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Der Generalplan von 1935 und seine Bedeutung für die Stadt Leningrad close

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Der Generalplan von 1935 und seine Bedeutung für die Stadt Leningrad

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 22 Pages
Author: Stefan Daute
Subject: Russian / Slavic Languages

Details

Event: HS "St. Petersburg"
Institution/College: University of Potsdam (Institut für Slavistik)
Tags: Generalplan, Bedeutung, Stadt, Leningrad, Petersburg
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 22
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 25  Entries
Language: German
Archive No.: V86826
ISBN (E-book): 978-3-638-01927-9

File size: 236 KB

Abstract

Die südliche Erweiterung Leningrads entlang dem heutigen Moskovskij prospekt galt vor der Perestrojka als ein Gebiet, in dem die Segnungen der „sozialistischen Stadt“ der Sowjetbevölkerung zugute kommen sollten. Dass die Vorstellungen der Stadtplaner einmal viel weiter gingen und hier im Süden der Stadt das neue Zentrum Leningrads entstehen sollte, war auch in den letzten Jahrzehnten der Sowjetunion lange vergessen. Heute, im postsowjetischen Russland, finden die einstmals stolz vorgezeigten Neubaugebiete ebenfalls keine Beachtung mehr und im Rückblick erscheint das gesamte Projekt als unbedeutende Episode in der Stadtgeschichte. Es war jedoch nicht nur ein stadtplanerisches, sondern in seiner Symbolhaftigkeit auch ein in höchstem Maße politisches Vorhaben. Das Bild der Stadt St. Petersburg sollte auf immer verändert werden.


Excerpt (computer-generated)

Universität Potsdam, Institut für Slavistik
Hauptseminar: „St. Petersburg“
Sommersemester 2002

Der Generalplan von 1935 und seine Bedeutung für die Stadt Leningrad

von

Stefan Daute

 


Inhalt

1. Einleitung... 3

2. Die Bedeutung von Stadt und Stadtplanung in der Sowjetunion... 4

3. Architekturgeschichtliche Einordnung... 7

4. Der Generalplan von 1935... 10

5. Die Wirkungselemente des Generalplans... 11

5.1 Veränderung der städtischen Makrostruktur... 11
5.2 Die Form des neuen Zentrums... 12
5.3 Die Architektur des Dom sovetov... 14

6. Die Rolle Leningrads in der Sowjetunion... 15

7. Resümee... 17

Bibliographie:....... 20

 


1. Einleitung

«Созданный по существу заново в советское время на месте жалких лачуг и унылых пустырей, Московский проспект является собой яркий пример заботы партии и правительства о благосостоянии народа. Его жилые кварталы просторны, квартиры – со всеми удобствами, вокруг жилищ много зелени, к услугам населения все виды пассажирского транспорта.
Здесь всё ново, и всё – для блага человека.» 1

«Южная часть Московского проспекта – за Обводным каналом, – в основном застроенная в советское время, стала разительным примером превращения нищей рабочей окраины в район современного социалистического города» 2

Wie die beiden Zitate aus Reiseführern der Sowjetzeit zeigen, galt die südliche Erweiterung Leningrads entlang dem heutigen Moskovskij prospekt als ein Gebiet, in dem die Segnungen der „sozialistischen Stadt“ der Sowjetbevölkerung zugute kommen sollten. Dass die Vorstellungen der Stadtplaner einmal viel weiter gingen und hier im Süden der Stadt das neue Zentrum Leningrads entstehen sollte, wird schon nicht mehr erwähnt. Heute, im postsowjetischen Russland, finden die einstmals stolz vorgezeigten Neubaugebiete ebenfalls keine Beachtung mehr und im Rückblick erscheint das gesamte Projekt als unbedeutende Episode in der Stadtgeschichte. „В 1935 г. было начато строительство Дворца Советов на Московском проспекте. Сюда предпологалось со временем перевести административный центр города.“ 3 Dementsprechend knapp erwähnt A. R. Dzeniskevic im Beitrag zu dem 800 Seiten starken Band „Sankt-Peterburg. 300 let istorii“ die Idee, das administrative Zentrum Leningrads nach Süden an den Moskovskij prospekt zu verlegen. So scheinen dieses Ansinnen der 1930er Jahre und mit ihm die einst gefeierten Errungenschaften des sozialistischen Städtebaus heute fast vergessen. Es war jedoch nicht nur ein stadtplanerisches, sondern in seiner Symbolhaftigkeit auch ein in höchstem Maße politisches Vorhaben. Das Bild der Stadt St. Petersburg sollte auf immer verändert werden.
Der Hauptteil dieser Hausarbeit beschäftigt sich mit der Deutung der drei Elemente dieses Vorhabens. Diese sind die neue Struktur der Stadt, die Form des neuen Zentrums und schließlich die Art seiner architektonischen Gestaltung. Zuvor wird eine Einordnung des Projekts in die Tradition der Stadtplanung in Russland und ihre Bedeutung für die Sowjetmacht, eine architekturgeschichtlichen Einordnung, sowie eine Beschreibung des Projekts gegeben. Am Schluss der Arbeit stehen einige Überlegungen zu Bild und Rolle Leningrads innerhalb des Sowjetstaates.

