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Brücken nach Kuba - Transnationale Austauschbeziehungen kubanischer MigrantInnen in Deutschland

Magisterarbeit, 2006, 126 Seiten
Autor: Jennifer Eggert
Fach: Ethnologie / Volkskunde

Details

Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2006
Seiten: 126
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 39  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V86963
ISBN (E-Book): 978-3-638-00919-5
ISBN (Buch): 978-3-638-91472-7
Dateigröße: 507 KB

Zusammenfassung / Abstract

Diese Magisterarbeit stützt sich auf mein selbstorganisiertes Feldforschungspraktikum im Rahmen des Magisterstudienganges Ethnologie, dass ich im Jahr 2002 durchgeführt habe. Im Mittelpunkt stehen die alltäglichen Austauschbeziehungen zwischen kubanischen MigrantInnen in Deutschland und ihren Angehörigen in Kuba. Ziel der Studie ist, anhand einer empirischen Untersuchung alltagsweltlicher Lebenspraxen transnationale soziale Räume ausfindig zu machen, die Aufschluss über die Prozesshaftigkeit von Migration geben, sowie die Reziprozität von Austauschprozessen offenlegen.


Textauszug (computergeneriert)

Brücken nach Kuba: Transnationale
Familienbeziehungen kubanischer MigrantInnen in
Deutschland

Freie wissenschaftliche Arbeit
Zur Erlangung des akademischen Grades Magistra Artium (M.A.)
im Fach Ethnologie

Freie Universität zu Berlin
Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften
Institut für Ethnologie

Eingereicht von:
Jennifer Eggert

 

Iinhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 4

2. Theorie: Migrationsforschung ... 6

2.1 Die Transmigrationstheorie ... 8

2.2 „Multi-sited Ethnography“: Feldforschung unter Mobilitätsdruck ... 13

3. Landeskunde: Kuba ... 15

3.1 Kuba und der período especial ... 15
Exkurs: Jineterismo in Kuba – eine Alternative für die kubanische Jugend? ... 18

3.2 Emigrationsbewegungen in Kuba seit 1959 ... 20

3.3 Kubanische Familien und der período especial ... 27

4. Feldforschungsbericht: Brücken nach Kuba – Thesen, Fragestellungen, Vorgehensweise und Methoden ... 29

4.1 Thesen und Fragestellungen ... 30

4.2 Vorgehensweise ... 32

4.3 Methoden ... 33

5. Forschungsverlauf ... 34

5.1 Erster Forschungsabschnitt: Deutschland ... 34

5.2 Zweiter Forschungsabschnitt: Kuba ... 35

5.3 Probleme ... 40

6. Forschungsergebnisse ... 42

6.1 Erster Abschnitt: Deutschland ... 43
6.1.1 Migrationsgeschichte ... 43
6.1.2 Der Alltag in Deutschland ... 45
6.1.3 Kommunikationskanäle ... 49

6.2 Zweiter Abschnitt: Kuba ... 61
6.2.1 Der Alltag in Kuba ... 61
6.2.2 Kommunikationskanäle ... 70

7. Ergebnisanalyse ... 75

7.1 These 1: „Migration ist ein Prozess“ ... 75

7.2 These 2: „Die Austauschbeziehungen sind reziprok“ ... 78

7.3 These 3: „Transnationale Migration nach Europa als Überlebensstrategie“ ... 82

8. Resumée ... 86

9. Ausblick ... 87

10. Anhang ... 91

10.1 Familiendiagramme ... 91
10.1.1 Macuto ... 92
10.1.2 Marta ... 93
10.1.3 Miladys ... 94
10.1.4 Piyo ... 95
10.1.5 Ruben ... 96
10.1.6 Sonia ... 97
10.1.7 Yisleidi ... 98
10.1.8 Yoan ... 99

10.2 Interviews ... 100
10.2.1 Interview mit Yisleidi ... 101
10.2.2 Interview mit Sonias Vater ... 108
10.2.3 Interview mit Rubens Tochter ... 113

11. Literatur ... 123

 

