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Diplomarbeit, 1999, 245 Seiten
Autor: Nicola Pantelias
Fach: Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Details
Tags: Dein, Kreis, Relevanz, Möglichkeiten, Rehabilitation, Kranke, Behinderte, Arbeitsmarkt
Jahr: 1999
Seiten: 245
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 115 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-01068-9
Dateigröße: 5585 KB
Auszeichnung mit dem Hochschulförderpreis 2000 der Sparkasse Lüneburg
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Zusammenfassung / Abstract
Diese Arbeit befaßt sich mit der Relevanz der beruflichen Rehabilitation für psychisch kranke und behinderte Menschen. Um zu analysieren, ob sich die Relevanz der Erwerbstätigkeit aus einem generellen Grundbedürfnis des Menschen nach Arbeit ableiten läßt, und somit zu der Forderung nach einem „Recht auf Arbeit“, insbesondere für den betreffenden Personenkreis, führt, oder ob die „Arbeit“ lediglich als Therapieform für psychisch kranke und behinderte Menschen zu werten ist, werden zunächst die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit bei der Allgemeinbevölkerung aus sozialmedizinischer Blickrichtung untersucht. Vorausgesetzt, daß die Situation der Arbeitslosigkeit für den Bevölkerungsdurchschnitt eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes zur Folge hat, so muß, nach einer Ursachenanalyse, seitens der sozialpolitisch Verantwortlichen mit entsprechenden Interventionsmaßnahmen reagiert werden. In den Kapiteln 2 und 3 wird diese Fragestellung erörtert. (Die Hausarbeit der Verfasserin - „Die Relevanz beruflicher Tätigkeit aus sozialmedizinischer Sicht“, 20.11.1998, S. 6-60 – wurde vollständig als Zitat verwandt.) Wenn sich aber die Arbeitslosigkeit auf die Gesundheit der Allgemeinbevölkerung destabilisierend auswirkt, dann ist zu erwarten, daß sich die Krankheitssymptome bei psychisch kranken und behinderten Menschen, die arbeitslos werden oder wegen einer im Lebensverlauf früh eingetretenen chronischen Erkrankung überhaupt noch nicht in das Erwerbsleben integriert waren, verstärken beziehungsweise häufen. Die Tatsache, daß dieser Personenkreis zur Risikogruppe für Arbeitslosigkeit gehört, erhöht die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung eines Teufelskreises, der dann unweigerlich in der gesellschaftlichen Isolation endet. Das Kapitel 4 befaßt sich mit dieser Thematik.
Textauszug (computergeneriert)
FACHHOCHSCHULE NORDOSTNIEDERSACHSEN
Lüneburg
Fachbereich Sozialwesen
DIPLOMARBEIT
zur Erlangung des Hochschulgrades einer
Diplom-Sozialarbeiterin / Diplom-Sozialpädagogin (FH)
„Und immer enger wird Dein Kreis“ –
Relevanz und Möglichkeiten der beruflichen
Rehabilitation
für arbeitslose psychisch Kranke und Behinderte,
insbesondere auf dem 3. Arbeitsmarkt
Nicola Pantelias
Abgabetermin: 28. Mai 1999
Inhaltsverzeichnis
0. Vorwort ... 7
1. Einleitung ... 8
2. Die Relevanz der beruflichen Tätigkeit für die Allgemeinbevölkerung ... 10
