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Die Anwendung von anerkannten Meinungen (endoxa) in der Philosophie Aristoteles’

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 15 Pages
Author: M. A. Martin Hagemeier
Subject: Philosophy - Philosophy of the Ancient World

Details

Event: Aritstoteles: Topik
Institution/College: Humboldt-University of Berlin
Tags: Anwendung, Meinungen, Philosophie, Aristoteles’, Aritstoteles, Topik
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2002
Pages: 15
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 9  Entries
Language: German
Archive No.: V87818
ISBN (E-book): 978-3-638-03317-6
ISBN (Book): 978-3-638-93142-7
File size: 132 KB

Abstract

An mehreren Stellen im Corpus aristotelicum werden Sätze erwähnt, die als endoxa bezeichnet werden. Damit sind Sätze gemeint, die eine anerkannte Meinung zum Ausdruck bringen. Indem sie durch eine Autorität Anerkennung zugesprochen bekommen, unterscheiden sich endoxa von Sätzen die "bloß" eine Meinung (doxa) vertreten. Diese Autorität wird entweder qualitativ oder quantitativ begründet. Demnach ist ein Satz ein endoxon, wenn er entweder von vielen Leuten angenommen wird, oder von wenigen, dafür aber besonders angesehenen Leuten. Durch ihre autoritative Legitimation gewinnen sie für Aristoteles an Interesse, weil sie in die Nähe von beweiskräftigem Wissen über eine Sache rücken. Sie haben nicht den gleichen Anspruch an Richtigkeit und Wahrheit wie ein Beweis, aber in ihren jeweiligen Gebieten können sie ähnliche Funktionen erfüllen. Das Anliegen meiner Hausarbeit besteht darin, die Bedeutung der endoxa in der aristotelischen Philosophie zu untersuchen. Dabei setzte ich drei besondere Schwerpunkte. Zunächst werde ich auf das erste Buch der Topik eingehen und die Gründung der Dialektik auf endoxa besprechen. In diesem Buch der Topik geht Aristoteles erläuternd auf die endoxa ein, und erklärt ihren Nutzen für die dialektische Deduktion. Der zweite Schwerpunkt ist die Anwendung der endoxa in der Ethik. G.E.L. Owen entdeckte, dass mit den in der Nikomachischen Ethik angesprochenen phainomena, in erster Linie nicht empirische Tatsachen gemeint sind, sondern die endoxa, als Ausdruck von Erkenntnis. Jonathan Barnes geht auf dieses Problem ein, und konzipiert eine aristotelische Methode der endoxa, die ich besprechen möchte. Der dritte Schwerpunkt soll die Relevanz der endoxa, für die Auffindung der ersten Prinzipien der Wissenschaften klären. Aristoteles erwähnt diesen besonderen Nutzen nur nebenbei in der Topik und bleibt eine genauere Klärung schuldig. Unter Einbeziehung von C.D.C. Reeves Buch „Practise of reason“, werde ich versuchen diese epistemologische Basis der aristotelischen Philosophie darzustellen. Aristoteles beginnt die Topik mit der Angabe des zu erreichenden Zieles. Er will eine allgemeine Methode entwickeln, mit deren Hilfe aus endoxa Deduktionen gebildet werden können. Anhand von formalen Regeln, soll es einerseits ermöglicht werden zu jedem beliebigem Problem Deduktionen zu bilden und andererseits sollen diese Regeln vor Widersprüchen in der Argumentation bewahren.


Excerpt (computer-generated)

Inhaltsverzeichnis

1.

Einleitung

1

2. Die endoxa in der Topik

2

2.1. Endoxa als Basis der dialektischen Deduktion 2

2.2. Wann X ein endoxon ist. 3

2.3. Der Nutzen der endoxa in der Topik 5

3. Die endoxa in der aristotelischen Philosophie

6

3.1. Thithenai ta phainomena 6

3.2. Die Methode der endoxa 8

3.3. Die endoxa und die ersten Prinzipien der Wissenschaft 10

4. Schlussbemerkungen

12

5. Literaturverzeichnis:

13


1. Einleitung

An mehreren Stellen im

Corpus aristotelicum

werden Sätze erwähnt, die als

endoxa

bezeichnet werden. Damit sind Sätze gemeint, die eine anerkannte Meinung zum Ausdruck

bringen. Indem sie durch eine Autorität Anerkennung zugesprochen bekommen,

unterscheiden sich

endoxa

von Sätzen die "bloß" eine Meinung (

doxa

) vertreten. Diese

Autorität wird entweder qualitativ oder quantitativ begründet. Demnach ist ein Satz ein

endoxon

, wenn er entweder von vielen Leuten angenommen wird, oder von wenigen, dafür

aber besonders angesehenen Leuten.

