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Subtitle: Untersuchungen über die bildliche Umsetzung der inselkeltischen Mythologie und der keltischen Daseinsdeutung in der Latènekunst anhand von österreichischen Funden
Doctoral Thesis / Dissertation, 1998, 462 Pages
Author: Dr. Susanna Berndt
Subject: Art - Miscellaneous
Details
Tags: Keltische, Daseinsdeutung, Latènekunst, Kelten, Mythologie, Religion, Mythen, keltische Religion, keltische Mythologie, keltische Götter, keltische Kunst
Year: 1998
Pages: 462
Grade: 2,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-02062-6
ISBN (Book): 978-3-638-92136-7
File size: 5487 KB
„Es handelt sich um eine Untersuchung, die sowohl die kulturgeschichtlich-religiösen als auch die kunstgeschichtlichen Aspekte der keltischen Kunst in der Latènezeit bearbeitet. ...Es ist der Verdienst der Kandidatin, diese Thematik wissenschaftlich aufgearbeitet und damit einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der keltischen Kunstschöpfungen in der Latènezeit geleistet zu haben...“
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Abstract
Die folgende Arbeit gibt einen Einblick in die geistigen Vorstellungen der keltischen Bevölkerung Österreichs von der Mitte bis gegen Ende des ersten vorchristlichen Jahrtausends. Mit Hilfe ihrer Darstellungen und Symbole konnten durch einen Vergleich mit jenen auf archäologischen Funden aus besser dokumentierten keltischen Siedlungsgebieten, aber auch durch das Einbeziehen antiker Überlieferungen sowie der inselkeltischen Mythologie neue Erkenntnisse über ihre Daseinsdeutung und mythischen Ansichten gewonnen werden. Im Rahmen dieser Arbeit war es nur möglich auf die keltischen Funde aus der Latènezeit näher einzugehen, obwohl viele der in der Latènekunst verwendeten Motive bereits auf Werken der Urnenfelder- und Hallstattkultur abgebildet worden waren und es zu untersuchen wäre, ob die Träger dieser vorangegangenen Kulturen nicht bereits ähnliche religiöse Vorstellungen sowie Mythen hatten und somit als „Kelten“ zu bezeichnen sind. Der erste Teil beginnt mit einer Beschreibung der Wesenszüge und Fremdeinflüsse der Latènekunst und beinhaltet eine chronologische Einteilung ihrer Kunststile. Daran schließt ein Kapitel über die keltische Daseinsdeutung an. Die Beschreibungen keltischer Gottheiten, Jenseitsvorstellungen und Kulthandlungen beziehen sich sowohl auf die Literatur antiker Schriftsteller, die Mythen der Inselkelten als auch auf moderne Forschungsergebnisse. Der erste Teil schließt mit einer Zusammenfassung der keltischen Mythologie ab. Der zweite Teil geht auf die Fundsituation verschiedener Gebiete im heutigen österreichischen Raum während der Latènezeit ein. Es folgt eine Analyse ausgewählter Latènefunde, deren Formen oder Verzierungen Aufschluss über die geistigen Vorstellungen der Bevölkerung geben können. Es war übersichtlicher, die Funde nicht nach ihren Kunststilen in chronologischer Reihenfolge anzuführen, sondern bestimmte Themen und Bildinhalten aus der keltischen Mythologie und Daseinsdeutung herauszuarbeiten und Beispiele für ihre Verwendung im österreichischen Raum anzuführen. Durch Vergleiche dieser Themen mit antiken und inselkeltischen Überlieferungen konnte eine Interpretation des gedanklichen Hintergrundes der Darstellungen unternommen werden. Letztendlich sei darauf hingewiesen, dass die Erforschung einer prähistorischen Kultur nur erfolgreich sein kann, wenn die Ergebnisse der Studien aus allen Bereichen der Geistes- und Naturwissenschaften zu gemeinsamen Thesen führen.
