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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 32 Pages
Author: Christian Werner
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Details
Tags: Wolframs, Willehalm, Aspekt, Gattungsfrage
Year: 2007
Pages: 32
Bibliography: ~ 12 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-01492-2
File size: 156 KB
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Excerpt (computer-generated)
Universität Würzburg
Institut für deutsche Philologie
Sommersemester 2007
Hauptseminar: Der
Willehalm
Wolframs von Eschenbach
Wolframs Willehalm unter dem Aspekt der Gattungsfrage
Von
Christian Werner, Würzburg
Inhalt
1.
Die
Forschungslage
zur
Gattungsfrage
3
2.
Mittelalterliches
Gattungsbewusstsein 4
3.
Aspekte der Legende im
Willehalm
6
4.
Aspekte der Chanson de geste im
Willehalm
16
5.
Aspekte des Höfischen Romans im
Willehalm
23
6.
Schlussgedanken
29
Bibliographie
31
2
1.
Die Forschungslage zur Gattungsfrage
Nicht immer hat die Wolfram-Forschung dem
Willehalm
so viel Beachtung geschenkt, wie es
heute der Fall ist. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich die Auseinandersetzung mit diesem
Text zu einem Thema des Mainstreams altgermanistischer Forschung entwickelt. Dies ist
wohl nicht zuletzt auf die mannigfaltigen Schwierigkeiten, die sich dem
Willehalm
-
Interpreten bieten, zurückzuführen. In diesem Zusammenhang sind insbesondere der
fragmentarische Charakter der Dichtung und das damit einhergehende offene Ende
hervorzuheben, welcher Deutungsversuche hinsichtlich der ungeklärten Gattungsfrage
erschwert. Infolge der Gattungsdiskussion haben sich mit der Zeit unterschiedliche
Standpunkte herauskristallisiert. Bis heute wird häufig die Meinung vertreten, dass der
Willehalm
als Legende zu lesen sei. Ein entschiedener Verfechter dieser Sichtweise ist
Friedrich Ohly1, dessen Interpretation sich hauptsächlich auf das initiale Gebet an den
Heiligen Geist (1,1-5,14) beruft. Diesem Ansatz folgend hat in jüngerer Zeit auch Franziska
Wessel-Fleinghaus2 eine umfangreiche Interpretation des Wolfram′schen Textes vorgelegt,
welchen sie aufgrund des innovativen Umgangs des Dichters mit der theologischen
Kernproblematik als Problemlegende qualifiziert. Demgegenüber sieht Werner Schröder3 im
Willehalm
einen ,,tragischen Roman"; seine Argumentation stützt sich dabei auf den Versuch
des Dichters, den ursprünglich im Umkreis der
chanson de geste
angesiedelten
Aliscans
-Stoff
in romanesker Manier zu überformen. Schließlich hat es auch nicht an Versuchen gefehlt, das
Werk in die Tradition der Heldenepik respektive der französischen
chanson de geste
zu
verorten. Hierfür plädiert besonders dezidiert Walter Haug4, der den heldenepischen Duktus
der Dichtung herausstellt, der mit einer verneinten höfischen
aventiure
-Welt kontrastiert.
Diesbezügliche Überlegungen trägt auch Kurt Ruh5 vor, wenngleich er jedoch konzediert,
dass der
Willehalm
sich durch das Vorhandensein heterogener gattungsindizierender
Merkmale auszeichne, mithin keiner Gattung eindeutig zugeschlagen werden könne und
1 Ohly, Friedrich: ,,Wolframs Gebet an den Heiligen Geist im Eingang des Willehalm." In:
Zeitung für deutsches
Altertum
91, 1961/62, S. 1-37.
2 Wessel-Fleinghaus, Franziska: ,,Gotes handgetat. Zur Deutung von Wolframs ,Willehalm′ unter dem Aspekt
der Gattungsfrage." In:
Literaturwissenschaftliches Jahrbuch
33 (1992), S. 29-100.
