Autor: Timo Gramer
Fach: Filmwissenschaft
Details
Jahr: 2004
Seiten: 27
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 22 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 245 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-02184-5
ISBN (Buch): 978-3-638-92825-0
Die Arbeit bezieht sich auf diverse Zeitungs- und Magazinartikel, ausführliche Biogragfien, sowie filmwissenschaftliche Literatur.
Zusammenfassung / Abstract
Als „Der letzte Tango in Paris“ 1972/1973 in die Kinos kam, war die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit riesengroß. So unterschiedlich die Meinungen über den „Tango“ damals auch waren. Eines hatten alle Cineasten, die den Film gesehen hatten, gemein: „Der letzte Tango“ hatte sie alle in irgendeiner Art und Weise bewegt. Die im folgenden vorgestellten Perspektiven auf den letzten Tango in Paris wollen den Mythos um den letzten Tango von Paris nicht aufheben oder entschlüsseln, sondern erklären, wie und warum es zu dem Mythos um den letzten Tango gekommen ist. Es kristallisieren sich zwei Analyseebenen des Films heraus, an denen in der Arbeit angeknüpft werden soll. Die erste ist die Ebene der Wirkung in der Öffentlichkeit. Daher ist es wichtig, vor der eigentlichen Wirkungsanalyse des letzten Tangos, dessen Inhalt und den dazugehörigen (zeitlichen und örtlichen) Kontext kurz zu umschreiben. Darin soll auch geklärt werden, warum es gerade der Tango sein muss, der nur in Paris getanzt werden kann. Die zweite Ebene der Hausarbeit beschäftigt sich mit den Intentionen und Botschaften des Films. Somit dreht sich dieser Teil der Arbeit, der zugleich ihr eigentliches „Herzstück“ darstellt, um die Macher des Films. Zunächst natürlich um den Regisseur, den Italiener Bernardo Bertolucci. Dann geht es in der Arbeit auch um den „Star des Films“, den männlichen Hauptdarsteller Marlon Brando. Die dritte im Bunde ist die damals erst 19-jährige Maria Schneider. Ihr persönlich kommt der inhaltlich geringste Teil der Analyse dieser Arbeit zugute. Vielmehr wird versucht, über die Persönlichkeit Maria Schneiders hinaus, ihre Funktion im Film, insbesondere als Frau im erotischen Film der damaligen Zeit zu untersuchen. Diese drei Charakterstudien über die „Macher“ des letzten Tangos werden vor allem im Hinblick auf die Zentralfrage der Arbeit angefertigt. Kann man den Film als ein intimes Interview zu dritt bezeichnen? Schöpft der Film gerade daraus seine „ästhetische Schockwirkung“, dass er viele autobiographische Züge seiner Schöpfer enthält? Die Arbeit will herausstellen, in wie weit dieser Film auch ein tiefenpsychologisches Projekt ist und zeigt zugleich Grenzen und Probleme dieser Arbeitsmethode auf. Dabei werden auch zahlreiche Selbsteinschätzungen der drei Personen und Aussagen übereinander verwendet. Den Abschluss der Arbeit bildet eine differenzierte und kritische Betrachtung des Autors auf Wirkung und Intention des Mythos „Der letzte Tango in Paris“.
Textauszug (computergeneriert)
Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften
Seminar: Der erotische Film
,,L′ ultimo tango a Parigi"
oder
Æ
Ein intimes Interview zu dritt
eingereicht im April 2004
(überarbeitet im Juli 2004)
Timo Gramer
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung 3
II ,,Der letzte Tango in Paris" 5
II.1 Inhaltsbeschreibung des Films 5
II.2 Analyse der filmischen Bedeutungsebenen 7
II.3 Reaktionen des Publikums 11
II.4 Die Präsentationstaktik des Filmveleihers 12
III Die Protagonisten des Films 14
III.1 Marlon Brando 14
III.2 Maria Schneider 17
III.3 Bernardo Bertolucci 19
IV Kommentar: ein intimes Interview zu zweit 21
V. Literaturverzeichnis 25
2
I Einleitung
- Ein Film, wie ein intimes Interview zu dritt1. -
Als ,,Der letzte Tango in Paris" 1972/19732 in die Kinos kam, war die Aufmerksamkeit der
Öffentlichkeit riesengroß. So unterschiedlich die Meinungen über den ,,Tango" damals auch
waren. Eines hatten alle Cineasten, die den Film gesehen hatten, gemein: ,,Der letzte Tango"
hatte sie alle in irgendeiner Art und Weise bewegt.
