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Die Frau in der männlichen Bedeutungsökonomie: Luce Irigarays „Das Geschlecht, das nicht eins ist“ im Kontext feministischer Forschung und psychoanalytischer Untersuchung

Scholary Paper (Seminar), 2007, 23 Pages
Author: Daniela Steinert
Subject: Cultural Studies

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2007
Pages: 23
Bibliography: ~ 9  Entries
Language: German
Archive No.: V86413
ISBN (E-book): 978-3-638-02088-6

File size: 225 KB

Abstract

„Jede bisherige Theorie des Subjekts hat dem ‚Männlichen’ entsprochen.“1 Luce Irigaray beschreibt in ihrer Schrift „Speculum. Spiegel des anderen Geschlechts“ die Unterrepräsentation von Frauen in einer patriarchalen, männlich betrachteten Kultur. In den 1970er Jahren begannen Feministinnen, auf diese Unterrepräsentation von Frauen hinzuweisen – und damit auf die Rollenzuweisungen und Kategorisierungen. Die Frau als kulturelle Größe wurde hinterfragt und patriarchale Strukturen aufgedeckt und bemängelt. Eine Feministin, die sehr wichtig ist für die 70er und die 80er Jahre, ist Luce Irigaray – ihre Theorie schlägt eine radikale Position ein: die der aus dem Diskurs verbannten, abwesenden Frau. Eine Arbeit von ihr fasst ihre Grundaspekte zusammen: Mit „Das Geschlecht, das nicht eins ist“ schreibt sie einen Text, der in der vorhandenen feministischen Theorie neue Perspektiven öffnet und entgegen der Gleichheitsbewegung agiert. Das Ergebnis ist eine interessante Studie über die Frau innerhalb der vom Mann angeführten Hierarchie und einer neuen weiblichen Sexualität. Die vorliegende Arbeit möchte Luce Irigaray anhand dieser Arbeit in den feministischen Diskurs einbetten. Auf diese Art und Weise soll die Besonderheit des Textes deutlich werden und auch die Vielfältigkeit der Philosophie Irigarays, die Wissenschaftskritik und Feminismuskritik beinhaltet. So wie man ihr dekonstruktives Vorgehen zuschreiben kann, wäre auch denkbar, den Vorwurf des Essentialismus auszusprechen. Aufgrund dieser Vielfältigkeit ist es verständlich, dass Luce Irigaray selbst nicht in den institutionellen Rahmen eingebettet werden möchte1. Dennoch soll hier ein solcher Versuch unternommen werden: Die vorliegende Arbeit möchte Luce Irigaray zunächst im feministischen Diskurs verorten. Das soll geschehen, indem zunächst Irigarays Rolle bei der weiblichen Theoriebildung dargestellt wird und anschließend die Methodik des Differenzansatzes beleuchtet wird. Zunächst soll Luce Irigaray im feministischen Diskurs verortet werden. Das soll geschehen, indem zunächst Irigarays Rolle bei der weiblichen Theoriebildung dargestellt wird und anschließend die Methodik des Differenzansatzes beleuchtet wird. In einem nächsten Kapitel geht es um Luce Irigarays Beschäftigung mit der Psychoanalyse und somit um ihre Antwort auf die Freudsche Theorie zur Sexualität der Frau. Dazu wird erst Freuds Theorie und anschließend Irigarays Gegenentwurf dargelegt. Das Ergebnis soll eine Einordnung sowohl von Inhalt als auch zeitlichem Erscheinen der Irigarayschen Theorie sein und das Aufwerfen einiger Fragen.