2.1 Die Rolle der Arbeit in der Geschichte ... 10
2.2 Gesellschaftliche und (welt)wirtschaftliche Ursachen für Arbeitslosigkeit ... 15
2.3 Die Konsequenzen der Geschichte für heutige Werte und Normen ... 16
2.4 Risikofaktoren für Arbeitslosigkeit ... 18
2.4.1 Das Alter ... 18
2.4.2 Das Geschlecht ... 19
2.4.3 Die berufliche Qualifikation ... 20
2.4.4 Krankheit ... 20
2.4.5 Resümee ... 21
2.5 Auswirkungen der Arbeitslosigkeit für die Betroffenen ... 23
2.5.1 Langzeitarbeitslosigkeit als Teufelskreis ... 23
2.5.2 Die finanzielle Situation in der Arbeitslosigkeit ... 24
2.5.3 Sozialer Status und Selbstwert ... 27
2.5.4 Soziale Kontakte ... 28
2.5.5 Auswirkungen auf die Familie ... 29
2.5.6. Auswirkungen auf den Gesundheitszustand ... 30
2.5.6.1 Objektive Daten zum Gesundheitszustand ... 31
2.5.6.2 Angaben zum subjektiven Gesundheitszustand ... 32
2.5.6.3 Daten zur Bestimmung potentieller Gesundheitsgefährdung ... 34
2.5.6.3.1 Ergebnisse der Blutdruckmessungen ... 34
2.5.6.3.2 Ergebnisse der Body – Mass – Index - Messungen ... 35
2.5.6.3.3 Untersuchungen zu Cholesterinwerten ... 35
2.5.6.3.4 Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen ... 36
2.5.6.3.5 Untersuchungen zu Ernährungs – und Rauchgewohnheiten ... 36
2.5.6.4 Beurteilung der Forschungsergebnisse ... 37
2.5.6.5 Auswirkungen auf den psychischen Gesundheitszustand ... 37
2.5.6.5.1 Arbeitslosigkeit als traumatische Erfahrung ... 39
2.5.6.5.2 Abnorme Erlebnisreaktionen nach dem Verlust des Arbeitsplatze ... 40
2.5.6.5.3 Arbeitslosigkeit als Streßsituation ... 41
2.5.6.5.4 Die erlernte Hilflosigkeit ... 42
2.5.6.5.5 Soziokulturelle Erklärung psychischer Störungen bei Arbeitslosen ... 44
2.5.6.5.6 Resümee ... 45
2.5.6.6 Auswirkungen auf den physischen Gesundheitszustand ... 45
2.5.6.6.1 Somatoforme Störungen ... 46
2.5.6.6.2 Psychophysiologische Störungen ... 47
2.5.6.6.2.1 Das Fehlregulationsmodell ... 47
2.5.6.6.2.2 Das Streß - Modell ... 48
2.5.6.6.2.3 Psychoneuroimmunologisches Modell ... 49
2.5.6.6.2.4 Resümee ... 49
2.6 Resümee der vorgestellten Modelle für Ursachen und Auswirkungen ... 50
3. Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Prävention ... 53
3.1 Verschiedene arbeitsmarktpolitische Maßnahmen ... 53
3.2 Prävention im Vorfeld einer Kündigung ... 58
3.3 Prävention während der Arbeitslosigkeit ... 59
3.4 Unemployment – Management als Aggregat gesundheitsrelevanter Dienstleister ... 60
3.5 Resümee ... 62
4. Die Relevanz der beruflichen Eingliederung in das Arbeits- und Berufsleben für psychisch kranke Menschen ... 64
4.1 Chronisch psychische Erkrankungen als Risikomerkmal für Arbeitslosigkeit ... 67
4.1.1 Mangelnde berufliche Qualifikation ... 68
4.1.2 Diskontinuität beruflicher Tätigkeit ... 68
4.1.3 Anerkannte Schwerbehinderung ... 69
4.1.4 Niedriges Alter ... 69
4.1.5 Männliches Geschlecht ... 69
4.1.6 Der Familienstand ... 70
4.1.7 Chronischer Krankheitsverlauf ... 70
4.1.8 Fehlende Kontakt – und Unterstützungsmöglichkeiten ... 71
4.1.9 Individuelle psychologische Determinanten ... 71
