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"Gott mit uns?" - Kulturrevolution als konservative Therapie für eine gespaltene Gesellschaft im Zeitalter der Globalisierung

Subtitle: Anmerkungen zu Günter Rohrmoser und seinem Buch "Konservatives Denken im Kontext der Moderne"

Literature Review, 2007, 28 Pages
Author: Holger Czitrich-Stahl
Subject: Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal

Details

Category: Literature Review
Year: 2007
Pages: 28
Bibliography: ~ 4  Entries
Language: German
Archive No.: V86356
ISBN (E-book): 978-3-638-01962-0
ISBN (Book): 978-3-638-92792-5
File size: 260 KB

Abstract

Günter Rohrmoser gehört mit absoluter Sicherheit zu den profiliertesten Konservativen der Bonner und der Berliner Republik. Mit ihm habe ich mich bereits in "Konservatismus und nationale Identität in der Bundesrepublik Deutschland" recht ausführlich beschäftigt und würde Rohrmoser deshalb in eine Reihe mit Gerd-Klaus Kaltenbrunner (geb. 1939) und Armin Mohler (1920-2003) stellen, was seine Bedeutung für die Erarbeitung und Vermittlung genuin konservativen Denkens im Deutschland der Nachkriegszeit anbelangt. Günter Rohrmoser erblickte 1927 in Bochum das Licht der Welt, lebt aber seit vielen Jahren in Stuttgart. Er studierte Philosophie, Geschichte, Germanistik und Nationalökonomie an den Universitäten Münster und Tübingen. In Köln habilitierte er sich 1961 über "Subjektivität und Verdinglichung. Theologie und Gesellschaft im Denken des jungen Hegel". Nach einer Tätigkeit als Honorarprofessor in Köln seit 1963 wurde Günter Rohrmoser 1976 als Ordinarius für Sozialphilosophie an die Universität Hohenheim bei Stuttgart berufen, wo er bis 1996 lehrte. Die Schwerpunkte seiner Arbeit liegen auf den Gebieten der Religionsphilosophie, der Philosophie des Politischen und der Theorie der Gesellschaft. Bei zahlreichen Organisationen, Verbänden und Instituten war und ist Günter Rohrmoser ein gern gesehener Referent oder Gast. SPD und CDU/CSU luden ihn häufig zu Fachtagungen oder Veröffentlichungen ein, für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) arbeitete er in deren Marxismuskommission, die Akademien beider Konfessionen konnten ihn auf ihren Veranstaltungen begrüßen. Wichtig vor allem wurde Günter Rohrmoser besonders im Umfeld der Politikberatung der Unionsparteien in den achtziger Jahren. Regelmäßig entwickelte er grundsätzliche Beiträge für das von Hans Filbinger (gest. 2007) geleitete konservative "Studienzentrum Weikersheim", u.a. für eine stramm konservativ ausgelegte "geistig-moralische Wende" in der Ära Helmut Kohl. In mehreren Zeitungen und Zeitschriften konnte man von ihm lesen, so beispielsweise in der Welt, im Rheinischen Merkur, in der Stuttgarter Zeitung, aber auch in rechtskonservativ orientierten Periodika wie "Mut", "Criticon" und in der umstrittenen "Jungen Freiheit". Bayerns Ministerpräsident Franz-Josef Strauß (1915-1988) schätzte Rohrmoser als konservativen Berater. Anläßlich seines 70. Geburtstages empfing Günter Rohrmoser das Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Roman Herzog.


Excerpt (computer-generated)

,,

Gott mit uns"?

Kulturrevolution als konservative Therapie für eine gespaltene Gesellschaft

im Zeitalter der Globalisierung

Anmerkungen zu Günter Rohrmoser und seinem Buch

,,Konservatives Denken im Kontext der Moderne".

