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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 30 Pages
Author: Matthias Heise
Subject: Sociology - Economy and Industry
Details
Institution/College: http://www.uni-jena.de/ (Institut für Soziologie)
Tags: Ende, Deutschland, Shareholder-Value-Orientierung, Wandel, Managements, Konzernen, Soziologie, Wirtschaft
Year: 2005
Pages: 30
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 41 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-01184-6
ISBN (Book): 978-3-638-91764-3
File size: 240 KB
Die Arbeit stellt eine gelungene Übersicht über den Wandel des Managements in deutschen Unternehmen her und diskutiert zielgerichtet nationale wie internationale Einflüsse, die unter dem Schlagwort des Shareholder-Value die Debatte bestimmen. Die Analyse geht weit über das übliche Niveau einer Hausarbeit hinaus.
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Abstract
Wer sich einhellig mit der Entwicklung der deutschen Wirtschaft seit 1990 beschäftigt, wird feststellen, dass sich deutsche Unternehmen dem Wandel der letzten fünfzehn Jahre nicht verschlossen haben, sondern ihn aktiv mitgestalteten. Die Führungsetagen vor allem international agierender Unternehmen erkannten die Herausforderungen des zunehmenden globalen Wettbewerbs um Wertschöpfungsvorteile und veränderten daraufhin ihre unternehmerischen Strategien. Unumstößlich festzustellen ist in dieser Hinsicht die Auflösung der für Deutschland bis in 1990er Jahre typischen Verflechtung der Finanz- und Industriebranche durch gegenseitige Unternehmensanteile. Dies resultierte in einer Verflechtung nationaler Kontrollmechanismen im Unternehmensbereich großer Konzerne. Vielfach wurde im Zusammenhang mit diesem Wandelungsprozess im deutschen Management vom „Untergang der ‚Deutschland AG’“ bzw. des die Bundesrepublik kennzeichnenden Wirtschaftsmodells des „Rheinischen Kapitalismus“ gesprochen. Diese Arbeit untersucht, auf welcher Grundlage der Wandel basiert. Es muss das Modell des Rheinischen Kapitalismus in einer gründlichen Darstellung angeführt werden, bevor das Phänomen des Wandels des deutschen Managements einer genaueren Überprüfung unterzogen werden kann. Insbesondere die zwei Theorieansätze des institutionellen Wandels und der kulturellen Selektion liefern eine profunde Grundlage für die Erklärung des Wandels im Management. Darüber hinaus wird analysiert, welche Variablen in Betracht gezogen werden müssen um zu erklären, was sich in der „Deutschland AG“ verändert hat (und was nicht) und warum sie sich einem Veränderungsprozess unterzogen hat?
Excerpt (computer-generated)
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Hausarbeit
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HS ,,Soziologie der Wirtschaft"
Vorgelegt von
Matthias Heise
Inhalt
1. Einleitung 3
2. Theoretische Einführung 5
3. Das Model des Rheinischen Kapitalismus 9
4. Kontinuität und Wandel der Deutschland AG 11
4.1 Der Wandel der Deutschland AG: Eine Beobachtung 11
4.2 Kontinuitäten im Rheinischen Kapitalismus: Fal beispiel Mitbestimmung? 19
5. Fazit: Persistenz? Systemwechsel? ,,Anglo-Saxonisation"? 23
Literatur 27
2
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Wer sich einhellig mit der Entwicklung der deutschen Wirtschaft in den Jahren seit dem
Ende des Ost-West-Konfliktes und der damit einhergehenden Verstärkung bestimmter glo-
baler Tendenzen wie der zunehmenden Verflechtung und Interaktion ganzer Volkswirt-
schaften beschäftigt, wird zwangsläufig feststellen (müssen), dass sich deutsche Unterneh-
men diesem Wandel der letzten fünfzehn Jahre nicht verschlossen haben, sondern ihn aktiv
mitgestalteten. Die Führungsetagen vor allem international agierender Firmen(-gruppen)
erkannten die sich abzeichnenden Veränderungen eines graduell ansteigenden, internationa-
len, um nicht zu sagen globalen Wettbewerbes um Wertschöpfungsvorteile und veränderten