4.2 Folgen beruflicher Desintegrationsprozesse in Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen ... 72
4.2.1 Das tägliche Training der sozialen Kompetenz bzw. sozioemotionalen Fähigkeiten ... 74
4.2.2 Das tägliche Training instrumenteller und intellektueller Fertigkeiten bzw. Fähigkeiten ... 74
4.2.3 Der soziale Statu ... 75
4.2.4 Das Selbstwertgefühl ... 75
4.2.5 Die Tagesstrukturierung ... 75
4.2.6 Die finanzielle Unabhängigkeit ... 76
4.2.6.1 Die finanzielle Situation der EmpfängerInnen von Arbeitslosengeld bzw. Arbeitslosenhilfe ... 76
4.2.6.2 Die finanzielle Situation der EmpfängerInnen von Erwerbsminderungsrente ... 77
4.2.6.3 Die finanzielle Situation der Leistungsberechtigten von Sozialhilfe ... 80
4.3 Resümee ... 83
5. Gesetzliche Grundlagen der beruflichen Rehabilitation psychisch Kranker und Behinderter ... 86
5.1 Die Systematik der Gesetze zur beruflichen Rehabilitation Behinderter ... 86
5.1.1 Das RehaAnglG zur Anpassung der Leistungen ... 88
5.1.2 Die Zuständigkeiten der Träger der beruflichen Rehabilitation ... 89
6. Gesetzliche Leistungen nach den Besonderen Teilen des SGB ... 92
6.1 Leistungen an Behinderte ... 92
6.1.1 Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung nach SGB VII ... 92
6.1.1.1 Aufgaben der Unfallversicherung ... 92
6.1.1.2 Der anspruchsberechtigter Personenkreis ... 93
6.1.1.3 Die Anspruchsvoraussetzungen ... 93
6.1.1.4 Leistungen zur beruflichen Rehabilitation ... 93
6.1.1.5 Leistungen zur sozialen Rehabilitation und ergänzende Leistungen ... 95
6.1.1.6 Das Übergangsgeld ... 95
6.1.2 Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung nach SGB V ... 96
6.1.3 Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung nach SGB VI ... 97
6.1.3.1 Der anspruchsberechtigte Personenkreis ... 97
6.1.3.2 Die Anspruchsvoraussetzungen ... 97
6.1.3.3 Das Leistungsspektrum der Rentenversicherung nach SGB VI ... 99
6.1.3.3.1 Medizinische Leistungen ... 100
6.1.3.3.2 Berufsfördernde Leistungen (§ 16 SGB VI) ... 102
6.1.3.3.3 Leistungen zum Auswahlverfahren ... 105
6.1.3.3.4 Das Übergangsgeld ... 106
6.1.4 Leistungen der Bundesanstalt für Arbeit nach SGB III ... 108
6.1.4.1 Der anspruchsberechtigte Personenkreis ... 108
6.1.4.2 Anspruchsvoraussetzungen ... 108
6.1.4.3 Leistungen zum Auswahlverfahren ... 109
6.1.4.4 Leistungen zur beruflichen Rehabilitation ... 109
6.1.4.4.1 Die allgemeinen Leistungen nach § 100 SGB III ... 110
6.1.4.4.2 Die besonderen Leistungen nach § 103 SGB III ... 113
6.1.5 Leistungen der Hauptfürsorgestelle nach SchwbG ... 118
6.1.6 Leistungen der Sozialhilfeträger nach dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG) ... 123
6.1.6.1 Der anspruchsberechtigte Personenkrei ... 123
6.1.6.2 Aufgaben und Ziele der Eingliederungshilfe ... 125
6.1.6.3 Anspruchsvoraussetzungen ... 125
6.1.6.4 Leistungen zur beruflichen Rehabilitation ... 125
6.1.7 Die Sozialversicherung Behinderter ... 130
6.2 Leistungen an ArbeitgeberInnen ... 132
6.2.1 Leistungen der Unfallversicherung nach SGB VII ... 132
