Register or log in at GRIN

Your e-mail-address or password is wrong
Register now
For new authors: free, easy and fast
This will be used as your user name, please specify a valid e-mail address

Lost password

Your e-mail-address or password is wrong

Request a new password
'Kindheit' im sozio-historischen Kontext close

Please wait

Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.

'Kindheit' im sozio-historischen Kontext

Scholarly Essay, 2006, 42 Pages
Author: Anna Insa Vermehren
Subject: Sociology - Children and Youth

Details

Institution/College: University of Hagen
Tags: Kindheit, Kontext
Category: Scholarly Essay
Year: 2006
Pages: 42
Grade: 1,5
Bibliography: ~ 40  Entries
Language: German
Archive No.: V86377
ISBN (E-book): 978-3-638-02067-1
ISBN (Book): 978-3-638-92110-7
File size: 231 KB

Abstract

Die vorliegende Arbeit behandelt das Thema 'Kindheit' als ein Konstrukt. Vorerst wird die Geschichte der Kindheit vom Mittelalter bis in die Postmoderne verfolgt um im Weiteren Schlussfolgerungen über die Auswirkungen der Kindheitskonzeptionen für die heutige Gesellschaft zu ziehen. Prognostische Überlegungen runden die Überlegungen über Kindheit ab. ‚Kindheit’ verstanden als soziales Konstrukt und kulturelles Gesellschaftsideal – vielleicht auch als Gesellschaftsillusion – das im systemischen Zusammenhang mit unserer Gesellschaft steht, stellt schon an sich eine Kategorisierung dar. Kindheit ist somit ein Abstraktum, das komplexe Strukturen und Zusammenhänge umfasst, die auf gesellschaftlicher, wie auch individueller Ebene konstruiert sind. Das Problem dieses Ansatzes ist, dass sich durch den Konstruktcharakter unendliche Betrachtungsweisen eröffnen, die weder in ihrer Komplexität noch in ihrer Reichweite erfassbar sind. Grundlegend wird angenommen, dass Menschen sich ihr Verständnis von Innen- und Außenwelt subjektiv „in einem aktiven Konstruktionsprozess“ (Grundmann 1999: 54) aufbauen. „Dabei besteht ein interaktives Wechselverhältnis zwischen den handelnden Subjekten und der gegebenen Außenwelt.“ (ebd.) Das heißt, Individuen kreieren sich ihre eigenen, möglichst schlüssigen Wirklichkeiten durch vergleichende Interaktion und Erfahrung. Diese Wirklichkeiten stellen Teile einer gesellschaftlich angenommenen Realität dar, die die Grundlage von Kommunikation sind. Interaktion ist als komplexe Struktur aus wechselseitigen Kommunikationen und Handlungen zu begreifen, die nicht nur inter-individuell sondern auch zwischen den Individuen und gesellschaftlichen Institutionen stattfindet. Während lange Zeit angenommen wurde, dass dem menschlichen Wesen die ‚Natur’ zugrunde liegt (Naturalismus), die nur durch Sozialisation und Erziehung sowie durch Umweltbedingungen verdeckt wird, nimmt man heute in den Sozialwissenschaften vermehrt an, dass das Ideal der Natürlichkeit eine Konstruktion ist, um eine Legitimation bereitzustellen, der man die Verantwortung für das menschliche Handeln übertragen kann. „Je mehr wir Gesetze von der Natur ablauschen wollten, um so mehr mussten wir erkennen, dass wir bloß eigene Gesetze erfinden.“ (Reich 2003: 3) Kersten Reich nimmt an, dass der Mensch allein schon wegen seiner Sprache von konstruierender ‚Natur’ ist (ebd: 4). Diese Annahme beruht auf Ferdinand de Saussures Definition von Sprache als geschlossenes, abstraktes System von Zeichen, das Vorstellungen und Lautbilder miteinander verbindet. Es wird erst durch den interaktiven Austausch gefestigt.