Excerpt (computer-generated)
Keltische Daseinsdeutung und die Latènekunst
Untersuchungen
über die bildliche Umsetzung
der inselkeltischen Mythologie
und
der keltischen Daseinsdeutung
in der Latènekunst
anhand von österreichischen Funden
Dissertation
zur Erlangung des Doktorgrades
an der
Geisteswissenschaftlichen Fakultät
der Karl-Franzens-Universität
Graz
eingereicht von
Susanna Berndt
im Januar 1998
Inhaltsverzeichnis
Danksagung ... 8
Einleitung ... 9
ERSTER TEIL ... 11
Ι. DIE LATÈNEKUNST ... 11
Ι.1. Einführung ... 11
Ι.2. Allgemeines über das Kunsthandwerk ... 13
Ι.2.1. Die Verzierungsgegenstände ... 13
Ι.2.2. Das Material ... 16
Ι.2.3. Die Verarbeitungs- und Verzierungstechniken ... 19
Ι.3. Keltische Münzen ... 22
Ι.4. Die Einflüsse ... 24
Ι.4.1. Orientalische Einflüsse ... 24
Ι.4.2. Mediterrane Einflüsse ... 25
Ι.4.3. Skythen und Thraker ... 27
Ι.4.4. Die Hallstattkultur ... 29
Ι.4.5. Die Situlenkunst ... 30
Ι.5. Über die Entstehung der Latènekunst ... 31
Ι.6. Die Kunststile während der Latènezeit ... 36
Ι.6.1. Der Frühe Stil ... 37
Ι.6.1.1. Die ersten Werke ... 39
Ι.6.1.2. Enge Beziehungen zu den Mittelmeerkulturen während der Frühlatènezeit ... 44
Ι.6.1.3. Das „Fürstengrab“ von Kleinaspergle ... 46
Ι.6.1.4. Das „Fürstengrab“ von Reinheim ... 48
Ι.6.1.5. Der Goldschmuck aus Erstfeld ... 49
Ι.6.2. Der Waldalgesheimer Stil ... 52
Ι.6.3. Der Plastische Stil ... 56
Ι.6.4. Die Zeit der Oppida ... 63
Ι.6.5. Die Schwerter ... 72
ΙΙ. DIE KELTISCHE DASEINSDEUTUNG ... 75
ΙΙ.1. Das Quellenmaterial ... 75
ΙΙ.1.1. Keltische Aufzeichnungen ... 76
ΙΙ.1.2. Archäologische Funde ... 77
ΙΙ.1.3. Berichte und Erwähnungen bei antiken Autoren ... 78
ΙΙ.1.4. Ethnologie, Mythenvergleiche, Linguistische Auswertungen und Etymologien ... 79
ΙΙ.1.5. Inselkeltische Handschriften ... 80
ΙΙ.1.6. Brauchtum und Volksglaube ... 82
ΙΙ.2. Untersuchungen über die keltische Weltdeutung ... 83
ΙΙ.3. Die Druiden ... 86
ΙΙ.4. Über die „Lehre“ der Druiden ... 92
ΙΙ.4.1. Über schamanistische Elemente in der keltischen Daseinsdeutung ... 96
ΙΙ.4.2. Opferriten und Kopfjagd ... 98
ΙΙ.5. Der Naturkult ... 104
ΙΙ.5.1. Der Fruchtbarkeitskult ... 106
ΙΙ.5.2. Pflanzenkunde ... 108
ΙΙ.5.3. Heilige Tiere ... 112
ΙΙ.5.3.1. Die Schlange ... 114
ΙΙ.5.3.2. Der Hirsch ... 116
ΙΙ.5.3.3. Das Rind ... 118
ΙΙ.5.3.4. Das Pferd ... 121
ΙΙ.5.3.5. Das Schwein ... 124
ΙΙ.5.3.6. Der Vogel ... 127
ΙΙ.5.3.7. Der Hund ... 130
ΙΙ.6. Untersuchungen über die Keltische Götterwelt ... 132
ΙΙ.7. Gottheiten mit römischen Namen ... 139
ΙΙ.7.1. Der keltische Mercurius ... 140