Sprachen die einen von einem ,,skandalösen Schmuddelporno", sahen andere im letzten
Tango ,,ein Werk von Befreiung und sexueller Revolution"3.
Bis heute zieht das Erotik-Drama einen großen Teil seiner Anziehungskraft und (auch) seines
Charmes aus der Ambivalenz von Abstoßung und Bewunderung. ,,Der letzte Tango in Paris"
gilt als vielschichtiges Meisterwerk und wird vor allem wegen seiner freizügigen und
drastischen Sexszenen heftig diskutiert.
Noch heute, 22 Jahre nach der Premiere des Films, liest man in Zeitungsartikeln über die
,,ästhetische Schockwirkung"4 des letzten Tangos in Paris.
Was macht den letzten Tango immer noch so lebendig, warum beschäftigen sich weiterhin so
viele Filmwissenschaftler, Kritiker, Künstler, Menschen mit diesem Film? Und welche
Botschaften und Intentionen verbergen sich hinter dem düster gezeichneten Erotik-Drama von
1972?
Oder ist alles ganz einfach, und der letzte Tango nicht mehr als eine ,,aufwendig
herausgeputzte, publizistisch aufgeblasene Nichtigkeit ...", wie sie der Filmkritiker Kraft
Wetzel 1974 in der Kinozeitschrift ,,Kino"5 beschrieb?
In dieser Hausarbeit können die oben genannten Fragen zwar nicht eindeutig und zweifelsfrei
beantwortet werden, doch sollen dem Leser Gedankengänge und Interpretationsansätze
aufgezeigt werden, die einen sensibleren und differenzierteren Umgang mit diesem
vielschichtigen Film ermöglichen.
Die im folgenden vorgestellten Perspektiven auf den letzten Tango in Paris wollen den
Mythos um den letzten Tango von Paris nicht aufheben oder entschlüsseln, sondern erklären,
1 Siehe auch Hopf, Florian, Alles über der letzten Tango in Paris, Heyne-Verlag, München 1973, S. 135
2 Erstaufführung 14.10.1972, erst ab 1973 in den Kinos
3 So zitierte z.B. Guillaume Hanoteau, französischer Schriftsteller den Film. Zitat nachzulesen in Hopf: ,,Alles
über den letzten Tango in Paris", S.128
4 in der FAZ, 03.04.2004, Michael Althen: ,,Tragödie eines nicht so lächerlichen Mannes", S.40
5 Das Wetzel-Zitat ist nachzulesen in Hopf: ,,Alles über den letzten Tango in Paris", S.118
3
wie und warum es zu dem Mythos um den letzten Tango gekommen ist, warum der Film
heute als echter Klassiker gilt.
Kehren wir noch einmal zu den oben gestellten Ausgangsfragen zurück, so kristallisieren sich
zwei Analyseebenen des Films heraus, an denen in der Arbeit angeknüpft werden soll.
Die erste ist die Ebene der Wirkung in der Öffentlichkeit. Daher ist es wichtig, vor der
eigentlichen Wirkungsanalyse des letzten Tangos, dessen Inhalt und den dazugehörigen
(zeitlichen und örtlichen) Kontext kurz zu umschreiben. Darin soll auch geklärt werden,
warum es gerade der Tango sein muss, der nur in Paris getanzt werden kann.
Des Weiteren soll aufgezeigt werden, in wie weit auch der große Medienrummel um den
letzten Tango und der ,,Schleier des Geheimisses"6, den der Verleiher United Artists um den
Film gelegt hat, dem Film ,,Der letzte Tango in Paris" zu seinem schier unsterblichen Ruhm
verholfen haben.
