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Carpe diem und Memento mori bei Pierre de Ronsard

Seminararbeit, 2008, 24 Seiten
Autor: Stefanie Wind
Fach: Romanistik - Französisch - Literatur

Details

Veranstaltung: Ronsard und die Pléiade-Dichtung (Proseminar)
Institution/Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München (Institut für Romanische Philologie)
Tags: Carpe, Memento, Pierre, Ronsard, Pléiade-Dichtung
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2008
Seiten: 24
Note: 1,0 (sehr gut)
Literaturverzeichnis: ~ 28  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V86821
ISBN (E-Book): 978-3-638-02732-8
ISBN (Buch): 978-3-638-92712-3
Dateigröße: 153 KB
Anmerkungen :
Literaturwissenschaftliche Untersuchung von drei Gedichten Ronsards, die sich mit den Topoi des Carpe diem und des Memento mori befassen. Kurzer Vergleich mit der Verarbeitung der beiden Topoi in der antiken Liebeslyrik, die Ronsard als Vorbild diente. Verwendung von umfassender Sekundärliteratur.


Zusammenfassung / Abstract

1. Allgemeiner Teil 1.1 Hinführung und Vorgehensweise Memento mori! Carpe diem! – Zwei Sätze, zwei Aufforderungen, zwei lateinische Sprichwörter. Doch wie stehen diese beiden philosophisch klingenden Bruchstücke in Zusammenhang zueinander und zur Literaturwissenschaft? Eine Antwort darauf soll im Folgenden anhand einer Untersuchung Ronsard’scher Liebesgedichte gegeben werden. Ausgewählt wurden dazu drei Gedichte, eines aus der Reihe der „Stances“, „Quand au temple nous serons...“ und zwei Sonette, „Marie, baisez-moi...“ und das berühmte „Quand vous serez bien vieille...“. Die Beispiele sind so ausgesucht, dass aus jedem der drei Gedichtzyklen Ronsards eines vertreten ist. Das erste Gedicht entstammt den „Amours de Cassandre“, die im Jahr 1552 erschie-nen sind. Das zweite ist, wie der Versanfang schon erraten lässt, den „Amours de Marie“ entnom-men, die in den Jahren 1555/56 veröffentlicht wurden, also noch in der Zeit, bevor Ronsard als „poète officiel“ am Hofe Karls IX. akzeptiert war. Das letzte und bekannteste Sonett gehört in die „Sonnets pour Hélène“, die 1578 als Ronsards Spätwerk vollendet wurden und in denen der alte und kranke Dichter versucht, sich in Erbitterung und Enttäuschung über diese späte Liebe hinweg-zutrösten. Die Texte folgen in Wortlaut und Schreibung der Ausgabe von Friedhelm KEMP und Werner von KOPPENFELS. Zu den ersten beiden Gedichten ist nahezu keine Sekundärliteratur auffindbar, dem berühmten „Quand vous serez bien vieille...“ hingegen wurde seitens der Forschung bereits einige Aufmerksamkeit gewidmet. Nach einer kurzen Erläuterung der Herkunft der Sprüche Memento mori! und Carpe diem! und einem Überblick über die Bedeutung der beiden Topoi in der Literatur sollen die oben genannten Gedichte näher betrachtet werden, wobei nur zu den ersten beiden eine genaue Interpretation ver-sucht und zum dritten aufgrund der Menge an vorliegenden Untersuchungen nur ein Bericht über ausgewählte Beiträge gegeben wird. Zum Schluss soll ein knapper Vergleich zwischen der Verar-beitung der Topoi bei Ronsard, im literarischen Werk seiner antiken Vorbilder und der Darstellung der Themen in der Unterhaltungskultur der Gegenwart Aufschluss über die Zeitlosigkeit dieser Motive geben.


