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Dienst und Herrschaft in Roberts Walsers "Jakob von Gunten"

Termpaper, 2007, 20 Pages
Author: Carolin Catharina Wolf
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Termpaper
Year: 2007
Pages: 20
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V86311
ISBN (E-book): 978-3-638-01813-5
ISBN (Book): 978-3-638-92073-5
File size: 165 KB

Abstract

„Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen“, heißt es in Johann Wolfgang von Goethes ‚Wilhelm Meisters Lehrjahre ’. Das Bildungskonzept, welches Robert Walser in seinem 1909 erschienenen Lieblingsroman ‚Jakob von Gunten- ein Tagebuch’ vermittelt, ist ein anderes. Während im klassischen Bildungsroman der Protagonist durch Begegnung mit der Welt zu sich selbst findet, gelangt Jakob von Gunten nur durch Isolation von der Welt und durch Unterdrückung seines Bewusstseins und seiner Begierden zu sich selbst. Dieter Borchmeyer spricht in diesem Zusammenhang von einer „satirischen Pervertierung des traditionellen Bildungsbegriffs“ . Es ist die Rede von einer Parodie auf den klassischen Bildungsroman, von einem Anti-Bildungsroman. Das Institut Benjamenta, in welchem Jakob eine Ausbildung zum Diener absolviert, ist gekennzeichnet durch seine Abgeschiedenheit von der Welt, von seiner Weltfremdheit. Seine obersten Grundsätze sind „Geduld und Gehorsam“ , welche auf ein Leben in „Armut und Abhängigkeit“ vorbereiten sollen. Im Vordergrund stehen „innere Erfolge“ : Ziel der Ausbildung ist die Kleinheit „bis hinunter zur Nichtswürdigkeit“ . Diese ‚Idee des Kleinseins’, welche die Zöglinge des Instituts vollkommen beherrscht, gilt bei Kil-Pyo Hong als Grundidee Walsers. Er bezeichnet sie als „Angelpunkt seiner Dichtung und Poetik“ . Auch Borchmeyer vertritt die Ansicht, dass diese Haltung des Dienens und der Nichtswürdigkeit für den Schriftsteller zu „fixen Idee“ geworden sei. Robert Walser selbst absolvierte im Spätsommer 1905 in Berlin einen Kurs zur Ausbildung als Diener und arbeitete als solcher im Herbst 1905 einige Monate auf Schloss Dambrau in Oberschlesien. Die Thematik des Dienens durchzieht sein gesamtes Werk ; besonders deutlich wird sie allerdings im ‚Jakob von Gunten’. Im Folgenden sollen das Institut Benjamenta und dessen Zielsetzung näher vorgestellt und die ‚Dieneridee’ Walsers mit dem tradierten Bildungsbegriff verglichen werden. In diesem Zusammenhang wird auch Walsers Gesellschaftskritik Erörterung finden. Weiterer Gegenstand dieser Untersuchung werden die Selbsterziehungspläne des Protagonisten Jakob von Gunten und die damit verbundene Problematik seines Stolzes sein. Außerdem wird eine Gegenüberstellung von Walsers Roman mit der Philosophie des Übermenschen von Friedrich Nietzsche stattfinden, die mit der Frage nach der Massenkompatibilität von inszenierter Demut als Lebenskonzept abschließt.


Excerpt (computer-generated)

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Germanistisches Seminar

Hauptseminar

:

,,Prosa der Moderne

-

ausgewählte Werke Robert Walsers"


Wintersemester 2006/ 2007

Carolin Catharina Wolf

Dienst und Herrschaft in Roberts Walsers

,,Jakob von Gunten"

Dienst und Herrschaft in Roberts Walsers

,,Jakob von Gunten"


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 3

2

Das Nichtsseins als Tugend: Zu Walsers ,Dieneridee′ 4

3

Hochmut, Stolz und umgestülpter Aristokratismus 12

4

Umwertung und Umwertung der Umwertung der Werte? 16

5 Schlussbetrachtungen 17

6 Bibliographie 19

6.1 Quellen 19

6.2 Sekundärliteratur 19

2


1 Einleitung

,,Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen", heißt es in Johann Wolfgang

von Goethes ,

Wilhelm Meisters Lehrjahre1

′. Das Bildungskonzept, welches Robert Walser in

seinem 1909 erschienenen Lieblingsroman ,

Jakob von Gunten- ein Tagebuch

′ vermittelt, ist

ein anderes.

Während im klassischen Bildungsroman der Protagonist durch Begegnung mit der Welt zu

sich selbst findet, gelangt Jakob von Gunten nur durch Isolation von der Welt und durch

Unterdrückung seines Bewusstseins und seiner Begierden zu sich selbst. Dieter Borchmeyer

spricht in diesem Zusammenhang von einer ,,satirischen Pervertierung des traditionellen

Bildungsbegriffs"2. Es ist die Rede von einer Parodie auf den klassischen Bildungsroman,

von einem Anti-Bildungsroman.