Die zweite Ebene der Hausarbeit beschäftigt sich mit den Intentionen und Botschaften des
Films. Somit dreht sich dieser Teil der Arbeit, der zugleich ihr eigentliches ,,Herzstück"
darstellt, um die Macher des Films. Zunächst natürlich um den Regisseur, den Italiener
Bernardo Bertolucci, der 1973 verkündete, er hätte eigentlich auch seinen Psychoanalytiker
im Vorspann des Films ,,Der letzte Tango in Paris" nennen müssen. Nicht nur seine beiden
Hauptdarsteller, sondern auch Regiekollegen wie Ingmar Bergmann haben damals
autobiographische Züge Bertoluccis in seinem letzten Tango erkannt und debattiert.
Dann geht es in der Arbeit auch um den ,,Star des Films", den männlichen Hauptdarsteller
Marlon Brando. Thomas Tony schreibt in seiner Brando Biographie, dass der letzte Tango
dessen persönlichste Film sei7.
Die dritte im Bunde ist die damals erst 19-jährige Maria Schneider, die im Film die Rolle der
Jeanne verkörpert. Ihr persönlich kommt der inhaltlich geringste Teil der Analyse dieser
Arbeit zugute. Vielmehr wird versucht, über die Persönlichkeit Maria Schneiders hinaus, ihre
Funktion im Film, insbesondere als Frau im erotischen Film der damaligen Zeit zu
untersuchen. Diese drei Charakterstudien über die ,,Macher" des letzten Tangos werden vor
allem im Hinblick auf die Zentralfrage der Arbeit angefertigt. Kann man den Film als ein
intimes Interview zu dritt bezeichnen? Schöpft der Film gerade daraus seine ,,ästhetische
Schockwirkung", dass er viele autobiographische Züge seiner Schöpfer enthält?
Ist ,,Der letzte Tango in Paris" auch der ganz persönliche von Bernardo Bertolucci, Marlon
Brando und Maria Schneider?
6 Hopf, Florian: ,,Alles über den letzten Tango in Paris", S.13
7 Thomas, Tony, Marlon Brando und seine Filme, Cutadel Filmbücher, Goldmann, Berlin 1973, S.58
4
Die Arbeit will herausstellen, in wie weit dieser Film auch ein tiefenpsychologisches Projekt
ist und zeigt zugleich Grenzen und Probleme dieser Arbeitsmethode auf. Dabei werden auch
zahlreiche Selbsteinschätzungen der drei Personen und Aussagen übereinander verwendet.
Den Abschluss der Arbeit bildet eine differenzierte und kritische Betrachtung des Autors auf
Wirkung und Intention des Mythos ,,Der letzte Tango in Paris".
II ,,Der letzte Tango in Paris"
II.1 Inhaltsbeschreibung des Films
Im letzten Tango in Paris geht es um zwei animalisch ringende und spielende
Triebmenschen8, genauer um die 20-jährige Pariserin Jeanne (Maria Schneider) und den 45-
jährigen Amerikaner Paul (Marlon Brando). Die beiden begeben sich auf einen sexuellen Trip
der besonderen Art. Das Nachrichtenmagazin ,,Der Spiegel" beschrieb das in seiner Filmkritik
1973 auf süffisante Art und Weise:9 ,,Die Hauptdarstellerin steht, Gesicht zur Kamera, nackt
in der Badewanne, masturbiert bäuchlings auf der Matratze und simuliert mit ihrem Partner
mehrmals den Koitus, stehend, rektal und auch öffentlich (per Handreichung) in einem
Tanzsalon. Wem da nicht dass Wasser im Munde, respektive im Schlüpfer zusammenläuft."
Tatsächlich dreht sich in Bertoluccis Film vordergründig alles um die rein sexuell angelegte
Beziehung zwischen Jeanne und Paul.