Excerpt (computer-generated)

Universität Lüneburg

Angewandte Kulturwissenschaften

Sprache und Kommunikation

Seminar: Gender Studies und Körper

Autorin: Daniela Steinert

Hausarbeit mit dem Thema:

Die Frau in der männlichen Bedeutungsökonomie:

Luce Irigarays ,,Das Geschlecht, das nicht eins ist" im Kontext feministischer

Forschung und psychoanalytischer Untersuchung


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 3

2 Luce Irigaray innerhalb des feministischen Diskurses 4

2.1 Die patriarchale Prägung von weiblicher Sexualität und

Theoriebildung 4

2.2 Schaffung einer Weiblichkeit auf Basis binären

Geschlechterdenkens 6

3 Luce Irigaray und die Psychoanalyse 10

3.1 Sigmund Freud und die Entstehung der Weiblichkeit 10

3.2 Die Erschaffung der Frau in der männlichen Ökonomie:

Irigaray vs. Freud 13

3.2.1 Die Auto-Erotik der Frau und deren Zerstörung durch

den Mann 13

3.2.2 Die Bedeutung der Geburt und Irigarays Lösungsansätze

für neue (alte?) Weiblichkeit 16

4 Fazit 19

2


1. Einleitung

,,Jede bisherige Theorie des Subjekts hat dem ,Männlichen′ entsprochen."1

Luce Irigaray

beschreibt in ihrer Schrift ,,Speculum. Spiegel des anderen Geschlechts" die Unterrepräsentation

von Frauen in einer patriarchalen, männlich betrachteten Kultur. In den 1970er Jahren begannen

Feministinnen, auf diese Unterrepräsentation von Frauen hinzuweisen ­ und damit auf die

Rollenzuweisungen und Kategorisierungen. Die Frau als kulturelle Größe wurde hinterfragt und

patriarchale Strukturen aufgedeckt und bemängelt.

Eine Feministin, die sehr wichtig ist für die 70er und die 80er Jahre, ist Luce Irigaray ­ ihre Theorie

schlägt eine radikale Position ein: die der aus dem Diskurs verbannten, abwesenden Frau. Eine

Arbeit von ihr fasst ihre Grundaspekte zusammen: Mit ,,Das Geschlecht, das nicht eins ist" schreibt

sie einen Text, der in der vorhandenen feministischen Theorie neue Perspektiven öffnet und

entgegen der Gleichheitsbewegung agiert. Das Ergebnis ist eine interessante Studie über die Frau

innerhalb der vom Mann angeführten Hierarchie und einer neuen weiblichen Sexualität.

Die vorliegende Arbeit möchte Luce Irigaray anhand dieser Arbeit in den feministischen Diskurs

einbetten. Auf diese Art und Weise soll die Besonderheit des Textes deutlich werden und auch die

Vielfältigkeit der Philosophie Irigarays, die Wissenschaftskritik und Feminismuskritik beinhaltet.

So wie man ihr dekonstruktives Vorgehen zuschreiben kann, wäre auch denkbar, den Vorwurf des

Essentialismus auszusprechen. Aufgrund dieser Vielfältigkeit ist es verständlich, dass Luce Irigaray

selbst nicht in den institutionellen Rahmen eingebettet werden möchte2. Dennoch soll hier ein

solcher Versuch unternommen werden: Die vorliegende Arbeit möchte Luce Irigaray zunächst im

feministischen Diskurs verorten. Das soll geschehen, indem zunächst Irigarays Rolle bei der

weiblichen Theoriebildung dargestellt wird und anschließend die Methodik des Differenzansatzes

beleuchtet wird.

In einem nächsten Kapitel geht es um Luce Irigarays Beschäftigung mit der Psychoanalyse und

somit um ihre Antwort auf die Freudsche Theorie zur Sexualität der Frau. Dazu wird erst Freuds

Theorie und anschließend Irigarays Gegenentwurf dargelegt. Das Ergebnis soll eine Einordnung

sowohl von Inhalt als auch zeitlichem Erscheinen der Irigarayschen Theorie sein und das

Aufwerfen einiger Fragen. Aufgrund des begrenzten Rahmens der Arbeit kann und soll das Werk

Irigarays in keiner Weise erschöpfend behandelt werden (sollte dies überhaupt möglich sein), aber

dennoch sollen wichtige Aspekte beachtet und grundsätzliche Kritikpunkte herausgearbeitet

werden.