ΙΙ.7.2. Der keltische Apollo ... 142
ΙΙ.7.3. Der keltische Mars ... 145
ΙΙ.7.4. Der keltische Jupiter ... 148
ΙΙ.7.5. Die keltische Minerva ... 150
ΙΙ.7.6. Der keltische Dis Pater ... 151
ΙΙ.8. Männliche Gottheiten mit keltischen Namen ... 153
ΙΙ.8.1. Taranis ... 153
ΙΙ.8.2. Teutates ... 155
ΙΙ.8.3. Esus ... 157
ΙΙ.8.4. Cernunnos ... 159
ΙΙ.8.5. Sucellos ... 161
ΙΙ.8.6. Belenus und Grannus ... 162
ΙΙ.8.7. Smertrius ... 163
ΙΙ.8.8. Ogmios ... 164
ΙΙ.9. Weibliche Gottheiten ... 167
ΙΙ.9.1. Epona ... 170
ΙΙ.9.2. Rosmerta ... 171
ΙΙ.9.3. Weibliche Gottheiten der Natur und der Himmelskörper ... 172
ΙΙ.10. In der inselkeltischen Mythologie genannte Götter ... 174
ΙΙ.10.1 Der irische Dagda ... 175
ΙΙ.10.2. Der irische Aengus mac Oc ... 178
ΙΙ.10.3. Die irische Brigit ... 180
ΙΙ.10.4. Der irische Midyr ... 182
ΙΙ.10.5. Der irische Diancecht ... 185
ΙΙ.10.6. Der irische Balor ... 186
ΙΙ.10.7. Der irische Bress ... 187
ΙΙ.10.8. Die irische Dana/Ana - kymrische Don ... 188
ΙΙ.10.9. Der irische Manannan mac Lir - kymrische Manawyddan ... 189
ΙΙ.10.10. Der irische Lugh - kymrische Gwyddion ... 191
ΙΙ.10.11. Der irische Goibniu - kymrische Govannon ... 194
ΙΙ.10.12. Der irische Nuada - kymrische Nudd / Llud ... 197
ΙΙ.10.13. Der kymrische Mabon mac Modron ... 199
ΙΙ.10.14. Der kymrische Bendigeidvran ... 200
ΙΙ.10.15. Der kymrische Pwyll-Arawn ... 201
ΙΙ.10.16. Die kymrische Rhiannon ... 202
ΙΙ.11. Götterdarstellungen ohne Namensnennungen ... 205
ΙΙ.11.1. Der Radgott ... 205
ΙΙ.11.2. Der Gott in der „Buddhahaltung“ ... 207
ΙΙ.11.3. Der dreiköpfige Gott ... 208
ΙΙ.11.4. Der Genius Cucullatus ... 210
ΙΙ.11.5. Der Hammer- oder Schlegelgott ... 211
ΙΙ.11.6. Die Schlange mit dem Widderkopf ... 212
ΙΙΙ. DIE KELTISCHE MYTHOLOGIE ... 214
ΙΙΙ.1. Einführung ... 214
ΙΙΙ.1.1. Über die Bedeutung der Mythen ... 215
ΙΙΙ.2 Über die Bedeutung des Tieres in den inselkeltischen Mythen ... 217
ΙΙΙ.3. Über die inselkeltische Gesellschaft ... 219
ΙΙΙ.3.1. Die Stellung der Frau ... 222
ΙΙΙ.3.2. Das Königtum ... 224
ΙΙΙ.3.3. Die Priesterklasse ... 225
ΙΙΙ.3.4. Die Krieger ... 226
ΙΙΙ.3.5. Die Handwerker ... 228
ΙΙΙ.3.6. Die Ackerbauern und Viehzüchter ... 229
ΙΙΙ.4. Die irischen Mythen ... 231
ΙΙΙ.4.1. Die Besiedlung Irlands und die Kämpfe zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Einwanderern ... 233
ΙΙΙ.4.2. Die erste Schlacht und ihre Folgen ... 236
ΙΙΙ.4.3. Die zweite Schlacht und ihre Folgen ... 239
ΙΙΙ.4.4. Der Kampf gegen die „Söhne des Mile“ ... 243
ΙΙΙ.4.5. Der Rückzug in die „Andere Welt“ ... 245