daraufhin ihre unternehmerischen Strategien. Unumstößlich festzustellen ist in dieser Hin-
sicht die Auflösung der für Deutschland bis in 1990er Jahre typischen Verflechtung der
Finanz- und Industriebranche durch gegenseitige Unternehmensanteile und somit die Ver-
flechtung nationaler Kontrollmechanismen im Unternehmensbereich großer Konzerne.1
Vielfach wurde im Zusammenhang mit diesem Wandelungsprozess im deutschen Mana-
gement vom Untergang der ,,Deutschland AG" bzw. des die Bundesrepublik kennzeichnen-
den Wirtschaftsmodells des ,,Rheinischen Kapitalismus" gesprochen.2
Diese Arbeit soll keineswegs dem Ziel nahe stehen, einen Nachruf auf den Rheinischen
Kapitalismus zu formulieren, geschweige denn einen Abgesang auf deutsche (und europäi-
sche) Besonderheiten des unternehmerischen Handelns zu beschwören. Ganz im Gegenteil:
Es wird zu zeigen sein, dass sich nationale (und in gewisser Hinsicht auch stets europäi-
sche) Eigenheiten wirtschaftlichen Handelns erhalten haben. Wenn daher von Wandel im
deutschen Management gesprochen werden soll, so erscheint es zunächst sinnvoll knapp zu
umfassen, auf welcher Grundlage der Wandel basiert. Mit anderen Worten: Es muss das
Modell des Rheinischen Kapitalismus in einer gründlichen Darstellung angeführt werden,
bevor das Phänomen des Wandels des deutschen Managements einer genaueren Überprü-
fung unterzogen werden kann. Insbesondere die zwei Theorieansätze des institutionellen
An dieser Stelle sei insbesondere auf die konstruktiven Hinweise von Steffen Friedrich verwiesen, der als
Co-Referent im Vorfeld mit dankenswerter Zuarbeit an der Entstehung dieses Schriftstückes beteiligt war.
1 In diesem Zusammenhang muss explizit darauf verwiesen werden, dass es sich in der hier vorliegenden
Untersuchung nicht um eine Analyse des gesamten Wirtschaftssektors der Bundesrepublik Deutschland
handelt. Eine Einschränkung wird insofern vorgenommen, dass nur der Wandel im Management von gro-
ßen Aktiengesellschaften und Konzernen von Bedeutung ist. Gleichwohl wird der Kürze halber allgemein
von Unternehmen die Rede sein.
2 Vgl. dazu u. a. den Sammelband von Wolfgang Streeck und Martin Höpner, insbesondere aber darin den
Beitrag von Jürgen Beyer: Jürgen Beyer, Deutschland AG a.D.: Deutsche Bank, Allianz und das Ver-
flechtungszentrum des deutschen Kapitalismus, in: Wolfgang Streeck/ Martin Höpner (Hrsg.), Alle Macht
dem Markt? Fallstudien zur Abwicklung der Deutschland AG, Frankfurt am Main 2003, S. 118-146.
3
Wandels und der kulturellen Selektion stehen im Verdacht, eine profunde Grundlage für die
Erklärung des institutionellen Wandels im Management zu liefern. Darüber hinaus wird
bedacht, an welchen kausalen Beziehungen der Wandel ,, festgemacht" werden kann. Soll
heißen: Welche Variablen müssen in Betracht gezogen werden, die erklären können, was
sich in der ,, Deutschland AG" verändert hat (und was nicht) und warum es sich einem Ver-
änderungsprozess unterzogen hat? Über all dem schwebt wie das Schwert des Damokles
am seidenen Faden der ,, Kampfbegriff" des Shareholder-Value. In einer teils ideologisch
hitzigen Debatte hat sich jenes Schlagwort für einen allgemein gültigen Erklärungsansatz in
der öffentlichen, wenn nicht herrschenden Meinung herausgebildet, dass den Wandel des
Managements ursächlich erklären will. Dies gelingt der Debatte und dem Schlagwort selbst
mitnichten.
An dieser Stelle sei daher ganz besonderer Dank den Autoren von ,, Manager im Größen-
wahn" geschuldet,3 die deutlich herausgearbeitet haben, dass das Schlagwort vom Share-
holder-Value vielfach zur Verbrämung einer neuartigen Managementorientierung gebraucht
werde, ohne dass es vom misslichen Verhalten einzelner gieriger Manager terminologisch
scharf getrennt werde, die mit den Aktien ihrer eigenen Firmen bis hin zum Börsenschwin-
del spekulieren. Jene zerschlagen damit alle Grundpfeiler des ethischen und sozial-
verantwortlichen wirtschaftlichen Handelns sowie das in die Wirtschaft gesetzte Vertrauen.
