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Günter Grass´ "Mein Jahrhundert" und Christoph Heins "Horns Ende": Geschichtsbilder, Geschichtsperspektive und Vergangenheitsbewältigung

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 18 Pages
Author: Achim Zeidler
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 18
Grade: 1,25
Bibliography: ~ 7  Entries
Language: German
Archive No.: V86353
ISBN (E-book): 978-3-638-01175-4
ISBN (Book): 978-3-638-91607-3
File size: 109 KB

Abstract

Günter Grass und Christoph Hein lassen in den beiden erwähnten Romanen vor allem eine große Gemeinsamkeit feststellen: Sie lassen die Vergangenheit mit Hilfe verschiedener Figuren aus einer multiplen Perspektive darstellen. Dabei geht es darum, die unterschiedlichen Geschichtsbilder und die subjektiven Vergangenheitsbewältigungen aufzuzeigen und eine Erinnerungs- bzw. Interpretationsselektion der vergangenen Geschehnisse und Begebenheiten zu geben. Dabei rekonstruieren beide Autoren durch ihre Figurenwahl Geschichte, die nicht den Anspruch erfüllen kann noch möchte objektiv und wahrheitsgemäß zu sein, sondern sie stellen lediglich eine Annäherung an die Realität dar, die der Wahrheit der Erlebnisse persönlich oder unpersönlich, aber stets mit einer subjektiv-autobiographischen Sichtweise, entgegentritt. Grass sowohl als auch Hein benutzten hierzu verschiedene Erzähler die, bei Grass über 100 Jahre deutsche Geschichte des 20. Jahrhundert, bei Hein über einen Zeitraum von vier Jahren Geschehnisse in einer Kleinstadt der DDR, berichten. Bei Grass handelt es sich um einen Makrokosmos, der aber stets in kleinere Mikrokosmen aufgeteilt wird, in denen für den Autor persönlich interessante Geschehnisse angesprochen werden und in Bezug zu den sozialpolitischen oder kulturhistorischen Begebenheiten gesetzt werden, wobei Zeitgeschichte und Zeitkritik ineinander verschmelzen. Auch Hein hat ähnlich wie Grass, die Aufteilung der Geschichte in kleinere Teilstücke vorgenommen und stellt durch die Wahl der verschiedenen Erzähler nicht nur deren unterschiedlichen Standpunkte in Bezug auf die Bekanntschaft und das Verhältnis mit der tragischen Hauptfigur Horn dar, sondern er zeigt auch typische Verhaltensweisen auf, die in der DDR der fünfziger Jahre vorherrschten und kritisiert dabei, wie Grass, gesellschaftspolitische Fehltritte und Misstände in der Regierung oder im Grossbürgertum. Somit soll sich diese Hausarbeit mit der Interpretation von einigen ausgewählten Geschichten aus den beiden Romanen beschäftigen, um das jeweilige Geschichtsbild der Autoren und die Vergangenheitsbewältigung ihrer Figuren auszuarbeiten. Dabei wird durch eine individuelle Betrachtung der Geschehnisse und der Einbettung des Einzelnen in sein soziales, politisches oder kulturelles Umfeld, die Geschichte „von unten“ dargestellt und Fehltritte in der Gesellschaft kritisierend offengelegt.


Excerpt (computer-generated)

West Virginia University

Spring 2006

Achim Zeidler

Günter Grass´ Mein Jahrhundert (1999) und Christoph Heins

Horns Ende (1985): Geschichtsbilder, Geschichtsperspektive

und Vergangenheitsbewältigung.

Günter Grass und Christoph Hein lassen in den beiden erwähnten Romanen vor allem eine

große Gemeinsamkeit feststellen: Sie lassen die Vergangenheit mit Hilfe verschiedener

Figuren aus einer multiplen Perspektive darstellen. Dabei geht es darum, die

unterschiedlichen Geschichtsbilder und die subjektiven Vergangenheitsbewältigungen

aufzuzeigen und eine Erinnerungs- bzw. Interpretationsselektion der vergangenen

Geschehnisse und Begebenheiten zu geben. Dabei rekonstruieren beide Autoren durch ihre

Figurenwahl Geschichte, die nicht den Anspruch erfüllen kann noch möchte objektiv und

wahrheitsgemäß zu sein, sondern sie stellen lediglich eine Annäherung an die Realität dar, die

der Wahrheit der Erlebnisse persönlich oder unpersönlich, aber stets mit einer subjektiv-

autobiographischen Sichtweise, entgegentritt. Grass sowohl als auch Hein benutzten hierzu

verschiedene Erzähler die, bei Grass über 100 Jahre deutsche Geschichte des 20. Jahrhundert,

bei Hein über einen Zeitraum von vier Jahren Geschehnisse in einer Kleinstadt der DDR,

berichten. Bei Grass handelt es sich um einen Makrokosmos, der aber stets in kleinere

Mikrokosmen aufgeteilt wird, in denen für den Autor persönlich interessante Geschehnisse

angesprochen werden und in Bezug zu den sozialpolitischen oder kulturhistorischen

Begebenheiten gesetzt werden, wobei Zeitgeschichte und Zeitkritik ineinander verschmelzen.