ΙΙΙ.4.5.1. Erzählungen über die „Andere Welt“ ... 246
ΙΙΙ.4.5.2. Erzählungen über die Bewohner der „Anderen Welt“ ... 249
ΙΙΙ.4.6. Der Sagenkreis von Ulster ... 254
ΙΙΙ.4.6.1. Tochmarc Etaine, „Das Werben um Etain“ ... 256
ΙΙΙ.4.6.2. Togail bruidne ui Dergae, „Die Zerstörung der Halle von Ua Dergae“ ... 259
ΙΙΙ.4.6.3. Scel mucce Maic Datho, „Die Geschichte vom Schwein des Mac Datho ... 264
ΙΙΙ.4.6.4. Longas mac n-Uislenn, „Die Verbannung der Söhne Uisliu´s“ ... 267
ΙΙΙ.4.6.5. Tain Bo Fraech, „Das Wegtreiben von Fraechs Rindern“ ... 268
ΙΙΙ.4.6.6. Die CuChulainn-Sage ... 271
ΙΙΙ.4.6.6.1. CuChulainns Geburt und Jugendtaten ... 273
ΙΙΙ.4.6.6.2. Tochmarc Emire, „Die Werbung um Emer“ ... 276
ΙΙΙ.4.6.6.3. Die CuRoi-Sage ... 279
ΙΙΙ.4.6.6.4. Fled Bricrenn, „Bricruis Gastmahl“ ... 283
ΙΙΙ.4.6.6.5. Serglige ConCulainn ocus aemet Emire, „CuChulainns Krankenlager und Emers einzige Eifersucht“ ... 285
ΙΙΙ.4.6.6.6. De cophur in da mucado, „Vom....der zwei Schweinehirten“ ... 288
ΙΙΙ.4.6.6.7. Die Sidhe Macha ... 289
ΙΙΙ.4.6.6.8. Tain Bo Cuailnge ... 291
ΙΙΙ.4.6.6.9. Brislech mór Maige Muirtheimne, „Das große Fällen von Mag Muirtheimne“ ... 296
ΙΙΙ.4.7. Der Sagenkreis um Finn ... 299
ΙIΙ.4.7.1. Die Fienna ... 300
ΙΙΙ.4.7.2. Finns Jugend und Liebesabenteuer ... 301
ΙΙΙ.4.7.3. Kämpfe und Jagdabenteuer ... 303
ΙΙΙ.4.7.4. Die Legende von Grainne und Diarmaid ... 306
ΙΙΙ.5.Überlieferungen aus Wales ... 309
ΙΙΙ.5.1. Walisische Erzählungen ... 310
ΙΙΙ.5.2. Die Mabinogion ... 311
ΙΙΙ.5.2.1. Pwyll Pendevig Dyved ... 311
ΙΙΙ.5.2.2. Branwen verch Llýr ... 313
ΙΙΙ.5.2.3. Manawyddan vab Llýr ... 315
ΙΙΙ.5.2.4. Math vab Mathonwy ... 316
ΙΙΙ.5.3. Das Taliesin Epos ... 319
ΙΙΙ.5.4. Der Sagenkreis um Arthur und die Ritter der Tafelrunde ... 320
ΙΙΙ.5.4.1. Peredur vab Evrawc ... 323
ΙΙΙ.5.4.2. Kulhwch ac Olwen, „Kulhwch und Olwen“ ... 324
ZWEITER TEIL ... 326
DIE LATÈNEZEIT IN ÖSTERREICH ... 326
1. Einführung ... 326
2. Szenische Darstellungen auf österreichischen Latènefunden ... 329
3 Die Latènezeit in der Steiermark ... 334
3.1. Latèneschwerter aus der Steiermark ... 336
4. Der Dürrnberg bei Hallein ... 342
4.1. Bestattungen und Beigaben aus dem Gebiet des Dürrnberg ... 344
4.2. Die Fürstengräber vom Dürrnberg ... 345
4.3. Zwei bedeutende Mädchengräber vom Dürrnberg ... 350
5. „Kultstäbe“ und Eberdarstellungen ... 355
6. Die Dreiermotive ... 360
7. Das Speichenrad als Symbol des Mondes und der Zeit ... 362
8. Weitere abstrakte Symbole und ihre Bedeutung ... 365
9. Vogeldarstellungen ... 368
10. Die Schlange in der Latènekunst ... 371