Textauszug (computergeneriert)

LMU München

Institut für Romanische Philologie

Wintersemester 2007/2008

Proseminar: Ronsard und die Pléiade-Dichtung



CARPE DIEM

UND

MEMENTO MORI

BEI PIERRE DE RONSARD

Name:

STEFANIE WIND

Studiengang:

LEHRAMT GYMNASIUM

LATEIN ­ FRANZÖSISCH ­ ITALIENISCH

Semesterzahl:

3


Inhaltsverzeichnis

1. Allgemeiner

Teil

3

1.1

Hinführung und Vorgehensweise 3

1.2

,,

Carpe diem

" und ,,

Memento mori

" ­ Ursprung der Sprüche 3

1.2.1

,,Carpe diem" 4

1.2.2

,,

Memento mori

" 4

1.3

Bedeutung als Topoi der Liebeslyrik in Renaissance und Barock 4

2. ,,

Carpe diem

" und ,,

Memento mori

" bei Ronsard

5

2.1

Liebe und Tod als Grundthemen in Ronsards Liebesdichtung 5

2.2

Interpretation ausgewählter Gedichte 6

2.2.1

Gedicht 1: ,,

Quand au temple nous serons...

" 6

2.2.1.1

Textgrundlage 6

2.2.1.2

Form: ,,Stances" 7

2.2.1.3

Aufbau und Inhalt 7

2.2.1.4

Metrik und Reim 8

2.2.1.5

Interpretation 8

2.2.2

Gedicht 2: ,,

Marie, baisez-moi...

" 13

2.2.2.1

Textgrundlage 13

2.2.2.2

Das Sonett: Form, Metrik und Reim 14

2.2.2.3

Aufbau und Inhalt 14

2.2.2.4

Interpretation 14

2.2.3

Gedicht 3: ,,

Quand vous serez bien vieille...

" 18

2.2.3.1

Textgrundlage 18

2.2.3.2

Zusammenfassung ausgewählter Forschungsliteratur 18

2.3

Zusammenfassender Vergleich der drei Gedichte 19

3.

Ausblick auf Vergangenheit und Gegenwart

20

4.

Anhang: Parallelstellen aus der antiken Liebeslyrik

21

4.1

Catull 21

4.1.1

Carmen 5, V. 1­7 21

4.1.2

Carmen 85 21

4.2

Tibull 21

4.2.1

Elegie I, 3, 53­56 21

4.2.2

Elegie I, 3, 83­86 21

4.2.3

Elegie I, 6, 77­80 21

4.2.4

Elegie I, 8, 41­48 21

5. Literaturverzeichnis

22

5.1

Primärliteratur 22

5.2

Sekundärliteratur 22

5.2.1

Wissenschaftliche Beiträge zum Thema 22

5.2.2

Allgemeine Werke zur Renaissance, Literaturgeschichten und Lexika 23

2


1. Allgemeiner

Teil

1.1 Hinführung und Vorgehensweise

Memento mori! Carpe diem!

­ Zwei Sätze, zwei Aufforderungen, zwei lateinische Sprichwörter. Doch

wie stehen diese beiden philosophisch klingenden Bruchstücke in Zusammenhang zueinander und zur

Literaturwissenschaft? Eine Antwort darauf soll im Folgenden anhand einer Untersuchung Ron-

sard′scher Liebesgedichte gegeben werden.

Ausgewählt wurden dazu drei Gedichte, eines aus der Reihe der ,,Stances", ,,

Quand au temple

nous serons...

" und zwei Sonette, ,,

Marie, baisez-moi...

" und das berühmte ,,

Quand vous serez bien

vieille...

". Die Beispiele sind so ausgesucht, dass aus jedem der drei Gedichtzyklen Ronsards eines

vertreten ist. Das erste Gedicht entstammt den ,,

Amours de Cassandre

", die im Jahr 1552 erschienen

sind. Das zweite ist, wie der Versanfang schon erraten lässt, den ,,

Amours de Marie

" entnommen, die

in den Jahren 1555/56 veröffentlicht wurden, also noch in der Zeit, bevor Ronsard als ,,poète officiel"

am Hofe Karls IX. akzeptiert war. Das letzte und bekannteste Sonett gehört in die ,,

Sonnets pour Hé-

lène

", die 1578 als Ronsards Spätwerk vollendet wurden und in denen der alte und kranke Dichter

versucht, sich in Erbitterung und Enttäuschung über diese späte Liebe hinwegzutrösten.1

Die Texte folgen in Wortlaut und Schreibung der Ausgabe von Friedhelm KEMP und Werner von

KOPPENFELS.2 Zu den ersten beiden Gedichten ist nahezu keine Sekundärliteratur auffindbar, dem

berühmten ,,

Quand vous serez bien vieille...