6.2.2 Leistungen der Rentenversicherung nach SGB VI ... 132
6.2.3 Leistungen der Bundesanstalt für Arbeit nach SGB III ... 133
6.2.3.1 Leistungen zur beruflichen Eingliederung von ArbeitnehmerInnen nach SGB III ... 134
6.2.3.2 Leistungen zur beruflichen Eingliederung Behinderter nach SGB III ... 135
6.2.4 Leistungen der Hauptfürsorgestelle nach dem Schwerbehindertengesetz ... 137
6.2.5 Modellförderung für Integrationsfachdienste und Integrationsfirmen ... 138
7. Die Einrichtungen zur beruflichen Rehabilitation Behinderter ... 139
7.1 Berufsbildungswerke ... 140
7.2 Berufsförderungswerke ... 140
7.3 Das Berufliche Trainingszentrum ... 141
7.4 Rehabilitationseinrichtungen für psychisch Kranke (RPK) ... 142
7.5 Übergangseinrichtungen für psychisch Kranke und Behinderte ... 144
7.6 Die Werkstatt für Behinderte (WfB) ... 145
8. Reiserouten durch das „Reha – Land“ ... 147
8.1 Versorgungslücken im Bereich der beruflichen Rehabilitation ... 151
8.2 Arbeit neu definieren ... 153
9. Die Relevanz des 3. Arbeitsmarktes für die berufliche Rehabilitation psychisch behinderter Menschen ... 155
9.1 Die besonderen Betriebe des 3. Arbeitsmarktes als potente Alternative bei der beruflichen Reintegration psychisch Behinderter ... 155
9.2 ArbeitgeberInnen mit psychiatrischer Fachkompetenz ... 162
9.3 Die volkswirtschaftliche Relevanz des 3. Arbeitsmarkte ... 169
9.4 Folgerungen und Forderungen ... 177
10. Die Möglichkeiten einer beruflichen Tätigkeit auf dem 3. Arbeitsmarkt ... 185
10.1 Charakteristika der verschiedenen Betriebsmodelle ... 186
10.1.1 Die Integrationsfirma ... 187
10.1.2 Die Zuverdienstfirma ... 190
10.1.3 Die Übergangsfirma ... 191
10.1.4 Die Geschützte Abteilung ... 192
10.1.5 Der technische Sozialbetrieb ... 193
10.1.6 Der soziale Betrieb ... 193
10.1.7 Die Leiharbeitsfirma ... 194
10.2 Fazit und Visionen ... 195
11. Resümee ... 197
Anhang ... 200
Quellenverzeichnis ... 228
0. Vorwort
Psychisch kranke und behinderte Menschen leiden in doppeltem Maß an der Arbeitslosigkeit. Sie erfahren nicht nur durch ihre Erkrankung, sondern auch durch den beruflichen Ausstieg gesellschaftliche Isolation. Wahrgenommen habe ich selber diese Problematik während meines Praktikums in einer psycho-sozialen Kontaktstelle in Hamburg-Harburg. Im Gesprächskreis, einer Art Gruppentherapie auf der Basis von Gestalttherapie, befanden sich zu jener Zeit einige Frauen, die gerade einen Antrag auf Rente wegen Erwerbsunfähigkeit gestellt hatten. Obwohl sie selber diesen Status bevorzugten, fühlten sie sich wertlos und gesellschaftlich ausgegrenzt.
In diesem Bezirk existiert lediglich eine anerkannte Werkstatt für psychisch Behinderte, die über eine lange Warteliste verfügt. Auf die prekäre Lage des besonderen Arbeitsmarktes in diesem Bezirk angesprochen, entgegneten die MitarbeiterInnen der komplementären Einrichtungen, daß die Idee der Schaffung von Arbeitsplätzen schon seit einiger Zeit im Raum stehe, jedoch keine der Einrichtungen die Initiative ergreifen wollte.
