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Das größte Glück der größten Anzahl

Subtitle: Eine kritische Auseinandersetzung mit John Stuart Mills ‚Utilitarismus‘ (1863)

Termpaper, 2007, 28 Pages
Author: Benedikt Wagner
Subject: Communications: Ethics in the Media

Details

Event: Paradigmen der Medienethik
Institution/College: University of Siegen
Tags: Glück, Anzahl, Paradigmen, Medienethik
Category: Termpaper
Year: 2007
Pages: 28
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 10  Entries
Language: German
Archive No.: V87501
ISBN (E-book): 978-3-638-03022-9
ISBN (Book): 978-3-638-92867-0
File size: 173 KB

Abstract

Was unter dem Namen Utilitarismus von John Stuart Mill bekannt wurde und in der vorliegenden Ausarbeitung zum Gegenstand einer kritischen Betrachtung wird, entstammt einer konsequenten Tradition angelsächsischer Philosophie und Ethik. England hatte seine demokratische Revolution schon lange hinter sich, als in Frankreich, Deutschland und weiten Teilen Europas auf das bürgerliche Aufbegehren in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Phase der reaktionären Restauration folgte. Mit einer gewissen Stetigkeit wurde das Denken und Bestreben einer bürgerlichen Freiheit vom 18. im 19. Jahrhundert fortgeführt. Das revolutionäre Potential der Arbeiterklasse, ob der zunehmenden Industrialisierung, mündete in England nicht in eine weitere Revolution, sondern bedingte es eher, dass sich Moralphilosophen zunehmend auch mit der sozialen Verantwortung und dem gesamtgesellschaftlichen Allgemeinwohl auseinandersetzten und in ihre Konzeptionen der individuellen Freiheit miteinbezogen. Die Integration der Erfahrung in die Grundlagen von Erkenntnistheorie und Philosophie ist demnach schon seit Englands Ausgang aus dem Mittelalter über Locke und Humes eine Eigenart des angelsächsischen Denkens. So verwundert es auch nicht, dass die Nüchternheit des Comte‘schen Positivismus besonders hier mehr Beachtung fand, als in dessen Mutterland Frankreich. Die Geisteshaltung, nur das positiv wahrgenommene als Grundlage einer den Menschen definierenden Psychologie anzuerkennen, findet sich insbesondere in der Argumentation des Utilitarismus wieder. Diese ebenso nüchterne und praktische Verteidigung der Nützlichkeit als obersten Maßstab sittlichen Handels, begründete der Angelsachse Jeremy Bentham (1748 – 1832), dessen maßgeblicher Einfluss auf John Stuart Mill im nächsten Kapitel dargelegt wird. Laut dem Utilitarismus beruht die Maxime menschlichen Handels auf der Lustmaximierung. Somit vollzieht er, vor allem seit Mill, einen Spagat zwischen der englischen liberalen Tradition der persönlichen Freiheit und dem zunehmenden Bewusstsein einer sozialen Verantwortung innerhalb der Gesellschaft, also sozialistischen Tendenzen. Unter dem Bestreben der klassischen Utilitaristen und weiteren demokratischen Aktivisten kam es im England des viktorianischen Zeitalters zu weitreichenden politischen Reformen. Vor diesem Hintergrund wird auch dem Wirken John Stuart Mills das Propagieren eines „auf dem Boden des Liberalismus“ wurzelnder Sozialismus nachgesagt.


Excerpt (computer-generated)

Medienplanung, -Entwicklung und ­Beratung

Universität Siegen

WS 2007 / 2008

Veranstaltung: Paradigmen der Medienethik

Ausarbeitung des Referats zum 19.11.2007

Das größte Glück der größten Anzahl

Eine kritische Auseinandersetzung mit John Stuart Mills ,Utilitarismus` (1863)

von:

Benedikt Wagner


Inhaltverzeichnis

1. Lustmaximierung ­ Eine Einleitung zum Utilitarismus 3

2. reasoning machine ­ Die Erziehung und das Leben des John Stuart Mill 4

3. Utilitarianism ­ Der Utilitarismus 6

3.1 Erstes Kapitel ­ Allgemeine Bemerkungen 7

3.2 Zweites Kapitel - Was heißt Utilitarismus? 9

3.3 Drittes Kapitel - Von der fundamentalen Sanktion des Nützlichkeitsprinzips ... 15

3.4 Viertes Kapitel ­ Welcherart Beweis sich für das Nützlichkeitsprinzip führen

lässt 17

3.5 Fünftes Kapitel ­ Über den Zusammenhang zwischen Gerechtigkeit und

Nützlichkeit 20

4. Das größte Glück der größten Anzahl ­ kritische Schlussbemerkungen 24

Literaturverzeichnis 27

2


1. Lustmaximierung ­ Eine Einleitung zum Utilitarismus

Der Utilitarismus wurde nicht nur als rein akademische Angelegenheit, sondern als

Bestandteil einer politischen Bewegung vertreten, deren Protagonisten in ihrer

Mehrfachkompetenz als Juristen, Ökonomen, Psychologen und Sozialphilosophen

wesentlich zur Idee radikaler Reformen im Geiste des aufgeklärten Bürgertums

beitrugen. 1

Was unter dem Namen Utilitarismus von John Stuart Mill bekannt wurde und in der

vorliegenden Ausarbeitung zum Gegenstand einer kritischen Betrachtung wird,

entstammt einer konsequenten Tradition angelsächsischer Philosophie und Ethik.

England hatte seine demokratische Revolution schon lange hinter sich, als in

Frankreich, Deutschland und weiten Teilen Europas auf das bürgerliche Aufbegehren

in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Phase der reaktionären Restauration folgte.

Mit einer gewissen Stetigkeit wurde das Denken und Bestreben einer bürgerlichen

Freiheit vom 18. im 19. Jahrhundert fortgeführt. Das revolutionäre Potential der

Arbeiterklasse, ob der zunehmenden Industrialisierung, mündete in England nicht in

eine weitere Revolution, sondern bedingte es eher, dass sich Moralphilosophen

zunehmend auch mit der sozialen Verantwortung und dem gesamtgesellschaftlichen

Allgemeinwohl auseinandersetzten und in ihre Konzeptionen der individuellen

Freiheit miteinbezogen. Die Integration der Erfahrung in die Grundlagen von

Erkenntnistheorie und Philosophie ist demnach schon seit Englands Ausgang aus

dem Mittelalter über Locke und Humes eine Eigenart des angelsächsischen

Denkens. So verwundert es auch nicht, dass die Nüchternheit des Comte`schen

Positivismus besonders hier mehr Beachtung fand, als in dessen Mutterland

Frankreich. Die Geisteshaltung, nur das positiv wahrgenommene als Grundlage einer

den Menschen definierenden Psychologie anzuerkennen, findet sich insbesondere in

der Argumentation des Utilitarismus wieder. Diese ebenso nüchterne und praktische

Verteidigung der Nützlichkeit als obersten Maßstab sittlichen Handels, begründete

1 Wolf, Jean-Claude: Lob des Exzentrikers, Neue Züricher Zeitung Online, 2006

[http://www.nzz.ch/2006/05/20/li/articleDZO1P.html; Zugriff: 16.10.07]

3


der Angelsachse Jeremy Bentham (1748 ­ 1832), dessen maßgeblicher Einfluss auf

John Stuart Mill im nächsten Kapitel dargelegt wird.2

Laut dem Utilitarismus beruht die Maxime menschlichen Handels auf der

Lustmaximierung. Somit vollzieht er, vor allem seit Mill, einen Spagat zwischen der

englischen liberalen Tradition der persönlichen Freiheit und dem zunehmenden

Bewusstsein einer sozialen Verantwortung innerhalb der Gesellschaft, also

sozialistischen Tendenzen. Unter dem Bestreben der klassischen Utilitaristen und

weiteren demokratischen Aktivisten kam es im England des viktorianischen Zeitalters

zu weitreichenden politischen Reformen. 3

Vor diesem Hintergrund wird auch dem Wirken John Stuart Mills das Propagieren

eines ,,auf dem Boden des Liberalismus" wurzelnder Sozialismus nachgesagt. 4

2. reasoning machine ­ Die Erziehung und das Leben des John

Stuart Mill

John Stuart Mill wurde am 20. Mai 1806 als Sohn von James Mill und Harriet Murrow