3 Schröder, Werner:
Der tragische Roman von Willehalm und Gyburg. Zur Gattungsbestimmung des Spätwerks
Wolframs von Eschenbach.
Mainz: Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Wiesbaden 1979, Nr. 5.
4 Haug, Walter: ,,Parzivals ,zwîfel′ und Willehalms ,zorn′. Zu Wolframs Wende vom höfischen Roman zur
Chanson de geste." In: Ders.:
Strukturen als Schlüssel zur Welt. Kleine Schriften zur Erzählliteratur des
Mittelalters.
Tübingen 1989, S. 529-540.
5 Ruh, Kurt:
Höfische Epik des deutschen Mittelalters. Bd. II. ,Reinhart Fuchs′, ,Lanzelet′, Wolfram von
Eschenbach, Gottfried von Straßburg
. Berlin 1980 (= Grundlagen der Germanistik 25), hier S. 190; sowie Ders.:
,,Drei Voten zu Wolframs ,,Willehalm": 3. Zur Gattungsfrage." In: Ernst-Joachim Schmidt (Hrsg.):
Kritische
Bewahrung. Festschrift für Werner Schröder zum 60. Geburtstag.
Berlin 1974, S. 293-297.
3
daher vielmehr als ,,Opus mixtum" zu betrachten sei. Aufgrund seiner Unbestimmtheit kann
dieser Vorschlag indes lediglich als Verlegenheitslösung angesehen werden6; die Forschung
hat die Unzulänglichkeiten dieser Perspektive betont, wobei vor allem die sich bereits im
Entstehen befindlichen Gattungsbilder der höfischen, der heldenepischen und der
hagiographischen Dichtungen verwiesen wurde.7 Zweifelsohne ist es unmöglich die
Gattungsfrage einer eindeutigen Lösung zuzuführen und es würde geradezu vermessen
erscheinen, eine letztgültige Antwort etablieren zu wollen, die allen vorhandenen
Gattungshinweisen gerecht wird zu disparat, zu sperrig und vielschichtig präsentiert sich
Wolframs Dichtung dem Rezipienten. Auch scheint sich der Autor der innovativen Kraft
seines
Willehalm
durchaus bewusst gewesen zu sein:
unsanfte mac genozen
Diutscher rede deheine
dirre die ich nu meine
ir letze und ir beginnen.
(4,30ff.)8
In Lichte dieser Äußerung wirft sich zudem die Frage auf, inwiefern Wolfram überhaupt das
Ziel verfolgte, sein Werk innerhalb des abgesteckten Bereiches einer bestimmten Gattung zu
konzipieren. Es ist nicht abwegig, dass es der Intention des Dichters entsprach, Grenzen zu
überschreiten, indem er Elemente verschiedener Gattungen amalgamierte. Um jedoch aus
diesen Überlegungen fundierte Schlüsse ziehen zu können, bedarf es zunächst der Klärung
des Verständnisses und der Beschaffenheit literarischer Gattungen im Mittelalter.
2. Mittelalterliches
Gattungsbewusstsein
Um den
Willehalm
unter dem Aspekt der Gattungsfrage überhaupt näher beleuchten zu
können, ist es zunächst unumgänglich, Informationen über das Gattungsverständnis
mittelalterlicher Autoren und des zeitgenössischen Publikums einzuholen. Ältere Literatur zu
diesem Aspekt geht davon aus, dass bereits im Mittelalter ein ausgeprägtes
Gattungsbewusstsein vorherrschte, womit den verschiedenen Dichtungen gleichzeitig die
Fähigkeit zugesprochen wird, kraft ihrer gattungsmäßigen Natur das Werkverständnis in eine
bestimmte Richtung zu lenken. So entwickelt etwa Richard Alewyn ein Gattungsverständnis,
demzufolge sich die verschiedenen Genres klar und deutlich voneinander abheben und somit
eindeutig klassifizierbar sind:
,,Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ist eine Gattung ein deutlich umrissenes Modell, in dem nicht nur
eine obligate Sprache und Technik, sondern auch ein vorgeschriebenes Weltbild und ein
6 Ruh selbst bezeichnet seinen Beitrag als ,,Verlegenheitsbestimmung", die jedoch ihre Berechtigung habe, da sie
auf sorgfältigen Analysen basiere; vgl. Ruh 1980, S. 190.