Stark beeindruckt vom Engagement eines gemeinnützigen Betriebes in Gütersloh, der seinen Mitarbeiterstamm nur aus psychisch kranken Menschen rekrutiert und trotzdem nur die in der freien Wirtschaft üblichen Subventionen erhält, habe ich mich mit der Idee, einen Integrationsbetrieb zu gründen, auseinandergesetzt. Schnell wurde mir jedoch klar, daß auf den Betrieben des 3. Arbeitsmarktes enorme Anforderungen lasten. Einerseits müssen Gewinne erwirtschaftet werden, andererseits gilt es, psychisch kranken und behinderten MitarbeiterInnen einen ihrer Leistungsfähigkeit entsprechenden Arbeitsplatz zu schaffen, und all das auf dem Spielfeld der freien Marktwirtschaft. Wenn die Integrationsfirmen trotz dieser Gegebenheiten wirtschaftliche Erfolge und bedeutende Rehabilitationseffekte nachweisen können, dann liegt das vor allen Dingen an der hohen Motivation und der betriebswirtschaftlichen Kompetenz der Geschäftsführung.
Mit meiner Diplomarbeit möchte ich die besondere Relevanz der Integrationsbetriebe für die berufliche Situation psychisch kranker und behinderter Menschen herausstellen. Sollte die Arbeit auch Lesern außerhalb der Fachhochschule in die Hände fallen, dann könnte sie Menschen aus Politik und Wirtschaft von der Förderungswürdigkeit dieser Betriebe überzeugen und für psychiatrisch Tätige eine Hilfe bei Fragen zur beruflichen Rehabilitation psychisch Kranker darstellen.
1. Einleitung
Diese Arbeit befaßt sich mit der Relevanz der beruflichen Rehabilitation für psychisch kranke und behinderte Menschen. Um zu analysieren, ob sich die Relevanz der Erwerbstätigkeit aus einem generellen Grundbedürfnis des Menschen nach Arbeit ableiten läßt, und somit zu der Forderung nach einem „Recht auf Arbeit“, insbesondere für den betreffenden Personenkreis, führt, oder ob die „Arbeit“ lediglich als Therapieform für psychisch kranke und behinderte Menschen zu werten ist, werden zunächst die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit bei der Allgemeinbevölkerung aus sozialmedizinischer Blickrichtung untersucht.
Vorausgesetzt, daß die Situation der Arbeitslosigkeit für den Bevölkerungsdurchschnitt eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes zur Folge hat, so muß, nach einer Ursachenanalyse, seitens der sozialpolitisch Verantwortlichen mit entsprechenden Interventionsmaßnahmen reagiert werden. In den Kapiteln 2 und 3 wird diese Fragestellung erörtert. (Die Hausarbeit der Verfasserin - „Die Relevanz beruflicher Tätigkeit aus sozialmedizinischer Sicht“, 20.11.1998, S. 6-60 – wurde vollständig als Zitat verwandt.)
Wenn sich aber die Arbeitslosigkeit auf die Gesundheit der Allgemeinbevölkerung destabilisierend auswirkt, dann ist zu erwarten, daß sich die Krankheitssymptome bei psychisch kranken und behinderten Menschen, die arbeitslos werden oder wegen einer im Lebensverlauf früh eingetretenen chronischen Erkrankung überhaupt noch nicht in das Erwerbsleben integriert waren, verstärken beziehungsweise häufen. Die Tatsache, daß dieser Personenkreis zur Risikogruppe für Arbeitslosigkeit gehört, erhöht die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung eines Teufelskreises, der dann unweigerlich in der gesellschaftlichen Isolation endet. Das Kapitel 4 befaßt sich mit dieser Thematik.
Die in Kapitel 4 beschriebene Problematik ist hinreichend bekannt. Entstanden ist aus dem Bewußtsein darüber ein vielfältiges Paket gesetzlicher Regelungen zur Förderung der beruflichen Rehabilitation. In welcher Situation und wem stehen die Leistungen zur Verfügung? Entsprechen sie den Bedürfnissen der psychisch kranken und behinderten Menschen? Gibt es Lücken im rehabilitati-onsfördernden Versorgungssystem? Mit diesen Fragen setzten sich die Kapitel 5 bis 8 auseinander. (Kapitel 4 bis 8 sind der Hausarbeit der Verfasserin - „Die gesetzlichen Ansprüche psychisch kranker und behinderter Menschen auf be-rufliche Rehabilitation“, 29.3.1999, S.6-99 – entnommen.)