11. Das Hirschmotiv und seine Bedeutung ... 376
12. Das Rindermotiv und seine Bedeutung ... 380
13. Das Pferd und der Wasserkult ... 384
14. Anthropomorphe Darstellungen während der Latènezeit ... 387
15. Mischwesen und Tierkopffibeln ... 396
16. Zirkelornamente ... 400
Zusammenfassung ... 401
Abkürzungsverzeichnis ... 405
Literaturverzeichnis ... 406
Bildnachweis ... 413
Anmerkungen ... 414
Einleitung
Die folgenden Untersuchungen sollen einen Einblick in die geistigen Vorstellungen der keltischen Bevölkerung im österreichischen Raum von der Mitte bis gegen Ende des ersten vorchristlichen Jahrtausends geben. Im Rahmen dieser Arbeit war es nur möglich auf die keltischen Funde aus der Latènezeit näher einzugehen, obwohl viele der, in der Latènekunst verwendeten Motive bereits auf Werken der Urnenfelder- und Hallstattkultur abgebildet worden waren und es zu untersuchen wäre, ob die Träger dieser vorangegangenen Kulturen nicht bereits ähnliche religiöse Vorstellungen sowie Mythen hatten und somit als „Kelten“ zu bezeichnen sind.
Der erste Teil beginnt mit einer Beschreibung der Wesenszüge und Fremdeinflüsse der Latènekunst und beinhaltet eine chronologische Einteilung ihrer Kunststile. Daran schließt ein Kapitel über die keltische Daseinsdeutung an. Die Beschreibungen keltischer Gottheiten, Jenseitsvorstellungen und Kulthandlungen beziehen sich sowohl auf die Literatur antiker Schriftsteller, die Mythen der Inselkelten als auch auf moderne Forschungsergebnisse. Der erste Teil schließt mit einer Zusammenfassung der keltischen Mythologie ab, wobei Erzählungen, die zur Erklärung keltischer Darstellungen beitragen können, ausführlicher behandelt werden.
Der zweite Teil geht auf die Fundsituation verschiedener Gebiete im heutigen österreichischen Raum während der Latènezeit ein. Die Entwicklung auf dem Dürrnberg, die Fundsituation in der West- und Südsteiermark und die Sonderstellung des Rärtergebietes während der Latènezeit sind in einer kurzen Zusammenfassung wiedergegeben. Es folgt eine Analyse ausgewählter Latènefunde, deren Formen oder Verzierungen Aufschluß über die geistigen Vorstellungen der Bevölkerung geben können.
Es war übersichtlicher, die Funde nicht nach ihren Kunststilen in chronologischer Reihenfolge anzuführen, sondern bestimmte Themen und Bildinhalten aus der keltischen Mythologie und Daseinsdeutung herauszuarbeiten und Beispiele für ihre Verwendung im österreichischen Raum anzuführen. Eine Beschreibung und Analyse aller Latènefunde wäre zu umfangreich gewesen und hätte den Rahmen dieser Arbeit überstiegen.