Excerpt (computer-generated)

,KINDHEIT′ IM SOZIO-HISTORISCHEN KONTEXT

Anna Insa Vermehren

Oktober 2006


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 4

2. Kindheit vom Mittelalter zur Postmoderne 6

2.1 Kindheit im Mittelalter 7

2.2 Kindheit im Licht der Aufklärung 8

2.3 Das 19. Jahrhundert: Das Ideal der bürgerlichen Familie 10

2.4 Die Zeit der Weltkriege und Nachkriegszeit 12

2.5 Postmoderne: Kindheit heute 14

3. Konzeptionen von Kindheit: Reichweite und Wirksamkeit heute 16

3.1 Kind und Gesellschaft 17

3.1.1 Sozialisation: Persönlichkeitsbildung und Identität 17

3.1.2 Familienstrukturen 20

3.2 Institutionalisierung von Kindheit 23

3.2.1 Pädagogisierung und Expertisierung 23

3.2.2 Kritische Erwägungen 25

3.3 Gesellschaft und Kind 26

3.3.1Gesellschaftlicher Wandel 27

3.3.2 Die Rolle der Medien 29

3.3.3 Konsum und Massenkultur 31

4. Entwicklungen von Kindheitskonzeptionen 33

4.1 Wissenschaftliche Kontroversen 33

4.2 Prognose 35

5. Schlussbemerkung 38

Bibliographie 39

3


1. Einleitung

,,Als ich ein Kind war...", so beginnen viele Menschen ihre Erzählungen, wenn sie über

Erfahrungen und Erinnerungen ihrer Lebenszeit zwischen Geburt und Pubertät berichten. Als

ich ein Kind war, war mir klar, dass ich als ,Kind′ anders war als die ,Erwachsenen′, allein

schon was meine persönlichen Freiheiten anbelangte. Heute ist mir bewusst, dass ich eine

,gute Kindheit′ hatte, im Familienkreise, versorgt und behütet. Ich hatte andere Rechte und

Pflichten als meine im Arbeitsleben stehenden Eltern. Kindheit ist ein scheinbar alltäglicher,

vertrauter Begriff, obwohl er ein komplexes soziales Phänomen bezeichnet. Dies wird

deutlich, wenn man betrachtet, wie Kinder in unterschiedlichen historischen Epochen

wahrgenommen und behandelt wurden, oder welche Rolle Kinder in anderen kulturellen

Räumen einnehmen. Kindheit wird in historischen und gesellschaftlichen Kontexten

unterschiedlich definiert, was sowohl die Lebensweisen von Individuen als auch die Werte

der Gesellschaft beeinflusst.

,Kindheit′ verstanden als soziales Konstrukt1 und kulturelles Gesellschaftsideal ­ vielleicht

auch als Gesellschaftsillusion ­ das im systemischen Zusammenhang mit unserer Gesellschaft

steht, stellt schon an sich eine Kategorisierung dar. Kindheit ist somit ein Abstraktum, das

komplexe Strukturen und Zusammenhänge umfasst, die auf gesellschaftlicher, wie auch

individueller Ebene konstruiert sind. Das Problem dieses Ansatzes ist, dass sich durch den

Konstruktcharakter unendliche Betrachtungsweisen eröffnen, die weder in ihrer Komplexität

noch in ihrer Reichweite erfassbar sind. Grundlegend wird angenommen, dass Menschen sich

ihr Verständnis von Innen- und Außenwelt subjektiv ,,in einem aktiven Konstruktionsprozess"

(Grundmann 1999: 54) aufbauen. ,,Dabei besteht ein interaktives Wechselverhältnis zwischen

den handelnden Subjekten und der gegebenen Außenwelt." (ebd.) Das heißt, Individuen

kreieren sich ihre eigenen, möglichst schlüssigen Wirklichkeiten durch vergleichende

Interaktion und Erfahrung. Diese Wirklichkeiten stellen Teile einer gesellschaftlich

angenommenen Realität dar, die die Grundlage von Kommunikation sind. Interaktion ist als

komplexe Struktur aus wechselseitigen Kommunikationen und Handlungen zu begreifen, die

nicht nur inter-individuell sondern auch zwischen den Individuen und gesellschaftlichen

Institutionen stattfindet.

Während lange Zeit angenommen wurde, dass dem menschlichen Wesen die ,Natur′

zugrunde liegt (Naturalismus), die nur durch Sozialisation und Erziehung sowie durch

Umweltbedingungen verdeckt wird, nimmt man heute in den Sozialwissenschaften vermehrt

1 Konstrukte werden hier als gedankliche Hilfskonstruktion verstanden, die nicht direkt erfahrbare Sachverhalte

bezeichnen. Der Terminus Konstruktion soll hingegen den Prozess des Konstruierens verdeutlichen, der dazu

führt, dass Konstrukte als Abstrakta fungieren.

