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Subtitle: Atanas Daltschev
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 24 Pages
Author: M.A. Diana Koch
Subject: Russian / Slavic Languages
Details
Institution/College: LMU Munich (Institut für slavische Philologie)
Tags: Postavantgarde, Jahre, Postavantgarde, Jahre
Year: 2003
Pages: 24
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 7 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-02108-1
File size: 240 KB
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Abstract
Es ist kaum möglich Poesie einseitig zu lesen und zu interpretieren, ohne eine Reihe von schwierigen Fragen und semantischen Zweideutigkeiten zu provozieren. Noch weniger anwendbar wäre der eindeutige Zugang zu der poetischen Sprache von Atanas Dalčev. Das philosophische Potential dieser Sprache erlaubt keine verklemmten Antworten und Zugehörigkeit in die üblichen Denkpraktiken. Mit jeder erneuten Lesung ergänzt sich mein Blickpunkt zu dieser Poesie, so als ob er in der „Spiegelwelt“ von Dalčev kristallisiert, die von gegensätzlichen Werten und sich gegenseitig wiederspiegelnden Eigenschaften besteht. In die Visionen der reinen Gegenständlichkeit oder der modernen existentiellen Ideen eingesponnen, für die grobe, barbarische Sprache oder der Erschaffung eines neuen symbolischen Models, konstruiert die Poesie von Dalčev die Entstehung einer neuen Weltanschauung. Die radikale Beständigkeit, in der der Poet in seinem Anderssein besteht, gibt uns die Möglichkeit über eine andere Position in den globalen Fragen des menschlichen Daseins in der Welt, über die Einsamkeit und über den Lauf des Lebens nachzudenken. Zweifellos ist die Dichtung von Dalčev eine neue Erscheinung im bulgarischen Literaturprozess. Sie hat ästhetische, philosophische, sowie soziale Gründe. Die ästhetische Veränderung von der ersten Hälfte der 20 Jahre des vorigen Jh. charakterisiert sich mit Mehraspektischen und schwierigen gegenseitiger Beeinflussung zwischen dem schon aussterbenden Symbolismus und den anfänglichen antisymbolistischen Strömungen. Auf dem Prinzip der Abschiebung der Tradition und unvermeidlichen Vererbung, formiert sich ein völlig unterschiedliches poetisches Modell, mit einer neuen Darstellung und einem neuem Arsenal in den künstlerischen Mitteln. Es transformiert die alten Sichtweisen und die Beziehungen zum Verlauf des Daseins, situiert den Menschen in der Welt auf eine unbekannte Weise, gibt neue Paradigmen für die Feststellung der menschlichen Identität vor. Das Werk von Dalčev ist eine der ersten post- und antisymbolistischen Erscheinungen in der bulgarischen Literatur. Seine erste Gedichte veröffentlichte Dalčev als Mitglied des literarischen Kreises „Strelec“ in Sofia, der sich für eine europäisch geprägte, nationale Kultur einsetzte.
Excerpt (computer-generated)
L M U München Referentin:
Institut für slavische Philologie Diana
Vakarelova-Koch
SS 2003
Hauptseminar:
Die bulgarische Postavantgarde der 1960- er Jahre
Thema der Arbeit:
Die neue Art von poetischem Konventionalismus.
Entpsychologisierung, oder das lyrische Ich als Mensch-Automat:
Zurückgezogenheit, Schweigen und Entfremdung. Der Schwund
des Ichs in der Poetik von Atanas Dalcev
1
1.EINLEITUNG
3
1.1. Die Dichtung von Dalcev - eine neue Erscheinung im bulgarischen Literaturprozess.
3
2. DER ERSTE GEDICHTSBAND ,,PROZOREC".
4
3. DAS SEHEN.
5
4. DIE WELT DER GEGENSTÄNDE
6
5. DAS LYRISCHE SUBJEKT BEI DALCEV 7
6. SCHWEIGEN, VERFREMDUNG UND AUßENSEITERLICHKEIT.
8
7. DIE STIMME UND DAS VERSTUMMEN.
10
8. DIE FUNKTION DES BUCHS
11
9. DIE TÜREN BEI DALCEV 11
10. DAS FENSTER IN DEN WERKEN VON DALCEV 13
11. ,,COWEKT BE STWOREN OT KAL" .
