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"Nehmt die Kabosy, spielt die Valiha" (Rossy)

Subtitle: Suche und Sehnsucht: Nationale Identität in der Musik Madagaskars

Scholary Paper (Seminar), 2007, 20 Pages
Author: Sarah Wendel
Subject: Musicology

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2007
Pages: 20
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 20  Entries
Language: German
Archive No.: V86767
ISBN (E-book): 978-3-638-02175-3
ISBN (Book): 978-3-638-92656-0
File size: 122 KB

Abstract

"Haody – ein Weckruf an euch alle, damit die, die noch schlafen, aufstehen, wir, eure Brüder, sind von weither gekommen und klopfen an eure Tür. Haody – euch allen, damit wir mit euch das Wenige, was wir mitbrachten, teilen können, es handelt sich nicht um große Reden, nicht um lange Ansprachen, es handelt sich um Lieder aus unserem Land. Wir sind eine Gruppe und wir kamen, euch das „vakisaova“ zu bringen. Seid ihr da? […] Haody – damit die, die noch schlafen, aufstehen, wir, eure Brüder, sind von weither gekommen und klopfen an eure Tür." Der vorliegende Liedtext stammt von dem madegassischen Sänger Paul Bert Rahasimanana, besser bekannt unter dem Namen „Rossy“. Dieser mitreißende Weckruf soll Ausgangspunkt für einige Fragen sein, wesentliche Charakteristika der modernen Musik der „Großen Insel“ herauszuarbeiten und in einen sozialhistorischen Kontext zu stellen. Ein umfassender Überblick kann und soll dabei nicht gegeben werden: Der eingenommene Spielraum wäre dem Umfang der vorliegenden Arbeit unangemessen. Stattdessen werden exemplarisch die Lieder des Sängers Rossy durchleuchtet und in der Entwicklung der madegassischen Musik positioniert. Schließlich erhebt Rossy in dem eingangs zitierten Liedtext den Anspruch, seinen Brüdern Lieder aus dem eigenen Land und das „vakisaova“ zu bringen. Dem Versuch, sich dem vollen Bedeutungsumfang der Intention Rossys Lieder zu nähern, ist es deshalb dienlich, sich zunächst den „Liedern des Landes“ und dem „vakisaova“ zu widmen. Erst nach einem Streifzug durch die Musiklandschaft Madagaskars und mit dem Hintergrundwissen über gesellschaftlich bedingte musikalische Erscheinungen in derselben können Rossys Lieder eingehender analysiert werden. „Haody“ – „Weckruf“, überschreibt Rossy sein Lied. Die Überlegung, wer schläft, wer aufgeweckt werden soll und vor allem warum, lässt den Blick auf die politische Situation Madagaskars wandern, zu den Problemen, die Rossy in seinen Texten beschäftigen. Hier stehen die vielfältigen musikalischen Bewegungen ab 1970 im Vordergrund, die „Epoche der Entfremdung“, wie sie der Liedermacher Tselonina bezeichnet. Aus ihr ergibt sich unmittelbar die Frage nach nationaler Identität in der madegassischen Musik, nach ihren Wurzeln und Zweigen, nach ihrem Wachsen und Werden.


Excerpt (computer-generated)

Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Institut für Ethnologie und Afrikastudien

,,Einführung in die moderne afrikanische Musik"

,,Nehmt die Kabosy, spielt die Valiha"

(Rossy)

Suche und Sehnsucht:

Nationale Identität in der Musik Madagaskars

Sarah Wendel

17. 07. 2007


Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis - 1 -

1. Haody: Ein Weckruf als Vorwort - 1 -

2. Ein Blick in die Musiklandschaft Madagaskars - 2 -

2. 1 Allgemeine Charakteristika - 2 -

2. 2 Regionen und Stile - 3 -

2. 3 Die Musik als Identitätsstifter im Dienst des Sozialgefüges - 4 -

3. Rossy: Bote eines neuen Selbstbewusstseins - 8 -

3. 1 Eine kurze biographische Einleitung - 8 -

3. 2 ,,[...] damit ein neuer Morgen anbricht": eine Analyse der Liedtexte Rossys..- 9 -