Auch Hein hat ähnlich wie Grass, die Aufteilung der Geschichte in kleinere Teilstücke

vorgenommen und stellt durch die Wahl der verschiedenen Erzähler nicht nur deren

1


unterschiedlichen Standpunkte in Bezug auf die Bekanntschaft und das Verhältnis mit der

tragischen Hauptfigur Horn dar, sondern er zeigt auch typische Verhaltensweisen auf, die in

der DDR der fünfziger Jahre vorherrschten und kritisiert dabei, wie Grass,

gesellschaftspolitische Fehltritte und Misstände in der Regierung oder im Grossbürgertum.

Somit soll sich diese Hausarbeit mit der Interpretation von einigen ausgewählten Geschichten

aus den beiden Romanen beschäftigen, um das jeweilige Geschichtsbild der Autoren und die

Vergangenheitsbewältigung ihrer Figuren auszuarbeiten. Dabei wird durch eine individuelle

Betrachtung der Geschehnisse und der Einbettung des Einzelnen in sein soziales, politisches

oder kulturelles Umfeld, die Geschichte ,,von unten" dargestellt und Fehltritte in der

Gesellschaft kritisierend offen gelegt.

Hein hat als einer der führenden Schreiber der ehemaligen DDR maßgeblich dazu

beigetragen, dass die Geschehnisse und Begebenheiten des sozialistischen Staates durch

teilweise fiktionale Dialoge im Gedächtnis und vor allem Geschichtsverständnis der Leser

blieb, wobei kultur- und sozialpolitische Institutionen und die Zeitgeschichte der typischen

DDR Kleinstadt und somit auch stellvertretend die Gesellschaftsform der gesamten DDR

detailliert beschrieben wird. Er sieht die Aufgabe eines Schriftstellers mehrperspektivisch:

Denn Schriftsteller sind, denke ich, Chronisten. Schreiben ist nach meinem

Verständnis dem Bericht-Erstatten verpflichtet. Natürlich ist es die Chronik eines

Schriftstellers, sie ist nicht objektiv, sondern sehr viel mehr: Sie ist eingreifend und

realistisch und phantastisch und magisch, Poesie eben (Hein: Die fünfte

Grundrechenart. Aufsätze und Reden 1987-1990, 123).

Obwohl Hein diese Aussage erst einige Jahre nach der Veröffentlichung von Horns Ende

schriftlich fixierte und ausarbeitete, wird es bei der Lektüre und der gesamten Struktur und

Intention des bereist 1985 geschriebenen Romans deutlich, wie der Autor das

Geschichtsverständnis und die Wichtigkeit der Beschäftigung mit dem historischen Realitäten

hervorhebt. Hein greift in seinem Erzählwerk auf ein konstituierendes Geschichtsverständnis

zurück, welches Michael Braun als ,,eine Kategorie ästhetischer Realitätserkundung, eine

Schreibkategorie, die ihre Form der Gesellschaft entlehnt" bezeichnet (Braun: Perspektive

und Geschichte in Christoph Heins Horns Ende, 94). Diese Realitätserkundung, also die

Suche und das Streben nach der objektiven Wirklichkeit wird somit zum Gegenstand der

Betrachtung. Über seinen Roman Horns Ende, dem im Vergleich zu früheren und späteren

Arbeiten weniger öffentliche und literaturkritische Aufmerksamkeit zugekommen ist,

2


verkündet der Autor dessen Inhaltsschwerpunkt als einen ,,Roman über Geschichte,

Geschichtsverständnis, auch über Geschichtsschreibung" (Hein: Gespräch mit K. Jachimczak,

62). Da diese Selbstbestimmung Heins vielen Lesern auf den ersten Blick nicht eindeutig

auffällt, möchte ich im Folgenden diesen Roman genauer analysieren, um dessen und des

Autors geschichtsrelevanten Verständnispunkte offen zu legen.

Der Roman spielt in einem kleinen Ort der ehemaligen DDR, Bad Guldenberg, das als

fiktives Städtchen als ,,Hochburg des Spießbürgertums" fungiert (Braun, 95). Interessant bei

der Komposition dieses Buches ist die Aufnahme von unterschiedlichen Zeitebenen und

Zeitsträngen, die ebenso bei Grass signifikant hervortreten und im späteren Verlauf dieser

Arbeit in Vergleich mit Horns Ende gesetzt werden wird. In Horns Ende ist eine Dreiteilung

der Zeitebene vorgenommen, die sich wiederum mehrfach in weitere Subzeitebenen

unterteilen lassen. Die Erzählzeit ist in den früheren achtziger Jahren anzusetzen aus der fünf