4


an, dass das Ideal der Natürlichkeit eine Konstruktion ist, um eine Legitimation

bereitzustellen, der man die Verantwortung für das menschliche Handeln übertragen kann. ,,Je

mehr wir Gesetze von der Natur ablauschen wollten, um so mehr mussten wir erkennen, dass

wir bloß eigene Gesetze erfinden." (Reich 2003: 3) Kersten Reich nimmt an, dass der Mensch

allein schon wegen seiner Sprache von konstruierender ,Natur′ ist (ebd: 4). Diese Annahme

beruht auf Ferdinand de Saussures Definition von Sprache als geschlossenes, abstraktes

System von Zeichen, das Vorstellungen und Lautbilder miteinander verbindet. Es wird erst

durch den interaktiven Austausch gefestigt.

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts hat ein Paradigmenwechsel die Sozial- und

Geisteswissenschaften durch einen neuen Pluralismus von Betrachtungsweisen vor neue

Möglichkeiten aber auch Schwierigkeiten gestellt: Wahrheit und Realität als zu suchende

Maximen wurden ersetzt durch subjektives Wirklichkeitsempfinden und individuelle

Wahrnehmung. Damit öffnen sich in der Postmoderne umfangreiche, aber auch

widersprüchliche Positionen, die allerdings kaum vermögen, Lösungen bereitzustellen.

Deutlich zeigt dies Derridas Dekonstruktivismus, der Bedeutung und Sinn einer Aussage

dadurch in Frage stellt, dass er logische Brüche und Zusammenhänge aufdeckt und auf diese

Weise Denkweisen kritisch durchleuchtet und hinterfragt werden.

Kindheit kann in der Postmoderne keinen objektiven Wahrheits- oder Realitätsanspruch

haben, denn sie kann nur in der subjektiven Reflexion auf eine eigene oder eine fremde

Lebenszeit wahrgenommen werden (ebd: 2). Als Betrachter der eigenen Kindheit lässt die

subjektive Erinnerung und Zeitdistanz ebenso wenig reale Erkenntnisse zu, wie dem

kindlichen Betrachter auf das ,Jetzt′ seiner erlebten Kindheit. Kindheit kann nur aus der

Reflexion rekonstruiert werden, während das Kindsein als Lebensabschnitt ein Zustand in

Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft ist.

Der phänomenologischen Perspektive, die sich auf die sichtbaren Erscheinungen des

Kindseins als Untersuchungsgegenstand reduziert, soll ein konstruktivistischer Ansatz in

dieser Arbeit entgegengestellt werden. Die Sichtweise, dass ,,Kindheit [...] ein Phänomen der

Lebenswelt und kein Untersuchungsgegenstand [sei], der sich klar auf abgrenzbare inhaltliche

Phänomene beschränken ließe" (ebd: 5), kann hier nicht zugestimmt werden. Kindliche

Verhaltensweisen und soziale Kontexte, in denen Kinder aufwachsen, können gewiss als

Phänomene verstanden werden, die es zu untersuchen gilt. Wird Kindheit allerdings als

abstraktes Konstrukt verstanden, dient es ausschließlich als Erklärungs- und

Untersuchungsgegenstand.

5


Erst aus dem Verständnis, wie Kindheit in der Vergangenheit erfasst wurde, lassen sich

heutige Sichtweisen von Kindheit verstehen; deshalb fußt diese Arbeit auf einer historischen

Herangehensweise: Die geschichtliche Betrachtung, wie sich Kindheit als ,,Produkt von

Modernisierungsprozessen" (Honig 1999: 85) im Laufe der Zeit zu einem ,,Strukturelement

moderner Gesellschaften" (ebd.) verändert hat, soll einerseits den Hintergrund der Arbeit als

Diskussionsgrundlage eröffnen, andererseits den Pluralismus möglicher Betrachtungsweisen

einschränken. Der Blick in die Vergangenheit befähigt zu einer präziseren

Beurteilungsgrundlage für gegenwärtige Phänomene.

2. Kindheit vom Mittelalter zur Postmoderne

In den 1960er Jahren wurde Kindheit erstmals als Kindheitsgeschichte vorgestellt: Philippe

Ariès nahm an, dass Kindheit erst zur Zeit der Aufklärung erfunden wurde, da das Leben im

Mittelalter für Kinder und Erwachsene identisch zu sein schien (Meschendörfer 1991: 7).

Auch wenn Ariès′ Thesen nach ihrem Erscheinen starker Kritik ausgesetzt waren, konnte

schnell belegt werden, dass Konzepte von Kindheit bereits im Mittelalter existierten

(Heywood 2001: 14), so hat er doch den Bereich der Kindheitsforschung für die Soziologie

und andere Disziplinen geöffnet.