Kritiker des Shareholder-Value, die eben genannte Verletzungen als grundlegende Maxime
der Shareholder-Value-Orientierung erkannt haben wollen, bringen damit andererseits eine
beachtenswerte Theorie strategischen Handelns in Verruf. Die hier vorliegende Arbeit wird
deshalb insoweit es der knappen Analyse zumutbar ist versuchen, mit allen ideologi-
schen Vorurteilen und meinungspolitischen Schnellschüssen aufzuräumen, die der Erklä-
rung des Wandels des deutschen Managements zum aus dem Wirtschaftssystem der Verei-
nigten Staaten ,, exportierten" Shareholder-Value in keiner Weise dienlich sind.
3 Vgl. Erwin K. Scheuch und Ute Scheuch, Manager im Größenwahn oder der irrationale Faktor, Berlin
2001.
4
7KHRUHWLVFKH (LQIKUXQJ
In dieser Arbeit soll untersucht werden, was den deutschen Wirtschaftssektor im Besonde-
ren kennzeichnet und wie bzw. ob er sich einem Wandelprozess unterzogen hat. Außerdem
interessiert, welche Einflüsse hierbei maßgebend waren. Dabei ist zunächst Grundlegendes
zu beachten. Wie alle gesellschaftlichen (Sub-)Systeme ist auch der ökonomische Sektor in
das Gesamtgefüge einer Gesellschaft eingebettet.4 Er folgt und gliedert sich gemäß den
,, sozialen Strukturen, Typen und Verhaltensweisen" der Gesellschaft. Die Institutionen ei-
ner Gesellschaft unterliegen einem steten kulturellen Wandel, jedoch sind sie ,, Münzen
[...], die nicht leicht schmelzen. Sind sie einmal geprägt, so überdauern sie möglicherweise
Jahrhunderte." 5 In dem hier vorliegenden Schriftstück stellt sich die Frage, wie es theore-
tisch möglich ist, den institutionellen Wandel zu erklären. Hierbei haben vor allem die
Transaktionskostentheorie und die Theorie der kulturellen Selektion maßgebenden Einfluss
auf einen brauchbaren Ansatz, nicht zu verachten ist jedoch der theoretische Ansatz der
9DULHWLHV RI &DSLWDOLVP.
Die Transaktionskostentheorie besagt, dass der Markt über Angebot, Nachfrage und Preis
hinaus ,, ein System sozialer Interaktionen [ist], das durch soziale Normen und Regeln ge-
steuert wird. Der Markt ist in das System der jeweiligen Gesellschaft ,eingebettet′ und sei-
ne Strukturen werden durch Kultur und Traditionen beeinflusst." 6 Die Gesellschaft wählt
jene Institutionen aus, die die Transaktionskosten verringern, um die Funktionsfähigkeit der
Märkte zu erhöhen. Zu beachten ist hierbei vor allem, dass der Wandel von Institutionen
selbst (hohe) Transaktionskosten verursacht. Je höher diese Kosten sind, desto unwahr-
scheinlicher ist der Wandel. Sozialer Wandel wird zu kostspielig, die Akteure scheuen aus
Kostengründen eine Veränderung und bevorzugen somit den Status Quo. Das heißt außer-
dem, dass die Beseitigung ineffizienter Institutionen durchweg teurer als ihr Fortbestand zu
bewerten ist. Somit sind es die verbleibenden Institutionen selbst, die qua Existenz den
Wandel maßgeblich beeinflussen. In den Sozialwissenschaften spricht man in diesem Zu-
sammenhang auch von der Pfadabhängigkeit (,, path-dependency" ) des Wandels kultureller
Institutionen.7 Nun befördert eine solche theoretische Perspektive auf Institutionen stets,
dass ihnen das Image eines ,, Reformbremsers" anhaftet. Doch greift dies zu kurz, denn man
4 Vgl. hierzu Niklas /XKPDQQ, Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie, 4. Aufl., Frankfurt
am Main 1991.
5 Paul :LQGROI, Zur Zukunft des Rheinischen Kapitalismus, in: Jutta Allmendinger und Thomas Hinz
(Hrsg.), Organisationssoziologie, Wiesbaden 2002 (Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsycho-
logie, Sonderheft 42), S. 414-442, hier S. 415.