in London geboren. Er wuchs im spätviktorianischen England unter dem

beherrschenden Einfluss seines Vaters James Mill auf. Er und dessen Freund

Jeremy Bentham zählen zu den führenden Vertretern des philosophischen

Radikalismus im England des vorletzten Jahrhunderts. James Mills Ansichten auf

das Bewusstsein des Menschen waren maßgeblich durch die Arbeiten von John

Locke (1632-1704) beeinflusst. So sah er das ,jungfräuliche` Gewissen seines jungen

Sohnes, als blankes Blatt Papier, dass er durch eine, rationale und institutionsferne

Erziehung, ganz nach seinen eigenen philosophischen Überzeugungen zu

beschreiben begann.

Im Zuge dieses pädagogischen Experiments, wie der Vater es selbst nannte,

schirmte er seinen Sohn von jeglichen äußeren Einflüssen ab. Gleichzeitig begann

er, unter der Mithilfe von Jeremy Bentham, den jungen John Stuart mit der

Bewältigung komplexer rationaler Problemstellungen zu fordern und zu fördern. So

gelang es dem Vater beispielsweise, seinem Sohn, ab dem Alter von drei Jahren,

Griechisch und ab dem siebten Lebensjahr die Platonischen Dialoge nahezubringen.

2 vgl. Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, erweiterte Neuausgabe (26. -35.

Tsd.). Frankfurt a.M., 1993, S.480f. und vgl. Rohls, Jan: Geschichte der Ethik. Tübingen, 1991,

S.340f.

3 So zum Beispiel, die Einführung des Wahlrechts für Arbeiter 1872; vgl. Rohls, Jan: Geschichte der

Ethik. Tübingen, 1991, S.346f.

4 Jan Rohls: Geschichte der Ethik. Tübingen, 1991, S.349

4


Es folgten politische und ökonomische Lehrinhalte. Im Alter von elf war er bereits

fähig die Schriften seines Vaters auf logische und formale Geschlossenheit zu

überprüfen. Der Konditionierungsprozess des Vaters funktionierte. Durch die

konsequente Erziehung und Beeinflussung des jungen Geistes war sein Sohn zu der

,reasoning machine` geworden, die er und sein gleichgesinnter Freund Jeremy

Bentham sich gewünscht hatten. Es gelang ihnen, ganz im Sinne der utilitaristischen

Position (s.u.) eine Erziehung, die rein auf Erfahrung und gedanklicher Assoziation

basierte, zu gestalten und dabei alle störenden emotionalen Einflüsse fernzuhalten. 5

Diese von John Stuart Mill in seiner Autobiographie als emotional unterentwickelt

bezeichnete Geisteshaltung stürzte ihn im Alter von 20 Jahren in eine tiefe

Depression. Auf die zunehmende emotionale Beanspruchung seiner Jugend konnte

ihm seine auf intellektuelle Problemstellungen ausgerichtete Erziehung keine

Antworten mehr liefern. Er rebellierte gegen den Vater und entfernte sich von der

utilitaristischen Philosophie. Eine intensive Beschäftigung mit der menschlichen

Gefühlswelt und die Hinwendung zur (deutschen) Romantik schlossen sich jenen

Erkenntnissen an. Diese Erfahrung veranlasste Mill in seinem Schaffen der

folgenden Jahre, den Utilitarismus Benthams und seines Vaters um emotionale und

kulturelle Aspekte zu erweitern. 6

Er setzte sich wieder intensiv mit Benthams Werken auseinander und studierte Jura

unter dem Utilitaristen John Austin. In der von ihm begründeten UTILITARIAN SOCIETY,

diskutierte er mit Gleichgesinnten, während er seinen Lebensunterhalt, wie sein

Vater, mit einer Anstellung bei der EAST INDIA COMPANY bestritt. Er verfasste

politische, philosophische und ökonomische Artikel und zählte sich zu einer Gruppe

britischer Reformanhänger, die im Unterhaus unter dem Namen PHILOSOPHICAL

RADICALS bekannt geworden war. Er blieb sein Leben lang dem ,principle of greatest

happiness` Benthams treu, ergänzte es aber um einige entscheidende Aspekte,

welche in seinem Werk UTILITARIANISM bekannt wurden. Dies ließ ihn, zusammen mit

seinen weiteren Schriften, zu dem bedeutsamsten Utilitaristen und zu einem der

wichtigsten englischsprachigen Moralphilosophen und politischen Reformer des

neunzehnten Jahrhunderts werden. 7 John Stuart Mill verstarb 1873 im Alter von 67

Jahren in seiner Wahlheimat Avignon.