Holger Czitrich-Stahl

20. August 2007


I. Vorbemerkung 3

II. Die Bundesrepublik im freien Verfall? 5

III. "Selbstbehauptung" - was steht höher als die Demokratie? 9

IV. Der Islam als Herausforderung zur "Selbstbehauptung" 14

V. Konservatismus als Geschichtsprophetie? 17

VI. Der starke Staat - theologisch begründet? 20

VII. Schlußbetrachtungen 24

2


I. Vorbemerkung

Günter Rohrmoser gehört mit absoluter Sicherheit zu den profiliertesten Konservativen der

Bonner und der Berliner Republik. Mit ihm habe ich mich bereits in "Konservatismus und

nationale Identität in der Bundesrepublik Deutschland" recht ausführlich beschäftigt und

würde Rohrmoser deshalb in eine Reihe mit Gerd-Klaus Kaltenbrunner (geb. 1939) und

Armin Mohler (1920-2003) stellen, was seine Bedeutung für die Erarbeitung und Vermittlung

genuin konservativen Denkens im Deutschland der Nachkriegszeit anbelangt.

Günter Rohrmoser erblickte 1927 in Bochum das Licht der Welt, lebt aber seit vielen Jahren in

Stuttgart. Er studierte Philosophie, Geschichte, Germanistik und Nationalökonomie an den

Universitäten Münster und Tübingen. In Köln habilitierte er sich 1961 über "Subjektivität und

Verdinglichung. Theologie und Gesellschaft im Denken des jungen Hegel". Nach einer

Tätigkeit als Honorarprofessor in Köln seit 1963 wurde Günter Rohrmoser 1976 als

Ordinarius für Sozialphilosophie an die Universität Hohenheim bei Stuttgart berufen, wo er

bis 1996 lehrte.

Die Schwerpunkte seiner Arbeit liegen auf den Gebieten der Religionsphilosophie, der

Philosophie des Politischen und der Theorie der Gesellschaft.

Bei zahlreichen Organisationen, Verbänden und Instituten war und ist Günter Rohrmoser ein

gern gesehener Referent oder Gast. SPD und CDU/CSU luden ihn häufig zu Fachtagungen

oder Veröffentlichungen ein, für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) arbeitete er

in deren Marxismuskommission, die Akademien beider Konfessionen konnten ihn auf ihren

Veranstaltungen begrüßen.

Wichtig vor allem wurde Günter Rohrmoser besonders im Umfeld der Politikberatung der

Unionsparteien in den achtziger Jahren. Regelmäßig entwickelte er grundsätzliche Beiträge

für das von Hans Filbinger (gest. 2007) geleitete konservative "Studienzentrum Weikersheim",

u.a. für eine stramm konservativ ausgelegte "geistig-moralische Wende" in der Ära Helmut

Kohl. In mehreren Zeitungen und Zeitschriften konnte man von ihm lesen, so beispielsweise

in der Welt, im Rheinischen Merkur, in der Stuttgarter Zeitung, aber auch in rechtskonservativ

orientierten Periodika wie "Mut", "Criticon" und in der umstrittenen "Jungen Freiheit".

Bayerns Ministerpräsident Franz-Josef Strauß (1915-1988) schätzte Rohrmoser als

konservativen Berater.

3


Anläßlich seines 70. Geburtstages empfing Günter Rohrmoser das Bundesverdienstkreuz von

Bundespräsident Roman Herzog.

Günter Rohrmoser ist lutheranischer Protestant, wurde aber auch von Papst Johannes Paul II.

empfangen.

Die "Gesellschaft für Kulturwissenschaft", die auf seine Initiative zurückgeht, veröffentlicht

regelmäßig Kommentare Rohrmosers zu Zeitfragen und publiziert seine Bücher und Aufsätze,

die er nach wie vor fleißigst schreibt.

Im Jahr 2006 veröffentlichte er dort sein Buch "Konservatives Denken im Kontext der

Moderne", auf das ich vom Verlag selbst aufmerksam gemacht wurde.