Durch Vergleiche dieser Themen mit antiken und inselkeltischen Überlieferungen konnte eine Interpretation des gedanklichen Hintergrundes der Darstellungen unternommen werden. Viele dieser Interpretationen werden in den anderen Kapiteln näher erklärt. Wenn beispielsweise die Tierköpfe der Schlangenwesen auf dem Gürtelhaken von Hölzelsau als Pferdeköpfe bezeichnet und in Verbindung mit den Wasservögeln zu Verkörperungen von Wassergottheiten gemacht werden, dann finden sich nähere Erklärungen sowohl in dem Kapitel über die Daseinsdeutung, wo der Naturkult und die Bedeutung heiliger Tiere näher erklärt sind, als auch in dem Kapitel über die Mythologie, in dem es viele Erzählungen über Pferde gibt, die mit einem Fluß oder einem See verbunden sind und einen Bezug zur „Anderen Welt“ haben.
Letztendlich sei darauf hingewiesen, daß die Erforschung einer prähistorischen Kultur nur erfolgreich sein kann, wenn die Ergebnisse der Studien aus allen Bereichen der Geistes- und Naturwissenschaften zu gemeinsamen Thesen führen.
ERSTER TEIL
Ι. DIE LATÈNEKUNST
„Wenn es überhaupt berechtigt ist, den freilich kontrovers erörterten Begriff des Kunstwollens auf die Kunst eines prähistorischen Zeitalters anzuwenden, dann trifft er auf die neuartige, radikale Stilrichtung der Frühlatènezeit unbestreitbar zu.“
G.Kossack1
Ι.1. Einführung
Die „La Tene“-Kultur ist nach einem Fundort an dem See Neuchatel in der Schweiz benannt, aber die reichsten Funde der frühen Latènekunst wurden weiter im Norden in der Region des mittleren Rheingebietes und im Hunsrück-Eifel-Gebiet entdeckt. Die keltischen Funde aus dem österreichischen Gebiet werden erst im anschließenden Kapitel beschrieben.
Die Latènekunst bildete mit den geistigen Vorstellungen ihrer Zeit eine Einheit. Sie war gekennzeichnet durch Umgestaltungen und Metamorphosen, Einfallsreichtum bei den Motivkombinationen, ihre Versessenheit auf das Phantastische, kaum Faßbare und auf die bildliche Umsetzung von Illusion und Ironie. Die Wesenszüge der Latènekunst beruhten auf einem hochentwickelten Kunstgewerbe. Die Kelten hinterließen eine Vielzahl an figural und ornamental verzierten Werken, aber nur wenige Steinskulpturen und architektonische Denkmäler.
Die keltischen Künstler der Latènezeit gingen mit den Vorlagen und Traditionen der Vergangenheit sehr frei um. Sie übernahmen von den orientalischen, mediterranen und autochthonen Kulturen verschiedene Motive2 und Formen, veränderten sie und paßten sie sowohl den eigenen Vorstellungen, als auch dem eigenen Kunstgeschmack an.
Das kumulative Aufbauprinzip wurde durch das Verbinden von figuralen und vegetabilen Motiven ersetzt. Es sollte die Metamorphose von einem Wesen in ein anderes dargestellt werden, dabei versuchte man die Verwandlung selbst und nicht das Endprodukt bildlich umzusetzen. Pflanzen konnten die Gestalt eines Tieres oder eines Menschen mit Pflanzenauswüchsen annehmen, aus diesen Zwitterbildungen entstanden Phantasiegestalten.
Die Kunst befreite sich im Laufe der Latènezeit immer stärker von ihren Vorbildern und entwickelte eigene Formen und Motive. Ornamente wurden in ihre Einzelteile zerlegt und auf andere Weise zusammengesetzt. Der Sinngehalt des neu entstandenen Ornaments änderte sich und konnte mehrere Lesarten zulassen.
Im keltischen Siedlungsraum traten während der Latènezeit neue Formen und Verzierungsträger3 auf. Dazu gehörten Hohlbuckelringe, der Torques mit Pufferenden, Latènefibeln, verzierte Schwertscheiden, Henkelvasen und Münzen. Die Keramikformen erhielten neue Profile und es wurden vermehrt Glaserzeugnisse hergestellt. Emaileinlagen wurden immer beliebter.
