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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2000, 50 Pages
Author: Daniel Poli
Subject: Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Details
Institution/College: Free University of Berlin (Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft)
Tags: Foucault, Subjekt
Year: 2000
Pages: 50
Grade: 1,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-15575-5
ISBN (Book): 978-3-638-69752-1
File size: 320 KB
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Abstract
Erst die späten Werke Michel Foucaults, die einen Wechsel der Perspektive auf das Subjekt vollziehen, lassen das Gesamtwerk des Theoretikers als solches erkennen und bieten den Schlüssel zum Verständnis dessen, was Foucaults theoretisches sowie politisches Anliegen war. Der viel zitierten These, es gebe einen radikalen Bruch in Foucaults Werk, möchte die Arbeit Foucaults eigenes Verständnis einer Kontinuität entgegensetzen. Statt zu postulieren, Foucault spräche in seinem Spätwerk „zum ersten Mal seit gut zehn Jahren wieder von einer freien Subjektivität“, wird dargelegt, das Foucault das Phänomen der Subjektivierung über die Zeit aus verschiedenen Blickwinkeln analysiert hat, nämlich zunächst von außen und später von innen. Die Hinwendung zum Subjekt in den späten Werken steht dabei in einem engen Zusammenhang mit einer „Ästhetik der Existenz“, die Foucault in den antiken Überlieferungen findet und hieraus eine Ethik formuliert. Das ethische Interesse in Foucaults spätem Werk war jedoch nicht mit einer Abkehr von einem politischen Interesse verbunden, einem Rückzug in eine privatistische Moral. Im Gegenteil rückte Foucault die Praxis der Ethik oder „die Politik als eine Ethik“ in den Mittelpunkt seiner letzten Schriften, weil er erkannte, dass unsere politische Kultur einen bestimmten Modus der politischen Beziehung auf das Selbst beinhaltet. Denn nur die „Selbstpolitik“ könne uns von einer „Seele“ und einer „Selbstbeziehung“ befreien, die von sehr spezifischen Kräften des Wissens, der Macht und der Subjektivierung definiert worden seien.
Excerpt (computer-generated)
Die Wendung zum Subjekt in Michel Foucaults Werk
von Daniel Poli
Inhalt
1. Einleitung 4
2. Foucaults Machtkonzept 7
3. Die äußeren Subjektkonstitutionen 10
3.1 Biomacht 10
3.2 Die nicht-diskursiven Praktiken der Subjektkonstitution 11
3.2 Die diskursiven wissenserzeugenden
Praktiken der Subjektkonstitution 14
4. Die Selbstkonstitution 18
4.1 Pastoralmacht als Negativfolie der Selbstkonstitution 18
4.2 Die Selbstkonstitution in der Antike 20
4.2.1 Die Selbstpraktiken der klassischen griechischen Antike 20
4.2.2 Die Selbstpraktiken der Spätantike 22
4.3 Selbstanteil an der äußeren Subjektkonstitution 24
5. Ethik, Freiheit und Widerstand 28
5.1 Selbstkonstitution als Freiheit zu, eine Ethik 28
5.2 Selbstkonstitution als Widerstand 30
5.3 Freiheit von als Voraussetzung der ethischen Praxis 32
6. Grenzen der Freiheit: Gesellschaftliche Normierungen 34
6.1 Hegemonie und symbolische Kämpfe 35
6.2 Die Grenzen der Freiheit heute 38
7. Fazit 44
8. Literaturangaben 47
1. Einleitung
Erst die späten Werke Michel Foucaults, die einen Wechsel der Perspektive auf das Subjekt vollziehen, lassen das Gesamtwerk des Theoretikers als solches erkennen und bieten in meinen Augen den Schlüssel zum Verständnis dessen, was Foucaults theoretisches sowie politisches Anliegen war. Der viel zitierten These, es gebe einen radikalen Bruch in Foucaults Werk , möchte ich Foucaults eigenes Verständnis einer Kontinuität entgegensetzen. Statt zu behaupten, Foucault spräche in seinem Spätwerk "zum ersten Mal seit gut zehn Jahren wieder von einer freien Subjektivität" , möchte ich darlegen, das Foucault das Phänomen der Subjektivierung über die Zeit aus verschiedenen Blickwinkeln analysiert hat, nämlich zunächst von außen und später von innen.
Die Hinwendung zum Subjekt in den späten Werken steht dabei in einem engen Zusammenhang mit einer "Ästhetik der Existenz", die Foucault in den antiken Überlieferungen findet und hieraus eine Ethik formuliert. Das ethische Interesse in Foucaults spätem Werk war jedoch nicht mit einer Abkehr von einem politischen Interesse verbunden, einem Rückzug in eine privatistische Moral. Im Gegenteil rückte Foucault die Praxis der Ethik oder "die Politik als eine Ethik" in den Mittelpunkt seiner letzten Schriften, weil er erkannte, daß unsere politische Kultur einen bestimmten Modus der politischen Beziehung auf das Selbst beinhaltet. Denn nur die "Selbstpolitik" könne uns von einer "Seele" und einer "Selbstbeziehung" befreien, die von sehr spezifischen Kräften des Wissens, der Macht und der Subjektivierung definiert worden seien. Diese Politik befinde sich im Widerstand gegenüber einer Form der Macht, die "das Individuum in Kategorien einteilt, ihm seine Individualität aufprägt, es an seine Identität fesselt, ihm ein Gesetz der Wahrheit auferlegt, das es anerkennen muß und das andere in ihm anerkennen müssen." Die aktuellen politischen Kämpfe kreisen nach Foucault demnach um die Frage, wer wir sind und "weisen die Abstraktionen ab, die ökonomische und ideologische Staatsgewalt, die nicht wissen will, wer wir als Individuen sind, die wissenschaftliche und administrative Inquisition, die bestimmt, wer man sei." Der Widerstand verweigere sich also einerseits der Festlegung dessen, wer wir sind, der auferlegten Subjektivierung und müsse anderseits Techniken fördern, die es erlauben, neue Formen von Subjektivität zu erfinden. Foucaults theoretisches und politisches Anliegen stellt sich nun dahingehend dar, daß er die Formen der Selbsttechniken zur Erfindung der eigenen Subjektivität aufzeigen möchte und sie gleichzeitig als politischen Akt versteht, der als eine "Lebenskunst gegen alle schon vorhandenen oder drohenden Formen des Faschismus" seine praktische Verwendung finden kann.