1 Irigaray, Luce: Speculum, S. 169.

2 Vgl.: Bussmann, Anna: Elemente feministischer Philosophie im Werk Luce Irigarays, S. 2.

3


2. Luce Irigaray innerhalb des feministischen Diskurses

2.1. Die patriarchale Prägung von weiblicher Sexualität und Theoriebildung

,,Die weibliche Sexualität ist immer von männlichen Parametern aus gedacht worden."3

Diese erste

Aussage stellt die Basis für Luce Irigarays gesamte feministische Theorie ­ denn erst die männliche

Sichtweise macht die weibliche Sexualität zu dem, was sie ist und zwingt sie somit in eine Rolle,

die nicht die Ihre ist.

Das weibliche Geschlecht wird somit zunächst vom männlichen Standpunkt aus betrachtet: Die

Frau ist kein Geschlecht, das neben dem männlichen Penis existiert, sondern die Frau ist

,,ein

Nicht-Geschlecht, oder ein männliches Geschlecht, das sich umgestülpt hat, um sich selbst zu

affizieren"4

Weil der Mann die Frau in Abgrenzung zu sich selbst als ein Mangelwesen begreift, ist

auch die weibliche Sexualität und das anatomische weibliche Geschlecht am Mann gemessen: Die

Klitoris wird als kleiner Penis verstanden, die Vagina als ,,Schlupfloch" für das männliche

Geschlecht5. - Sowohl die klitorale Aktivität als auch die vaginale Passivität ist männlich inszeniert:

der kleine Penis, der kein eigenes Geschlecht bedeutet, kann sich nicht mit dem männlichen

Geschlecht messen ­ ist ein Mangel - und ansonsten bietet die Frau Ersatz für die Hand des

Mannes6, ist also Vorlage und Nutzgegenstand für die männliche Lust. Nach Luce Irigaray wird

dem Mangelwesen Frau deswegen Penisneid unterstellt. Unter anderem nach Freud spricht sie das

Verhältnis der Frau zum Vater an, das von dem Wunsch geprägt ist, sich den Penis durch die Liebe

zum Vater, zum Mann oder zum männlichen Kind doch zu beschaffen7.

Luce Irigaray möchte dieser Auffassung ihre feministische Theorie gegenüberstellen und die

weibliche Lust außerhalb des männlichen Rahmens positionieren:

,,Von der Frau und ihrer Lust ist

bei einer solchen Konzeption des Geschlechtsverkehrs nicht die Rede. [...] All dies erscheint ihrem

Lustempfinden reichlich fremd, es sei denn, daß es die dominierende phallische Ökonomie nicht

verläßt."8

Ein wahres Lustempfinden der Frau kann es also nur durch ein Außen männlicher

Bedeutungen geben. Damit wagt sich Luce Irigaray auf ein Feld, das vor ihr wenige Frauen

beschritten haben.

Anne Bussmann schreibt in ihrer Arbeit über Luce Irigarays Werk, dass Irigaray die

Theoriefeindlichkeit der Frauenbewegungen überwunden hätte. Denn Theoriebildung war Mitte der

1970er Jahre Männerdomäne:

,,Zunächst lehnten die engagierten Frauen besonders im deutschen

Raum die Theorie als rein männliches Produkt ab. Sie befürchteten, daß theoretische

3 Irigaray, Luce: Das Geschlecht, das nicht eins ist, 22.

4 Ebd.

5 Vgl .: ebd.

6 Irigaray, Luce: Das Geschlecht, das nicht eins ist, S. 23.

7 Vgl .: ebd.

8 Irigaray, Luce: Das Geschlecht, das nicht eins ist, 22f.

4


Auseinandersetzung von ihrer Seite aus der Festigung des Primats patriarchalischer

Wissenschaftsvernunft zuarbeiten würde."9

Das bedeutet nicht nur, dass der männliche

Bedeutungsrahmen die Sexualität umfasst und Kategorien aus patriarchaler Sicht schafft, sondern

dass dieser Rahmen auch von der Wissenschaft abhängt ­ die Theorie ist dem Patriarchat eigen und

führt erst zur bestehenden Rollenverteilung. Die Frau hat so keine Möglichkeit, sich aus der ihr

auferlegten Position zu befreien ­ ihre Sexualität und Lust außerhalb der männlichen,

wissenschaftlich belegten Zuweisung zu finden.