7 Vgl. Tomasek 1998, S. 183.
8 Übersetzung (Ü): Nur schwerlich mag eine Erzählung in deutscher Sprache der gleichkommen, die ich nun
vom Anfang bis zum Ende im Sinne habe.
4
vorgeschriebener Gedankengehalt so zusammengehören, daß keiner seiner Bestandteile verrückbar oder
auswechselbar ist."9
Daneben weist bereits Friedrich Ohly darauf hin, dass der Stilsprung von Gattung zu Gattung
in der Synchronie ausgeprägter sei als der diachron betrachtete Gattungswandel.10 Hieraus
lässt sich folgern, dass innovative Weiterentwicklungen des Verständnisses einzelner
literarischer Genres sich nur relativ langsam vollziehen, so dass zu jeder Zeit unschwer
zwischen verschiedenen Dichtungsarten unterschieden werden kann.
Einen anderen Standpunkt nimmt Klaus Grubmüller11 in seiner differenzierten Abhandlung
zur mittelalterlichen Gattungskonstitution ein. Er legt dar, dass das volkssprachige Mittelalter
weder über eine präskriptive noch eine deskriptive Gattungspoetik verfüge, was sich nicht
zuletzt in einer unpräzisen, teilweise gar widersprüchlichen Terminologie niederschlägt. So
könne der mittelhochdeutsche Begriff
liet
sowohl zur Bezeichnung eines gesprochenen als
auch eines gesungenen Textes Verwendung finden und einen Umfang von nur einer einzigen
aber auch sehr vielen Strophen aufweisen (
Der Nibelunge liet
).12 Während in lateinischen
Dichtungen durchaus ein Gattungsverständnis auszumachen ist, kann für die
mittelhochdeutschen Werke, von einem Gattungsverständnis keine Rede sein. Dessen
ungeachtet existieren aber sehr wohl Werkreihen, denen gattungsprägende Funktion
zukommt, wie etwa Artusroman, Heldenepos, Minnelied, Prosaroman, Sangspruch usw.
Dennoch, so Grubmüllers Kernthese, sperren sich diese literarischen Phänomene gegen die
Einordnung in eine umfassende Gattungstypologie, weil sie sich ständig weiterentwickeln und
somit stets in neuen Spielarten auftreten können, wodurch es unmöglich wird, sie einem
einmal etablierten Gattungskorsett einzuverleiben. Daher sei es angezeigt, die mittelalterliche
Gattungsdiskussion nicht auf Basis vorgefertigter, festgefügter Raster zu führen, sondern
einen historisch dynamischen Gattungsbegriff heranzuziehen, der etwaigen
Weiterentwicklungen Rechnung trägt. Somit erübrigt sich die Frage nach festen Kriterien, da
davon ausgegangen wird, dass Vertreter derselben Werkreihe an verschiedenen Stationen des
Entwicklungsprozesses entstehen und somit gar nicht exakt die gleichen Merkmale aufweisen
9 Vgl. Richard Alewyn: ,,Der Roman des Barock", In: H. Steffen (Hg.):
Formkräfte der deutschen Dichtung vom
Barock bis zur Gegenwart
. Göttingen, 1963, S. 21-34, hier: S. 22; zit. nach Wessel-Fleinghaus 1992, S. 30, Fn.
6.
10 Friedrich Ohly: ,,Halbbiblische und außerbiblische Typologie" (1976), In: Ders.:
Schriften zur
mittelalterlichen Bedeutungsforschung.
Darmstadt, 1977, S. 361-400, hier: S. 363; zit. nach Wessel-Fleighaus
1992, S. 30, Fn 6.
11 Grubmüller, Klaus: Gattungskonstitution im Mittelalter. In: Palmer, F., Hans-Jochen Schwierer:
Mittelalterliche Literatur im Spannungsfeld von Hof und Kloster. Tübingen 1999, S. 193-10.