Ich möchte in dieser Arbeit zeigen, daß Michel Foucault in seinem Werk den Prämissen einer kritischen Gesellschaftstheorie folgt, indem er Strukturen der gesellschaftlichen Herrschaft aufdeckt und gleichzeitig auch die sozialen Ressourcen für ihre praktische Überwindung zu seinem Thema macht. Mich interessiert nun daran, welche Relevanz die foucaultsche Theorie für eine heutige Analyse der gesellschaftlichen Machtbeziehungen unter der veränderten Perspektive auf das Subjekt haben kann. Dazu sollen die Fragen, welche gesellschaftlichen Machtpraktiken das Subjekt formen, die Grenzen der freien Selbstkonstitution setzen und welche politische Praxis des Widerstandes dem entgegengesetzt werden kann, im Mittelpunkt der Arbeit stehen.
Zu Beginn der Arbeit werde ich das foucaultsche Machtkonzept skizzenhaft darlegen, um die Grundkategorien einzuführen, und das Verhältnis von Macht, Wissen und Subjektivität herauszustellen. Daran anschließend werde ich die Frage der Subjektkonstitution behandeln und in zwei Bereiche, den der äußeren Subjektkonstitution und den der Selbstkonstitution von innen, aufteilen. Diese Unterscheidung soll den Perspektivenwechsel in Foucaults Werk verdeutlichen, jedoch keinen ausschließenden Gegensatz kennzeichnen. Die äußeren Praktiken der Subjektkonstitution werde ich unter dem Konzept der Biomacht darstellen und dabei die nicht-diskursiven Praktiken der Subjektkonstitution aus "Überwachen und Strafen", sowie der diskursiven, wissenserzeugenden Technik aus "Der Wille zum Wissen" beschreiben.
Nach den Darstellungen der äußeren Subjektkonstitutionen werde ich die Verschiebung hin zu den Praktiken der Selbstkonstituierung in den Werken "Sexualität und Wahrheit 2 und 3" herausarbeiten. Dazu soll das Konzept der Pastoralmacht als Negativfolie zu den antiken Praktiken des Selbst dienen. Anschließend möchte ich den Selbstanteil an den äußeren Praktiken problematisieren, um deutlich zu machen, daß die Machtbeziehungen der äußeren Subjektkonstitution keine totalitäre Herrschaft, sondern fragile Beziehungen darstellen, innerhalb derer Widerstand möglich ist. An diesem Punkt zeigt sich dann auch die Kontinuität des foucaultschen Werks.
Das fünfte Kapitel der Arbeit widmet sich dann dem politische Anliegen Foucaults. Hier werde ich anhand der Fragen von Ethik, Freiheit und des Widerstandspotentials die bis dahin gewonnen Erkenntnisse nutzen, um die foucaultschen Ethik unter dem Gesichtspunkt einer politischen Praxis zu diskutieren.
Ich möchte dann zeigen, daß in Foucaults Werk, unter dem Perspektivenwechsel auf das Subjekt, ein politisch-normativer Anspruch begründet ist, der jedoch in der Machtanalyse nicht genügend reflektiert wird. Foucaults Analysen gehen zwar darauf ein, die Wirkungsweise der gesellschaftlichen Normierungskräfte zu erklären, doch befassen sie sich nur marginal mit der Frage nach ihrer Veränderbarkeit oder Entstehung.
Diese Fragen sollen im sechsten Kapitel anhand von Begriffen wie Hegemonie und symbolischen Kämpfen diskutiert werden, um die foucaultsche Analyse mit einer Dimension der Macht zu erweitern, die ihren Fokus auf normative Kräfte richtet und die Genese gesellschaftlicher Normen thematisiert. Somit kann auch das normativ-politische Anliegen Foucaults einen Platz in der Analyse finden, da auch Foucaults politische Forderung nach einem herrschaftsfreien gesellschaftlichen Zustand als Teil eines sozialen Kampfes um gesellschaftliche Normen verstanden werden muß.
Zum Ende der Arbeit versuche ich dann zu erörtern, was eine heutige Betrachtung der gesellschaftlichen Normierungen aus der foucaultschen Analyse übernehmen kann, welche Dimension der Macht noch zu berücksichtigen ist und welche Widerstandspotentiale die Ethik Michel Foucaults heute birgt.
2. Foucaults Machtkonzept
[...]
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