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Falsche Meinung in Platons „Theaitetos"

Termpaper, 2007, 23 Pages
Author: Carolin Catharina Wolf
Subject: Philosophy - Philosophy of the Ancient World

Details

Institution/College: University of Heidelberg
Tags: Falsche, Meinung, Platons
Category: Termpaper
Year: 2007
Pages: 23
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 8  Entries
Language: German
Archive No.: V86312
ISBN (E-book): 978-3-638-01814-2
ISBN (Book): 978-3-638-92072-8
File size: 203 KB

Abstract

Platons Spätdialog ‚Theätet’ behandelt die Frage ‚Was ist Wissen?’ . Die Dialogpartner Sokrates und Theätet besprechen, prüfen und verwerfen bei der Untersuchung dieser Frage drei Thesen: 1. Wissen ist Wahrnehmung 2. Wissen ist wahre Meinung 3. Wissen ist wahre begründete Meinung… Wenn der Vorschlag gemacht wird, dass es sich bei Wissen (beziehungsweise Erkenntnis) um wahre Meinung handelt, stellt sich die Frage ‚Was ist falsche Meinung’? Sokrates und sein Gesprächspartner Theätet gehen davon aus, dass es solches ‚falsches Meinen’ gibt. Zu ersehen ist dies schon aus der Art und Weise, wie die Frage formuliert ist: „Mich beunruhigt jetzt und auch sonst oft, und es bringt mich in große Verlegenheit mir selbst und einem anderen gegenüber, dass ich nicht erklären kann, was das eigentlich für ein Zustand in uns ist und wie er zustande kommt.“ (187d) An anderer Stelle wir dies noch einmal explizit ausgesprochen: „Sokrates: […] Behaupten wir, dass es jeweils eine falsche Meinung gibt […]? Theätet: Ja, das behaupten wir.“ (187e) Es wird also keineswegs daran gezweifelt, dass falsche Meinung möglich sei. Dennoch soll zu erklären versucht werden, wie diese zustande kommen kann. Die anschließende Untersuchung ist für den späteren Verlauf des ‚Theätet’ nicht von Bedeutung- es handelt sich um einen Exkurs, für dessen Ausführung nicht nur Muße, sondern vor allen Dingen innere Gründe ausschlaggebend sind. Entscheidend für die Ausführung ist auch die Tatsache, dass philosophische Wahrheit nicht das Wahre an sich ist, sondern zugleich die Auflösung des Falschen. Um zu einer richtigen Meinung zu gelangen, muss also erst die falsche Meinung bestimmt und überwunden werden oder wie Spinoza es ausdrückt: „Est enim verum index sui et falsi.“ Wie also löst die richtige Meinung die ihr entgegenstehende falsche auf, beziehungsweise: Wie korrigiert sie sie? Insgesamt werden fünf Erklärungsversuche für falsche Meinung angetreten. Gleich zu Beginn dieser Untersuchung aber treten unerwartete Schwierigkeiten auf, weil die ersten drei Argumente, die Sokrates gegen die Annahme falscher Meinung ins Feld führt, auf fehlerhaften Prämissen beruhen. Der vierte und der fünfte Erklärungsversuch- das Gleichnis vom Wachsblock und das Gleichnis vom Taubenschlag- sollen Abhilfe schaffen. Alleine auch hier tun sich Hindernisse auf, so dass Platons Bemühungen, falsche Meinung zu beschreiben weitgehend scheitern. Im Folgenden sollen die von Platon behandelten Ansätze näher untersucht werden. Hierbei wird auf Schwachpunkte seiner Untersuchung aufmerksam gemacht werden; überdies hinaus interessiert aber auch die Frage, welche positiven Ansätze zur Beschreibung falscher Meinung der ‚Theätet’ bereits enthält. Ein Überblick über seinen direkt anschließenden Dialog ‚Sophistes’, in welchem eine solche Beschreibung entsprechend gelungen ist, soll in diesem Zusammenhang Aufschluss gebe


Excerpt (computer-generated)

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Philosophisches Seminar

Dr. Markus Gabriel

Interpretationskurs II

:

,,Platons Theaitetos"


Sommersemester 2007

Carolin Catharina Wolf

Falsche Meinung in Platons

,,Theaitetos"