" hingegen wurde seitens der Forschung bereits einige

Aufmerksamkeit gewidmet.

Nach einer kurzen Erläuterung der Herkunft der Sprüche

Memento mori!

und

Carpe diem!

und ei-

nem Überblick über die Bedeutung der beiden Topoi in der Literatur sollen die oben genannten Ge-

dichte näher betrachtet werden, wobei nur zu den ersten beiden eine genaue Interpretation versucht

und zum dritten aufgrund der Menge an vorliegenden Untersuchungen nur ein Bericht über ausge-

wählte Beiträge gegeben wird. Zum Schluss soll ein knapper Vergleich zwischen der Verarbeitung der

Topoi bei Ronsard, im literarischen Werk seiner antiken Vorbilder und der Darstellung der Themen in

der Unterhaltungskultur der Gegenwart Aufschluss über die Zeitlosigkeit dieser Motive geben.

1.2 ,,Carpe diem" und ,,Memento mori" ­ Ursprung der Sprüche

Bereits in der antiken Liebesdichtung waren die beiden Topoi nicht unbekannt und wurden von den

Dichtern meist in Verbindung miteinander in die Werke einbezogen. Sowohl ,,

Carpe diem!

" als auch

,,

Memento mori!

" sind Wendungen, die schon in antiker Zeit zu Sprichwörtern geworden sind.

1 Vgl. WITTSCHIER (1971), S. 65f., 91, 95.

2 KEMP, F. / KOPPENFELS, W. von (Hrsg.):

Französische Dichtung. Erster Band: Von Villon bis Théophile de

Viau

, München 22001.


1.2.1 ,,Carpe diem"

Carpe diem

ist ein berühmtes Zitat aus den Oden (

Carmina

) des römischen Dichters Horaz (65­8 v.

Chr.)3:

(..) sapias, uina liques et spatio breui
spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit inuida
aetas: carpe diem, quam minimum credula postero.

(Horaz, carmen 1,11,6­8)

Als Eklektiker hängt Horaz nicht einer speziellen philosophischen Schule an. Dieses Zitat jedoch

entstammt der epikureischen Gedankenwelt, der der Augusteer in seinem Denken weitgehend ver-

pflichtet ist: Jeden Tag als Geschenk zu erachten und so zu genießen, als wäre es der letzte, soll Ziel

der Lebenshaltung sein.4 Auch wenn das

Carpe diem

bei Horaz nicht auf die Liebe bezogen wird,

kann es doch, wie sich zeigt, auch auf diesen Bereich des Lebens umgedeutet werden.

Nebenbei bemerkt schrieb Horaz als Hofdichter nicht nur über Religion und Politik, sondern auch

über Lebensgenuss und Liebe, worauf nicht selten das ,,Todeserlebnis" folgt,5 ganz wie es dem Topos

des

Memento mori

entspricht.

1.2.2 ,,Memento mori"

Diese Aufforderung wurde im antiken Rom bei Triumphzügen dem Triumphator von einem Sklaven

ins Ohr geflüstert, um zu verhindern, dass die große Ehrerbietung allzu großen Stolz hervorrief. Zu-

dem versprach man sich davon vermutlich eine apotropäische (= Unheil abwehrende) Wirkung.6 In der

Variante ,,

Respice post te, hominem te esse memento!

" finden wir das

Memento mori

beim Kirchen-

schriftsteller Tertullian (160­220 n. Chr.) in seiner Schrift

Apologeticum

(33,4).7

1.3 Bedeutung als Topoi der Liebeslyrik in Renaissance und Barock

Der Tod ­ ein Thema, das in der Literatur allgegenwärtig ist und in alle literarischen Epochen eingeht.

Zeit bedeutet für die Autoren soviel wie Endzeit, das irdische Leben erscheint als Durchgangsstation

zum Jenseits. Zwei Zeitbegriffe werden dabei mit griechischen Bezeichnungen unterschieden:

, womit ein linearer, gleichmäßig dahinfließender zeitlicher Ablauf verbunden wird, und

, eine Vorstellung von Zeit, die in der griechischen Mythologie in einem ,,Knaben" Verkörpe-

rung findet, ,,der mit wehendem Schopf vorbeihuscht und augenblicklich gepackt werden muss, soll er

nicht unwiederbringlich verschwinden." Der ist also ein Augenblick, in dem eine Entschei-

dung getroffen werden muss, in der eine Gelegenheit genutzt oder versäumt wird.8 Genau dies ist auch

3 Vgl. Kl. Pauly (1975) s. v.

Horatius [8]

, Bd. 2, Sp. 1219­1225.