Die Erkenntnis, daß der Arbeitsmarkt für chronisch psychisch Kranke weitestgehend verschlossen ist und die Erfahrung, daß Arbeit bei der gesellschaftlichen Integration psychisch Kranker und Behinderter eine wichtige Rolle spielt, haben zur Entstehung eines 3. Arbeitsmarktes, insbesondere für diesen Personenkreis, geführt. Welchen Stellenwert haben die besonderen Betriebe? Wie können sie ihren Charakteristika entsprechend differenziert werden? Und in welcher Weise kann die Stabilisierung ihrer Position am Markt weiter vorangetrieben werden? Diese höchst aktuelle Diskussion findet ihren Niederschlag in den Kapiteln 9 und 10.
2. Die Relevanz der beruflichen Tätigkeit für die Allgemeinbevölkerung
Arbeit im Sinne eines zeitgemäßen Arbeitsbegriffs schließt drei Bedingungen ein: Erstens muß es sich um eine tatsächliche Tätigkeit handeln, zweitens muß ein anderer für diese Tätigkeit bezahlen und drittens muß diese Tätigkeit gesellschaftlich erlaubt, rechtskonform, sein. Weitere Bedingungen gibt es nicht, denn die moderne Erwerbsarbeit unterscheidet sich „von anderen Tätigkeiten nicht mehr durch mögliche Inhalte, Zwecke, Reproduktionsbeiträge, sondern durch das Kriterium der Bezahlung durch andere“ (GANSSMANN, 1996, 116). Unberücksichtigt dabei bleibt jene Arbeit, welche zwar einen hohen Re-produktionsnutzen für die Gesellschaft hat, z.B. die Arbeit einer Mutter, die jedoch nicht entsprechend finanziell honoriert wird. Wenn ich im weiteren Verlauf also von Arbeit oder beruflicher Tätigkeit spreche, meine ich immer jene Tätigkeit, die die oben genannten Bedingungen erfüllt.
Bei der Bearbeitung des Themas dieses Kapitels geht es letztendlich um die Frage, wie sich die Situation in Arbeitslosigkeit insbesondere auf den Gesundheitszustand auswirkt. Um zu klären, ob der Verlust der Arbeit generell, d.h. für den Bevölkerungsdurchschnitt, primär oder sekundär Auswirkungen auf die Gesundheit hat, wird auf neuere Forschungsstudien zurückgegriffen. Die Beweisführung für eine Kausalität von Arbeitslosigkeit und Verschlechterung des Gesundheitszustandes ist schwierig, da viele Komponenten der Probanden zu berücksichtigen sind und jeweils eine Kontrollgruppe zu untersuchen ist. Das ist aber in der Praxis nicht zu realisieren. Dennoch sprechen die Statistiken der Studien eine deutliche Sprache. Von Arbeitslosigkeit Betroffene müssen aber auch mit ihren ganz individuellen Schicksalen gesehen werden, denn insbesondere die Synthese aus Empathie für das Individuum und Erkenntnissen aus sozialpolitischen Untersuchungen ermöglichen eine sinnvolle, auf den einzelnen Menschen abgestimmte Sozialarbeit, die aber auch größere Zusammenhänge erkennt und gegebenenfalls auf der politischen Ebene interveniert.
2.1 Die Rolle der Arbeit in der Geschichte
Die griechisch – römischen Gesellschaftsformen des Altertums schufen eine Analogie von körperlicher Arbeit und Armut. Manuelle Tätigkeiten wurden nur gering geschätzt. Sie wurden entweder durch die Sklaven, Lohnarbeiter oder Handwerker verrichtet. Als Voraussetzung für persönliche Unabhängigkeit, welche einen hohen Wert darstellte, galt die Ausübung einer „edlen“ Tätigkeit. Neben den körperlich Arbeitenden gab es noch die Gruppe der Menschen, die ihren Lebensunterhalt nicht durch eigene Kraft erwirtschaften konnten. Armut, Krankheit und andere ungünstige Sozialkomponenten wurden als Unglück oder sogar Schicksal des Einzelnen betrachtet. Ein Verantwortungsbewußtsein für Benachteiligte und eine positive Wertschätzung körperlicher Arbeit als Mittel zur Selbsterziehung entwickelte sich erst mit dem Aufkommen des Christentums (vgl.: KIRCHLER, 1993, 15). Die Stellung innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchie galt es allerdings im frühen Mittelalter demütig anzunehmen und das Verteilen von Almosen an Arme, Arbeitsunfähige wurde eher zum Zweck des eigenen Weiterlebens nach dem Tod vollzogen, und nicht überwiegend aus Nächstenliebe oder einem sozialen Verantwortungsgefühl heraus. Trotzdem gab es grundlegende Änderungen der Werthaltungen durch den Einfluß des Christentums.