1 Einleitung

Als ich 1998 erstmals mit meinem kubanischen Freund Fredy seine Heimat besuchte, verbrachten wir die ersten fünf Tage damit, in ganz Havanna Briefe und kleine Päckchen zu verteilen. Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, was vor sich ging: Einige in Hamburg lebende KubanerInnen hatten Fredy etwas für ihre Familien in Havanna mitgegeben. Die Übergabe war aufgrund der begrenzten Transportmöglichkeiten in Havanna eine zeitaufwändige Aufgabe, die mein sonst eher ungeduldiger Freund überraschend pflichtbewusst erfüllte. Das sei selbstverständlich, erklärte er mir, fast jeder Kubaner nehme etwas für andere mit, wenn er nach Kuba fliegt. Im Gegenzug könne man dann selbst etwas mitgeben, wenn ein anderer seine Familie besucht. Er selbst würde nur auf diesem Wege den Kontakt zu seiner Familie pflegen, da die Post langwierig und unzuverlässig sei und Geldüberweisungen über die Bank zu teuer. Also überreichte er nun der Mutter von Ricardo dessen erste selbstproduzierte CD, die Eltern von Omar bekamen aktuelle Fotos von ihren deutsch-kubanischen Enkeln, Yamila schickte ihrer Mutter Stoff für Gardinen, und alle sechs Familien bekamen von uns Briefumschläge überreicht, worin sich außer einigen persönlichen Zeilen ihrer Angehörigen auch Dollarnoten befanden. Einen Rollstuhl für die Großmutter von Diogenes hatten wir übrigens schon am Flughafen übergeben. Dort erwartete uns Diogenes’ Bruder, um das sperrige Stück gleich in Empfang zu nehmen.

2001 hieß es für mich, ein Thema für meine Lehrforschung zu finden, die ich im Rahmen meines Ethnologiestudiums zu absolvieren hatte. Schnell kam mir die Idee, dem soeben geschilderten Phänomen auf den Grund zu gehen, zumal ich mich während des Hauptstudiums viel mit dem Thema Transnationalismus beschäftigt hatte. Die erlernten Theorien mit meinen empirischen Beobachtungen zu verbinden, erschien mir hochinteressant: Durch die Analyse und Nachverfolgung alltäglicher Austauschbeziehungen zwischen kubanischen Emigrant-Innen und ihren Familien in Kuba wollte ich die „transnationalen sozialen Räume“ ausfindig machen, von denen in der Fachliteratur die Rede ist. Meine oben geschilderten Eindrücke machen bereits deutlich, dass die kubanischen EmigrantInnen ihre Heimat nicht ein für alle Mal hinter sich gelassen haben, sondern sich in einem „Dazwischen“ befinden, zwischen Kuba und Deutschland. Mittlerweile hatte ich durch die vielen Gespräche mit meinem Freund einen tieferen Einblick in die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen Kubas der letzten zehn Jahre bekommen. Die kubanische Gemeinde in Hamburg und vor allem auch in Berlin (wo ich inzwischen hingezogen war) wächst stetig. Seitdem Fidel Castro im Jahre 1990 als Reaktion auf die prekäre wirtschaftliche Lage Kubas nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion den Notzustand in Friedenszeiten (período especial en tiempos de paz) ausrufen ließ, verlassen immer mehr KubanerInnen ihre Heimat, und zwar zunehmend auch in Richtung Europa. Die Kommunikation mit den Familienangehörigen, so meine ist Annahme, spielt für die meisten eine zentrale Rolle in ihrem Alltag.

Ziel dieser Magisterarbeit ist es, auf der Grundlage der Ergebnisse meines Feldforschungspraktikums im Jahre 2002 die alltäglichen familiären Austauschbeziehungen der kubanischen MigrantInnen in Deutschland und ihren Familien im Heimatland aufzuzeigen. Die Untersuchung stützt sich auf die Bestandsaufnahme der verschiedenen Kommunikationskanäle und Reisewege, also jeder Form der alltäglichen Austauschbeziehungen zwischen Deutschland und Kuba. Daran soll die Prozesshaftigkeit von Migration sowie die Reziprozität der Austauschbeziehungen deutlich gemacht werden, die wiederum Aufschluss über die Transnationalität der Lebensentwürfe der MigrantInnen geben sollen. Dabei liegt der Fokus auf die Entwicklungen seit 1990 in Kuba, die – wie gezeigt werden soll – zu einer verstärkten Emigration nach Europa geführt haben.