Sozial-historische Kindheitsforschung ist in vielerlei Hinsicht problematisch:

Wie bereits dargelegt, hat das Abstraktum Kindheit keinen realen Erfahrungshintergrund,

denn Kindheit ist als Konzept zu verstehen. Konzepte generell und auch geschichtlich zu

erfassen, ist aufgrund der Quellenlage und des Facettenreichtums jedes Zeitalters schwierig,

wenn nicht gar unmöglich.

Quellen können nur Ausschnitte der sozialen Wirklichkeiten darstellen. Die Alphabetisierung

im Mittelalter erstreckte sich zudem auf Adel und Klerus. Die erhaltenen Dokumente stellen

somit persönliche Sichtweisen aus schichtspezifischer Perspektive dar.

Die übermittelten Theorien einer Zeit müssen als Ideen verstanden werden, die nur unter

Umständen tatsächlichen Einfluss auf die damalige Gesellschaft hatten, aber nicht

unweigerlich die Lebensweisen der Menschen veränderten.

Kindheitsgeschichte ist nicht linear, sondern mehrdimensional. Um die oben genannten

Dilemmata zu umgehen, ist es notwendig mehrere Betrachtungsweisen von Kindheit

vorzunehmen. So schlägt Michael-Sebastian Honig vor, die Wechselbeziehungen zwischen

Kindheit, Familie, Markt und Staat, sowie jene zwischen Kindheitsentwürfen und sozialen

Phänomenen als auch die Spannungsverhältnisse zwischen Kinderkultur und

Entwicklungstatsachen in Betracht zu ziehen (in Krüger/Grunert 2002: 318f). Da der

6


Zeitraum von ungefähr 700 Jahren hier nicht ausführlich besprochen werden kann, sollen im

Folgenden die Hintergründe und Theorien der vorgestellten Zeiträume nur kurz dargelegt

werden, um sich den Kindheitskonzeptionen dieser Epochen anzunähern.

2.1 Kindheit im Mittelalter

Das Mittelalter war durch streng hierarchische, feudale Gesellschaftsstrukturen geprägt. Die

katholische Glaubensauslegung rechtfertigte diese Ordnung als von Gott gewollt und wies

jedem Menschen einen Platz und eine Funktion zu.

Die mittelalterlichen Quellen geben nur bedingt Aufschluss darüber, wie in jener Zeit über

Kinder gedacht wurde. Scheinbar herrschte eine starke Ambivalenz zwischen Ablehnung und

Erwünschtsein (Löhmer 1989: 250): Das positive Kindheitsbild stellt Kinder als Vermittler

zwischen Himmel und Erde dar. Kinder galten als rein, keusch und Gott zugewandt

(Heywood 2001: 15). Die gebildete Mehrheit sah in Kindern jedoch Sünde und Strafe, denn

für sie war Kindheit ein verwerfliches, weil unfertiges Stadium des Menschen. (ebd: 9,16 und

Shahar 2002: 12)

Die Kindersterblichkeit war aufgrund geringer medizinischer Kenntnisse und

Hygienemangels sehr hoch (Löhmer 1989: 31), der Nachwuchs in den ersten Lebensjahren

teuer und belastend, später dann jedoch zusätzliche Arbeitskraft und die elterliche

Altersvorsorge. Verhütungsmittel waren weitestgehend unbekannt und aus religiösen

Gründen verboten. Es galt als verpönt, Kinder zu verwöhnen oder ehrgeizige Pläne mit ihnen

zu haben. Muttergefühle waren unerwünscht, weil Keuschheit und Frömmigkeit über

weltlichen Bedürfnissen standen (Shahar 2002: 13,15). Die Lebensbedingungen zwangen die

Kinder in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten. Die Wahl ein anderes Leben als das ihrer

Eltern zu führen, wurde durch das Klassensystem nahezu ausgeschlossen. Durch die

gesellschaftlich vorbestimmte Zukunft wurde der einzelne Mensch als weniger individuell

angesehen (Heywood 2001: 18).

,,Kinder lebten wie selbstverständlich im ,Haus′ mit, sie waren die nächste Generation, die in

einer Zeit des Umbruchs [15. Jahrhundert] ­ einer Zeit, in der Traditionen und Neuanfänge

nebeneinander standen ­ das Leben fortsetzen sollten. Kinder hatten ihren festen Platz in der

Gemeinschaft, doch wurde ihr Platz nicht eigens zum Thema theoretischer Diskussionen

gemacht." (Löhmer 1989: 250)

Herbert Langer hat sich in einer Studie mit den hanseatischen Gesetzen des 16. und 17.