Wenn vorher die Herrschenden und Reichen für sich arbeiten ließen und somit zur Zeit des Altertums und frühen Mittelalters harte körperliche Arbeit im Zusammenhang mit Armut gesehen werden muß, kam es nach mehreren Pestwellen im 14. Jahrhundert zu einer Gegenbewegung. 30% der Gesamtpopulation waren der Seuche zum Opfer gefallen. Das Arbeitsangebot reduzierte sich und die Löhne stiegen deutlich an. Armut wurde jetzt zum „Ausdruck von Nicht-Arbeit“ (SACHßE/TENNSTEDT, in: WÜSTENBECKER, 1995, 12). In Zusammenhang damit begann sich die Vorstellung von der Existens einer Arbeitspflicht auszubreiten, welche sich auch in der Nürnberger Bettelordnung von 1370 widerspiegelte. Darin wurde u.a. geregelt, daß die Vergabe von Bettelzeichen, die zum Betteln berechtigten, nur auf die Bedürftigen beschränkt werden sollte. Leuten, „(...) die gut handeln oder arbeiten könnten und des Almosens nicht bedürften“ (Bettelordnung der Stadt Nürnberg von 1370, in: SACHßE/TENNSTEDT, 1983, 63 f.), denen sollte der Armenvogt (der städtische Amtspfleger) keine Erlaubnis zum Betteln ausstellen.
Zum Ende des 15. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung in Mitteleuropa wieder an. Im Verbund mit Mißernten trieb diese Situation viele hungernde Menschen in die Städte. Das Bettlertum nahm zu und bewirkte damit eine rigorosere Einschränkung der Bettelerlaubnis. „Starke Bettler und Vagabunden, „(...) die offensichtlich arbeitsfähig waren, den Müßiggang aber – so die zeitgenössische Wahrnehmung – vorzogen“ (WÜSTENBECKER, 1995, 13), konnten keine Unterstützung erwarten. Wüstenbecker spricht hier von einer pauschalen Unterstellung arbeitsmoralischer Defizite durch das fehlende Verständnis für „(...) jenseits des Verantwortungsbereichs des einzelnen Individuums liegende Ursachen“ (WÜSTENBECKER, 1995, 14).
Mit der Einrichtung von Arbeitshäusern im 17.Jahrhundert wurden neben armenpflegerischen Versorgungsmotiven zwei Ziele verfolgt: Die Angst vor den Arbeitshäusern sollte die Bevölkerung davon abhalten, als Alternative insbesondere zur schlecht entlohnten Manufakturarbeit das Nicht – Arbeiten in Erwägung zu ziehen. Die bürgerliche Gesellschaft benutzte die aus ihrer Sicht notorisch Arbeitslosen dazu, „(...) ein Exempel an staatlicher Autorität und Unterdrückung zu statuieren“ (NIESS, 1982, 11). Schuld - und Verantwortungsgefühle für die prekäre Lage sollten bei den Betroffenen selbst erzeugt werden. Der zweite Aspekt betrifft die merkantilen Überlegungen des Staates, der durch das kostengünstige Arbeitskräftepotential der Armen in den Arbeitshäusern einen Gewinn zu erwirtschaften vermochte. (Vgl. WÜSTENBECKER, 1995, 14)
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