6 Vgl. :LQGROI, Zur Zukunft des Rheinischen Kapitalismus, S. 415f.
7 Vgl. u. a. Wolfgang %DO]HU, Soziale Institutionen, Berlin/New York 1993.
5
kann andererseits Institutionen nicht absprechen, ihre Effizienz und folglich ihren gesell-
schaftlichen Nutzen damit zu erhöhen bzw. ihren Fortbestand zu sichern, indem sie sich
einem ständigen Lernprozess unterwerfen.8 Dieser Lernprozess mag wiederum gewisse
Komponenten filtrieren, die für die effiziente Weiterentwicklung der Institution zunächst
hilfreich erscheinen und somit den Wandel zu einem inkrementellen Prozess formen, in
dem bestimmte institutionelle Elemente doch intakt bleiben können (,, institutional laye-
ring" ).9 Eine weitere Form des pfadabhängigen Wandels ist die Konvertierung (,, converting
institutions" ). ,, Institutionen können von Personengruppen und für Ziele genutzt werden,
für die sie ursprünglich nicht gemacht wurden." 10
Die Theorie des institutionellen Wandels wird hier gestützt mittels des Theorieansatzes der
kulturellen Selektion. Er skizziert die Kompatibilität einer Institution in Bezug zu den kul-
turellen Werten einer Gesellschaft. Trifft eine soziale Institution auf den Umstand der ge-
sellschaftlichen (Werte-) Inkompatibilität, so ruft sie soziale Konflikte hervor, die entweder
die Verringerung der Transaktionskosten zunichte machten oder bezeugen, dass sie im
Vorhinein schon nicht durchsetzungsfähig war.11
Nützlich für den hier vorliegenden Untersuchungsgegenstand scheint auch der in Kreisen
der Wirtschaftstheoretiker gehandelte Ansatz der ,, Varieties of Capitalism" zu sein. Insbe-
sondere gilt hier der Leitsatz, dass es nicht nur einen, sondern viele Kapitalismen gibt.12
Dahinter verbirgt sich die Ansicht, dass es nicht auf einzelne Faktoren im institutionellen
Wandel ankommt. Vielmehr müssen Volkswirtschaften als Produktionsregime, als ein Zu-
sammenspiel bestimmter sozioökonomischer Institutionen angesehen werden.13 Deutlicher
ausgedrückt, resultiert der ökonomische Erfolg von Volkswirtschaften aus der ,, Kohärenz
institutioneller Konfigurationen" bzw. aus der logischen Verknüpfung der koordinierten
Institutionen, welche schließlich zu funktionalen Spezialisierungen der konkurrierenden
8 Vgl. insgesamt Windolf, Zur Zukunft des Rheinischen Kapitalismus, S. 416f.
9 Vgl. Martin Höpner und Gregory Jackson, Das deutsche System der Coporate Governance zwischen
Persistenz und Konvergenz, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 54 (2002) 2, S.
362-368, hier S. 363.
10 Ebd., S. 364.
11 Vgl. Windolf, Zur Zukunft des Rheinischen Kapitalismus, S. 418.
12 Vgl. dazu Windolf, Zur Zukunft des Rheinischen Kapitalismus, S. 415, und Martin Höpner, Unterneh-
mensmitbestimmung und Mitbestimmungskritik, Beitrag zur Diskussionsveranstaltung ,, Die Zukunft der
Unternehmensmitbestimmung, Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln, 23. April 2004,
www.mpi-fg-koeln.mpg.de/ak/doks/Hoepner_Unternehmensmitbestimmung.pdf, 2. Dezember 2005, S.
16f.
13 Es liegt hier nahe, den Begriff des Regimes etwas deutlicher hervorzuheben, um unterstützend auf die
weitergehende Argumentation einzuwirken. Der Begriff erfasst ,, Regime als Komplexe von Prinzipien,
Normen, Regeln und Entscheidungsverfahren, d.h. [von] institutionalisierte[n] Arrangements zur Lösung
von Problemen." Reinhard Meyers, Art. Theorien Internationaler Kooperation und Verflechtung, in: Wi-
chard Woyke (Hrsg.), Handwörterbuch Internationale Politik, Bonn 2000, S. 448-489, hier S. 454.
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