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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 19 Pages
Author: M. A. Martin Hagemeier
Subject: Sociology - War and Peace, Military
Details
Institution/College: Humboldt-University of Berlin
Tags: Mary, Kaldors, These, Wandels, Kriegen, Militärsoziologie, Phänomen, Krieg, Voraussetzung, Einflussfaktor, Verhältnis, Militär, Gesellschaft
Year: 2003
Pages: 19
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 19 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-03384-8
File size: 151 KB
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Abstract
In meiner Hausarbeit möchte ich das Phänomen der sogenannten neuen Kriege besprechen. In die Diskussion eingeführt wurde es unter anderem durch Veröffentlichungen von Mary Kaldor. Ihr Buch „Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung“ dient mir dabei als Ausgangspunkt. Grob dargestellt kann man es als Gegenentwurf zum kulturellen Paradigma in der Betrachtung von Krieg und Gewalt beschreiben, als Unterfangen die strukturellen Bedingungen von Krieg und Gewalt zu analysieren. Ein wesentliches Merkmal der neuen Kriege ist die Nivellierung der Grenzen zwischen staatlicher und privater Gewalt, zwischen Krieg und organisierter Kriminalität. Mary Kaldors These, die hinter dieser nach analytischer Klärung verlangenden Entwicklung steht, ist ein grundlegender Wandel der sozialen Basis von organisierter Gewalt, den sie zurückgeführt auf ökonomische und politische Veränderungen seit Beginn der 80er Jahre. Eine einfache Entgegnung gegen die neuen Kriege ist ein „so neu sind sie gar nicht“: Viele Muster und Verhaltensweisen sind seit Ende des 2. Weltkrieges virulent; warum also jetzt ein neues analytisches Muster erstellen, wo sich die Aufmerksamkeit, vielleicht erst durch das Ende der Blockkonfrontation, wieder auf die Konflikte in der sogenannten Dritten Welt richtet? Mary Kaldor gegen solche Einwände verteidigend werde ich besprechen inwiefern die Theorie der neuen Kriege einen neuen Typus organisierter Gewalt beschreibt und abschließend auf die von Kaldor vorgeschlagenen Handlungsmöglichkeiten eingehen. Zur Unterstützung dieses Konzeptes möchte ich die von Georg Elwert entwickelte Theorie der Gewaltmärkte hinzunehmen, um die strukturellen Aspekte und ökonomischen Motivationen der neuen Kriege besser auszuleuchten. Aus der Konfrontation mit den verschiedenartigen Konfliktgebieten im postsowjetischen Raum und aus dem Vergleich mit den scheinbar andersartigen Konflikten in Asien und Afrika zur gleichen Zeit, entwickelte die Sozialwissenschaftlerin Mary Kaldor ihre Theorie der neuen Kriege. Sie erkannte ein neues Verhaltensmuster, welches in diesen Konflikten hervortritt und welches sie als neuen Typ von organisierter Gewalt beschreibt. Trotz aller Unterschiede zwischen den Konflikten, deren ethnischen, kulturellen und historischen Hintergründen, konstatiert Mary Kaldor eine grundlegende Veränderung der sozialen Basis, in den Konflikt behafteten Gesellschaften, welcher sie sich mit ihrer Theorie annähert.
Excerpt (computer-generated)
1. EINLEITUNG 2
2. DIE BEDINGUNGEN DER NEUEN KRIEGE 2
2.1. DIE POLITIK DER IDENTITÄT 4
2.2. DIE ART DER KRIEGSFÜHRUNG 6
2.3. DIE GLOBALISIERTE KRIEGSWIRTSCHAFT 8
3. KRITIK AN DER THEORIE 9
4. GEWALTMÄRKTE, EIN ERGEBNIS SOZIALEN WANDELS 12
5. SCHLUSSBEMERKUNGEN 15
6. LITERATURVERZEICHNIS 17
1. Einleitung
In meiner Hausarbeit möchte ich das Phänomen der sogenannten neuen Kriege besprechen. In
die Diskussion eingeführt wurde es unter anderem durch Veröffentlichungen von Mary Kal-
dor. Ihr Buch ,,Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung"
dient mir dabei als Ausgangspunkt.