Inhaltsverzeichnis

Einleitung 3

Erster Ansatz (188a-c) 4

Zweiter Ansatz (188d-189b) 5

Dritter Ansatz (189c- 191a) 6

Zusammenfassung der ersten drei Ansätze 7

Vierter Ansatz: Das Wachstafelgleichnis oder die falsche Meinung in der Empirie (191a-

196e) 7

Fünfter Ansatz: Das Taubenschlaggleichnis oder die falsche Meinung im Felde des

Mathematischen (197a-200d) 13

Sophistes 19

Schlussbetrachtungen 20

Bibliographie 22

2


Einleitung

Platons Spätdialog ,

Theätet

′ behandelt die Frage ,Was ist Wissen?′1. Die Dialogpartner

Sokrates und Theätet besprechen, prüfen und verwerfen bei der Untersuchung dieser Frage

drei Thesen:

Wissen ist Wahrnehmung

Wissen ist wahre Meinung

Wissen ist wahre begründete Meinung...

Wenn der Vorschlag gemacht wird, dass es sich bei Wissen (beziehungsweise Erkenntnis) um

wahre Meinung handelt, stellt sich die Frage ,Was ist falsche Meinung′?

Sokrates und sein Gesprächspartner Theätet gehen davon aus, dass es solches ,falsches

Meinen′ gibt. Zu ersehen ist dies schon aus der Art und Weise, wie die Frage formuliert ist:

,,Mich beunruhigt jetzt und auch sonst oft, und es bringt mich in große

Verlegenheit mir selbst und einem anderen gegenüber, dass ich nicht erklären

kann, was das eigentlich für ein Zustand in uns ist und wie er zustande kommt."

(187d)

An anderer Stelle wir dies noch einmal explizit ausgesprochen:

,,Sokrates: [...] Behaupten wir, dass es jeweils eine falsche Meinung gibt [...]?

Theätet: Ja, das behaupten wir." (187e)

Es wird also keineswegs daran gezweifelt, dass falsche Meinung möglich sei. Dennoch soll zu

erklären versucht werden, wie diese zustande kommen kann.

Die anschließende Untersuchung ist für den späteren Verlauf des

,Theätet′

nicht von

Bedeutung- es handelt sich um einen Exkurs, für dessen Ausführung nicht nur Muße, sondern

vor allen Dingen innere Gründe ausschlaggebend sind.2

Entscheidend für die Ausführung ist auch die Tatsache, dass philosophische Wahrheit nicht

das Wahre an sich ist, sondern zugleich die Auflösung des Falschen. Um zu einer richtigen

1 Die Fragestellung gleicht denjenigen früherer Definitionsdialoge Platons.

2 Vergleiche obiges Zitat 187d

3


Meinung zu gelangen, muss also erst die falsche Meinung bestimmt und überwunden werden

oder wie Spinoza es ausdrückt: ,,Est enim verum index sui et falsi."3

Wie also löst die richtige Meinung die ihr entgegenstehende falsche auf, beziehungsweise:

Wie korrigiert sie sie?

Insgesamt werden fünf Erklärungsversuche für falsche Meinung angetreten.

Gleich zu Beginn dieser Untersuchung aber treten unerwartete Schwierigkeiten auf, weil die

ersten drei Argumente, die Sokrates

gegen

die Annahme falscher Meinung ins Feld führt, auf

fehlerhaften Prämissen beruhen.

Der vierte und der fünfte Erklärungsversuch- das Gleichnis vom Wachsblock und das

Gleichnis vom Taubenschlag- sollen Abhilfe schaffen. Alleine auch hier tun sich Hindernisse

auf, so dass Platons Bemühungen, falsche Meinung zu beschreiben weitgehend scheitern.

Im Folgenden sollen die von Platon behandelten Ansätze näher untersucht werden. Hierbei

wird auf Schwachpunkte seiner Untersuchung aufmerksam gemacht werden; überdies hinaus

interessiert aber auch die Frage, welche positiven Ansätze zur Beschreibung falscher Meinung

der ,

Theätet

′ bereits enthält. Ein Überblick über seinen direkt anschließenden Dialog

,

Sophistes

′, in welchem eine solche Beschreibung entsprechend gelungen ist, soll in diesem

Zusammenhang Aufschluss geben.

