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Die bulgarische Postavantgarde der 60-er Jahre

Subtitle: Atanas Daltschev

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 24 Pages
Author: M.A. Diana Koch
Subject: Russian / Slavic Languages

Details

Event: Die bulgarische Postavantgarde der 1960- er Jahre
Institution/College: LMU Munich (Institut für slavische Philologie)
Tags: Postavantgarde, Jahre, Postavantgarde, Jahre
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2003
Pages: 24
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 7  Entries
Language: German
Archive No.: V86445
ISBN (E-book): 978-3-638-02108-1

File size: 240 KB

Abstract

Es ist kaum möglich Poesie einseitig zu lesen und zu interpretieren, ohne eine Reihe von schwierigen Fragen und semantischen Zweideutigkeiten zu provozieren. Noch weniger anwendbar wäre der eindeutige Zugang zu der poetischen Sprache von Atanas Dalčev. Das philosophische Potential dieser Sprache erlaubt keine verklemmten Antworten und Zugehörigkeit in die üblichen Denkpraktiken. Mit jeder erneuten Lesung ergänzt sich mein Blickpunkt zu dieser Poesie, so als ob er in der „Spiegelwelt“ von Dalčev kristallisiert, die von gegensätzlichen Werten und sich gegenseitig wiederspiegelnden Eigenschaften besteht. In die Visionen der reinen Gegenständlichkeit oder der modernen existentiellen Ideen eingesponnen, für die grobe, barbarische Sprache oder der Erschaffung eines neuen symbolischen Models, konstruiert die Poesie von Dalčev die Entstehung einer neuen Weltanschauung. Die radikale Beständigkeit, in der der Poet in seinem Anderssein besteht, gibt uns die Möglichkeit über eine andere Position in den globalen Fragen des menschlichen Daseins in der Welt, über die Einsamkeit und über den Lauf des Lebens nachzudenken. Zweifellos ist die Dichtung von Dalčev eine neue Erscheinung im bulgarischen Literaturprozess. Sie hat ästhetische, philosophische, sowie soziale Gründe. Die ästhetische Veränderung von der ersten Hälfte der 20 Jahre des vorigen Jh. charakterisiert sich mit Mehraspektischen und schwierigen gegenseitiger Beeinflussung zwischen dem schon aussterbenden Symbolismus und den anfänglichen antisymbolistischen Strömungen. Auf dem Prinzip der Abschiebung der Tradition und unvermeidlichen Vererbung, formiert sich ein völlig unterschiedliches poetisches Modell, mit einer neuen Darstellung und einem neuem Arsenal in den künstlerischen Mitteln. Es transformiert die alten Sichtweisen und die Beziehungen zum Verlauf des Daseins, situiert den Menschen in der Welt auf eine unbekannte Weise, gibt neue Paradigmen für die Feststellung der menschlichen Identität vor. Das Werk von Dalčev ist eine der ersten post- und antisymbolistischen Erscheinungen in der bulgarischen Literatur. Seine erste Gedichte veröffentlichte Dalčev als Mitglied des literarischen Kreises „Strelec“ in Sofia, der sich für eine europäisch geprägte, nationale Kultur einsetzte.


Excerpt (computer-generated)

L M U München Referentin:

Institut für slavische Philologie Diana

Vakarelova-Koch

SS 2003

Hauptseminar:

Die bulgarische Postavantgarde der 1960- er Jahre

Thema der Arbeit:

Die neue Art von poetischem Konventionalismus.

Entpsychologisierung, oder das lyrische Ich als Mensch-Automat:

Zurückgezogenheit, Schweigen und Entfremdung. Der Schwund

des Ichs in der Poetik von Atanas Dalcev

1


1.EINLEITUNG

3

1.1. Die Dichtung von Dalcev - eine neue Erscheinung im bulgarischen Literaturprozess.

3

2. DER ERSTE GEDICHTSBAND ,,PROZOREC".

4

3. DAS SEHEN.

5

4. DIE WELT DER GEGENSTÄNDE

6

5. DAS LYRISCHE SUBJEKT BEI DALCEV 7

6. SCHWEIGEN, VERFREMDUNG UND AUßENSEITERLICHKEIT.

8

7. DIE STIMME UND DAS VERSTUMMEN.

10

8. DIE FUNKTION DES BUCHS

11

9. DIE TÜREN BEI DALCEV 11

10. DAS FENSTER IN DEN WERKEN VON DALCEV 13

11. ,,COWEKT BE STWOREN OT KAL" .