12 Vgl. Grubmüller 1999, S. 196; der Autor führt als weiteres Beispiel für die terminologische Mehrdeutigkeit
von Gattungsbezeichnungen das
mære
an. Dieser Begriff wird findet im Zusammenhang mit erzählenden
Gedichten Verwendung, ist aber auch für sämtliche Spielarten zwischen Epos und Schwank gebräuchlich und
kann darüber hinaus auch schlicht und einfach ,,Neuigkeit" oder ,,Geschichte" bedeuten.
5
können. Wenn also Texte lediglich eine gewisse Schnittmenge an Gemeinsamkeiten mit den
Vorgängern aus ihren Werkreihen teilen, ja normalerweise selbst mehreren Reihen zugleich
angehören, konstatieren wir im Falle des
Willehalm
die Teilhabe an mindestens drei dieser
Gattungen: den (höfischen) Roman, das Heldenepos bzw. die
chanson de geste
sowie die
Legende. Dass Wolframs
Willehalm
ein gattungsmäßig höchst vielschichtiges Gebilde
darstellt, illustriert auch schon die eingangs dargestellte Vielfalt der Forschungsstandpunkte.
Ob es sich aber dabei tatsächlich um ein vom Autor intendiertes
opus sui generis
handelt, wie
Walter Haug annimmt13, oder die Neuartigkeit der Willehalmdichtung im Sinne Grubmüllers
einer quasi regelhaften Erweiterung des Gattungshorizontes geschuldet ist, soll genauso
diskutiert werden wie die Frage, welche Gattungshinweise der Dichter dem Leser liefert, wie
er sie einsetzt und welche Wirkung von ihnen ausgeht.
3.
Aspekte der Legende im Willehalm
Seit jeher werden Erzählungen von Lebensgeschichten vorbildlicher Menschen überliefert.
Basierend auf einem historischen Substrat, bilden diese Heiligenlegenden jedoch
geschichtliche Fakten nicht realiter ab, sondern werden durch fiktionale Elemente überformt.
Als konstitutive Elemente dieser Erzählungen gilt daher neben der
vita
, dem Leben des
Heiligen und der
passio
, dem Leid, das der Märtyrer in seinem irdischen Dasein erduldet,
auch das
miraculum
, ein Grabwunder also, bzw. wundersame Geschehnisse aus dem Leben
des Heiligen. Ehe wir weitergehende Überlegungen zur Deutung des
Willehalm
als Legende
anstellen wollen, erscheint es sinnvoll, uns zu vergegenwärtigen, in welcher Weise diese drei
Elemente in Wolframs Text ausgemacht werden können. Kein Zweifel besteht daran, dass
Graf Wilhelm von Toulouse als historisches Vorbild für den Protagonisten zu betrachten ist.
Dieser zeichnete sich in zahlreichen Schlachten gegen heidnische Heere im heutigen Spanien
aus, bevor er 804 dem weltlichen Leben den Rücken kehrte und in das Kloster Aniane bei
Montpellier eintrat. Seinen Lebensabend verbrachte er ab 806 in dem von ihm gestifteten
Kloster Gellone, wo er 812 verstarb. Sein frommes Leben wird uns legendarisch in der
Vita
sancti Wilhelmi
überliefert, die neben seinem Klosterleben auch Wunder des Heiligen sowie
Grabwunder bezeugt.14 Es ist offensichtlich, dass Wolframs Willehalm vor dieser
vorbildlichen Folie nicht bestehen kann. Wenngleich er sich als tapferer Krieger im Kampf
gegen die Heiden und vorbildlicher Ehemann darbietet, so weist seine Charakteristik auch
dunkle Seiten auf, die einem Heiligen nicht gut zu Gesicht stehen. Einer
passio
des Helden im
engeren Sinne kommt am ehesten noch seine Enthaltsamkeit während der Trennung von
13 Vgl. Haug 1989, S. 540.
14 Nach. Bumke 2004, S. 376f.
6
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