jakobs.6 Ist dies als ein Weg hinweg von der Vernunfterkenntnis zu deuten.
Auch Baudelaire spricht in seinem Gedicht von einer Gotteserfahrung. Es ist nun
nicht Thema dieser Arbeit zu prüfen, ob Baudelaire die Philosophie Pascals richtig
rezipiert hat. Aber das Gedicht scheint mir doch dahingehend gelungen, da es in
komprimierter Form auf wesentliche Elemente der Philosophie Pascals verweist.
Abgrund assoziiert ein Nicht-Weiter-Gehen-Können. Es verweist also auf eine
Grenze. Indem Baudelaire Pascal diesen Abgrund überall sehen lässt7, zeigt er
einen Geist, der die Grenzen des Weges als total begreift. Abgrund ist überall. Hier
findet nicht ein bestimmter Weg zu seiner Grenze. Weg, Methode wird grundsätzlich
als endlich erfahren vorgestellt. Ein Gedicht hat nicht den Anspruch einer
Begriffsklärung, es zielt nicht auf eine universale Letztbegründung eines objektiven
Sachverhaltes der in Vernunft und Verstandeskategorien sich verallgemeinernd
festschreiben lässt. Vielmehr ist das Gedicht die literarische Ausdrucksform, die sich
bewusst dem persönlichen, existentiellen Empfinden verpflichtet weiß und aus dieser
Betrachtung auf ein Phänomen nur den Einzelnen in seiner Subjektivität ansprechen
kann und das von diesem Einzelnen dann nur in Ausdeutung für die eigene Existenz
fruchtbar gemacht werden kann. Der Weg dahin führt über das Gefühl, ein Gedicht
zielt auf das Gemüt, auf das Herz. Das Herz, ,,Coeur", wird sich zeigen, hat für die
Philosophie Pascals einen zentralen Stellenwert. Die stilistische Form des Gedichts,
der Anspruch Komplexes, Vielgestaltiges auf einen Moment zu reduzieren um
gerade dadurch den Blick auf ihre perspektivischen Deutungsmöglichkeiten zu
öffnen, scheint mir dem aphoristischen Stil in den Pensees verwandt. Doch neben
einer formalen-stilistischen Verwandtschaft was veranlasste den verschwenderisch
lebenden Exzentriker Baudelaire mit seinem Hang zum Morbiden8 sich mit Pascal,
diesem sittlichen und religiösen Genie9 inhaltlich auf einer philosophisch-
existentiellen Ebene zu sehen. Pascals vielseitige Begabungen in den Wissenschaft
6
Pensees 913.
7
vgl. auch dazu Pensees 199/72
8
Krywalski, Diether: Knaurs Lexikon der Weltliteratur. Droemersche Verlagsanstalt. Th. Knaur Nachf.
München. 1995. S. 80.
9
Bahr, Hermann. Pascal. In: Beguin, Albert: Pascal. Rowohlt Hamburg. 1998. S. 161.
5
5
aber vor allem auch seine Persönlichkeit begründete sein Bild als Genie, bei
Chateaubriand ist er gar das ,,erschreckende Genie",
,,... der in einem Alter, in dem die anderen Menschen kaum damit begonnen
haben, zu erwachen, bereits den ganzen Umkreis des menschlichen Wissens
umschritten hatte, als er auch schon dessen Nichtigkeit erkannte und sich der
Religion zuwandte...".10
Das klingt übermenschlich, nach jemand mit fast schon göttlichen Attributen, das
klingt nach Größe, nach Eingebung und Offenbarung aber nicht nach einem Denker,
der streng methodisch vorgehend zu philosophischen Erkenntnissen gelangt, die
man im Nachgang erfassen und überprüfen kann. Baudelaire und Chateaubriand
stellen die Ausnahmeexistenz Pascal heraus, die er sicherlich auch war und er
scheint wie geschaffen für den romantischen Geniekult des 19. Jahrhunderts. Die
Frage ist jedoch, was ist seine Leistung in der Philosophie, wo ist darin sein Platz.