Auf Wohnungssuche treffen sich die beiden zum ersten Mal; in einer leeren Vier-Zimmer-
Wohnung im Pariser Vorort Passy in der Rue de l′Alboni 1. Sowohl Jeanne als auch Paul
inspizieren die Wohnung auf eigene Faust, ohne auch nur ein einziges Wort miteinander zu
wechseln. Nach wenigen Minuten fallen die beiden im Dunkel der leerstehenden Wohnung
übereinander her und haben Sex miteinander. Und das, ohne sich jemals vorher im Leben
gesehen zu haben. Diese Szene ist der Beginn einer rein sexuellen Affäre, die keine Grenzen
kennt. Immer wieder treffen sich Jeanne und Paul in der rotundenförmigen Wohnung direkt
an der Seine. Die Wohnung ist kahl, dreckig und wirkt steril, im Zimmer liegt nur eine große
Matratze, auf der Jeanne und Paul hemmungslosen Sex haben, sich gegenseitig angrunzen
und sich so gehen lassen, ,,wie es nur Kinder dürfen"10. Dabei wollen sie nichts voneinander
wissen. Weder Namen noch Geschichten noch Identitäten. Paul: ,,Wir werden uns treffen, und
nichts wissen von den Dingen, die sich dort draußen abspielen."
8 So geben sich die beiden Hauptdarsteller in den Sexszenen abwechselnd als Wolf, Huhn, Katze oder auch
Monster aus, um ihre rein sexuellen Triebe zu unterstreichen.
9 aus Hopf: Alles über den letzten Tango in Paris", S. 119
10 aus Paris: Filme in einer Stadt, S. 192
5
Doch jeder der beiden hat auch ein Leben außerhalb der Wohnung, welches der Regisseur in
kurzen Sequenzen immer wieder in den Film einwebt.
Paul ist vom Leben enttäuscht, nachdem sich seine Frau Rosa, Besitzerin eines kleinen
Unterklassehotels unterhalb des Boulevard de Belleville, die Pulsadern aufgeschnitten hat und
in der Badewanne verblutet ist.
Die junge Französin Jeanne ist mit dem Filmemacher Tom verlobt, der einen Dokumentarfilm
über sie drehen will. In diesem Film soll es um Jeannes Leben und vor allem um ihre Liebe zu
Tom gehen. Doch Jeanne lässt sich nur widerwillig filmen, findet die Dokumentation
künstlich und albern und wendet sich zusehends von ihrem Verlobten ab.
Jeanne und Paul, die vom Leben gezeichnet sind, finden Erfüllung oder zumindest eine Art
Ersatzbefriedigung in ihrer bedingungslosen Sex-Affäre.
Doch der alternde Amerikaner beginnt im Laufe der Beziehung die junge Französin zu
dominieren, erniedrigt sie mehrmals auf sexuelle Art und Weise und entlädt schlussendlich
seinen Zorn auf das Leben und die Gesellschaft in sadomasochistischen Sexspielen mit seiner
unterwürfigen Partnerin.
Jeanne fühlt sich zusehends von Paul überrumpelt und bedroht, so dass sie die Affäre beendet,
auch um zu ihrem Verlobten Tom zurückzukehren und diesen doch noch zu heiraten.
Paul ist verzweifelt, klammert sich an die sexuelle Beziehung zu Jeanne und versucht die
junge Französin für sich (zurück) zu gewinnen. Er gesteht ihr seine Liebe, erzählt ihr quasi im
Vorbeigehen sein ganzes Leben, das er ihr den ganzen Film hindurch verschwiegen hat, und
hofft auf eine Fortsetzung der Beziehung.
In einem vornehmen Tanzlokal in der Avenue de Wagram 39 tanzen die beiden ihren ganz
persönlichen Tango inmitten einer gediegenen Tangogesellschaft.
Wegen obszöner Gesten werden die beiden aus dem Lokal geworfen. Dieser erste
gemeinsame Tango ist gleichzeitig ihr letzter.
Jeanne trennt sich nun endgültig von ihrem Gespielen. Doch der betrunkene Paul startet die
,,dramatischste Frauenjagd des Kinos"11, indem er Jeanne quer durch die Strassen von Paris
verfolgt.
Am Ende der Jagd stehen die beiden in Jeannes elterlicher Wohnung. Die junge Französin
treibt die Angst vor Paul zur Waffe, und so erschießt sie den alternden Amerikaner. Paul
wankt auf den Balkon, murmelt ein paar unverständliche Wörter und bricht tot in der
Fötalstellung zusammen.
Ein stummes und bedrückendes Ende des letzten Tangos in Paris.
11 aus: Paris: Filme in einer Stadt, S.89
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