Es ist 325 Seiten stark und spannend zu lesen. Sprachlich ist es wirklich lesenswert, da

Rohrmoser immer schon ein hervorragender wissenschaftlicher Schriftsteller war. In

Bietigheim/Baden verlegt, geht die Publikation auf eine Vorlesung Rohrmosers zurück, die er

als Emeritus 2004 und 2005 an der Universität Hohenheim hielt.

Im Mittelpunkt seiner Ausführungen steht die Frage, ob Deutschland eine neue

Kulturrevolution brauche. Und er beantwortet sie prompt: "Wir bräuchten keine, hätten wir

nicht diese andere Kulturrevolution". (S. 28) Damit markiert er seine geistige Angriffsposition

gegen die "Kulturrevolution" der Linken und Linksliberalen wie Jürgen Habermas, Herbert

Marcuse und die "Achtundsechziger", die durch ihre Hegemonie die Verantwortung für die

gegenwärtigen Probleme unseres Landes zu übernehmen hätten: Geburtenrückgang,

Zukunftsangst, "Realitätsverweigerung", Infantilisierung, Innovationsfeindlichkeit, und

Islamisierung.

Dabei durchforstet Rohrmoser das Ideenarsenal klassischer konservativer Denker des 19. und

20. Jahrhunderts: Donoso Cortés, Alexis de Tocqueville, Carl Schmitt, Arnold Gehlen,

Joachim Ritter, Leo Strauss und gewinnt aus diesem Forschungsprozess die Argumente für

seine Therapieposition für unser Land: Deutschland brauche eine Kulturrevolution, die auf das

christlich-abendländischen Ideengut gegründet ist und den Staat befähigt, den

Herausforderungen der Zeit als Machtstaat zu begegnen: "

Dieser neue Ansatz kann nur

konservativ sein, denn dazu gibt es keine Alternative. D.h. aber nicht das, was sich

Konservative so an neuen Weltbildern ausdenken, sondern dass wir schlicht dem Imperativ

der Selbsterhaltung und Selbstbehauptung folgen müssen, an Stelle von Utopien, Illusionen

und Träumen die Notwendigkeit und damit den Imperativ der Selbstbehauptung

4


verinnerlichen

". (Seite 29) (1)

Es liegt also eine umfassende, d.h. innen- und außenpolitisch orientierte Kulturkampfposition

vor, auf die ich im Folgenden dezidiert eingehen werde. In einer Abschlussbetrachtung werde

ich versuchen, die Denkbilder, die Rohrmosers Argumentation vorgeschaltet sind, zu

identifizieren.

II. Die Bundesrepublik im freien Verfall?

Rohrmoser sieht die Ursachen der ökonomischen und allgemeinen Krisenerscheinungen in der

bundesrepublikanischen Gesellschaft in jener Kulturrevolution begründet, für die er die

"Frankfurter Schule" und die Kulturströmungen verantwortlich macht, die ihr nahestehen.

Diese habe sich in einem solchen Maß in der politischen und gesellschaftlichen Kultur

festgesetzt, dass sie selbst die Unionsparteien in Beschlag genommen habe. "

Auch das

Erstaunen darüber, dass unter einer CDU geführten Regierung über die Richtlinien von

Brüssel hinaus das Antidiskriminierungsgesetz durchgesetzt wird, ist ein

erklärungsbedürftiger Tatbestand, wenn man sich verdeutlicht, dass unter der rot-grünen

Regierung dieses Gesetz so nicht durchsetzbar war. Was unter der rot-grünen Regierung nicht

durchsetzbar war, wird jetzt unter der Führung der CDU von der Bundeskanzlerin

durchgesetzt, obwohl sie in jedem ihrer Wahlauftritte erklärt hat, dass sie mit letzter

Entschlossenheit gegen dieses Antidiskriminierungsgesetz sei, soweit es die von Brüssel

vorgegebenen Richtlinien überschreitet. Das bedeutet, dass die seit Jahrzehnten laufende und

auch gegenwärtig dieses Land im Grunde innerlich formierende Kulturrevolution nun von

einer Regierung, in der die CDU die Mehrheit hat, in Gesetzesform gekleidet und fortgeführt

wird.

