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Subtitle: Quer-und Längsschnitt durch ARD und ZDF-Nachrichtensendungen
Termpaper, 2006, 26 Pages
Author: Timo Gramer
Subject: Communications: Journalism, Journalism Professions
Details
Institution/College: University of Leipzig (KMW)
Tags: Nachrichtlich, Narrativ, Fall, Susanne, Osthoff, Nachrichtliches, Narratives, Fernsehnachrichten
Year: 2006
Pages: 26
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 26 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-04722-7
ISBN (Book): 978-3-638-94294-2
File size: 630 KB
Die Arbeit fusst auf einer umfangreichen empirischen Untersuchung mitsamt Inhaltsanalyse, Codebuch sowie ausführlicher Darstellung der Ergebnisse sowie eines dezidierten Abschlußkommentares. Die Arbeit ist mit 1,0 (herausragend!) bewertet worden.
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Abstract
Gerade im kriegs- und krisenbezogenen TV-Journalismus zeigt sich der „schmale Grat“ zwischen diesen beiden Polen mitunter deutlich. Die für narrative Berichterstattungen typische „Gut-Böse-Struktur“ lässt sich im Rahmen einer gebeutelten Region oder einer politisch angespannten Lage leicht anwenden. Auf der anderen Seite erfordert eine brisante Situation eine äußerste journalistische Gewissenhaftigkeit sowie eine seriöse Faktenaufbereitung. Dies muss nicht zwangsläufig ein Widerspruch sein, erfordet aber auf journalistischer Seite ein höheres Maß an Differenziertheit. Diese Arbeit soll mittels einer inhaltsanalytischen Querstudie die Berichterstattung über die im Irak entführte Susanne Osthoff in ARD und ZDF auf narrative und nachrichtliche Elemente hin überprüfen. Abschließend gibt der Autor mittels Zitaten aus den aufgeführten Sendungen eine kurze Bewertung ab. Da es sich bei dem Untersuchungszeitraum nur um einen Tag, den 29.11.2005 handelt, kann hier keine allgemeine These hinsichtlich der Entwicklung öffentlich-rechtlicher Fernsehnachrichten getroffen werden. Das Beispiel Susanne Osthoff kann aber als kleines Exempel der noch jungen Forschung auf diesem Feld angesehen werden, welches eine nähere Betrachtung lohnenswert erscheinen lässt.
Excerpt (computer-generated)
Eingreicht am: 20.12.2006
Von Timo Gramer
- Hausarbeit -
Nachrichtlich oder Narrativ?
Der Fall Susanne Osthoff
in den ARD und ZDF-Nachrichtensendungen
Universität Leipzig
Institut für Kommunikations -und Medienwissenschaft
Lehrstuhl für Journalistik II
Sommersemester 2006, Seminar 3-61:
Nachrichtliches und Narratives im TV-Journalismus
1
Inhaltsverzeichnis
I.
Einleitung: Höhere Quoten dank Narrativität = niedrigere
Qualität der Nachrichten ?!?
II.
Der Fall Osthoff
III. Das inhaltsanalytische Codebuch zum Fall Osthoff
IV. Die Ergebnisse der Inhaltsanalyse
V.
Narrativ oder Nachrichtlich ein kurzer Kommentar
VI. Bibliographie
VII. Anhang (Codebuch, Auswertungstabellen)
2
I.
Einleitung: Höhere Quoten dank Narrativität = niedrigere
Qualität der Nachrichten ?!?