Das Institut Benjamenta, in welchem Jakob eine Ausbildung zum Diener absolviert, ist

gekennzeichnet durch seine Abgeschiedenheit von der Welt, von seiner Weltfremdheit. Seine

obersten Grundsätze sind ,,Geduld und Gehorsam"3, welche auf ein Leben in ,,Armut und

Abhängigkeit"4 vorbereiten sollen. Im Vordergrund stehen ,,innere Erfolge"5: Ziel der

Ausbildung ist die Kleinheit ,,bis hinunter zur Nichtswürdigkeit"6.

Diese ,Idee des Kleinseins′, welche die Zöglinge des Instituts vollkommen beherrscht, gilt

bei Kil-Pyo Hong als Grundidee Walsers. Er bezeichnet sie als ,,Angelpunkt seiner Dichtung

und Poetik"7. Auch Borchmeyer vertritt die Ansicht, dass diese Haltung des Dienens und der

Nichtswürdigkeit für den Schriftsteller zu ,,fixen Idee"8 geworden sei.

Robert Walser selbst absolvierte im Spätsommer 1905 in Berlin einen Kurs zur Ausbildung

als Diener und arbeitete als solcher9 im Herbst 1905 einige Monate auf Schloss Dambrau in

1 Goethe, Johann Wolfgang: ,,

Wilhelm Meisters Lehrjahre"

′ Stuttgart: Reclam, 1982

2 Borchmeyer, Dieter: ,,

Dienst und Herrschaft. Ein Versuch über Robert Walser

". Tübingen: Max Niemeyer,

1980. Seite 28

3 Walser, Robert: ,,

Jakob von Gunten. Ein Tagebuch

." Hrsg. von Jochen Greven. Zürich, Frankfurt am Main:

Suhrkamp, 1985. Seite 7

4 ebd.: Seite 8

5 ebd.: Seite 7

6 ebd.: Seite 8

7 Hong, Kil-Pyo: ,,

Selbstreflexion von Modernität in Robert Walsers Romanen ,,Geschwister Tanner", ,,Der
Gehülfe" und ,,Jakob von Gunten

". Würzburg, Königshausen& Neumann, 2002. Seite174

8 Borchmeyer, Dieter: ,,

Dienst und Herrschaft. Ein Versuch über Robert Walser

". Tübingen: Max Niemeyer,

1980. Seite 8

9 Unter dem Namen ,Monsieur Robert′

3


Oberschlesien. Die Thematik des Dienens durchzieht sein gesamtes Werk10; besonders

deutlich wird sie allerdings im ,Jakob von Gunten′.

Im Folgenden sollen das Institut Benjamenta und dessen Zielsetzung näher vorgestellt und die

,Dieneridee′ Walsers mit dem tradierten Bildungsbegriff verglichen werden. In diesem

Zusammenhang wird auch Walsers Gesellschaftskritik Erörterung finden.

Weiterer Gegenstand dieser Untersuchung werden die Selbsterziehungspläne des

Protagonisten Jakob von Gunten und die damit verbundene Problematik seines Stolzes sein.

Außerdem wird eine Gegenüberstellung von Walsers Roman mit der Philosophie des

Übermenschen von Friedrich Nietzsche stattfinden, die mit der Frage nach der

Massenkompatibilität von inszenierter Demut als Lebenskonzept abschließt.

2 Das Nichtsseins als Tugend: Zu Walsers ,Dieneridee′

Tätigkeiten, welche eine Dienerschule üblicherweise lehrt11 und wie sie, zum Beispiel, auch

Simon Tanner (in ,

Geschwister Tanner

′12) für kurze Zeit bei einer Dame ausführt, werden im

Institut Benjamenta13 nicht vermittelt.

Von Bedeutung im Institut sind, wie bereits in der Einleitung erwähnt, ,,innere Erfolge"14,

,,Geduld und Gehorsam"15, ,,Armut und Abhängigkeit"16.