Hauptfiguren, der Bürgermeister von Guldenberg, Kruschkatz, ein Mediziner, Dr. Spodeck,

die Kolonialwarenhändlerin Gertrude Fischlinger, sowie der Apothekersohn Thomas und die

psychisch verwirrte Marlene Gohl über die Geschehnisse und Ereignisse der zweiten Ebene,

der Tatzeit von 1957, berichten. Dieses Jahr erfährt den Fokuspunkt der Handlungsgeschichte,

da der Museumsleiter Horn an dessen Ende durch Selbstmord sein Ende besiegelt:

,,Ich bin mir sicher er wird sich im September bei mir entschuldigen, sagte ich mir,

wahrscheinlich bereut er bereits jetzt seinen Rappel. Ich irrte mich. Zwei Monate

später, Ende August, nahm sich Horn das Leben (Dr. Spodeck in Horns Ende, 185),

Obgleich in die Handlung intensiv eingebettet und die Voraussetzung für das Schreiben dieses

Roman unabdinglich motivierend ist der Zeitraum von 1957 nicht der einzige Zeitstrang der

Berücksichtigung findet. Weiter werden auch eine Zeitebene in die Zeitepoche des

Hitlerregimes zurückgelegt, die offene Kritik und Bezeugung der Greueltaten des Faschismus

am Beispiel der Mutter von Marlene Gohl darlegen. Diese wurde aufgrund eines von ihr

selbst iniziierten Identitätstausches anstelle der Tochter Marlene in ein Konzentrationslager

für geistig und körperlich behinderte Menschen gebracht, in dem sie den Vergasungstod

erleidet. Aus Liebe zu der eigenen Tochter und dem Bestreben diese vor den Häschern zu

schützen opfert sich die Mutter selbst und lässt Marlene und ihren Ehemann, den

Museumsmaler Gohl, zurück. Da sich die Dorfbewohner nicht gegen die Verhaftung und

Verschleppung von Frau Gohl und der unendlichen Trauer der übrigen Familienmitglieder

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intensiv kümmern lebt der Maler zurückgezogen und angewidert von seinen Mitmenschen,

voller Kummer und Leid abgeschieden mit seiner Tochter.

Die bereits erwähnten Protagonisten berichten des Öfteren von Horns Leben bzw. Ende, aber

auch von der Vorgeschichte, die zu dessen Lebensende hinführt und begeben sich auf eine

Erinnerungsreise, in der sie persönliche, ,,protokollarische Monologe" geben, die jedoch

,,mehr über sie selbst als über den toten Horn" (Braun, 95) darlegen, indem sie vermehrt

Selbstzitate, interne Probleme, Beziehungen und Affären ansprechen bzw. aufarbeiten und

diese jedoch nur teilweise mit der Hauptfigur Horn in Verbindung stehen. Horns eigene

Stimme ist den acht Kapiteln, in denen immer vier Figuren zu Wort kommen und ihre

unterschiedlichen Perspektiven und Ansichten darlegen, vorangestellt und wirkt ,,unwirklich"

(Braun, 95). Michael Braun benennt die Intention des Autors hinter diesen Schreibstil und des

überraschenden Perspektivenwechsels: ,,Von hier aus konzentriert er die Erinnerungen auf die

Vorgeschichten seines Lebensendes und zwingt die Lebenden, Erinnerungsarbeit zu leisten,

um das ´unendliche Netz´ (145) des menschlichen Gedächtnisses weiterzuknüpfen" (Braun,

95), um dadurch zu vermeiden, dass die Schicksale der Menschen, die Geschichte hautnah

erleben in Vergessenheit geraten. Da diese Individuen meist nicht einschneidend oder

menschheitsgeschichtlich von einem hohen Bedeutungsgrad erscheinen ist in der

Geschichtsbetrachtung des Öfteren eine kollektive Verallgemeinerung aufzufinden, die

Anonymität erwirken und somit ein Vergessen der Opfer der Geschichte, der Personen die zu

einem großen Teil die Historie verkörpern. Hein greift in seinem Roman bewusst das

,,isolierte, beschädigte Individuum, das Geschichte erleidet statt gestaltet" auf, denn diese

Beschäftigung ist eine ,,Grundfigur der DDR Prosa der beiden letzen Jahrzehnte" (Braun, 96).

Heins Figuren stehen dabei für die Vergessenen, die Opfer der Geschichte und jenes

beschädigte Individuum. Trotz dieser eher negativ und deprimierend erscheinenden

Ausgangslage schafft es Hein immer wieder seinen Protagonisten eine ,,beharrliche

Selbstgewissheit" zu übertragen (Braun, 96). Kruschkatz oder Dr. Spodeck haben ebenso wie

andere Protagonisten aus früheren oder späteren Werken des Autors die Gemeinsamkeit, dass

sie ihr Leiden an und in der Geschichte und den Wunsch sich jedoch in dieser eine anerkannte

Position zu sichern kombinieren. Dr. Spodeck, der sein halbes Leben lang nur den

Anweisungen seines strengen, egozentrischen und opportunistischen Vater gehorchen musste,

war durch eine finanzielle Abhängigkeit zu diesem dessen Plänen oft willen- und tatenlos

ausgeliefert:

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