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Das Zuschauermodell der psychoanalytischen Filmtheorie und des Neoformalismus – Eine Gegenüberstellung

Termpaper, 2007, 16 Pages
Author: Viktor Witte
Subject: Film Science

Details

Category: Termpaper
Year: 2007
Pages: 16
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 10  Entries
Language: German
Archive No.: V87836
ISBN (E-book): 978-3-638-03321-3
ISBN (Book): 978-3-638-93059-8
File size: 82 KB

Abstract

„Zwei Richtungen der Filmtheorie – die neoformalistische, kognitive Theorie einerseits und die poststrukturalistisch-psychoanalytische Theorie andererseits – bieten zwei stark divergierende Beschreibungen des Filmzuschauers.“ , schreibt Stephen Lowry in seinem Aufsatz „Film-Wahrnehmung-Subjekt“. Diese zwei unterschiedlichen Modelle der Interaktion von Film und Filmzuschauer sollen in der folgenden Arbeit aufgezeigt werden. Als Grundlage zum Verständnis der Rolle des Zuschauers in der psychoanalytischen Filmtheorie, die sich unter anderem auf die psychoanalytischen Schriften Freuds und Lacans beruft, soll hierbei Christian Metz´ Buch „Der imaginäre Signifikant. Psychoanalyse und Kino.“ von 1977 dienen. Für die Darstellung des Zuschauermodells in der neoformalistischen Filmtheorie, die theoriehistorisch gesehen auf die psychoanalytische Filmtheorie folgt und sich selbst als Reaktion auf diese versteht , orientiert sich diese Arbeit an David Bordwells Buch „Narration in the Fiction Film.“ aus dem Jahre 1988. Der wesentliche Unterschied beider Theorien in der Modellierung des Verhältnisses von Film und Zuschauer besteht darin, dass die psychoanalytische Theorie davon ausgeht, dass sich der Film den Zuschauer unterwirft. Sie beschreibt folglich einen passiven Zuschauer, der „durch unbewusste Faktoren determiniert“ ist. Nach neoformalistischer Definition hingegen konstruiert der Zuschauer durch seinen aktiven Kognitionsprozess den Film. Um diese Tatsache zu belegen, werden im Folgenden beide Modelle dargestellt, wobei darauf hingewiesen werden muss, dass es der Umfang dieser Arbeit nicht gestattet, auf alle Details der genannten Theorien einzugehen, sondern sie sich auf die wesentlichen Punkte beschränken muss. Während der Darstellung wird bewusst auf eine Kommentierung oder gar Wertung verzichtet.


Excerpt (computer-generated)

Freie Universität Berlin

FB Philosophie und Geisteswissenschaften

Institut für Theaterwissenschaft

Seminar für Filmwissenschaft

2. Semester Basismodul Theorie und Ästhetik des Films

Das Zuschauermodell der psychoanalytischen Filmtheorie und des Neoformalismus ­

Eine Gegenüberstellung

Viktor Witte

Abgabedatum: 31.08.2007


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 2

2. Das Zuschauermodell in der psychoanalytischen Filmtheorie 2

2.1 Die Identifikation des Zuschauers ­ Das all-wahrnehmende Subjekt 2

2.2 Der Zuschauer als Voyeur ­ keine Kinoaktivität ohne Sexualtriebe 5

2.3 Der Zuschauer als Fetischist 7

3. Das Zuschauermodell im Neoformalismus ­ bzw. der kognitiven Filmtheorie8

3.1 Der Kognitionsprozess ­ Der aktive Rezipient 8

3.2 Der filmische Wahrnehmungsprozess 10

4. Zusammenfassung 13

5. Literatur- und Quellenverzeichnis 14

1


1. Einleitung

,,Zwei Richtungen der Filmtheorie ­ die neoformalistische, kognitive Theorie einerseits und

die poststrukturalistisch-psychoanalytische Theorie andererseits ­ bieten zwei stark

divergierende Beschreibungen des Filmzuschauers."1, schreibt Stephen Lowry in seinem

Aufsatz ,,Film-Wahrnehmung-Subjekt". Diese zwei unterschiedlichen Modelle der Interaktion

von Film und Filmzuschauer sollen in der folgenden Arbeit aufgezeigt werden. Als Grundlage

zum Verständnis der Rolle des Zuschauers in der psychoanalytischen Filmtheorie, die sich

unter anderem auf die psychoanalytischen Schriften Freuds und Lacans beruft, soll hierbei

Christian Metz´ Buch ,,Der imaginäre Signifikant. Psychoanalyse und Kino." von 1977

dienen.