Grob dargestellt kann man es als Gegenentwurf zum kulturellen Paradigma in der Betrach-
tung von Krieg und Gewalt beschreiben, als Unterfangen die strukturellen Bedingungen von
Krieg und Gewalt zu analysieren. Ein wesentliches Merkmal der neuen Kriege ist die Nivel-
lierung der Grenzen zwischen staatlicher und privater Gewalt, zwischen Krieg und organisier-
ter Kriminalität. Mary Kaldors These, die hinter dieser nach analytischer Klärung verlangen-
den Entwicklung steht, ist ein grundlegender Wandel der sozialen Basis von organisierter
Gewalt, den sie zurückgeführt auf ökonomische und politische Veränderungen seit Beginn der
80er Jahre.
Eine einfache Entgegnung gegen die neuen Kriege ist ein ,,so neu sind sie gar nicht": Viele
Muster und Verhaltensweisen sind seit Ende des 2. Weltkrieges virulent; warum also jetzt ein
neues analytisches Muster erstellen, wo sich die Aufmerksamkeit, vielleicht erst durch das
Ende der Blockkonfrontation, wieder auf die Konflikte in der sogenannten Dritten Welt rich-
tet?
Mary Kaldor gegen solche Einwände verteidigend werde ich besprechen inwiefern die Theo-
rie der neuen Kriege einen neuen Typus organisierter Gewalt beschreibt und abschließend auf
die von Kaldor vorgeschlagenen Handlungsmöglichkeiten eingehen. Zur Unterstützung dieses
Konzeptes möchte ich die von Georg Elwert entwickelte Theorie der Gewaltmärkte hinzu-
nehmen, um die strukturellen Aspekte und ökonomischen Motivationen der neuen Kriege
besser auszuleuchten.
2. Die Bedingungen der neuen Kriege
Aus der Konfrontation mit den verschiedenartigen Konfliktgebieten im postsowjetischen
Raum und aus dem Vergleich mit den scheinbar andersartigen Konflikten in Asien und Afrika
zur gleichen Zeit, entwickelte die Sozialwissenschaftlerin Mary Kaldor ihre Theorie der neu-
en Kriege. Sie erkannte ein neues Verhaltensmuster, welches in diesen Konflikten hervortritt
und welches sie als neuen Typ von organisierter Gewalt beschreibt. Trotz aller Unterschiede
zwischen den Konflikten, deren ethnischen, kulturellen und historischen Hintergründen, kons-
2
tatiert Mary Kaldor eine grundlegende Veränderung der sozialen Basis, in den Konflikt behaf-
teten Gesellschaften, welcher sie sich mit ihrer Theorie annähert.
Die unscharfe Titulierung ,,neue Kriege" benutzt Kaldor zum einen, um sich von den soge-
nannten ,,alten" im Sinne von Clausewitz geführten Kriegen abzugrenzen. Und zum anderen
um sich von den Theorien zum
Low Intensity Conflict
abzugrenzen, welche auch von privati-
sierten, postmodernen oder entarteten Kriegen sprechen, dabei aber nicht die von ihr ausge-
machte Dimension des sozialen Wandels berücksichtigen1. Im Fortgang ihres Buches ver-
wendet Kaldor die Titulierung neue Kriege ungleich seltener und spricht zunehmend von
pri-
vatisierter
oder
organisierter
Gewalt, wodurch sie eine strikte Trennung von Krieg und Ge-
walt unterläuft. Diese begriffliche Formulierung verweist auf das von ihr anvisierte Ziel, der
Analyse der gesellschaftlichen Hintergründe. Dabei richtet sie sich vor allem auf den qualita-
tiven Wandel auf der Ebene der Akteure, wie er sich in der zunehmenden Privatisierung des
Krieges zeigt.