2. Die Bedeutung von Stadt und Stadtplanung in der Sowjetunion

Bedingt durch das politische System und die räumlichen Gegebenheiten waren die Voraussetzungen für eine geplante Entwicklung von Städten in Russland und der Sowjetunion von jeher günstiger, bzw. kam dieser eine größere Bedeutung zu als im westlichen Europa. Hierbei spielt die individuelle Freiheit der Bevölkerung eine Rolle. Bis zur Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahre 1861 konnten weite Teile der Bevölkerung nicht selbst über ihren Aufenthaltsort bestimmen.4 Der Faktor der individuellen Unfreiheit begünstigte auch nach der Oktoberrevolution die Möglichkeiten der Regulierung der Landflucht und der Planbarkeit städtischen Wachstums. Die vorhandenen Kontrollinstrumente konnten jedoch letztendlich das rasante Wachstum der städtischen Bevölkerungen und die damit verbundene immerwährende Wohnraumknappheit nicht verhindern, was zur dauerhaften Aktualität des Themas Stadtplanung bis zum Ende des sowjetischen Staates und darüber hinaus beitrug. Auch das Fehlen von Möglichkeiten der (kommunal) politischen Partizipation und Meinungsäußerung der Bevölkerung, wie sie in demokratischen Gesellschaften gegeben sind, begünstigte die Planung von oben.
Ein weiterer Faktor, der die Tradition des geplanten Baus von Städten bestärkte, war die Tatsache, dass es in Russland im Gegensatz zu den dicht besiedelten Staaten des westlichen Europa mit ihren alten Städten noch Gebiete gab, die durch Stadtneugründungen zu erschließen waren. Ein Beispiel hierfür ist etwa das 1893 im Zuge des Baus der Transsibirischen Eisenbahn gegründete Novosibirsk. Diese Entwicklung setzte sich auch nach dem Sturz des Zarismus fort. Zur Erschließung des nördlichen Sibirien wurde so noch 1935 unter sowjetischer Herrschaft der Grundstein für die Großstadt Noril’sk im Mündungsgebiet des Enisej gelegt. Auch der wirtschaftliche Entwicklungsrückstand, in dem sich Russland verglichen mit dem Westen befand, wurde in den ersten postrevolutionären Jahren von der internationalen Avantgarde der Stadtplanung in Verbindung mit den neu geschaffenen Besitzverhältnissen als ideale Voraussetzung für die Verwirklichung ihrer Ideen gesehen.5
Nach der Oktoberrevolution waren die sowjetische Wirtschaft und mit ihr alle Bereiche des öffentlichen Lebens gänzlich der Planung durch den Staat unterstellt. Partiell unterbrochen durch das kurze marktwirtschaftliche Interludium der NrP (Novaja skonomiceskaja politika) in den 1920er Jahren blieb das planwirtschaftliche Dogma bis in die Jahre der Perestrojka hinein bestehen. Grundlage dessen war das Dekret vom 8. November 1917 zur Verstaatlichung von Grund und Boden, das für die Schaffung einer entfesselten, zentral gelenkten Stadtplanung die wichtigste praktische Voraussetzung war.6

[...]


1 Solov’ev, Vladimir Borisovic: Moskovskij prospekt. Leningrad: Lenizdat 1964. S. 6.

2 Jakovcenko, Raisa Nikiticna: Moskovskij prospekt. Leningrad: Lenizdat 1986. S. 3f.

3 Dzeniskevic, A. R.: Leningrad v gody industrializacii (1929-1941 gg.), in: Ganelin, R. (?)./Koval’cuk, V. M. u. a.: Sankt-Peterburg. 300 let istorii. St. Petersburg: „Nauka“ 2003. S. 494-531, S. 516f.

4 Vgl. Bater, James H.: The Soviet City. Ideal and Reality. London: Edward Arnold 1980, S. 10.

5 Vgl. Kreis, Barbara/ Müller, Rita: Stadtplanung in der Sowjetunion, in: Archiv für Kommunalwissenschaften (AfK), 17. Jg., 1978, Zweiter Halbjahresband, S. 299-316, S. 299.

6 Vgl. ebd.


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