Für die Darstellung des Zuschauermodells in der neoformalistischen Filmtheorie, die

theoriehistorisch gesehen auf die psychoanalytische Filmtheorie folgt und sich selbst als

Reaktion auf diese versteht2, orientiert sich diese Arbeit an David Bordwells Buch ,,Narration

in the Fiction Film." aus dem Jahre 1988.

Der wesentliche Unterschied beider Theorien in der Modellierung des Verhältnisses von Film

und Zuschauer besteht darin, dass die psychoanalytische Theorie davon ausgeht, dass sich der

Film den Zuschauer unterwirft. Sie beschreibt folglich einen passiven Zuschauer, der ,,durch

unbewusste Faktoren determiniert"3 ist. Nach neoformalistischer Definition hingegen

konstruiert der Zuschauer durch seinen aktiven Kognitionsprozess den Film.

Um diese Tatsache zu belegen, werden im Folgenden beide Modelle dargestellt, wobei darauf

hingewiesen werden muss, dass es der Umfang dieser Arbeit nicht gestattet, auf alle Details

der genannten Theorien einzugehen, sondern sie sich auf die wesentlichen Punkte

beschränken muss. Während der Darstellung wird bewusst auf eine Kommentierung oder gar

Wertung verzichtet.

2. Das Zuschauermodell in der psychoanalytischen Filmtheorie

2.1 Die Identifikation des Zuschauers ­ Das all-wahrnehmende Subjekt

In seinem Aufsatz ,,Der imaginäre Signifikant", den Henrike Hölzer als das ,,Standardwerk

der psychoanalytisch-semiotischen Filmtheorie überhaupt"4 bezeichnet, bezieht sich Christian

Metz auf Lacans Schrift über das Spiegelstadium5, in dem sich das Kind zum ersten Mal im

Spiegel erblickt und sich mit seinem Spiegelbild und mit sich selbst als Objekt identifiziert.

1 Lowry (1992) S. 113

2 vgl. Hediger (2002)

3 Lowry (1992) S. 113

4 Hölzer (2005) S. 34

5 vgl. Lacan (1975)

2


Den Spiegel, den das Kind notwendigerweise zur Bildung des Ichs benötigt, setzt Metz mit

der Leinwand des Kinos gleich.6 Und doch benennt er einen entscheidenden Unterschied in

seinem Gleichnis, denn was der Zuschauer auf der Leinwand niemals erblicken wird, ist sein

eigenes Spiegelbild, oder anders formuliert: eine Identifikation mit sich selbst als Objekt

bleibt dem Kinozuschauer verwehrt. Das bedeutet jedoch nicht, dass dem Kino das Objekt

verloren ging, denn so schreibt Metz: ,,Fiktion oder nicht, es gibt immer etwas auf der

Leinwand zu sehen. Doch die Wiedergabe des eigenen Körpers ist verschwunden."7

Da der Zuschauer in seiner Kindheit bereits das Spiegelstadium durchlaufen hat, ist ihm

bewusst, dass er selbst als Subjekt existiert und von anderen als Objekt wahrgenommen wird.

Die Abwesenheit des Zuschauers auf der Leinwand wird also möglich ­ oder vielmehr der

intelligible Ablauf des Filmes trotz dieser Abwesenheit -, da der Zuschauer die

Spiegelerfahrung (im richtigen Spiegel) bereits gemacht hat und daher fähig ist, eine

Objektwelt zu konstituieren, ohne sich selbst darin erkennen zu müssen.8

Weil jedoch nach Metz ohne Identifizierung kein Sozialleben möglich wäre, das eine

,,gegenseitige und wechselseitige Identifizierung"9 der Menschen untereinander zur

Vorraussetzung hat, wirft er die Frage nach der Identifizierung des Zuschauers beim

Betrachten eines Filmes auf.

Aber womit identifiziert sich nun der Zuschauer während einer Filmvorführung? Denn er

muß sich ja identifizieren: zwar nicht mehr in der Weise wie beim ersten Mal, doch er ist

im Kino weiterhin ­ ansonsten besteht die Gefahr, daß der Film unverständlich wird [...] ­

von einem ständigen Identifizierungsspiel abhängig [...].10

Dem Zuschauer ist eine Identifizierung mit menschlichen Wesen auf der Leinwand möglich.

Er kann sich also bei fiktionalen Filmen mit den Figuren der Diegese und bei nicht-fiktionalen

Filmen - wie beispielsweise Dokumentarfilmen - mit den abgebildeten Personen

identifizieren. Doch für Metz ist diese Erklärung nicht ausreichend, denn auch bei Filmen ,, in

denen nur unbelebte Objekte, Landschaften usw. vorkommen und während derer keine

6 vgl. im Folgenden: Metz (2000)

7 ebd. S. 46

8 ebd. S. 47

9 ebd. S. 47

10 ebd. S. 47

3



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