Durch ihre autoritative Legitimation gewinnen sie für Aristoteles an Interesse, weil sie in die

Nähe von beweiskräftigem Wissen über eine Sache rücken. Sie haben nicht den gleichen

Anspruch an Richtigkeit und Wahrheit wie ein Beweis, aber in ihren jeweiligen Gebieten

können sie ähnliche Funktionen erfüllen.

Das Anliegen meiner Hausarbeit besteht darin, die Bedeutung der

endoxa

in der

aristotelischen Philosophie zu untersuchen. Dabei setzte ich drei besondere Schwerpunkte.

Zunächst werde ich auf das erste Buch der Topik eingehen und die Gründung der Dialektik

auf

endoxa

besprechen. In diesem Buch der Topik geht Aristoteles erläuternd auf die

endoxa

ein, und erklärt ihren Nutzen für die dialektische Deduktion.

Der zweite Schwerpunkt ist die Anwendung der

endoxa

in der Ethik. G.E.L. Owen entdeckte,

dass mit den in der Nikomachischen Ethik angesprochenen

phainomena

, in erster Linie nicht

empirische Tatsachen gemeint sind, sondern die

endoxa

, als Ausdruck von Erkenntnis.

Jonathan Barnes geht auf dieses Problem ein, und konzipiert eine aristotelische Methode der

endoxa

, die ich besprechen möchte.

Der dritte Schwerpunkt soll die Relevanz der

endoxa,

für die Auffindung der ersten Prinzipien

der Wissenschaften klären. Aristoteles erwähnt diesen besonderen Nutzen nur nebenbei in der

Topik und bleibt eine genauere Klärung schuldig. Unter Einbeziehung von C.D.C. Reeves

Buch ,,Practise of reason", werde ich versuchen diese epistemologische Basis der

aristotelischen Philosophie darzustellen.

1


2. Die endoxa in der Topik

2.1. Endoxa als Basis der dialektischen Deduktion

Aristoteles beginnt die Topik mit der Angabe des zu erreichenden Zieles. Er will eine

allgemeine Methode entwickeln, mit deren Hilfe aus

endoxa

Deduktionen gebildet werden

können. Anhand von formalen Regeln, soll es einerseits ermöglicht werden zu jedem

beliebigem Problem Deduktionen zu bilden und andererseits sollen diese Regeln vor

Widersprüchen in der Argumentation bewahren1. Die Beliebigkeit der vorgelegten Probleme

stellt Aristoteles Methode nicht in die Nähe der Vorgehensweise der Sophisten. Gegen diese

grenzt er sich vielmehr ab, indem er an die Form des dialektischen Übungsgespräches

(

gymnasia

) anknüpft, wie es in der Akademie abgehalten wurde2.

Einleitend stellt Aristoteles die drei Arten der Deduktion vor: die apodiktische, die

dialektische und die eristrische Deduktion. Das entscheidende Charakteristikum, der

verschiedenen Arten der Deduktionen, sind die jeweils zugrunde liegenden Sätze. An der

wissenschaftlichen Arbeitsweise der Deduktion werden keine Änderungen vorgenommen.

Der Ausgang der apodiktischen Deduktion liegt weiterhin in ersten und wahren Sätzen, den

Prinzipien und Axiomen der Wissenschaften3. Die Prämissen der dialektischen Deduktion

hingegen, werden aus

endoxa

gebildet. Die Differenz, die Aristoteles zwischen den Prämissen

der apodiktischen und dialektischen Deduktion ausmacht, ist die unterstellte Selbstevidenz

der ersten und wahren Sätze (

archai

) die nicht in den

endoxa

enthalten ist. Die

endoxa

selbst

gewinnen erst an Beweiskraft und Legitimation, durch eine von außen zugesprochene

Autorität.

Die eristrischen Deduktionen wiederum unterscheiden sich von den dialektischen

Deduktionen, indem sie aus Prämissen gebildet werden, die entweder nur scheinbar die

Position einer anerkannten Meinung einnehmen, oder die nur scheinbar aus einer solchen

deduziert werden4. Weil ihr Wahrheitsgehalt allerdings nicht mehr mit den wahren und ersten

Sätzen des Beweises oder den anerkannten Meinungen der Dialektik zu vereinbaren ist, lehnt

Aristoteles die eristrischen Deduktionen ab.