5 vgl. Crisp, Roger: Mill on Utilitarianism. London, 1997, S.2

6 vgl. Crisp, Roger: Mill on Utilitarianism. London, 1997, S.3

7 Mill wird auch als Begründer der Terminologie ,Utilitarismus` angesehen, die zuvor mit,

Nützlichkeitsprinzip` oder ,Glücksprinzip` etikettiert wurde.

5


3. Utilitarianism ­ Der Utilitarismus

Doch schon vor Mill hatte die praktische Philosophie des Utilitarismus, formuliert und

verteidigt durch seinem Vater und Bentham als ethisches Konzept, Bestand. Die

teleologische Ethik, zu denen der Utilitarismus als eine egoistisch hedonistische

Moralphilosophie zählt, steht den Grundannahmen einer deontologischer Ethik

gegenüber. Somit ist auch Mills 1863 erschienenes Werk UTILITARIANISM als eine

Verteidigungsschrift gegen die Vorwürfe von Anhängern deontologischen Ethiken zu

verstehen. 8 Dabei steht vor allem die Abgrenzung und Ablehnung der unter anderen

von Kant vertretenen naturrechtlichen Begründung der Ethik im Vordergrund.

Genauer formuliert bedeutet dies, eine generelle Skepsis gegenüber dem

theologischen Utilitarismus, dem ethischen Intuitionismus und moralischer

Instinkttheorien, die laut Mill nur der unbegründeten Sicherung von Vorurteilen

dienen. 9

Dadurch erklärt sich auch die auffällig starke rhetorische Komponente des Werkes.

So besteht eine wesentliche Funktion der Schrift in der Widerlegung von Vorwürfen

seitens der Utilitarismus-Kritiker. Dabei greift Mill die Anschuldigungen explizit auf,

um dann in der Folge den Gegenbeweis antreten zu können. Dieses Vorgehen wird

insbesondere im zweiten Kapitel systematisch betrieben. Trotz jenes bedingt

apologetischen Werkmerkmals gelingt es Mill, seine eigene Interpretation des

Utilitarismus zu gestalten.

Mill formuliert mit UTILITARIANISM seine bereits in LOGIC angekündigte notwendige

PHILOSOPHIA DER PRAXIS 10 inhaltlich aus. Grundsätzlich steht in diesem ethischen

Konzept nicht das Gewissen mit seiner intuitiven Begründungspflicht als Maßstab

moralischer Normen im Vordergrund, sondern Erfahrung und Beobachtung. Nur sie

erlauben ein Urteil über die Bewertung von Handlungen, genauer gesagt den

Handlungsfolgen. Die Konsequenzen einer Handlung, sind die einzigen

,Untersuchungsobjekte` der teleologischen Schule der Ethik. Denn nur sie erlauben

es, eine Handlung als moralisch gut oder schlecht zu bewerten. Diese im Empirismus

begründete Strategie wird im Utilitarismus zum obersten Prinzip erhoben. Auch Mill

8 Das Werk UTILITARIANISM erschien in der Tat im Jahre 1863 unter diesem Titel. Die eigentliche

Erstveröffentlichung besteht jedoch aus einer Reihe von Essays Mills, die in FRAISERS MAGAZIN FOR

TOWN AND COUNTRY im Jahre 1861erschienen.

9vgl. Lawen, Irene: Schriften zur politischen Ethik Bd.6, Konzeptionen der Freiheit. Saarbrücken, 1996,

S.63

10 Lawen, Irene: Schriften zur politischen Ethik Bd.6, Konzeptionen der Freiheit. Saarbrücken, 1996,

S.63

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