3. 3 Musikalische Mittel zur nationalen Missionierung - 10 -

3. 4 Die Epoche der Entfremdung: Zum Politischer Kontext der 1970er - 11 -

4. Sehnsucht und Stolz: Eine musikalische Identitätssuche - 13 -

5. Literaturverzeichnis - 14 -

LP- und CD-Beilagen: - 16 -

Internet: - 16 -

6. Diskographie - 17 -

- 1 -


1. Haody: Ein Weckruf als Vorwort

Haody1 ­ ein Weckruf an euch alle,

damit die, die noch schlafen, aufstehen,

wir, eure Brüder, sind von weither gekommen

und klopfen an eure Tür.

Haody ­ euch allen,

damit wir mit euch das Wenige,

was wir mitbrachten, teilen können,

es handelt sich nicht um große Reden,

nicht um lange Ansprachen,

es handelt sich um Lieder aus unserem Land.

Wir sind eine Gruppe

und wir kamen, euch das ,,vakisaova"2 zu bringen.

Seid ihr da?

[...]

Haody ­

damit die, die noch schlafen, aufstehen,

wir, eure Brüder, sind von weither gekommen

und klopfen an eure Tür.3

Der vorliegende Liedtext stammt von dem madegassischen Sänger Paul Bert Rahasima-

nana, besser bekannt unter dem Namen ,,Rossy". Dieser mitreißende Weckruf soll Aus-

gangspunkt für einige Fragen sein, wesentliche Charakteristika der modernen Musik der

,,Großen Insel" herauszuarbeiten und in einen sozialhistorischen Kontext zu stellen. Ein

umfassender Überblick kann und soll dabei nicht gegeben werden: Der eingenommene

Spielraum wäre dem Umfang der vorliegenden Arbeit unangemessen. Stattdessen wer-

den exemplarisch die Lieder des Sängers Rossy durchleuchtet und in der Entwicklung

1 Das Wort ,,Haody" ist ein unübersetzbarer Ausdruck des Grußes, wenn man ein Haus betritt und nicht

weiß, ob jemand da ist.

2 Was ,,vakisaova" ist, soll im Nachfolgenden erläutert werden.

3 Rossy 1983: Haody.

- 1 -


der madegassischen Musik positioniert. Schließlich erhebt Rossy in dem eingangs zi-

tierten Liedtext den Anspruch, seinen Brüdern Lieder aus dem eigenen Land und das

,,vakisaova" zu bringen. Dem Versuch, sich dem vollen Bedeutungsumfang der Intenti-

on Rossys Lieder zu nähern, ist es deshalb dienlich, sich zunächst den ,,Liedern des

Landes" und dem ,,vakisaova" zu widmen.

Erst nach einem Streifzug durch die Musiklandschaft Madagaskars und mit dem Hinter-

grundwissen über gesellschaftlich bedingte, musikalische Erscheinungen in derselben

können Rossys Lieder sowohl vom Inhalt des Textes als auch musikalisch eingehender

analysiert werden. Die nächste Fragestellung ergibt sich erneut aus der vorangestellten

Lyrik: ,,Haody" ­ ,,Weckruf", überschreibt Rossy sein Lied. Die Überlegung, wer

schläft, wer aufgeweckt werden soll und vor allem warum, lässt den Blick auf die politi-

sche Situation Madagaskars wandern, zu den Problemen, die Rossy in seinen Texten

beschäftigen. Hier stehen die vielfältigen musikalischen Bewegungen ab 1970 im Vor-

dergrund, die ,,Epoche der Entfremdung", wie sie der Liedermacher Tselonina bezeich-

net.4 Aus ihr ergibt sich unmittelbar die Frage nach nationaler Identität in der madegas-

sischen Musik, nach ihren Wurzeln und Zweigen, nach ihrem Wachsen und Werden.

