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Scholary Paper (Seminar), 2007, 16 Pages
Author: Sebastian Tanneberger
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: Technical University of Braunschweig (Institut für Germanistik)
Tags: Wagner, Kindermörderin, Drama, Sturm, Drang
Year: 2007
Pages: 16
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 8 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-02724-3
ISBN (Book): 978-3-638-94523-3
File size: 132 KB
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Abstract
Susanna Margaretha Brandt ist die wohl bekannteste Kindsmörderin des 18. Jahrhunderts. Ihr Fall wurde nicht nur in Goethes Faust in Form der Gretchen-Tragödie literarisch verarbeitet, auch Heinrich Leopold Wagner ließ sich von dem Motiv Brandts zu dem Drama Die Kindermörderin inspirieren. Susanna Margaretha Brandt zog 1770 von Mainz nach Frankfurt, um im Gasthaus „Zum Einhorn“ als Magd zu arbeiten. Im gleichen Jahr kam Goethe nach Frankfurt. Er hatte zu einem späteren Zeitpunkt durch seine familiären Verbindungen und seine Ausbildung zum Juristen Einsicht in sämtliche Prozessunterlagen. Sein Onkel leitete das Verhöramt, sein Großonkel und Großvater gehörten dem Rat an. Des Weiteren pflegte Goethe intensive Kontakte zu den am Prozess beteiligten Schreibern und Medizinern. Susannas Eltern waren früh verstorben. Als Waise fand sie sich bereits als junges Mädchen von Geburt an in der untersten Bevölkerungsschicht wieder, hatte dennoch stets die Hoffnung, wie ihre Schwester, durch eine vorteilhafte Heirat gesellschaftlich aufzusteigen. Ihre Arbeit im Gasthaus „Zum Einhorn“ brachte der damals 25jährigen finanziell nicht viel ein. Es gehörte zu den „einfachen“ Häusern und die Wirtin hatte von der Stadtverwaltung nicht die Erlaubnis bekommen, fremde Gäste zu bewirten. 1770 lernte Susanna einen Holländer kennen und wurde nach einmaligem Geschlechtsverkehr von ihm schwanger. Eine wirkliche Chance auf eine gemeinsame Zukunft bestand für die beiden jedoch nicht. Durch seinen Beruf als Handelsdiener oder Goldschmied (über seinen Beruf gibt es unterschiedliche Angaben) verlässt er Frankfurt nach kurzer Zeit und zieht nach St. Petersburg. Er hatte jedoch nie die Absicht, Susanna zu heiraten. Die Magd sah für sich und das Kind keine Zukunft. In den ersten Monaten leugnete sie konsequent gegenüber ihren Schwestern und ihrer Arbeitgeberin eine Schwangerschaft. Auch ärztlich Untersuchungen konnten nicht attestieren, dass Susanna ein uneheliches Kind erwartete. Die bleibenden Zweifel seitens ihrer Arbeitgeberin führten dazu, dass sie als Magd entlassen wurde. Am Tag ihrer Entlassung, den 2. August 1771, brachte sie ihr Kind zur Welt und tötet es direkt nach der Geburt. Die Wirtin fand im Gasthaus eine Blutlache und informierte Susannas Schwester Hechtel. Ihr gegenüber gestand Susanna die Tat und flüchtete nach Mainz.
Excerpt (computer-generated)
TECHNISCHE UNIVERSITÄT CAROLO- WILHELMINA ZU BRAUNSCHWEIG
Institut für Germanistik
Seminar: Sturm und Drang (Aufbaumodul 1 Teilmodul 1)
WS 06/07
H.L. Wagner: Die Kindermörderin
- ein soziales Drama-
Sebastian Tanneberger
Germanistik, Mathematik und ihre Vermittlung
3. Semester
Inhaltsverzeichnis
1. Die Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt 3
2. Evchen Humbrecht: Die Kindermörderin in Wagners Drama 5
3. Evchen und Gretchen im Vergleich 11
4. Fazit 14
5. Literaturverzeichnis 15
2
1. Die Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt
Susanna Margaretha Brandt ist die wohl bekannteste Kindsmörderin des 18. Jahrhunderts. Ihr
Fall wurde nicht nur in Goethes
Faust
in Form der
Gretchen-Tragödie
literarisch verarbeitet,
auch Heinrich Leopold Wagner ließ sich von dem Motiv Brandts zu dem Drama
Die
Kindermörderin
inspirieren.