" (Seite 12)

Diese Kulturrevolution habe ihren Ausgang genommen nach dem Scheitern des revolutionär-

marxistischen Ansatzes, Staat und Gesellschaft über eine Revolution grundlegend in den

Dienst der sozialistischen Bewegung zu nehmen. Dabei rekurriert Rohrmoser auf Antonio

Gramsci. Der italienische marxistische Theoretiker Antonio Gramsci ist während seiner Haft

während der Diktatur Mussolinis zu dem Schluss gekommen, dass die Ziele der

Arbeiterbewegung erfolgreicher zu realisieren seien, wenn es gelänge, in den wichtigsten

Bereichen Staat, Gesellschaft und Kultur die ideologische Hegemonie zu gewinnen. Es ging

5


Gramsci nicht mehr vordergründig um die politische Bemächtigung des Staates und der

Institutionen, sondern um die geistige Herrschaft in ihnen zum Zwecke der Durchsetzung der

politischen Ziele mittels des vorherrschenden Bewusstseins. Wo, so Rohrmoser, die

Hegemonie hergestellt sei, werde sie kaum noch in Frage gestellt: "

Wenn man die

Kulturrevolution, mit der wir es heute zu tun haben, ansieht, steht man vor dem erstaunlichen

Phänomen, dass der Teil der bürgerlichen Gesellschaft, der zwar Objekt und Opfer eines nun

seit Jahrzehnten laufenden kulturrevolutionären Prozesses ist, dies in seinen Gründen und

Konsequenzen bis heute nicht begriffen hat. D.h. diese neue kulturrevolutionär geschaffene

Lage ist so nah, dass sie übersehen wird...

" (Seite 16)

Der "Frankfurter Schule", verknüpft mit Wissenschaftlern wie Horkheimer, Adorno und

Habermas, sei es gelungen, in den wesentlichen Bereichen unseres politischen und kulturellen

Lebens ein Interpretationsmonopol zu erlangen, das auf folgenden Axiomen, also

theoriebegründenden Annahmen beruhe, wie sie Rohrmoser interpretiert:

1. Unter den Bedingungen unserer entwickelten und prosperierenden Industriegesellschaft

habe sich ein "neo-totalitäres System" durchgesetzt, das durch die Technik strukturiert und

beherrscht werde und so im Sinne von Effizienz und Kapitalverwertung bis in die privatestens

Bereiche eindringe und diese unterwerfe.

2. Es habe sich nicht nur ein "neototalitäres System" durchgesetzt, sondern auch ein

"vernunftloses". Da die Technik das herrschende Strukturmerkmal sei, seien an die Stelle von

Wahrheit und Urteil nun Effizienz und Erfolg getreten. Wahrheit sei das, was effizient und

erfolgreich sei. Vernunft erwachse nicht aus Moral, Ethik oder anderen metaphysischen

Kategorien, sondern allein aus kapitalistischer Rationalität.

3. Die heutige Gesellschaft sei nicht nur "neo-totalitär" und "vernunftlos", sondern auch

"geschichtslos", denn sie kreise ausschließlich um sich selbst im Sinne ihrer Reproduktion

durch das perpetuum mobile von Produktion und Konsumtion. (Seite 17ff)

Bei aller Verkürzung hat Rohrmoser diese Grundannahmen der "kritischen Theorie" durchaus

treffend repliziert. Es kommt aber auf seine Schlußfolgerungen an. Diese Gesellschaftsanalyse

nämlich habe eine eigene kulturrevolutionäre Strategie entwickelt, die nicht mehr in den

Betrieben zum Tragen komme, sondern bei den Produzenten von Ideen und Interpretationen,

also an den Universitäten, den Schulen, den Medien. Diese haben als Multiplikatoren die

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