2. Ein Blick in die Musiklandschaft Madagaskars

2. 1 Allgemeine Charakteristika5

Madagaskars Musik vereinigt in sich den Synkretismus eines kulturellen Schmelztie-

gels. ,,The culture is, therefore, a mixture of African, Indonesian, Islamic and Creole."6

Trotz großer regionaler Unterschiede in den Musikformen lassen sich einige charakte-

ristische Merkmale zusammentragen: In Stimmung und Harmonik überwiegen heptato-

nische Modi, wobei Pentatonik vor allem im Süden nachzuweisen ist. Allgemein ist die

Mehrstimmigkeit weit verbreitet.

Bevorzugte Zusammenklänge sind die kleine oder die große Terz. Es ist unklar, ob und

inwieweit dies als Akkulturationserscheinung zu werten ist. Es ist denkbar, dass im 19.

Jahrhundert im Zuge institutionalisierter Einrichtung von Militärmusik im Heer des Kö-

nigreichs Merina die ,,europäische" Terz adaptiert wurde. Schließlich sorgte auch die

4 Zitiert nach Kerker/Ralaindimby 1983, 1-2.

5 Siehe Schmidhofer 1996.

6 Graham 19888, 299.

- 2 -


Einrichtung von Musikschulen nach europäischem Vorbild für die Verbreitung der ,,eu-

ropäischen" Intervalle. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Wohlklang der Terz be-

reits bekannt war und sich nur Dank der ,,europäischen" Bestätigung dieses Intervalls

lokal weiter ausdehnte.

Die Übernahme von Elementen aus der Militärmusik erfolgte ebenfalls im weit verbrei-

teten Hira Gasy. Hierbei handelt es sich um eine musikalisch-theatrale Mischform, die

jeweils sehr stark ihrem lokalen Kontext und jeweils aktuell politischen Inhalten ange-

passt ist.

Typische Vokaltechniken sind die gepresste Stimme, das Näseln im Hochland und das

Vibrato im Süden. Aus den isometrischen Rhythmen gingen die vielen Tanzstile ­ der

wohl bekannteste ist der salegy ­ hervor, deren metrische Vielgestaltigkeit auch im

Ausland populär ist. Häufig ist das simultane und sukzessive Auftreten von binären und

ternären Gestalten.

Der Rhythmus der madegassischen Musik ist gekennzeichnet durch die ständige
Überlagerung von Duolen und Triolen. Es ist eine deutliche Trennung festzustel-
len zwischen dem Ablauf dieser rhythmischen Grundformeln (dargestellt durch
Klatschen, Stampfen, rhythmisches Schnauben oder durch Rhythmusinstrumen-
te) und dem Rhythmus der Singstimme (oder des solistisch improvisierenden In-
strumentes). Der Rhythmus der Singstimmer scheint stark beeinflusst zu sein
vom Rhythmus des Sprechens.7

Als nationaltypische Instrumente gelten die valiha (Bambusröhrenzither), die sordina

(Bambusflöte), die kabosy (Laute), die gitara und das hararavo (Akkordeon).8

2. 2 Regionen und Stile9

Die grobe Einteilung in Stilregionen kann eine kurze Skizze über die jeweilige Vielfalt

der musikalischen Formen entwerfen. Das Hochland ist stark geprägt durch die Politik

des Königreichs der Merina. Ab 1820 konzentrierte sich jeglicher Kontakt mit Europa

auf die Hochlandebenen. Neben dem Handel waren es vor allem die Missionen, die zu

musikalischen Begegnungen führten. Teilweise verdrängte die Verbreitung von liturgi-

scher Musik oder europäischen Musizierstilen Existierendes, zum Teil entstanden

Mischformen. Das vaho-drazana beispielsweise verbindet Elemente des Hira Gasy mit

Volksmusik der europäischen Siedler. Dies wird allein in der Wahl der Instrumente evi-

dent: Trommeln, Violinen, Akkordeon, Trompeten und Klarinetten sind typisch. Die

7 Suttner 1975, 21.

8 Zur Frage des Nationaltypischen soll an späterer Stelle ausführlich diskutiert werden.

9 Siehe Schmidhofer 1996.

- 3 -



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