Doch kann die Frau überhaupt Kenntnis von einer Lust haben oder einer ihr eigenen Sexualität,

wenn ein Wissen besteht, das als Wahrheit anerkannt ist? Ist deshalb die einzige Möglichkeit,

bestehende Kategorien aufzulösen und neue Sichtweisen zu schaffen, auf der theoretischen Ebene

die Relativität der wissenschaftlichen Perspektiven und deren Naturalisierung aufzuzeigen?

Die theoretische Ebene wurde seit Mitte der Siebziger angestrebt, indem sich die Frauenforschung

zur Gender-Forschung wandelte. Im vorigen Jahrzehnt ­ den sechziger Jahren - wollten die Frauen

zunächst, dass sie selbst über ihr Leben berichten durften und nicht die Männer ein Bild der Frau

zeichneten, indem sie über die Frauen, deren Eigenschaften, Rollen und Leben schrieben. Die

Frauenforschung bestand demnach daraus, dass die Frauen gesellschaftliche Wichtigkeit und

politische Relevanz erlangen wollten und das führte zu einer Hinterfragung der Rollen, die vom

Patriarchat verteilt wurden. Heidrun Zettelbauer schreibt, das Reden über Frauen sollte in den

Sechziger Jahren vom Reden von Frauen abgelöst werden10 und wissenschaftliche Fundierungen

von gesellschaftlichen Erklärungen und Theorien wurden hinterfragt. Anne Bussmann schreibt:

,,Im Verlauf der neuen Frauenbewegungen beginnen Frauen, ihrem Bedürfnis einer universellen

Erkenntnisintention dahingehend nachzugehen, daß sie zu erkennen suchen, warum sie

jahrtausendelang als das zweite Geschlecht in der Gesellschaft galten."11

In den siebziger Jahren

trat gemäß Heidrun Zettelbauer der Paradigmenwechsel ein und dieser ging mit der Trennung von

sex und gender einher und mit der Ausrichtung auf die diskursive Konstruktion gesellschaftlicher

Beziehungen12.13

9 Bussmann, Anne: Elemente feministischer Philosophie im Werk Luce Irigarays, S. 2.

10 Vgl.: Zettelbauer, Heidrun: Geschlecht. Nation. Körper, S. 240.

11 Bussmann, Anne: Elemente feministischer Philosophie im Werk Luce Irigarays, S. 4.

12 Vgl.: ebd., S. 240ff.

13 Anmerk.d.Verf.: Die Einschätzung Heidrun Zettelbauers wird nicht durchgehend geteilt ­ so positionieren Regina

Becker-Schmidt und Gudrun-Axeli Knapp den Paradigmenwechsel Mitte der achziger Jahre, weil sie Ursula Beers

Begriff des Geschlechts als ,,Strukturkategorie" als Anfangspunkt bestimmen.

Jedoch beschreiben sie ebenfalls ungefähr Mitte der siebziger Jahre eine Veränderung: ,,Das Verhältnis von Macht

und Geschlecht wurden zum Fokus der politischen Orientierung, die Mikropolitiken in diversen sozialen Bereichen

zum weit verzweigten Gegenstand feministischer Sozialwissenschaft." (S. 33). Außerdem wird die deutsche Theorie

als beeinflusst durch die angloamerikanische Perspektive betrachtet und Luce Irigarays erzielte hauptsächlich in

anderen Ländern Wirkung (vgl.: S. 8).

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