Ich werde mit einer kurzen Einführung über die soziale Migrationsforschung beginnen, dann den Transmigrationsansatz von Glick Schiller et al., auf dessen Annahmen meine Arbeit basiert, darlegen sowie auf die Auflösung angestammter Forschungsfelder der Ethnologie und die Folgen für die bisherige Forschungspraxis eingehen. Im dritten Abschnitt folgt eine Einführung in die sozioökonomischen Entwicklungen seit 1990 in Kuba, ein Überblick über die Emigrationsbewegungen seit 1959 und eine Betrachtung der Auswirkungen des período especial für kubanische Familien. Nach dieser theoretischen Einbettung werde ich mein Forschungsthema genau erfassen und meine Thesen, Fragestellungen und Methoden erläutern. Der fünfte Teil beschreibt den Forschungsverlauf und im sechsten Abschnitt werde ich die Ergebnisse darstellen, um diese dann im darauffolgenden siebten Teil in Bezug auf meine Thesen zu analysieren. Abschließend erfolgen ein Resumée sowie ein Ausblick, in dem ich auf die Lebensläufe meiner InformantInnen bis zum heutigen Tage eingehe, bei denen es zum Teil seit der Feldforschung deutliche Veränderungen gegeben hat.

Wenn nicht anders gekennzeichnet, gelten alle Fakten und Zahlen für den Forschungszeitraum 2002.

2 Theorie: Migrationsforschung

Migration gibt es seit Menschengedenken, die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema erst seit knapp hundert Jahren. Die ersten Arbeiten kamen aus dem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“: Die USA waren damals im Zusammenhang mit der Industrialisierung Ziel mehrerer Millionen Einwanderer aus Europa. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs und den dadurch ausgelösten weltweiten Wanderbewegungen in Form von Flucht, Vertreibung und Arbeitsmigration gewann die Migrationsforschung auch in Europa an Bedeutung.1 Verallgemeinernd kann man sagen, dass fast allen theoretischen Ansätzen bis in die frühen 1980er Jahre die Vorstellung von Migration als einen einmaligen und unidirektionalen Akt, der einen Bruch im gesellschaftlichen Leben darstellt, zugrunde liegt.2 Grenzüberschreitende Wanderbewegungen galten demnach als Ausnahme von der Regel und häufig als Problem: Entwurzelung, Instabilität, Identitätsverlust sind Begriffe, mit denen die Folgen von Migration immer wieder in Zusammenhang gesetzt wurden und zum Teil heute noch werden.3 Die dem Menschen unterstellte Sesshaftigkeit bezieht sich nicht zuletzt auf die Konzeption des Nationalstaats: Bestimmte Bevölkerungsgruppen werden bestimmten geographischen Räumen zugeordnet. Soziale Beziehungen, so die verbreitete Vorstellung, bestehen innerhalb dieser begrenzten Räume:


„Die für die Strukturierung menschlicher Lebenswelten und Alltagsroutinen relevanten und dominanten sozialen Räume waren über einen längeren Zeitraum und bis heute vorwiegend im Bezugsrahmen von Nationalgesellschaften eingewoben.“ (Pries 1997: 29)

Seit den 1980er Jahren lässt sich ein stetiger Anstieg weltweiter Migration verzeichnen.4 Dabei nehmen Art und Weise dieser Wanderungsbewegungen immer differenziertere Formen an. Während der Fokus der Migrationsforschung auf einmalige, unidirektionale und dauerhafte Ortswechsel zwischen Nationalstaaten, deren Dynamik durch das Wechselspiel von „Push“ – und „Pull“ – Faktoren bestimmt ist, bisher in der Regel vielleicht noch angemessen war, lassen sich die alltagsweltlichen Erfahrungen von MigrantInnen in der heutigen Zeit kaum mehr in die alten Modelle einordnen:5


„Eine bedeutsame neue Qualität internationaler Migration am Ende dieses Jahrhunderts besteht nun darin, dass der Anteil von mehrfacher, mehrdirektionaler, erwerbs- und lebensphasenbezogener und etappenweiser flächenräumlicher Wanderung zunimmt und sich jenseits der (national-) gesellschaftlichen Grenzziehungen neue Migrationsnetzwerke und transnationale Lebenswirklichkeiten aufspannen, wodurch das schon seit Jahrhunderten bestehende Gerüst von Weltwirtschaft(en) mit neuen sozialen Verflechtungszusammenhängen gefüllt wird.“ (Pries 1997: 35)

[...]


1 Han (2000): S. 1.

2 Einen guten Überblick über die verschiedenen Strömungen der klassischen Migrations-forschung liefert Pries (1997): S. 30 ff..

3 Nyberg Soerensen (1999): S. 16 sowie Clifford (1997): S. 24.

4 Pries (1997): S. 16.

5 Pries (1997): S. 34.


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