Jahrhunderts beschäftigt: Das Lübische Recht definierte das Kind als einen Menschen, der

nicht oder nur eingeschränkt entscheidungs- oder rechtsfähig war. Minderjährig waren

7


Männer bis zu ihrer Heirat oder bis zum 18. Lebensjahr, geschäftsfähig erst nach Erreichen

des 25. Lebensjahres (Langer, in Buchholz 2000: 75). Für Vergehen der Kinder waren nicht

die Gerichte zuständig, sondern die Eltern. Dies betraf vor allem den Vater, da er die Zucht-

und Erziehungsgewalt innehatte. Diese sollte durch moralische Drohungen oder Schläge

ausgeübt werden, wobei der Kopf und empfindliche Körperstellen bei der Züchtigung

ausgenommen sein sollten (ebd: 77f). Die Grundsätze des Kinderrechts waren biblischen

Ursprungs: Den Kindern wurde Gehorsam gegenüber den Eltern auferlegt2, den Vätern wurde

geraten, ihre Kinder nicht zu verbittern ,,auf das sie nicht scheu werden" (NT: Epheser 6). Der

Vater als Oberhaupt des ,Ganzen Hauses′ gewährte der Ehefrau, den Kindern und dem

Gesinde Schutz. (Langer, in Buchholz 2000: 71)

Kindheit und Erwachsensein wurde nicht nur durch weltlich rechtliche Grundlagen

unterschieden, es herrschte auch die Vorstellung, dass Heilige an Frühreife erkennbar waren:

Der heilige Sankt Nikolaus soll so beispielsweise schon als Wickelkind seine asketischen

Grundsätze beherzigt haben, indem er mittwochs und freitags die mütterliche Milch nur

einmal am Tag zu sich nahm (Heywood 2001: 17). Der Status des Erwachsenen zeichnete

sich maßgeblich durch erworbene Reife aus und galt, wie auch heutzutage, der kindlichen

Unreife überlegen.

Die Ambivalenzen zwischen den nur schwer rekonstruierbaren Lebenswelten der Kinder im

Mittelalter, und der dualen Sichtweise der Gelehrten, führen zu dem Schluss, dass Kindheit

als Konzept auf der Ebene gesellschaftlicher Realität nicht existierte: Auch wenn die Kinder

nicht ignoriert wurden, wie Ariès es formulierte, wurde ihnen in der vorindustriellen Zeit

weniger Aufmerksamkeit entgegengebracht (ebd: 15ff). Die mittelalterliche

Kindheitskonzeption bestand auf theoretischer Ebene; sie ist heutzutage in Quellen aus der

Perspektive der Gelehrten ersichtlich. Heywood äußert, dass die Theorien über Kindheit

wahrscheinlich mehr Denkübungen einer geistigen Oberschicht waren, als dass sie einen

wirklichen Einfluss auf die Gesellschaft ausgeübt hätten (ebd: 15).

2.2 Kindheit im Licht der Aufklärung

Aufklärung bezeichnet eine geistesgeschichtliche Epoche des 17. und 18. Jahrhunderts, die

am Humanismus anknüpfend Vernunft und Rationalität propagierte und in der Französischen

Revolution ihren Höhepunkt fand. Diese neue Denkweise lenkte die Aufmerksamkeit auf das

Individuum. Durch Reformation und ökonomischen Wandel von der Agrarwirtschaft zu

einem früh-kapitalistischen, merkantilen Unternehmertum, veränderten sich die

2 ,,Ihr Kinder, seid gehorsam den Eltern in allen Dingen, denn das ist wohlgefällig in dem Herrn." NT: Kolosser

3, 21.

8



Comments

No comments yet

Add Comment
Your comment is reviewed before being published

Other users also were interested in the following titles:

Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit

Author: Claudia Nickel
Presentations, Models, Tutorials, Instructions, 2006 Download as PDF-file for 4,99 EUR

Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens

Author: Maik Philipp
Presentations, Models, Tutorials, Instructions, 2004 Download as PDF-file for 5,99 EUR

This text can be quoted and accessed from this url:

http://www.grin.com/e-book/86377/kindheit-im-sozio-historischen-kontext
please wait Please wait