1 Vgl.

Top

. 100 a18f. Ich zitiere Aristoteles gemäß der üblichen Bekkerzitation. Die deutsche Übersetzung wurde

von Christof Rapp und Tim Wagner besorgt, vgl. Aristoteles 2004.

2 Vgl.

Top

. 101 a25f und Primavesi, 1996, S. 31.

3 Vgl.

Top

. 100 a27f.

4 Die zweite Art der eristrischen Deduktion gehört nicht mehr zu den Deduktionen, weil sie keinen richtigen

syllogismos

bilden. Die erste Art, mit den vorgetäuschten anerkannten Meinungen ist zwar als

syllogismos

noch

formal richtig, fällt aber aus dem Rahmen, des von Aristoteles angestrebten Bereiches des wissenschaftlichen

Arbeitens. Vgl.

Top

. 100 b23ff

2


Aber welcher Wahrheitsanspruch steckt für Aristoteles in den Prämissen der dialektischen

Deduktion? Wenn nicht mehr erste und wahre Sätze den Ausgang der Deduktion bilden,

sondern ,,nur"

endoxa

, kann dann noch der gleiche Wahrheitsanspruch an die dialektische

Deduktion gelegt werden? Auch wenn sich die dialektische Deduktion weiter an das in der

Analytika priora

beschriebene Modell hält5, bleibt fraglich ob Aristoteles dadurch nicht

zugleich einen ,,bescheideneren Wahrheitsbegriff"6 einführt. Ebenso steckt in diesem

Problem, ein weiterer Einspruch, der sich gegen Aristoteles erheben lässt: Die Verwendung

von

endoxa

legt die Vermutung nahe, das Aristoteles zu einem Common Sense Denker wird,

der eine Konsenstheorie der Wahrheit etablieren will.

2.2. Wann X ein endoxon ist.

Aristoteles wird durch die Verwendung von

endoxa

nicht zu einem Common Sense Denker.

Dies geht bereits aus den Kriterien hervor, die

endoxa

erfüllen müssen, ehe sie als Prämissen

einer dialektischen Deduktion verwendet werden können:

,,Anerkannte Meinungen sind dagegen diejenigen, die entweder von allen oder den meisten

oder den Weisen und von diesen entweder von allen oder den meisten oder den bekanntesten

und anerkanntesten für richtig gehalten werden." (Zitat

Top

. 100 b21-22)

Endoxa

sind die vertretenen Positionen, die entweder quantitativ durch eine Vielzahl von

Leuten als richtig legitimiert werden, oder qualitativ von ,,Weisen" als richtig angesehen

werden7. Dabei gibt es zusätzlich den Vorrang bestimmter besonders bekannter oder

anerkannter Meinungen. Diese Erklärung erscheint auf den ersten Blick zirkulär8. Eine

Meinung gilt als anerkannt, weil sie vielen bekannt ist, deren Bekanntheit wiederum durch

ihre Anerkennung gesteigert wird. Es liegt aber die Interpretation nahe, dass Aristoteles

vielmehr auf die unterschiedliche Relevanz der Personen oder Gruppen zielt, welche die

endoxa

aufstellen. Um diese Relevanz zu klären, ist ein Blick auf Aristoteles Epistemologie

hilfreich. Es zeigt sich dabei eine ,,sympathische" Seite an Aristoteles, wenn er jedem

grundsätzlich die Fähigkeit zuspricht, etwas zur Erforschung der Wahrheit beizutragen:

,,Die Erforschung der Wahrheit ist in einer Rücksicht schwer, in einer anderen leicht. Dies

zeigt sich darin, dass niemand sie in genügender Weise erreichen, aber auch nicht ganz

verfehlen kann, sondern ein jeder etwas Richtiges über die Natur sagt, und wenn sie einzeln

genommen nichts oder nur wenig zu derselben beitragen, so ergibt sich aus der

Zusammenfassung aller ein gewisse Größe." (Zitat

Met

.993a30-b4)

5 Vgl.

an.pr

. I cap.2-8, die Deduktion wird hier nicht anders definiert als in

Top

. 100a 25-27

6 Zitat Höffe 1996, S.55

7 So auch in

Top

. 104a8-12,

EN

1095a28-30 und

EN

1098b26-29

8 Vgl. Barnes 1980, S. 510

3



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