Erster Ansatz (188a-c)

Sokrates stellt in seinem ersten Erklärungsansatz für falsche Meinung die Behauptung auf,

dass von allem gilt, dass es entweder gekannt wird oder nicht gekannt wird.4 Prozesse, die

dazwischen liegen, wie etwa das Lernen und Vergessen, will er für den Moment bewusst

ausklammern. Hierbei handelt es sich um Vorgänge in denen man Gegenstände nur teilweise

kennt. Da aber gelten soll, dass Gegenstände entweder völlig bekannt oder völlig unbekannt

sind, werden somit sämtliche Situationen ausgeschlossen, in denen Verwechslungen auftreten,

während man versucht Gegenstände wieder zu erkennen.

Überdies hinaus gilt auch die implizite Prämisse, dass eine Meinung zu haben bedeutet, etwas

für etwas zu halten.

Um eine Meinung aufzustellen ist es nötig, den Meinungsgegenstand zumindest in der

Hinsicht zu kennen, als dass man weiß, worauf man referiert. Weil man kennen muss, worauf

3 Die Wahrheit als Prüfstein gegen sich selbst und gegen die Unwahrheit.

4 Als Beispiel für das Kennen dient das Kennen von Personen.

4


man sich bezieht und man Dinge entweder vollständig kennt oder gar nicht kennt- so die von

Sokrates aufgestellte Voraussetzung- kann falsche Meinung nur darin bestehen, dass man

etwas gänzlich kennt und zugleich überhaupt nicht kennt. Gerade aber darin liegt ein nicht

aufzulösender Widerspruch. Unter den angebenden Prämissen, ist falsches Meinen nicht

möglich. Zwei unbekannte oder zwei bekannte oder einen bekannten und einen unbekannten

Gegenstand kann man nicht miteinander verwechseln.5

Nun wird in dem von Sokrates geleisteten Argument eine Tatsache bestritten, die

offensichtlich richtig ist: Falsches Meinen ist möglich.

Der entscheidende Fehler, den Sokrates hier begeht, liegt in der Annahme, dass man etwas

entweder vollständig kennt oder überhaupt nicht kennt. Es ist nämlich durchaus möglich,

etwas in einer bestimmten Hinsicht zu kennen und in einer anderen Hinsicht nicht zu kennen.

Sokrates′ Prämisse müsste dementsprechend lauten: Es ist unmöglich, eine Sache in einer

bestimmten Hinsicht zu kennen und in derselben Hinsicht zugleich nicht zu kennen.

Zweiter Ansatz (188d-189b)

Folgt man Sokrates′ Gedankengang, ergibt sich aus seinem ersten Erklärungsansatz

Folgendes: Es kann nichts Nicht-Seiendes gemeint werden. Denn wer völlig Nicht-Seiendes

meint, meint

nichts

. Und wer nichts meint, meint überhaupt nicht mehr.

Hier spielt die falsche Analogie zwischen sinnlicher Wahrnehmung und Meinen eine

bedeutende Rolle. Setzt man die Ausdrücke ,,Falsches meinen" und ,,nicht Seiendes meinen"

gleich, lässt sich der irrige Schluss ziehen, dass das Meinen des Falschen kein Meinen sei und

es somit falsche Meinung überhaupt nicht geben könne. Hardy führt in diesem

Zusammenhang treffend aus: ,,Nicht das Falsche ist Gegenstand des Urteilens, wie etwa eine

Person Gegenstand des Sehens ist, sondern die Falschheit ist eine Eigenschaft von Aussagen,

die genau dann falsch sind, wenn sie einen Sachverhalt behaupten, der nicht besteht."6

5 Unmöglich kann die Seele im selben Augenblick eine Meinung über einen Gegenstand mit einer Meinung über

einen anderen Gegenstand verwechseln. Denn wenn sie von beiden eine Meinung hat, hat sie zugleich von

beiden eine Meinung als voneinander getrennten Gegenständen. Eine Verwechslung ist somit ausgeschlossen.

Ebenfalls kann die Seele im selben Augenblick einen Gegenstand von dem sie eine Meinung hat mit einem

Gegenstand verwechseln von dem sie keine Meinung hat, da sie nicht in Versuchung komme wird, eine Aussage

über etwas zu machen, von dem sie keine Meinung hat. Falsche Meinung ist, wenn innerhalb des zeitlichen

Augenblicks verblieben wird, immer unmöglich, sonst widerspräche sich gegenwärtige Evidenz mit

gegenwärtiger Evidenz.

6 Hardy, J.: "

Platons Theorie des Wissens im Theaitet

". Göttingen: 2001. Seite 173

5



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