Susanna Margaretha Brandt zog 1770 von Mainz nach Frankfurt, um im Gasthaus ,,Zum
Einhorn" als Magd zu arbeiten. Im gleichen Jahr kam Goethe nach Frankfurt. Er hatte zu
einem späteren Zeitpunkt durch seine familiären Verbindungen und seine Ausbildung zum
Juristen Einsicht in sämtliche Prozessunterlagen. Sein Onkel leitete das Verhöramt, sein
Großonkel und Großvater gehörten dem Rat an. Des Weiteren pflegte Goethe intensive
Kontakte zu den am Prozess beteiligten Schreibern und Medizinern.1
Susannas Eltern waren früh verstorben. Als Waise fand sie sich bereits als junges Mädchen
von Geburt an in der untersten Bevölkerungsschicht wieder, hatte dennoch stets die Hoffnung,
wie ihre Schwester, durch eine vorteilhafte Heirat gesellschaftlich aufzusteigen. Ihre Arbeit
im Gasthaus ,,Zum Einhorn" brachte der damals 25jährigen finanziell nicht viel ein. Es
gehörte zu den ,,einfachen" Häusern und die Wirtin hatte von der Stadtverwaltung nicht die
Erlaubnis bekommen, fremde Gäste zu bewirten.2
1770 lernte Susanna einen Holländer kennen und wurde nach einmaligem Geschlechtsverkehr
von ihm schwanger. Eine wirkliche Chance auf eine gemeinsame Zukunft bestand für die
beiden jedoch nicht. Durch seinen Beruf als Handelsdiener oder Goldschmied (über seinen
Beruf gibt es unterschiedliche Angaben) verlässt er Frankfurt nach kurzer Zeit und zieht nach
St. Petersburg. Er hatte jedoch nie die Absicht, Susanna zu heiraten.3
Die Magd sah für sich und das Kind keine Zukunft. In den ersten Monaten leugnete sie
konsequent gegenüber ihren Schwestern und ihrer Arbeitgeberin eine Schwangerschaft. Auch
ärztlich Untersuchungen konnten nicht attestieren, dass Susanna ein uneheliches Kind
erwartete. Die bleibenden Zweifel seitens ihrer Arbeitgeberin führten dazu, dass sie als Magd
entlassen wurde. 4
Am Tag ihrer Entlassung, den 2. August 1771, brachte sie ihr Kind zur Welt und tötet es
direkt nach der Geburt. Die Wirtin fand im Gasthaus eine Blutlache und informierte Susannas
Schwester Hechtel. Ihr gegenüber gestand Susanna die Tat und flüchtete nach Mainz. Am
1 Rebekka Habermas: Das Frankfurter Gretchen. Prozess gegen die Kindermörderin Susanna Margaretha Brandt.
München 1999. S.16
2 Ebd. S.10
3 Ebd. S.13
4 Ebd. S.15
3
3.August 1771 kehrte die steckbrieflich Gesuchte nach Frankfurt zurück und wurde
umgehend festgenommen. Der tote Säugling wurde wenig später gefunden.5 Im Laufe der
Ermittlungen des Verhöramtes gestand sie die Tat. Die Wirtin des Gasthauses und ihre
Schwester sagten als Zeugen aus. Ein Mediziner bestätigte den gewaltsamen Tod des Kindes.
Der Fall wurde an ein Gremium, bestehend aus Ratsherren, weitergegeben. Es verurteilte nach
Artikel 151 Susanna Margaretha Brandt zum Tode. Das Urteil wurde am 14.Januar 1772
öffentlich vollstreckt.6
Susanna Margaretha Brandt war mit der damaligen Rechtslage nicht vertraut und wurde von
ihrem Anwalt nicht darüber aufgeklärt, wie sie sich vor Gericht zu verhalten hatte. Die
Prozesslogik des 18.Jahrhunderts hatte nie die Absicht, Motive für Straftaten zu erörtern und
in die Urteile einfließen zu lassen. Vor einer Anklage wurden alle nötigen Fakten (mindestens
zwei Zeugen oder ein Geständnis der/des Angeklagten) zusammengetragen. Bloße Indizien
waren nicht prozesstauglich. Ein Verhöramt befragte die Angeklagten und übergab die
Ergebnisse einem Gremium, das das endgültige Urteil fällte. Die überforderte Susanna
Margaretha Brandt konnte den Befragungen des Verhöramtes nicht standhalten. 7
Sie distanzierte sich in ihren Aussagen von ihrem Kind und sagte aus, dass sie die
Schwängerung und die Schwangerschaft nicht bewusst war genommen habe. Der Fremde
hätte sie betrunken gemacht und anschließend verführt. Auch die Tötung des Säuglings sei
nicht ihre Tat: ,,Der Satan war es, der ihr einredete, dass sie in dem großen Hauß leicht
heimlich gebären, das Kind umbringen, verbergen, und vorgeben könne, dass sie ihre
Ordinaire wieder bekomme".8
Die Bevölkerung zeigte damals reges Interesse an dem Prozess. Außerhalb des Gerichtes
entwickelte sich ,,eine regelrechte Modesucht", die sich mit dem Thema Kindsmord
beschäftigte. Goethe verarbeitete das Motiv in
Faust I
. Entsprechend Susannas Aussage wird
Gretchen vom Teufel (Mephisto) beeinflusst und zum Mord an ihrem eigenen Kind verleitet.
Doch auch andere Autoren des 18. Jahrhunderts wie Schiller, Wagner oder Klinger griffen
das Motiv der Kindermörderin auf. Heinrich Leopold Wagner kam 1776 nach Frankfurt und
hatte als städtischer Jurist Einblick in sämtliche Prozessakten des Falls ,,Brandt". Der Freund
und Vertraute Goethes veröffentlichte im selben Jahr sein Drama
Die Kindermörderin
. Er
stellte in seinem sozialkritischen Werk die Kindermörderin nicht als Täterin, sondern als
Opfer der Gesellschaft dar.9
5 Rebekka Habermas: a.a.O. S.16
6 Ebd. S.23
7 Ebd. S.23 ff
8 Ebd. S.34
9 Ebd. S.38
4
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