15
12. DIE WELT DER KINDHEIT
16
13. DIE ÜBERSCHREITUNG DER GRENZE.
17
14. DAS GEDICHT ,,KNIGITE" UND DIE TRAURIGKEIT.
18
15. DASEIN - NICHTDASEIN
20
16. ZEICHEN DES ABSOLUTEN ZERFALLS. 21
17. FAZIT UND SCHLUSSWORT
22
2
1.Einleitung
Es ist kaum möglich Poesie einseitig zu lesen und zu interpretieren, ohne eine
Reihe von schwierigen Fragen und semantischen Zweideutigkeiten zu provozieren.
Noch weniger anwendbar wäre der eindeutige Zugang zu der poetischen Sprache
von Atanas Dalcev. Das philosophische Potential dieser Sprache erlaubt keine
verklemmten Antworten und Zugehörigkeit in die üblichen Denkpraktiken. Mit jeder
erneuten Lesung ergänzt sich mein Blickpunkt zu dieser Poesie, so als ob er in der
,,Spiegelwelt" von Dalcev kristallisiert, die von gegensätzlichen Werten und sich
gegenseitig wiederspiegelnden Eigenschaften besteht. In die Visionen der reinen
Gegenständlichkeit oder der modernen existentiellen Ideen eingesponnen, für die
grobe, barbarische Sprache oder der Erschaffung eines neuen symbolischen
Models, konstruiert die Poesie von Dalcev die Entstehung einer neuen
Weltanschauung. Die radikale Beständigkeit, in der der Poet in seinem Anderssein
besteht, gibt uns die Möglichkeit über eine andere Position in den globalen Fragen
des menschlichen Daseins in der Welt, über die Einsamkeit und über den Lauf des
Lebens nachzudenken.
1.1. Die Dichtung von Dal
c
ev - eine neue Erscheinung im
bulgarischen Literaturprozess.
Zweifellos ist die Dichtung von Dalcev eine neue Erscheinung im bulgarischen
Literaturprozess. Sie hat ästhetische, philosophische, sowie soziale Gründe. Die
ästhetische Veränderung von der ersten Hälfte der 20 Jahre des vorigen Jh.
charakterisiert sich mit Mehraspektischen und schwierigen gegenseitiger
Beeinflussung zwischen dem schon aussterbenden Symbolismus und den
anfänglichen antisymbolistischen Strömungen. Auf dem Prinzip der Abschiebung der
Tradition und unvermeidlichen Vererbung, formiert sich ein völlig unterschiedliches
poetisches Modell, mit einer neuen Darstellung und einem neuem Arsenal in den
künstlerischen Mitteln. Es transformiert die alten Sichtweisen und die Beziehungen
zum Verlauf des Daseins, situiert den Menschen in der Welt auf eine unbekannte
Weise, gibt neue Paradigmen für die Feststellung der menschlichen Identität vor.
3
Das Werk von Dalcev ist eine der ersten post- und antisymbolistischen
Erscheinungen in der bulgarischen Literatur. Seine erste Gedichte veröffentlichte
Dalcev als Mitglied des literarischen Kreises ,,Strelec" in Sofia, der sich für eine
europäisch geprägte, nationale Kultur einsetzte. Mit anderen Dichterkollegen verwarf
auch Dalcev zu dieser Zeit den Symbolismus, den er eine ,,tote Poesie" nannte, ,,aber
nicht zugunsten der Politisierung der Dichtung, sondern im Namen einer neuen
Ästhetik, die das Mystische und Abstrakte ablehnte und den Realitäten des Lebens
Rechnung tragen sollte, anderseits aber keineswegs weniger hohe künstlerische
Forderungen stellte" (Ch. Ognjanof). Dalcevs Gesamtwerk zählt nicht viel mehr als
hundert Gedichte.