In Anlehnung an Norbert Elias ,,Prozeß der Zivilisation" beschreibt Kaldor die neuen Kriege
als eine Umkehrung des Zivilisationsprozesses. Die Entfernung von Gewalt aus dem alltägli-
chen Leben, durch die Errichtung des staatlichen Gewaltmonopols, war für Elias ein wesentli-
ches Charakteristikum des Zivilisationsprozeß.2 Die Auflösung der Staatsautorität über das
Gewaltmonopol wird durch verschiedene Prozesse gefördert: durch eine zu schwache Reprä-
sentation der Eliten, ein fehlendes Vertrauen in den Staat seitens der Bevölkerung oder dem
gezielten Unwillen, auf Seiten der jeweiligen Regierung, der Privatisierung der Gewalt entge-
genzutreten. Während in den alten Kriegen der Aufbau von Staatlichkeit dazu führte, dass
Gewalt mittels des verstaatlichten Gewaltmonopols zentralisiert und eingegrenzt wurde, ent-
stehen die neuen Kriege in einer Situation, wo sich durch die zunehmende Privatisierung des
Krieges, neue Formen nichtstaatlicher Organisation von Gewalt herausbilden.3
Deutlich wird dies für Kaldor vor allem in denjenigen Staaten, wo es zu einem Scheitern der
vormaligen Emanzipationsbestrebungen kam. Sei es in den postkolonialen Staaten, in denen
der nationale Befreiungskampf ein politisches Machtvakuum hinterließ, weil er nicht zur
Ausbildung einer starken regulierenden Staatlichkeit geführt hat oder in den postsozialisti-
schen Staaten, wo durch den Zusammenbruch des Sozialismus ein nicht gefülltes Machtvaku-
um blieb.
1 Vgl. Kaldor 2000, S. 10.
2 Vgl. Elias 1997, S. 320.
3 Auf die Frage inwiefern die neuen Kriege nicht doch auf die Ausbildung von Staatlichkeit zielen und wie sich
das Konzept von Kaldor angemessen kritisieren läßt komme ich im dritten Teil.
3
Kaldor erklärt diese Prozesse durch drei wesentliche Veränderungen, an denen sie die Charak-
teristika der privatisierten Gewalt in den neuen Kriegen festmacht. Dies ist zum einen die so-
ziale Ausprägung und politische Formulierung einer konstruierten Legitimation, die Kaldor
Politik der Identität nennt. Des Weiteren führen die technischen und strategischen Verände-
rungen zu einer neuen Form der Kriegführung. Und abschließend sind es die Auswirkungen
der globalisierten Kriegswirtschaft, welche nach Mary Kaldor zu den neuen Kriegen führt.4
Diese drei Punkte möchte ich ausführen, ehe ich im anschließenden Kapitel die Kritik an Kal-
dor aufnehmen und besprechen werde.
2.1. Die Politik der Identität
Die wachsende Zunahme kultureller Diskrepanzen zwischen globalen und ortsgebundenen
Konflikten, die Entankerung sozialer Gruppen bietet den verschiedenen Akteuren eine Fläche
zum schüren von Konflikten. Ausgehend von der Basis scheinbar traditioneller Identitäten
(Ethnos, Stamm, Religion) werden politische Machtansprüche formuliert. In dieser Hinsicht
sieht Mary Kaldor in der ,,Politik der Identität" nicht mehr die Hauptursache der Akteure,
sondern nur die nachträgliche Legitimation des Handelns. Die Behauptung einander aus-
schließender Identitäten liefert dabei eine ausgezeichnete Begründung für den Selbstzweck
der Gewalt, wenn politische Identität als exkludierendes Etikett fungiert, welches die ethni-
schen, kulturellen oder religiösen Abgrenzungskriterien vorgibt.
Damit weist Kaldor eine kulturalistische Erklärung der neuen Kriege nicht zurück, sondern
führt sie vielmehr als instrumentalisiertes Kennzeichen der neuen Kriege an und macht sich
so für eine zweckrationale Erklärung der neuen Kriege stark. Sie verwendet die Begriffe ,,Po-
litik" und ,,Identität" nur in dem eingeschränkten Sinn, als ,,Politik" für den Anspruch auf
staatliche Macht steht und ,,Identität" als Basis zur Artikulation von politischen Ansprüchen
dient. Dieses Ausnutzen kultureller und ethnischer Differenzen ist insofern wirkungsvoll, als
die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe in der Regel askriptiv bestimmt wird. Um die
Besonderheit des Konstruktes der ,,Politik der Identität" aufzuweisen vergleicht Kaldor dieses
mit der Propagierung einer bestimmten Ideologie. Eine solche schafft Einheit und Identität
durch die angestrebte Idee, wobei nur die gemeinsame Überzeugung zählt. Eine solche Bewe-
gung tendiert zur Integration verschiedener Gruppen unter dem Banner der Ideologie, wohin-
gegen sich die ,,Politik der Identität" bereits im Vorfeld exkludierend gegen die Nichtmitglie-
der wendet und sich fragmentierend auf die Gesellschaft auswirkt.
4 Vgl. Kaldor 2000, S. 13-19.
4
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