15

12. DIE WELT DER KINDHEIT

16

13. DIE ÜBERSCHREITUNG DER GRENZE.

17

14. DAS GEDICHT ,,KNIGITE" UND DIE TRAURIGKEIT.

18

15. DASEIN - NICHTDASEIN

20

16. ZEICHEN DES ABSOLUTEN ZERFALLS. 21

17. FAZIT UND SCHLUSSWORT

22

2


1.Einleitung

Es ist kaum möglich Poesie einseitig zu lesen und zu interpretieren, ohne eine

Reihe von schwierigen Fragen und semantischen Zweideutigkeiten zu provozieren.

Noch weniger anwendbar wäre der eindeutige Zugang zu der poetischen Sprache

von Atanas Dalcev. Das philosophische Potential dieser Sprache erlaubt keine

verklemmten Antworten und Zugehörigkeit in die üblichen Denkpraktiken. Mit jeder

erneuten Lesung ergänzt sich mein Blickpunkt zu dieser Poesie, so als ob er in der

,,Spiegelwelt" von Dalcev kristallisiert, die von gegensätzlichen Werten und sich

gegenseitig wiederspiegelnden Eigenschaften besteht. In die Visionen der reinen

Gegenständlichkeit oder der modernen existentiellen Ideen eingesponnen, für die

grobe, barbarische Sprache oder der Erschaffung eines neuen symbolischen

Models, konstruiert die Poesie von Dalcev die Entstehung einer neuen

Weltanschauung. Die radikale Beständigkeit, in der der Poet in seinem Anderssein

besteht, gibt uns die Möglichkeit über eine andere Position in den globalen Fragen

des menschlichen Daseins in der Welt, über die Einsamkeit und über den Lauf des

Lebens nachzudenken.

1.1. Die Dichtung von Dal

c

ev - eine neue Erscheinung im
bulgarischen Literaturprozess.

Zweifellos ist die Dichtung von Dalcev eine neue Erscheinung im bulgarischen

Literaturprozess. Sie hat ästhetische, philosophische, sowie soziale Gründe. Die

ästhetische Veränderung von der ersten Hälfte der 20 Jahre des vorigen Jh.

charakterisiert sich mit Mehraspektischen und schwierigen gegenseitiger

Beeinflussung zwischen dem schon aussterbenden Symbolismus und den

anfänglichen antisymbolistischen Strömungen. Auf dem Prinzip der Abschiebung der

Tradition und unvermeidlichen Vererbung, formiert sich ein völlig unterschiedliches

poetisches Modell, mit einer neuen Darstellung und einem neuem Arsenal in den

künstlerischen Mitteln. Es transformiert die alten Sichtweisen und die Beziehungen

zum Verlauf des Daseins, situiert den Menschen in der Welt auf eine unbekannte

Weise, gibt neue Paradigmen für die Feststellung der menschlichen Identität vor.

3


Das Werk von Dalcev ist eine der ersten post- und antisymbolistischen

Erscheinungen in der bulgarischen Literatur. Seine erste Gedichte veröffentlichte

Dalcev als Mitglied des literarischen Kreises ,,Strelec" in Sofia, der sich für eine

europäisch geprägte, nationale Kultur einsetzte. Mit anderen Dichterkollegen verwarf

auch Dalcev zu dieser Zeit den Symbolismus, den er eine ,,tote Poesie" nannte, ,,aber

nicht zugunsten der Politisierung der Dichtung, sondern im Namen einer neuen

Ästhetik, die das Mystische und Abstrakte ablehnte und den Realitäten des Lebens

Rechnung tragen sollte, anderseits aber keineswegs weniger hohe künstlerische

Forderungen stellte" (Ch. Ognjanof). Dalcevs Gesamtwerk zählt nicht viel mehr als

hundert Gedichte.