Zu den neuen Motiven zählten das Pelta, die an- und abschwellende Ranke, die Blattspirale, die Blattkrone, das in einen Kreis eingeschriebene S-Motiv, das Geflecht als Grundmuster, die ein eigenes Motiv bildenden Leerräume, die Fülldreiecke und viele andere. Mit dem Auftreten des Waldalgesheimer Stils begannen die keltischen Künstler, die vegetabilen Ornamente dreidimensional und die figuralen Verzierungen rundplastisch hervorzuheben.
Nach P.M.Duval4 gibt es vier Kennzeichen für die Definition der keltischen Kunstdenkmäler während der Latènezeit. Erstens würde der pflanzliche Dekor dominieren, zweitens käme es zu plastischen Ausführungen, drittens würden fortlaufende Kompositionen überwiegen und viertens praktizierte man die Umgestaltung, die Metamorphose. Trotzdem hätten die Kelten neben dem kurvolinearen Dekor weiterhin symmetrisches oder mit dem Zirkel konstruiertes Ornament verwendet.
Ι.2. Allgemeines über das Kunsthandwerk
Ι.2.1. Die Verzierungsgegenstände
Die Kelten waren Meister der Kleinkunst und hatten eine Vorliebe für auffällige Ornamente, die sie der Form des zu verzierenden Objektes anpaßten. Einige der typisch keltischen Motive entstanden in dem Bemühen die Verzierung an die Form des Objektes anzugleichen. Vielleicht ist diesem Bestreben auch die Vorliebe der keltischen Künstler für das kurvolineare Ornament zuzuschreiben.
Die Motive scheinen aber nicht nur nach rein ästhetischen Gesichtspunkten gewählt und willkürlich angebracht worden zu sein, sondern dürften in den meisten Fällen eine magische oder symbolische Bedeutung besessen haben. Unter den Archäologen werden zwei verschiedene Auffassungen vertreten: Die einen sind der Meinung, daß alle Verzierungselemente eine ausschließlich religiöse Bedeutung haben, die anderen halten sie für rein dekorativ5. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich, wie meistens, irgendwo in der Mitte.
Bei einigen Verzierungselementen ist die Bedeutung klar zu erkennen, bei anderen ist der Sinn im Laufe der Zeit verlorengegangen. Ein typisch keltisches Merkmal war der Brauch Schwertscheiden zu verzieren. Die Bildsymbolik des Dekors sollte den Gegner nicht nur beeindrucken, sondern auch einschüchtern und schwächen, den Träger hingegen mutig und siegreich machen. Fibeln und Schmuck wurden am Körper getragen und waren geeignete Symbolträger. Diese Symbole schützten vor Krankheiten, Unglück und bösen Einflüssen.
Die Art der Ornamente oder ein bestimmtes Motiv signalisierten sicher in vielen Fällen den Rang des Trägers. Vermutlich besaß manchmal sogar der verzierte Gegenstand selbst eine spezielle Bedeutung, die sich heute nicht mehr feststellen läßt. Ohne eindeutige mündliche oder schriftliche Überlieferungen ist es sehr schwer, den religiösen Wert und kultischen Zweck eines Gegenstandes zu bestimmen.
[...]
1 Kossack, a.a.O. 1993, S.151
2 Wahrscheinlich waren den keltischen Künstlern in Mittel und Westeuropa bestimmte Tiere wie Löwen nicht bekannt, aber sie konnten die klassischen Löwenbilder auf die Fabelwesen aus ihren Mythen und auf ihnen vertraute Tiere beziehen. Dann wurden sie entsprechend verändert, umgedeutet und bildlich umgesetzt.
3 Vgl. Duval, a.a.O. 1978, S.165f.
4 Vgl. Duval, a.a.O. 1978, S.166
5 Vgl. Birkhan 1997, a.a.O. S.357
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