Kann der Begriff ,,Coeur" innerhalb der Wissenschaftstheorie sinnvoll verwendet
werden, oder ist er gerade der Ausdruck für einen erkenntnistheoretischen
Pessimismus. Ist Pascal etwa ein Irrationalist, ein Vorläufer eines postmodernen
Relativismus oder ist er der große Gegenspieler und methodologische Antipode
Descartes, und zwar innerhalb des Rationalismus?11
Um dies zu klären, ist es notwendig sich vorweg mit der Philosophie Descartes zu
befassen. Im weiteren wird die Reaktion Pascals auf die rationalistische Methode
Descartes zum Thema und, soviel schon vorweggenommen, deren Erweiterung oder
Ergänzung, hinsichtlich des Begriffes ,,Coeur" in der philosophischen Reflektion
Pascals in den Pensees.
10
Chateaubriand, Francois. Genius des Christentums. In: Beguin, Albert: Pascal. Rowohlt Hamburg.
1998. S. 161.
11
Schäfer, Lothar: Pascal und Descartes als methodologische Antipoden. In: Philosophisches. Jahrgang.
81. Alber Freiburg/München. 1974. S. 314.
6
6
Descartes
In Johannes Hirschbergers ,,Geschichte der Philosophie" wird Descartes, dem Vater
der neuzeitlichen Philosophie, unter der Kapitelüberschrift des Rationalismus 34
Seiten gewidmet. Die Philosophie Blaise Pascals findet in einem Unterkapitel
dagegen mit lediglich 4 Seiten Platz.12 Pascals Philosophie wird jedoch dort
zumindest als eine kritische Auseinandersetzung und Weiterentwicklung der des
Descartes verstanden und gewürdigt. Dahingegen findet z.B. in Bertrand Russels
,,Philosophie des Abendlandes" Pascals Philosophie nur ganz am Rande
Erwähnung.13 Pascal scheint hier wie dort, wenn auch in verschiedenem Maße unter
dem Blick der Geschichte der Philosophie im Schatten von Descartes zu stehen, ob
es gerechtfertigt ist, dass Pascals Philosophie unter qualitativer Hinsicht verdient ein
Schattendasein zu führen, ist nicht zuletzt auch eine Fragestellung dieser Arbeit.
Jede Generation von Philosophen ist aufgerufen, die Philosophien der
vorangegangenen Jahrhunderte neu aufzugreifen und auf ihre Bedeutung aus
heutigem Blick zu befragen. Wie auch immer sich die Stellung der Pascalschen
Philosophie in der weiteren Forschung sich verändern mag, an Gewicht zunehmen
wird, oder auch nicht. Der Weg dorthin wird immer über Descartes führen.
Was sind also die epochemachenden neuen Gedanken die mit Descartes verbunden
werden und auf die Pascal in seinen Pensees reagierte?
Hans Poser fasst am Ende seiner Einführung: ,, Rene Descartes" dessen Stellenwert
und Wirkung wie folgt zusammen:
,,Überblickt man die Philosophie Descartes` insgesamt, so muss man ihr bei aller
Verwendung scholastischer Begrifflichkeit einen Aufbruch in neue Weisen des
Denkens und Vorstellens feststellen, der ihn zu Recht als denjenigen
kennzeichnet, mit dem die neuzeitliche Philosophie beginnt. Im Vertrauen auf die
menschliche Vernunft in ihrer Reichweite und Leistungskraft sollen die mit ihr
gefundenen Resultate vor allem in den Wissenschaften den Menschen nicht
nur von Autoritäten befreien, sondern auch bessern. Ausgang der Erkenntnis ist
12
Hirschberger, Johannes: Geschichte der Philosophie. Band II. Neuzeit und Gegenwart.
Zweitausendeins Verlag Frankfurt a. M. S. 88ff.
13
Russell, Bertrand: Philosophie des Abendlandes. Parkland Verlag. Köln. 2002
7
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