Jüngste Forschungen des ARD-Forschungsinstitutes zeigen, mittels langfristiger
Inhaltsanalysen1, dass traditionelle Nachrichtenangebote wie Tagesschau (ARD) oder Heute
(ZDF) durch alle Altersklassen hindurch als äußerst vertrauenswürdig und glaubwürdig
bewertet werden. Allerdings sind vor allem Jugendliche gleichzeitig der Ansicht, dass die
Aufmachung der Informationssendungen nicht ihren Vorstellungen entspricht und die
traditionellen Nachrichten häufig nur schwer verständlich sind.2
Dies führt zu dem Paradoxon, dass sie lieber Nachrichten schauen, deren Kernkompetenzen
sie zwar schlechter beurteilen, die aber besser zu ihrem Rezeptionsverhalten passen. Dieses
Problem ist den Informationsaufbereitern, Planern und Chefredakteuren öffentlich-rechtlicher
Nachrichtensendungen wohl bekannt.
Sie wissen auch um ein weiteres Ergebnis der Studie, dass vielen Zuschauern von
Nachrichtensendungen Detailgenauigkeit, Humor, Spannung und Authentizität auf der Ebene
von Kommunikatoren (Moderatoren und Korrespondenten)
und
Inhalten wichtig ist.3
Harmonische Gut-Böse-Konfliktbearbeitungen sollen glaubwürdige Stories erzeugen, bei
denen Fernsehinhalte vor dem Hintergrund individueller Dispositionen zu einer positiver
emotionalen Bilanz verarbeitet und interpretiert werden.
Je deutlicher die Merkmale der Informationsangebote mit den Präferenzen der Zuschauer
korrelieren, so die Studie weiter, desto verständlicher und unterhaltsamer kommt die Sendung
beim Fernsehpublikum an. Das sich ,,auf eine Stufe stellen" mit den Protagonisten steigert
also scheinbar die Aufnahmebereitschaft der Zuschauer, die Einschaltquoten schnellen
tendenziell nach oben. Die Botschaft kommt dann an, wenn das Fernsehen sie wie eine
Geschichte erzählt.
Kommunikationswissenschaftler wie Knut Hickethier und Sebastian Köhler sprechen hier
vom ,,Storytelling"4. Diese TV-journalistischen Angebote in narrativer Form blenden bewußt
traditionelle Nachrichtencharakteristika wie die ,,inverted-pyramid" (das Wichtigste zuerst)
1 16 000 Beiträge und 23 000 Sendeminuten werden von der Studie pro Jahr untersucht
2 ARD-Forschungsdienst: Fernsehunterhaltung aus Zuschauersicht, in Media Perspektiven 03/2006, Seite 171-
177.
3ebd.
4 unter anderem in:
Hickethier, Knut:
Narrative Navigation durchs Weltgeschehen. Erzählstrukturen in
Fernsehnachrichten, in Meckel, Miriam/Kamps, Klaus: Fernsehnachrichten. Prozesse, strukturen, Funktionen,
Westdeutscher Verlag Opladen/Wiesbaden, S.185 ff. und
Köhler, Sebastian:
Geschichten erzählen um jeden
Preis? Wenn sich Storytelling im Fernsehen verselbstständigt, in Journalistik Journal 01/2006, Seite 34-35.
3
aus und erzählen die Information in einer kausal-chronologischen Geschichte. An diesem
Punkt beginnt der innere Diskurs der öffentlich-rechtlichen Nachrichtenmacher. Aktuelle
Studien belegen ein anhaltendes Interesse an narrativ-vermittelten Nachrichten, doch gibt es
neben diesen ,,vorfindbaren subjektiven Interessen privater Konsumenten" 5 auch den
Informationsauftrag von ARD und ZDF sowie klassisch tradierte Nachrichtenwerte - ein
Spannungsfeld zwischen Zuschauer und journalistischem Handwerkszeug, zwischen
Anspruch an Unterhaltung und Realität der Faktenlage.