2. Der erste Gedichtsband ,,Prozorec".
Schon in seinem ersten Gedichtsband ,,Prozorec" (Fenster) aus dem Jahre 1926,
zeichnet er ,,die Abwendung von den symbolistischen Schemen der Auswirkung, von
der abstrakten Mehrdeutigkeit und dem juwelirren Typ der Ausdrucksweise"
1
. Den
Dichter trennt und verbindet zugleich das ,,Fenster" von und mit der Welt, die er,
eingeschlossen hinter Wänden und Türen, beobachtet und erlebt. Aus der Position
des Postsymbolisten verwirft Dalcev den introvertierten Blick der Symbolisten in die
eigenen Seele. Seine Poesie lehnt die tiefe Psychologisierung und metaphysische
Nachdenklichkeit über die Welt, die Liebe und die Verdammnis ab. Dalcev hat sich
von den mystisch-verschwommenen Vorstellungen des Symbolismus, dessen
abstrakter Poesie und metaphysischen Visionen freigemacht und wendet sich dem
Gegenständlichen, dem Realen, dem Unpathetischen zu. Der Blick des Poeten ist
auf das Alltägliche und Materielle gerichtet, zu der früher nicht beliebten Welt der
Sachen, zu den hinter den Rücken geratenen Gefühlen der Sinne. Dalcev erkennt in
dem Symbolismus ein von Verbrauch ausgetrocknetes poetisches System, mit
aufgebrauchter emotionaler und philosophischer Ladung, abstrakte Unzugänglichkeit
und verkrusteter künstlerische Darstellung. Der Typ der symbolischen Reflexion der
Welt ist künstlich und unzulänglich für ihn, folglich unterliegt er Korrekturen,
Erneuerung und Verwerfung. An seiner Stelle schlägt Dalcev eine neue künstlerische
Struktur vor, eng mit den Sachen und dem Alltag verbunden. Dies ist die Welt der
1 Jordanov, A. ,,W sjankata na dumite", S.102, S., 1989.
4
monotonen Einsamkeit des Menschen und der schrecklichen Vergangenheit des
Lebens. Die neue Weltanschauung zwingt zur Neuem in der Technik der
künstlerischen Mittel. Die antisymbolistische Poesie befreit sich von den feinen
sprachlichen Konstruktionen, von dem glatten Rhythmus, von den sich fest
durchgesetzten lexikalischen Stampen und der Lyrik, von den strengen
Reimvarianten und den ,,spitzen"1 Worten. An ihre Stelle tritt in der Poesie von Dalcev
die künstlerische Ressource der bis dahin unakzeptierten gesprochenen Lexik, mit
ihren Prosaismen und unpoetischen Formen. Die Metapher wird rehabilitiert. Die
verbindliche Reimanpassung fällt aus, es kommen die ,,weiße" Strophen und die
Assonancen. Nüchterne Verse, häufig achtfüßige Jamben, in natürlicher Sprache
vermitteln eine sichtbare, gewöhnliche Welt und spiegeln Alltagsimpressionen:
Tazi bjala varosana zala na gradskata bolnica,
Dieser stets weiße, gekalkte
Saal in städtischen Hospitälern,
do samite steni prilepenite beli legla...
bis zu den Wänden geklebten
weiße Betten...
,,Bolnica"
(Krankenhaus)
Die Depoetisierung der Strophen ist mit einer Bewegung zurück zum Alltags
verbunden, mit Interesse zu dem Unbemerkbarem und dem Einfachen, zu dem
Details und den Strichen. Das lyrische Subjekt erkennt die Welt durch die
Gegenstände, die es umzingeln. Als er sie genauer anschaut, entdeckt er die
Zeichen seines ,,Ichs".
3. Das Sehen.
Eines der typischen Charakteristika der Dalcev′schen Poesie ist das
Sehen
, das
Hinsehen zu den Dingen und in die Welt als Ganzes. Der Mensch betrachtet die
Gegenstände wie noch nie zuvor; um zu der ,,ungewöhnlichen Bedeutung des
Gewöhnlichen"2 zu gelangen (nach den Worten von Milena Canewa). Die
Betrachtung klebt die einzelnen Details zusammen, verbindet sie zu einem Ganzen
2 Caneva, M. ,,Atanas Dalcev", 2B., S. 5-27, Sofia, 1984.
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