Während auf üblichen Schulen die Erweiterung von Kenntnissen und Fähigkeiten im

Vordergrund steht, hat der Schüler im Institut Benjamenta ,,fast gar keine Aufgaben"17, ihm

werden ,,keine Kenntnisse"18 vermittelt und der Unterricht besteht aus der ständigen

Wiederholung der Übung ,,Wie hat sich der Knabe zu benehmen?"19. Ziel seiner

10 Weitere Texte Walsers, die das Dienen zur Thematik haben, sind, zum Beispiel, die Erzählungen ,

Tobold

′ und

,

Aus Tobolds Leben

′, beide 1917 erschienen, und die Prosastücke ,

Jean, Ein Lakai

′ und ,

Der junge Diener

′ aus

den 20er Jahren

11 Neben der Unterweisung in diverse Tätigkeiten, welche ein Diener auszuüben hat (Vorlegen, Reinigen und

Bügeln der Kleidung, Rasur, Frisur, Maniküre, Bedienen bei Tafel, Empfang der Gäste, Einkauf, diverse

Botengänge, zum Teil Putzen, Waschen, Kochen und gegebenenfalls die Haushaltsführung als so genannter

,Wirtschafter′), werden die Schüler einer Dienerschule vorbereitet auf das Leben als abhängig Arbeitender mit

einem Arbeitstag von üblicherweise 17 oder mehr Stunden. Des Weiteren werden wichtige Eigenschaften wie

das Einhalten der Etikette, Höflichkeit, Treue, Aufrichtigkeit, Diskretion und Unterwürfigkeit vermittelt.

12 Walser, Robert: ,,

Geschwister Tanner

" Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997

13 Das Institut Benjamenta bezieht seinen Namen von Benjamin, dem jüngsten Sohn Jakobs, benannt nach dem

kleinsten der zwölf Stämme Israels

14 Walser, Robert: ,,

Jakob von Gunten. Ein Tagebuch

." Hrsg. von Jochen Greven. Zürich, Frankfurt am Main:

Suhrkamp, 1985. Seite 7

15 ebd.

16 ebd.: Seite 8

17 ebd.

18 ebd.: Seite 9

19 ebd.

4


,Ausbildung′ sind das Nichtswissen, das Nichtstun, die vollkommene Gedankenlosigkeit.

Eine ,,reizende, kugelrunde Null"20, ,,etwas Kleines, Untergeordnetes"21 soll der Schüler im

späteren Leben werden.

Das im Institut vermittelte Bildungskonzept läuft somit allen klassischen Definitionen von

Bildung entgegen. Einerseits erfüllt es nicht die im Alltagsdenken verankerten Vorstellungen

von Bildung als Belehrung oder Wissensvermittlung, anderseits widersetzt es sich der Idee

von Bildung als Wesensverwirklichung des Menschen, als Vervollkommnung der

Individualität, wie Wilhelm von Humboldt sie prägte. Im Gegensatz fordert dieses Konzept

ein Auslöschen aller persönlichen Regungen, Begierden, allen Bewusstseins überhaupt. Also

weder die Ausbildung des Menschen für bestimmte Funktionen in der Gesellschaft, noch die

Anregung seiner Kräfte, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer

sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen, sind in diesem

Zusammenhang von Belang. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass das Institut Benjamenta

derartigen Formen der Entwicklung entgegenzuwirken versucht. ,,Man will uns vielleicht

verdummen"22, bemerkt Jakob einmal beiläufig in einer durchaus unironischen Hymne auf

Dummheit und Armut. Dass er bei dem Gedanken ,,nie, nie irgendetwas Großes" zu sein, ,,vor

eigentümlicher Genugtuung" zittert, bringt seinen Wunsch, sich in dieses negative, asketische

Bildungskonzept zu fügen, deutlich zum Ausdruck. Dieses Konzept behält immer das ,,feste,

gute Ganze"23 im Auge. Es beschränkt sich auf eine Art existentiellen Kern, welcher dem

Musterschüler Kraus, ebenfalls Zögling im Institut Benjamenta, bereits innewohnt: Es ,,ruht

etwas in ihm, und er, er ruht und beruht auf etwas"24. Dieses ,Etwas′, auf das Kraus beruht,

wird Jakob fernerhin als Bildung bezeichnen und Kraus, den er als sein Vorbild ausgibt,

verkörpert für ihn die dazugehörige Bildungsidee. Jakob selbst sagt von Kraus: ,,An ihm sieht

man so recht, was das Wort Bildung eigentlich bedeutet."25

Im Einzelnen sind es folgende Kriterien, die Kraus für Jakob zum echten ,,Gott-Werk", zum

,,Nichts", zum ,,Diener"26 machen:

N -,,Er wird nie jemanden hintergehen oder verleumden, nun, das vor allen Dingen,

dieses Nicht-Schwatzhafte, nenne ich Bildung."27

20 Ebd.: Seite 8

21 ebd.: Seite 7

22 Walser, Robert: ,,

Jakob von Gunten. Ein Tagebuch

." Hrsg. von Jochen Greven. Zürich, Frankfurt am Main:

Suhrkamp, 1985. Seite 64

23 ebd.: Seite 79

24 ebd.

25 ebd.

26 ebd.: Seite 81

5



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