Gerade im kriegs- und krisenbezogenen TV-Journalismus zeigt sich der ,,schmale Grat"
zwischen diesen beiden Polen mitunter deutlich. Die für narrative Berichterstattungen
typische ,,Gut-Böse-Struktur" 6 lässt sich im Rahmen einer gebeutelten Region oder einer
politisch angespannten Lage leicht anwenden. Auf der anderen Seite erfordert eine brisante
Situation eine äußerste journalistische Gewissenhaftigkeit sowie eine seriöse
Faktenaufbereitung. Dies muss nicht zwangsläufig ein Widerspruch sein, erfordet aber auf
journalistischer Seite ein höheres Maß an Differenziertheit.
Diese Arbeit soll mittels einer inhaltsanalytischen Querstudie die Berichterstattung über die
im Irak entführte Susanne Osthoff in ARD und ZDF auf narrative und nachrichtliche
Elemente hin überprüfen. Abschließend gibt der Autor mittels Zitaten aus den aufgeführten
Sendungen eine kurze Bewertung ab. Da es sich bei dem Untersuchungszeitraum nur um
einen Tag, den 29.11.2005 handelt, kann hier keine allgemeine These hinsichtlich der
Entwicklung öffentlich-rechtlicher Fernsehnachrichten getroffen werden. Das Beispiel
Susanne Osthoff kann aber als kleines Exempel der noch jungen Forschung auf diesem Feld
angesehen werden, welches eine nähere Betrachtung lohnenswert erscheinen lässt.
II.
Der Fall Osthoff
Die ausgebildete Archäologin Susanne Osthoff unterstützte seit 1991 Hilfsaktionen im und
für den Irak. Die 44-Jährige brachte schon seit Jahren Medikamente und medizinische Geräte
in das Land, heiratete einen Araber und lernte die muslimische Sprache, auch um im Irak
langfristig sesshaft zu werden. Der deutschen Öffentlichkeit war sie bis zu dem Tag ihrer
Entführung, am 25.11.2005, weitgehend unbekannt. Die "Süddeutsche Zeitung" zeichnete die
,,gemäßigte Muslimin"7 2003 für den Einsatz in den Kriegsgebieten mit ihrem Tassilo-Preis
5 Sebastian Köhler in ebd.
6 Siehe auch bei Köhler und Hickethier
7 Selbsteinschätzung Susanne Osthoff, Vgl.
http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID4998282_TYP6_THE5063058_NAV_REF_BAB,00.ht
ml
4
für Zivilcourage aus. Davon nahm die Öffentlichkeit, im Kontext der Arbeit sind hier vor
allem die Nachrichtensendungen gemeint, aber ebensowenig Notiz wie von der Tatsache, dass
die gebürtige Münchnerin bereits im Sommer 2005 im Visier von Terroristen aus Kreisen des
irakischen Al-Kaida-Chefs Abu Mussab al Sarkawi stand.
Am 25. November 2005 wurden Osthoff und ihr irakischer Fahrer Chalid al Schimani auf
dem Weg nach Erbil, in der nördlichen Irak-Provinz Ninive von Unbekannten verschleppt.
ARD und ZDF berichten vier Tage später erstmals von dem Vorfall. Aufgrund des Irak-
Krieges zwei Jahre zuvor und der bürgerkriegsähnlichen Situation im Land stellte dieses
Entführung auch nach gängigen Nachrichtenwerttheorien ein durchaus berichtenswertes
Thema dar. Vor allem die Tatsache, dass in der Münchner Archäologin Susanne Osthoff
erstmals eine Deutsche in der langen Reihe von Entführungen im Irak verschleppt worden
war, generierte ein außerordentlich hohes gesellschaftliches Interesse in der Bundesrepublik.
So ist es auch nicht weiter verwunderlich , dass der Fall Osthoff laut Info Monitor 2005 zum
Top-Nachrichtenthema des Dezembers 20058 wurde.