2. Der erste Gedichtsband ,,Prozorec".

Schon in seinem ersten Gedichtsband ,,Prozorec" (Fenster) aus dem Jahre 1926,

zeichnet er ,,die Abwendung von den symbolistischen Schemen der Auswirkung, von

der abstrakten Mehrdeutigkeit und dem juwelirren Typ der Ausdrucksweise"

1

. Den

Dichter trennt und verbindet zugleich das ,,Fenster" von und mit der Welt, die er,

eingeschlossen hinter Wänden und Türen, beobachtet und erlebt. Aus der Position

des Postsymbolisten verwirft Dalcev den introvertierten Blick der Symbolisten in die

eigenen Seele. Seine Poesie lehnt die tiefe Psychologisierung und metaphysische

Nachdenklichkeit über die Welt, die Liebe und die Verdammnis ab. Dalcev hat sich

von den mystisch-verschwommenen Vorstellungen des Symbolismus, dessen

abstrakter Poesie und metaphysischen Visionen freigemacht und wendet sich dem

Gegenständlichen, dem Realen, dem Unpathetischen zu. Der Blick des Poeten ist

auf das Alltägliche und Materielle gerichtet, zu der früher nicht beliebten Welt der

Sachen, zu den hinter den Rücken geratenen Gefühlen der Sinne. Dalcev erkennt in

dem Symbolismus ein von Verbrauch ausgetrocknetes poetisches System, mit

aufgebrauchter emotionaler und philosophischer Ladung, abstrakte Unzugänglichkeit

und verkrusteter künstlerische Darstellung. Der Typ der symbolischen Reflexion der

Welt ist künstlich und unzulänglich für ihn, folglich unterliegt er Korrekturen,

Erneuerung und Verwerfung. An seiner Stelle schlägt Dalcev eine neue künstlerische

Struktur vor, eng mit den Sachen und dem Alltag verbunden. Dies ist die Welt der

1 Jordanov, A. ,,W sjankata na dumite", S.102, S., 1989.

4


monotonen Einsamkeit des Menschen und der schrecklichen Vergangenheit des

Lebens. Die neue Weltanschauung zwingt zur Neuem in der Technik der

künstlerischen Mittel. Die antisymbolistische Poesie befreit sich von den feinen

sprachlichen Konstruktionen, von dem glatten Rhythmus, von den sich fest

durchgesetzten lexikalischen Stampen und der Lyrik, von den strengen

Reimvarianten und den ,,spitzen"1 Worten. An ihre Stelle tritt in der Poesie von Dalcev

die künstlerische Ressource der bis dahin unakzeptierten gesprochenen Lexik, mit

ihren Prosaismen und unpoetischen Formen. Die Metapher wird rehabilitiert. Die

verbindliche Reimanpassung fällt aus, es kommen die ,,weiße" Strophen und die

Assonancen. Nüchterne Verse, häufig achtfüßige Jamben, in natürlicher Sprache

vermitteln eine sichtbare, gewöhnliche Welt und spiegeln Alltagsimpressionen:

Tazi bjala varosana zala na gradskata bolnica,

Dieser stets weiße, gekalkte

Saal in städtischen Hospitälern,

do samite steni prilepenite beli legla...

bis zu den Wänden geklebten

weiße Betten...

,,Bolnica"

(Krankenhaus)

Die Depoetisierung der Strophen ist mit einer Bewegung zurück zum Alltags

verbunden, mit Interesse zu dem Unbemerkbarem und dem Einfachen, zu dem

Details und den Strichen. Das lyrische Subjekt erkennt die Welt durch die

Gegenstände, die es umzingeln. Als er sie genauer anschaut, entdeckt er die

Zeichen seines ,,Ichs".

3. Das Sehen.

Eines der typischen Charakteristika der Dalcev′schen Poesie ist das

Sehen

, das

Hinsehen zu den Dingen und in die Welt als Ganzes. Der Mensch betrachtet die

Gegenstände wie noch nie zuvor; um zu der ,,ungewöhnlichen Bedeutung des

Gewöhnlichen"2 zu gelangen (nach den Worten von Milena Canewa). Die

Betrachtung klebt die einzelnen Details zusammen, verbindet sie zu einem Ganzen

2 Caneva, M. ,,Atanas Dalcev", 2B., S. 5-27, Sofia, 1984.

5



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