4 Vgl. ALBRECHT (2003), S. 580.

5 Vgl. Kl. Pauly (1975) s. v.

Horatius [8]

, Bd. 2, Sp. 1219­1225.

6 Vgl. edb. s. v.

Triumphus

, Bd. 5, Sp. 973ff.

7 Zu den Lebensdaten vgl. ebd. s. v.

Tertullianus [2]

, Bd. 5, Sp. 613ff.

8 Zu den Gedanken und zum wörtlichen Zitat vgl. HAUSMANN (1996), S. 10.

4


der Zeitbegriff, wie ihn die Autoren verstehen, wenn sie zum

Carpe diem

aufrufen, da sie die Existenz

auf Erden vom Tod bedroht sehen (

Memento mori!

).

In der Renaissance, als man sich die antiken Autoren wieder stärker zum Vorbild nahm ­ für die

Liebeslyrik galten vor allem Catull, Properz, Tibull und Ovid als die herausragenden Vertreter ­, blüh-

ten auch deren gern verwendete Topoi von Neuem auf.9 Als ,,Ronsard hédoniste"10 bezeichnet THO-

MINE den großen Dichter der französischen Renaissance, wenn dieser sich vom

Carpe diem

des Horaz

inspirieren lässt, eine Aussage, deren Gültigkeit in Frage gestellt werden kann.

Der Tod wird im 16. und 17. Jahrhundert, in einer Zeit der Kriege und äußeren Bedrohungen für

das menschliche Leben in Form von Epidemien und Hungersnöten11 als ,,widriges Los und Ansporn

zum Leben"12 empfunden. Dem frühen und damit ungerechten Tod eines Menschen kann letztlich nur

mit dem Genuss des geschenkten Augenblicks, dem

Carpe diem

, begegnet werden.13

Vielmehr noch als in der Renaissance finden die beiden Topoi im Barock ihren Platz, in dem der

Tod als ,,sujet d′inspiration intellectuelle et poétique"14 verstanden wird. GIBERT zufolge drückt gera-

de die Verbindung des

Memento mori

mit dem

Carpe diem

den doppelten Aspekt der Todesthematik

aus: einerseits die Warnung vor dem unabwendbaren Schicksal, andererseits die daraus resultierende

Aufforderung zur Lebensfreude (,,avertissement et incitation").15

Ergänzend sei hier gesagt, dass auch im deutschen Sprachraum, in dem die Eigenheiten des Ba-

rock noch viel stärkere Spuren hinterlassen haben, die beiden Topoi in der Liebeslyrik des Öfteren

auftauchen. Exemplarisch dafür steht das Sonett ,,Vergänglichkeit der schönheit" von Hoffmannswal-

dau.

2. ,,Carpe diem" und ,,Memento mori" bei Ronsard

2.1 Liebe und Tod als Grundthemen in Ronsards Liebesdichtung

Eines der schwerwiegendsten Hindernisse für Ronsard bei der Eroberung seiner Geliebten scheint der

Tod zu sein. Immer wieder tauchen Reflexionen über dieses Thema in seinem Werk auf.16 Dass in

seinen Augen Liebe und Tod untrennbar zueinander gehören, kann man aus folgendem Vers schlie-

ßen, mit dem Ronsard die ,,

Sonnets pour Hélène

" und damit seine gesamte Liebesdichtung enden

lässt:

,,Car l′Amour et la Mort n′est qu′une même chose."

9 Vgl. dazu THOMINE (2001), S. 34f.

10 Ebd., S. 34.

11 Vgl. LANDRY / MORLIN (2002), S. 6 und BENSIMON (1962), S. 183.

12 POLLMANN (1975), S. 79.

13 Ebd., S. 80f.

14 GIBERT (1997), S. 91.

15 Ebd., S. 93

16 Vgl. dazu auch GENDRE (1970), S. 108.

5



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