Im Kontext dieser Arbeit, die sich mit dem Eröffnungstag dieser Nachrichtenentwicklung
beschäfigt, stellt sich daher zwangsläufig die Frage, inwieweit die Berichterstattung über
diesen heiklen wie von der Öffentlichkeit penibel verfolgten Fall am 29.11.05 narrative oder
nachrichtliche Elemente benutzte. Sei es, um komplexe Sachverhalte vereinfacht darzustellen,
oder dem Zuschauer die Protagonistin im Krisenfall, hier Susanne Osthoff, bis zu einem
identifizierenden Grad hin näher zu bringen. Die vorliegende Inhaltsanalyse beschäftigte sich
ausschließlich mit den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF.
8 siehe
Krüger, Udo Michael:
Themenprofile deutscher Fernsehnachrichten, in Media Perspektiven 07/2005,
Seite 302-320, aus diesem Text ist auch die eingegliederte Grafik entlehnt.
5
Laut obenstehender Tabelle haben die beiden Sender dem Fall Osthoff besonders viele und
deutlich mehr Minuten als die privaten Sender gewidmet. Generell räumen die öffentlich-
rechtlichen Sender den Nachrichtensendungen ein Zehntel der Sendezeit ein, bei RTL und
SAT 1 sind es jeweils unter vier Prozent.9 Hinzu kommt die informationsbildende
Verpflichtung der öffentlich-rechtlichen Sender bei denen das Profil der Nachrichten deutlich
konventionellere Züge als bei den privaten trägt.10
Eine Inhaltsanalyse dieser im traditionellen Sinne nachrichtlichen Formate am Beispiel der
Entführung von Susanne Osthoff, dem Top-Thema des Monats Dezember, kommt
hinsichtlich struktureller Veränderungen im TV-Journalismus (narrative Tendenzen,
,,Storytelling") somit ein beispielhafter Charakter zu. Der 29.11.2005 steht zugleich als
Anfangspunkt einer langen Kette von Nachrichten über Susanne Osthoff in ARD und ZDF, an
ihm kamen die Dinge nachrichtlich ins Rollen. Eine inhaltsanalytische Auswertung kann hier
gewisse strukturelle Strategien am Anfang einer Nachrichtenentwicklung tendenzieren
hinreichend belegen oder gar beweisen kann sie mögliche Intentionen seitens der
Sendungsplaner ob ihres spekulativen Charakters hingegen nicht.
III. Das inhaltsanalytische Codebuch zum Fall Osthoff
Im Rahmen des Seminars ,,Nachrichtliches und Narratives im TV-Journalismus" am
journalistischen Institut der Universität Leipzig entstand im Sommersemester 2006 in
Gruppenarbeit ein inhaltsanalytischer Querschnitt zum ,,Nachrichtenfall Susanne Osthoff".
Basierend auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen und pragmatischen Ansätzen Werner
Frühs, Klaus Mertens und Werner Friedrichs11 wurde diese mittelfristige empirische
Untersuchung im Rahmen eines umfangreichen Codebuches12 angeordnet.
Die Basis bildeten hierbei drei Hypothesen, die mittels der Inhaltsanalyse, wenn möglich,
falsifiziert oder verifiziert werden sollten:
So beschäftigte sich die Hypothese H1 mit der tendenziell außerordentlichen narrativen
Tendenz in den Beiträgen von ARD und ZDF zum Fall Susanne Osthoffs am 29.11., die im
Kontrast zu den traditionellen Nachrichtensendungen beider Sender und ihres politischen
Informationsprofils stehen könnten.
9 Siehe ebd. Krüger
10 Vgl. auch ebendiesen
11
Früh, Werner:
Inhaltsanalyse: Theorie und Praxis (5. Auflage). UVK Konstanz 2001.
Mertens, Klaus:
Inhaltsanalyse: Einführung in Theorie, Methode und Praxis (2. Auflage). Westdeutscher Verlag Opladen 1995.
Friedrichs, Jürgen:
Methoden empirischer Sozialforschung (14. Auflage). Westdeutscher Verlag Opladen
1990.
12 Für detailiertere Informationen siehe Anhang, Kapitel VII.
6
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